Silvester (Le Snooc In Search Of Sunrise Mix 2002)


Es ist doch etwas schönes, wenn Jahre enden. Nie enden wollende Parties, gute Laune, längst vergessene Freundschaften erstrahlen in neuem, nie dagewesem Glanze. Eltern rufen ihre Kinder pünktlich um 00:01 Uhr auf dem MMS-tauglichen Mobiltelefon an und wünschen überschwenglich ein "Frohes Neues". Die Zeitung am 30.12. kauft man mit einem verschmitzten Lächeln, wohlwissend, dass der vom Verkäufer gewünschte Neujahrsgruß zwar Routine, aber eben doch ganz nett ist. Hach, ein bisschen amerikanisch ist dann alles, wenn "zwischen den Jahren" jeder freundlich zu seinen Mitmenschen ist. Gar nichts mehr so mit der vielgeschmähten Kälte der Deutschen, auf einmal wohnt die Wärme in jedem Herzen. Das Ganze Ringelpiez-mit-Anfassen-Spiel findet seinen so sehnlich erwarteten Höhepunkt am 31. Dezember eines jeden Jahres in einem kollektiven Massenbesäufnis. All diejenigen, die super mit ihrem Leben zurechtkommen, immer schon zwei Wochen vor Abgabetermin die Steuererklärung fertig haben und sowieso alles ein klein wenig besser hinkriegen als der leicht chaotische Neurotiker, wissen bereits Ende des Sommers was sie machen. "Wir fahren in die Karibik, klar, alles gebucht, Flug, Hotel, alles natürlich First-Class, einmal im Jahr was gönnen, haha." Der deutsche Jugendliche fängt etwa einen Monat vorher an das weitläufige Partyangebot zu sichten, beurteilt kritisch den jeweiligen Alkoholgehalt und den Sex-Faktor, bis er sich schließlich im Einvernehmen mit seinen sogenannten Freunden circa drei Tage vor dem großen Abend endgültig entscheidet. Alle anderen, und das dürfte eine beachtliche Menge sein, sind, je näher der große Knall rückt, aufgeregt wie ein Kleinkind vor Weihnachten. Die kommunikative Fähigkeit erfährt in diesen Tagen eine geradezu wunderbar anmutende Steigerung, obgleich jedes Gespräch vorhersehbar ist und auf denselben Punkt abzielt. Smalltalk in Perfektion mag man das nennen, im Grunde ist es aber nichts anderes als das Hinterlassen einer widerlich triefenden Schleimspur wo immer man sich bewegt. Ausrutschen unerwünscht, aber möglich. Kleinstadt-Friseusen laufen zu Hochform auf. Wenn man nicht aufpasst, säumen bald gebrochene Kiefer und diverse Anzeigen wegen gefährlicher Körperlverletzung den Weg des notorisch vom Leben Genervten. Dann irgendwann kann man sich selbst dem großen Spiel nicht mehr entziehen, Hannawald gewinnt sowieso, also doch ein anderes Thema. Silvester. Ah. Ja, nix mache ich. Nö, macht mir nichts aus. Ist ja nur ein Tag wie jeder andere auch. Na gut, ein bisschen anders vielleicht. aber dafür ist auch das Fernsehprogramm besser. Scheinbares Desinteresse. Typische alles-egal Einstellung. Noch zwei Tage. das Telefon scheint in diesen Tagen nie stillzustehen, weder auf der Arbeit noch zu Hause, ständig ruft ein natürlich vollkommen gestresster Mensch an, der unbedingt dieses und jenes noch klären möchte vor dem neuen Jahr. Übergabe, Abgabe, Vergabe, was weiß ich. Ich ergebe mich. Resignation. Noch ein Tag. In Anbetracht der Tatsache, dass man es wie erwartet auch dieses Jahr nicht geschafft hat, die Frau seines Lebens zu finden und irgendwie immer noch ziemlich allein ist, erscheint es kaum verwunderlich, dass die Torschlusspanik vehement an die Tür klopft. Naja, Silvester, nur ich und der Fernseher, schon etwas trostlos. Vielleicht doch mal das Telefon...Gewissheit einholen, dass es den Freunden ähnlich geht. Klar, wusste ich doch. Ja, morgen schon, macht aber nichts, Parties sind ja eh nicht