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Star Trek Deep Space Nine Buch 1
Botschafter
STATIONSLOGBUCH, STERNZEIT 46452.2
Die Enterprise ist zum Lapolis-System beordert worden und bricht um 0500 auf,
nachdem sie drei Flitzer ausgeladen hat. Wir bekommen Besuch: Die Leiter der
Sektionen Wissenschaft und Medizin treffen bald ein, und ich freue mich auf
das Wiedersehen mit einem ziemlich alten Freund.
Ben Sisko stand neben Major Kira und hielt inmitten der vielen Zivilisten, die das Luftschleusentor passierten,
nachzwei blauen Uniformen Ausschau. Man hatte ihn auf die Ankunft des wissenschaftlichen Offiziers und Stationsarztes
hingewiesen.
Vom zukünftigen Sektionsleiter Medizin wußte Sisko praktisch nur, dass er Julian Bashir hieß und sehr jung
war - er hatte gerade sein Studium in der medizinischen Fakultät der Starfleet-Akademie hinter sich gebracht. Als
Spezialist für Multispezies-Medizin eignete er sich gut für dieses besondere Arbeitsambiente.
Was den wissenschaftlichen Offizier betraf ... Lieutenant Jadzia Dax und Ben Sisko kannten sich schon seit
langer Zeit, und eine tiefe Freundschaft verband sie. Dax war sein Mentor und väterlicher Berater gewesen. Woraus sich
nun ein gewisses Unbehagen für Sisko ergab. Er hatte Dax zum letztenmal gesehen, als er Utopia Planitia verließ, und
sein Gedächtnis zeigte ihm einen weißhaarigen Greis. Wie sah er jetzt aus?
Wie sah sie aus?
Sisko bemerkte etwas Blaues. Dax und Bashir hatten die beiden wartenden Starfleet-Offiziere bemerkt und
näherten sich ihnen. Dr. Bashir: breite Schultern, relativ dunkle Haut, braunes Haar und braune Augen. Er
wirkte so jung und unerfahren, wie es seine Personalakte vermuten ließ. Und Dax ...
Sisko musste sich sehr beherrschen, um nicht nach Luft zu schnappen. Trotzdem teilten sich seine Lippen.
Dax war eindeutig weiblichen Geschlechts, außerordentlich attraktiv und ebenso jung wie Bashir:
eine langgliedrige, große blasse und zarte Schönheit, die Sisko an Daguerreotypien von Frauen aus der
viktorianischen Epoche erinnerte. Ihr honigbraunes Haar bildete eine Art Pferdeschwanz, und darunter kam
ein langer weißer Hals zum Vorschein. Halbmondförmige Flecken gingen von den Schläfen aus und reichten am
Haaransatz entlang bis hin zum Nacken. Sie erkannte Sisko sofort und zeigte ein heiteres Lächeln, das auf
geradezu unheimliche Weise vertraut anmutete und in ein anderes Gesicht gehörte.
Geister, dachte Sisko, als er das Lächeln unsicher erwiderte. Tief in seinem Innern regte
sich sonderbarer Kummer; Jener andere Dax, der Greis, existierte nicht mehr, ein Teil seines Freundes war
gestorben und für immer fort. Wohin ich mich auch wende: Überall gibt es nur Geister und Erinnerungen...
Kira blieb an seiner Seite, als er den beiden Offizieren entgegenschritt, mit er Absicht, Dax'
ausgestreckte Hand zu ergreifen. Doch ihn erwartete eine Überraschung: Die junge Frau umarmte ihn und küßte
ihn auf die Wange. Der Commander wich verlegen zurück.
Kira beobachtete das Geschehen mit unverhohlener Erheiterung. In Bashirs Zügen hingegen zeichnete
sich ein Hauch Eifersucht ab.
Sisko spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß, und er war dankbar dafür, dass er aufgrund der
dunkel pigmentierten Haut nicht in dem Sinne erröten konnte. Es hatte keinen Sinn, Dax zu ermahnen. Nach einigen
hundert Lebensjahren verhielt er - beziehungsweise sie - sich so, wie es ihm/ihr gefiel. Nie verstieß sie
absichtlich gegen Vorschriften, aber sie vertrat den Standpunkt, die innere Essenz des Gesetzes zu verstehen und
daher nicht an etwas so Banales wie Regeln gebunden zu sein.
Dax hielt Siskos Hand fest, trat jedoch einen halben Schritt von ihm fort und musterte ihn mit den
Augen einer jungen Frau - mit Augen, in denen die Weisheit von Jahrhunderten glänzte. "Hallo, Benjamin."
Sisko schmunzelte. Wie seltsam, Dax im Körper einer Frau zu wissen und auf ihn/sie hinabzusehen
- der Greis war ebenso groß gewesen wie er selbst. "Ich, äh ... brauche sicher eine Weile, um mich daran zu gewöhnen."
"So ein Unsinn - ich bin noch immer Dax", antwortete sie mit einer unverblümten Offenheit, die sich
nur das hohe Alter erlauben durfte. Doch in der Stimme vibrierte auch eine jugendliche Vitalität, an der es dem
Greis gefehlt hatte. Sie richtete einen fragenden Blick auf Kira.
