Haiders neue Liebe
Haider ist kein Antisemit! Oder doch? Der heimliche Wunsch der FPÖ nach der "Endlösung" für die "Überfremdung" von...
von Doron Rabinovici
Erzählt mir einer, er habe nie etwas gegen Juden gehabt, bin ich aufs Schlimmste gefaßt. Mit solchen Erläuterungen beginnt zumeist die Verkündigung antisemitischer Leidenschaften und so endet nicht selten manch wunderbare Freundschaft. Viele Israelis kennen diese Verrenkungen, jene widerlichen Apologien, die sich zuweilen anhören müssen. In seiner zwanzigjährigen Laufbahn habe er keine einzige antisemitische Äußerung gemacht, erklärte uns Jörg Haider, als wäre es eine olympische Spitzenleistung, niemals etwas gegen Juden vorgebracht zu haben. Kaum hatte Haider jedoch das judeophobe Ressentiment von sich gewiesen, drohte er eben damit. Der israelische Außenminister David Levy schade mit seiner Haltung den Juden in ganz Europa, warnte der Kärntner Landeshauptmann. Wer wußte es noch nicht. Am Antisemitismus ist imer bloß der Jud schuld. In Hinblick auf Levys Worte meinte der Führer des österreichischen Rechtspopulismus: Es gibt genug Leute, die sagen: "Jetzt wissen wir, warum Antisemitismus entsteht." Spräche diesen Satz ein Minister der Volkspartei oder der Sozialdemokratie in einer internationalen Pressekonferenz, bräche ein Sturm der Entrüstung über Österreich nieder und der Regierungsvertreter müßte hoffentlich zurücktreten. Die Worte Haiders waren ein unverschämte Rechtfertigung jener Phobie, die zur Ermordung von sechs Millionen Menschen führte. In Israel wurde seine Aussage sehr wohl zitiert und zur Kenntnis genommen. Auch in Wien war Haiders Apologie des Antisemitismus zu lesen. Doch hier führt ein solcher Sager zum bloßen Achselzucken und zur resignativen Bestätigung, daß von diesem Recken des Populismus nichts anderes zu erwarten war. Die Mindeststandards humanistischen Umgangs gelten für ihn ohnehin nicht mehr. 1991 etwa sprach Jörg Haider laut ÖVP-Mann Wurmitzer von "roten und schwarzen Filzläusen, die mit Blausäure bekämpft werden sollten."
Übrigens, der Handelsname von Blausäure oder Cyanwasserstoff lautet Zyklon B und bezeichnet jendes Gift, das vor allem in Auschwitz zur Ermordung der Menschen verwendet wurde. Zuweilen riecht es aus dem Mund des Bärenthaler Politikers nach Gaskammer. Das Großmaul ist ein ideologischer Muru, ein verbaler Stinkepeter, und aus diesem Grunde kann Jörg Haider niemanden mehr mit etwaigen judeophoben Sprüchen überraschen, solange er nicht vor der "Überjudung" Österreichs warnt und "keine Gnade" für Juden fordert.
Er lebt recht ungeniert, denn sein Ruf ist schon ruiniert. Keiner in Östereich glaube deshalb, der Kärntner Medienstar habe die israelischen Zuschauer von seiner Harmlosigkeit zu überzeugen vermocht. Auch in Tel Aviv oder Jerusalem; jeder weiß, daß die xenophoben Kampagnen der Freiheitlichen sich in der Tat nicht primär gegen Juden richten. Die "Lösung der europäischen Judenfrage" wurde bereits von anderen Österreichern erzielt; solchen etwa, denen Jörg Haider in Krumpendorf dazu gratulierte, über all die Jahre anständig und ihre Gesinnung treu geblieben zu sein. Im Gegenteil, bei Juden weiß der Freiheitliche auch ein Auge zuzudrücken und so vergißt er alle Warnungen vor "Überfremdung" und "Umvolkung". "Ich habe", erklärte er in einer Pressekonferenz: "als Landeshauptmann sogar den Sohn eines Rabbiners zum Staatsbürger gemacht." Sogar! Den Sohn eines Rabbiners! Wer hätte das gedacht? Dieses besondere Augenmerk für Abstammung und Sippenhaftung ist wohl kaum ein Zeichen von Unvoreingenommenheit gegenüber Juden. Gelten für Jörg Haider andere Maßstäbe? Nicht auszudenken, was geschähe, verkündete Viktor Klima:"Ich habe als Kanzler sogar den Sohn eines Rabbiners zum Staatsbürger gemacht." Viele, die bei haider über diese Äußerung hinweghören, würden solch eine Aussage, vom sozialdemokratischen Regierungschef gesprochen, als eine Juden diskriminierende Frechheit empfinden. Wen wundert`s? Im Unterschied zu Viktor Klima, lernte der Jugendliche Haider in seiner Burschenschaft das Fechten an einer Strohpuppe, die mit der Aufschrift "Wiesenthal" gekennzeichnet war. Im neusesten Buch von Christa Zöchling "Haider. Licht und Schatten einer Karriere" kann jeder nachlesen, in welchem Umfeld der FPÖ-Führer aufwuchs und wo er seine wahre Heimat sieht. Mehr noch, als 1985 Norbert Stegers Familiengeschichte, in der ein Jude vorkam, ruchbar wurde, plauschte Haider von der "persönlichen Ehre" eines freiheitlichen Politikers, die in gefahr sei, wenn "man ihn unter vorgehaltener Hand als Freimaurer oder Halbjuden ins Gerede bringt". Ging es der FPÖ in den letzten Jahren um jüdische Angelegenheiten, dann hatte sich Peter Sichrovsky zu Worte zu melden. Er macht den Alibizeugen gegen die Israelitische Kultusgemeinde und auf gewisse Weise ist er nun der Judenreferent der Freiheitlichen. Haiders Hausjude scheute sich etwa nicht, den jüdischen Überlebenden in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs, "der Generation der Búbis und Zellmanns", pauschal vorzuwerfen, sie wären durch "Suppositorium-Karrieren zu Ruhm und Ansehen" gelangt oder hätten sich gemeinsam mit den ehemaligen Tätern bereichert. Für medizinisch ungebildete; ein Suppositorium ist ein Afterzäpfchen. Haider selbst spricht in der Tat kaum über Juden. Auch jetzt überläßt er, siehe das Interview im letztwöchigen Format, seinem Wiener Scharfmacher Hilmar Kabas die Stimmungsmache gegen David Levy und Israel. Wenn Haider sich nicht gerade über die B`nai Brith ereifert, wie etwa 1996, und phantasiert die "jüdische Freimaurerloge" hätte ein "Femegericht" über ihn abgehalten, wären seine Anschauungen über die Juden vollkommen uninteressant. Seit er uns aber beweisen will, daß er kein Antisemit ist, bemerken wir, daß seine einschlägigen Äußerungen kaum philosemitisch gemeint sein können.