der Renner, so weit weg, keiner will fahren, ist doch Silvester. Wohin wird zur Frage der Endlösung. Keine Panik, war gar kein Hitler-Vergleich. Sinnloser Aktionismus. Doch zuvor noch einmal so richtig sarkastisch werden. Bloß nicht so wie letztes Jahr, alles auf den letzten Drücker, am 31. um viertel vor sieben erst endgültig einen Beschluss gefasst. Spontanparty mit acht Leuten, zuwenig Sekt, keine Knaller. Einer ist auf dem Eis ausgerutscht, mit dem Kopf natürlich zuerst aufgeschlagen. Damals schlimm, heute lustig. Und der Krankenwagen musste auch noch kommen. Haha. Klar auch, dass der dieses Jahr bestimmt nicht mit uns feiern will. Wollen wir aber auch nicht, oder? Ne, haha. Nicht wieder so einen Reinfall. Umfall. Noch mehr haha. Wir laufen zu Höchstform auf. Jetzt aber endlich sinnloser Aktionismus. Einer ruft die Bekannten an, der andere schnell mal im Internet nachsehen, was so für öffentliche Parties laufen. Stadthalle ist ja klar, mit Girlanden und sonstiger hässlicher Dekoration, Klappstühle, Campingtische versteckt unter ekelhaft gelben Tischdecken, dazu ein bisschen Live-Musik, kurz vor dem finalen Schlag dann der Ansager, lichtes Haar und Seitenscheitel, Buchhalterbrille, bekloppter Anzug, zu Anfang Tonprobleme, "haha, Männer und Technik", aber schnell hat der Mann vom Ton alles geregelt, kein Pfeifen, die kurze Ansprache, der obligatorische Dank fürs Kommen, dann banges Warten und Zählen der Sekunden, ab 10 dann alle laut, kein Problem, da sowieso alle betrunken sind, pünktlich lässt ein angegrauter DJ eine seiner Meinung nach total zum Neuen Jahr passende Platte laufen, im schlimmsten Fall ist das Prince, alle sind glücklich und schreien ein bisschen. Stadthalle also. Vorhersehbar, aber wenigstens weiß man, was man hat. Horrende Eintrittspreise, dafür ist Büffet nebst Getränken umsonst. "Für leibliches Wohl ist gesorgt!" steht auf den Flyern. Das sonstige Wohl hat den Veranstalter ja auch nicht zu interessieren, stimmt schon. Natürlich fällt die Stadthalle durch. Einen Hauch von Exklusivität möchten selbst wir uns bewahren. Ansonsten ist draußen wieder viel los, große Plätze sind da immer beliebt. Erkältung inklusive. Schließlich ist es kalt, der Sekt nass und Spritzen muss schon sein. Kann man ja mal vorbeigehen, sollte aber nicht der Hauptinhalt sein. Dann Optimismus. Morgen weitersehen, wir haben ja uns, haha, und der Alkohol in Dosen ist dieses Jahr verflucht günstig, wegen dem Dosenpfand und so, Haarscharf an einer politischen Diskussion vorbeigeschrammt, ändern kann man das ja jetzt auch nicht mehr. Hat ja auch alles seine guten Seiten, klar. Noch 0 Tage. Bedeutet, Nikolaus ist da. Ist ja fast dasselbe, nur, dass die Kinder zu Nikolaus weit weniger exzessiv feiern. Der Magen rebelliert am nächsten Tag trotzdem, wegen zuviel Alkohol oder ungesundem Süsskram ist da ja fast egal. Wieder Telefon, alle anrufen, die man so kennt. Vielleicht sogar die, die sich selbst nie melden. Immer viel zu tun das Jahr über, schon verständlich, ist ja alles nicht so einfach. Keine neuen Erkenntnisse. Ja, Parties sind zwar viele, auch bei dem und dem zu Hause, aber das wäre nicht so gut, wenn man da noch jemand mitbringt, schließlich kennt man selbst den Gastgeber nicht so gut, nichts fr ungut. Gut. Für nächstes Jahr nimmt man sich vor, diese hedonistischen Arschlöcher endlich vollkommen zu ignorieren. Dem rennt man nicht mehr hinterher. Immer noch nichts also, aber wenigstens Mitstreiter haben sich gefunden, genau die, mit denen man Freitagsabends in