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Quellentest

Pisas
Kuppeln und Mauern


 
 
"Es gibt zwei Pisa: das eine, in welchem man sich seit dem Verfall gelangweilt
und wie in der Provinz stumpf dahingelebt hat, umfaßt die ganze Stadt, mit Ausnahme eines abgelegenen Winkels;
dieser Winkel ist das andere, ein Grab aus Marmor, in welchem der Dom, das Baptisterium,
der schiefe Turm und der Campo Santo schweigend ruhen wie schöne, tote Wesen.
Hier ist das wahre Pisa, und in diesen Reliquien eines verloschenen Lebens wird man eine ganze Welt gewahr.

Eine Wiedergeburt vor der Wiedergeburt,
ein zweiter fast antiker Trieb der antiken Zivilisation,
ein frühreifes, vollkommenes Gefühl für die gesunde und glückliche Schönheit,
ein Frühling nach einem ewigen Schnee von sechs Jahrhunderten,
das sind die Gedanken und die Worte, welche sich dem Geiste aufdrängen.
Alles ist aus Marmor und aus einem weißen Marmor, dessen unbefleckter Strahl in das Blau hinaufleuchtet.

Überall große feste Formen, Kuppeln, volle Mauern, ausgeglichene Stockwerke und feste,
runde oder viereckige Fundamente;
aber über diese erneuerten Formen der Antike haben sie,
wie zartes Laub auf einem alten wieder grünenden Baumstamm,
ihre eigene Erfindung gebreitet: eine Bekleidung aus zierlichen,
von Bogen überragten Säulen, und die Eigenart und Anmut
dieses auf solche Weise erneuerten Baustiles läßt sich nicht ausdrücken."

Hyppolite Taine: Reisen in Italien (1866). Jena 1910.


 
 
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