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Willst du die Welt und Menschen recht verstehn



Friedrich von Bodenstedt



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Willst Welt und Menschen recht verstehn,
Mußt du ins eigne Herz dir sehn.
Willst du dich selbst recht kennenlernen,
Mußt du dich aus dir selbst entfernen.

Wer sich beurteilt nur nach sich,
Gelangt zu falschen Schlüssen -
Du selbst erkennst so wenig dich,
Als du dich selbst kannst küssen.




Hoffnung



Emmanuel Geibel



Und dräut der Winter noch so sehr
Mit trotzigen Gebärden,
Und streut er Eis und Schnee umher,
Es muß doch Frühling werden.
Und drängen die Nebel noch so dicht
Sich vor den Blick der Sonne,
Sie wecket doch mit ihrem Licht
Einmal die Welt zur Wonne.
Blast nur, ihr Stürme, blast mit Macht,
Mir soll darob nicht bangen,
Auf leisen Sohlen über Nacht
Kommt doch der Lenz gegangen.
Da wacht die Erde grünend auf,
Weiß nicht, wie ihr geschehen,
Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf

Und möchte vor Lust vergehen.
Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
Und schmückt sich mit Rosen und Ähren
Und läßt die Brünnlein rieseln klar,
Als wären es Freudenzähren.
Drum still! Und wie es frieren mag,
O Herz, gib dich zufrieden;
Es ist ein großer Maientag
Der ganzen Welt beschieden.
Und wenn dir oft auch bangt und graut,
Als sei die Höll' auf Erden,
Nur unverzagt auf Gott vertraut
! Es muß doch Frühling werden.




In jedes Menschen Gesichte

Friedrich von Bodenstedt



In jedes Menschen Gesichte
Steht seine Geschichte,
Sein Hassen und Lieben
Deutlich geschrieben;

Sein innerstes Wesen,
Es tritt hier ans Licht -
Doch nicht jeder kann's lesen,
Verstehn jeder nicht.



Abschied

Sie war unser Stern, so strahlend und hell.
Doch sie sah es eher als dunkel oder zu grell.
In den Selbstmord getrieben durch die eigene Hand,
Depressionen und Angst haben sie gebannt.
Wir sahen sie, als hätte sie viel Lebenslust,
doch in ihrem Inneren war es Frust;
der nicht nach außen zu erkennen war.
Ihr Lächeln war so wunderbar.
Werden wir es jemals wieder sehen?
Warum war es ihr Wunsch zu gehen?
Ihre Schwester nur hinterlassen,
sie kann es immer noch nicht fassen.
Doch wir stehen ihr bei in allen Dingen
und versuchen sie von deinem Tode abzubringen...




Auschwitz



Emmanuel Geibel



In der Nacht war ich gekommen Stacheldraht, Laternenlicht
Erinnerung ist leicht verschwommen
Doch vergessen kann ich nicht

In der Ferne sah ich Feuer
Rauch und Qualm lag in de Luft
Kahle Häuser aus Gemäuer
Neuartiger Fleischesduft

„Arbeit macht frei“ stand geschrieben
Passte nicht zu jenem Ort
Zur Arbeit wurde man getrieben
Doch die Freiheit, die blieb fort

Unsre Kinder gingen spielen
Kehrten davon nie zurück
Alle wir, mit unsren Zielen
Starben langsam Stück für Stück

Sehnsucht nach der großen Wende
Freiheit von Zerstörungswahn
Alle fanden sie ihr Ende
Nimmer bin ich Untertan
.




 

 


 

 

Sofiedie1@aol.com*

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