einem dreckigen, dunklen, lochartigen Keller sitzt und überlegt, was man machen könnte, Immer, wirklich immer läuft es auf Biertrinken hinaus. Ohne sich zu bewegen. Ausbruch aus der Isolation ist bestimmt noch schwieriger, als einen 5. Klässler zu finden, der 20 Wörter ohne Fehler schreibt. Trotzdem hat man sich ja jetzt gefunden. Zweiergrüppchen gehen mittags zum Einkaufen, viel zu spät natürlich, das Beste, sprich die billigen Dosen, sind weg. Egal, ist ja Silvester. Ein bisschen was leisten kann man sich da ja mal. Andere fliegen in die Karibik, da können wir uns ja wenigstens Bacardi kaufen. Haha. Zwischen trockenem Rotwein und Red Bull-Dosen trifft man doch natürlich noch die, welche man nie anrufen wrde, die einen selbst auch nie anrufen würden, die aber die gleichen Probleme haben, wie man selbst: Ihr Leben und den heutigen Abend. Ersteres lässt sich ohne die Hilfe einer ominösen Ufo Sekte aus den USA wohl kaum ändern. Ansonsten ist ja - wie gesagt - Silvester und da darf man es mit der Sympathie halt nicht so eng sehen, man kann also getrost auch die ungeliebten, hässlichen Kinder unter seine wärmenden Fittiche nehmen. Hört sich an wie Weihnachten. Ist aber im Grunde viel geiler, weil selbst der letzte Heuler nach dem sechsten Bier recht lustig ist. Also noch mehr Gefährten. Aufbruch in Richtung der zwei Türme. Innenstadt. Das ist der Stein der Weisen. Haha. Zunächst aber noch einmal nach Hause, letzten Vorbereitungen treffen. Computer, genau. Schlechtes Gewissen abholen, in Form von e-mails. Segnung der Technik. Cathy, Dani, Vanessa, Jaqueline, alle haben sie wieder geschrieben. Wieso ich so schnell aus dem Chat verschwunden bin, schließlich wollten sie mir noch das Bild zeigen. Ja, äh, entschuldigung. Kein Problem, haben ja alle eine Homepage. Wo die Bilder zu finden sind. Ist sogar bei allen dieselbe Seite, schön. Einmal noch finanziell ruinieren im alten Jahr. Auch wenn sie irgendwie alle gleich aussehen, geil ist das schon. Irgendwie natürlich nur, Frau Berg. Haha. Oh, ja, jetzt noch die Nachrichten von den echten Freunden. Fwd steht da jeweils hinten dran. Für wichtige Dypen? Für weitere Durchsicht?

"Nur für dich! Jemand denkt an dich! Ein Jahr geht zu Ende und das sollte Grund genug sein, einen Moment innezuhalten und zu überlegen, wer die Menschen sind, die einen das ganze Jahr über begleitet haben. Die Kraft gegeben haben, immer da waren, wenn der Himmel verregnet und wolkenverhangen erschien. Die Hilfe geleistet haben. Die Dich geschützt haben. Die Dir Wärme und Geborgenheit gegeben haben, wenn niemand da war. Die vielleicht einfach nur zugehört haben. Die vielleicht einfach nur da waren, deinen Arm genommen haben. Und vielleicht ist es jetzt einmal an der Zeit, diesen Menschen "Danke" zu sagen. Danke für die Hilfe, den Beistand, die unendliche Liebe. Wenn Du dieses (!!!!! das Mail, natürlich !!!!!) erhälst, dann möchte Dir jemand "Danke" sagen. Danke dafür, dass es Dich gibt. Danke dafür, dass Du ein so guter Freund bist. Danke dafür, dass du immer da warst. Sag auch Du den Menschen "Danke" dir Dir wichtig sind! Verschicke dieses (!!!!!) Mail an 10 Leute und das neue Jahr wird für dich eine Überraschung bereithalten. Verschicke es (!!!!!) an 15 Leute und Du wirst ein tolles Jahr mit vielen Überraschungen und Gesundheit verleben. Verschicke es (!!!) an 20 Leute und das neue Jahr wird Dir dein Glück bescheren. Verschickst Du es nicht weiter, so wird Dir das neue Jahr Leid und Trauer bringen und Deine Freunde werden sich von Dir abwenden."