"Major Kira Nerys." Die Bajoranerin streckte förmlich die Hand aus.
"Jadzia Dax. Und dies ist Dr. Julian Bashir." Mit einer herzlichen Geste deutete sie auf den jungen
Mann, so als seien sie bereits gute Freunde.
Bashir griff ein wenig zu schnell nach Siskos Hand, drückte ein wenig zu fest zu. Er ist nervös,
dachte der Commander. Seine erste Mission. Und ich bin sein erster befehlshabender Offizier.
Dax bemerkte die Anspannung des jungen Mannes und hakte sich bei ihm ein, um ihn zu beruhigen.
Sisko unterdrückte ein Lachen. Dax' Gebaren basierte auf väterlichem - besser gesagt: mütterlichem
- Wohlwollen, doch Bashir interpretierte es ganz anders. Sisko beschloss, seinen alten Freund so bald wie
möglich darauf hinzuweisen, dass er nicht mehr im Körper eines alten Mannes steckte. Er war jetzt eine Sie,
und direkte körperliche Kontakte mochten bei männlichen Individuen unbeabsichtigte Wirkungen erzielen.
"Julian ist ein wundervoller Reisebegleiter gewesen," sagte Dax voller Enthusiasmus. "Er hat das
Medo-Studium als Zweitbester seines Jahrgangs abgeschlossen."
Bashir zuckte mit den Schultern. Offenbar hielt er Bescheidenheit nicht für eine Tugend. "Bei der
mündlichen Prüfung habe ich eine Präganglien-Faser mit einem Postganglien-Nerv verwechselt. Andernfalls hätte
ich das Studium als Jahrgangsbester beendet"
Kira kniff mißbilligend die Augen zusammen. Sisko rechnete damit, dass sie den Arzt verspottete oder mit
einer scharfen Bemerkung zurechtwies, aber statt dessen sagte sie erstaunlich höflich: "Commander, wenn Sie möchten,
dass ich eine Besichtigungstour veranstalte ..."
"Gehen Sie mit Dr. bashir voraus", erwiderte Sisko. Gott stehe Bashir bei, wenn Kira mit ihm allein
ist. "ich habe bereits Arbeit für Lieutenant Dax."
Die Bajoranerin nickte, sah Bashir an und deutete in Richtung Promenade.
Der junge Arzt zögerte unbeholfen und fragte Dax in einem gezwungen beiläufigen Tonfall: "Was halten
Sie davon, wenn wir mal zusammen essen oder uns bei einem Drink treffen, Jadzia?"
Dax lächelte. "Es wäre mir ein Vergnügen."
Kira preßte die Lippen zusammen.
Sisko wölbte amüsiert eine Braue, als er Dax’ Antwort hörte. Wußte sie wirklich, um welche Art
von Freundschaft es dem Doktor ging?
Er wartete, bis Dax und er einen Innenkorridor erreichten, der gewährleistete, dass Kira und Bashir außer
Hörweite waren.
"Ist er nicht zu jung für dich?" fragte er halb im Scherz.
Dax schmunzelte nicht, aber die Situation schien sie dennoch zu erheitern. Vielleicht wußte sie ganz genau,
wie dieser Körper auf andere Personen wirkte. "Er ist siebenundzwanzig. Ich bin achtundzwanzig."
"Wohl eher dreihundertachtundzwanzig", entgegnete Sisko. "Hast du ihm von dem Wurm in dir erzählt?"
Aus irgendeinem Grund brachte er es nicht fertig, die richtige Bezeichnung des Symbionten zu nennen.
Dax musterte ihn sanft und nahm die nicht böse gemeinte Beleidigung wohlwollend hin. "Ja, Benjamin, er weiß,
dass ich ein Trill bin. Es fasziniert ihn. es ist seine erste Begegnung mit einer vereinten Spezies." Etwas ernstes fuhr
sie fort: "Außerdem bin ich nicht ich, sondern wir. Das weißt du doch. Du sprichst immer mit uns beiden,
nicht nur mit dem Wirt. Auch Symbionten haben Gefühle." Sie gab vor zu schmollen.
"Ich frage mich, ob Bashir ebenso von dir fasziniert wäre, wenn er dich in deiner vorherigen Gestalt gesehen
hätte."
Dax lachte. "Wahrscheinlich nicht."
"Dein neuer Wirtskörper verwirrt mich", sagte Sisko plötzlich. "Ich vermisse Curzon." Diesen Gedanken hatte
er eigentlich nicht laut aussprechen wollen, und nun schwieg er beschämt.
"Ich weiß", entgegnete Dax sanft und legte Sisko die Hand auf den Arm. "Ich vermisse ihn ebenfalls, Benjamin.
Wenn es dich tröstet: Ein Teil von ihm - seine Erinnerungen - bleiben für immer in mir."
Sie betraten den Lift und schwiegen, während die Transportkapsel sie nach oben trug.
Quelle: Deep Space Nine; Botschafter Seite 102 - 106
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