Jetzt ist es selbst für meinen unsensiblen Charakter zuviel. Die Tränen kullern mir die Wangen herab, ich fühle mich schäbig und gemein. Nie hatte ich den Leuten solche Dinge gesagt! Ein profanes "Dankeschön" hatte ich stets für ausreichend gehalten. Und dann so etwas. Außerdem ist eine e-mail wohl seit neuestem weder weiblich noch männlich, sondern ein Neutrum. Natürlich schicke ich die Mail (so ganz daran gewöhnen kann ich mich noch nicht) augenblicklich an alle 5 Leute in meinem Adressbuch, darunter auch an meinen Chef. Der wird sich freuen. Und weiter im Text, nochmal ans Telefon hängen, Treffpunkt ausmachen. Jede Uhrzeit die vorgeschlagen wird ist viel zu früh, schließlich wollen wir lange durchhalten, Nacht der Nächte flattert als geflügeltes Sprichwort durch den Raum, jeder ist fit, heiss und so weiter. Wie vor dem letzten großen Spiel der Saison. Klar, davor müssen die besten Wünsche verteilt werden. Sehr sinnige Aufgabe, gegen 18 Uhr ruft man im Rundumschlag alle Leute an, wünscht Ihnen einen "guten Rutsch, aber nicht ausrutschen, haha", und spätestens um 1 Uhr ist man so betrunken, dass man schon wieder das Bedürfnis verspürt, die Welt in die Arme zu nehmen und so die Telekom in die schwarzen Zahlen telefoniert. Irgendwann klingelt es dann, ein vertrautes Gesicht lächelt dich an, abholen und so, Treffpunkt in 10 Minuten. Draussen ist die Luft zur Abwechslung mal kalt und klar, weil das an Silvester so sein muss. Jeder ist irgendwie ein bisschen blöd-lustig, versucht total locker zu wirken, was, klar, überhaupt nicht klappt. Da steht also gegen 21 Uhr dieses Häuflein männlichen Elends in 14 Teilen zwischen Rathaus, Hochhäusern und Park, mit mächtig vielen Plastiktüten, jeder nippt schon ein bisschen an irgendwas. Währenddessen blödelt ein bekannter Komiker auf RTL, weil die da heute die große Silvestergala zeigen. Lauter Witze über den Kanzler und das vergangene Jahr, die mit Sicherheit saulustig sind. Ein tapsiger Butler tritt einen toten Tiger, Miss Sofie leidet noch immer an Demenz, dumme Kinder schießen schon jetzt die ersten Raketen in die Luft, weil ihre dummen Eltern ihnen die Dinger heute Mittag als Beschäftigung in die Hand gedrückt haben. Übermorgen bringt die Bild-Zeitung dann wieder als Aufmacher auf Seite eins die grausig entstellten Fratzen von Schlüsselkindern, denen angeblich siebzehn China-Böller im Gesicht explodiert sind wobei es drei Hoden mitzerfetzt hat. Klar hätte der Papa geholfen, der lag aber bedauerlicherweise auf der Nachbarin und hat aus ihrem Mund Sekt getrunken. Leider gibt es von dem Ganzen keine Vorher-Nachher Bilder, dann könnte man zwischen Pickeln und Verbrennungen auch einen Unterschied erkennen. Alle Jugendlichen, die den Abend soweit unbeschadet überstehen, haben hoffentlich zumindest in einer Nacht-und-Nebel Aktion zwischen Kotzflecken und Schlafsack die Jungfräulichkeit verloren. Sollte das nicht der Fall sein, so bleibt ja noch nächstes Jahr. Mit neuem Alkohol, neuen Krachern und neuem Sex- Faktor. Mit neuen Parties für die Jugend, einer dekorierten Stadthalle für die Adoleszenz und der Straße für die dazwischen. Und wieder wird jeder andächtig grinsend "zwischen den Jahren" durch die Straßen laufen. Am Ende der nie enden wollenden Party steht dann der Sonnenaufgang. Und nichts anderes habe ich ja gesucht. Haha.

(im Dezember 2002, Veröffentlichung Januar 2003)