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LIEGEN LERNEN Ich möchte wirklich mal wissen, wie du so ein gefühlsgehemmter,
bindungsunfähiger und feiger Penner geworden bist." Helmut ist
geschockt: Die Worte seiner Freundin Tina sitzen mit der Wucht eines
Fausthiebs. Helmut weiß: Tina hat recht. Obwohl mittlerweile 32 Jahre alt,
hat Helmut immer noch nicht viel in seinem Leben bewegt, was er sich mit den
verpassten Chancen der Vergangenheit erklärt - insbesondere der einen großen
Liebe, die sich niemals erfüllt hat: Britta (Susanne Bormann). Dabei sah das
doch so gut aus damals. Mit der Entscheidung konfrontiert, ob es endlich
weitergehen soll in seinem Leben oder er für immer unfähig bleiben will, sich
für die 'eine' wirklich zu entscheiden, tritt Helmut den Weg zurück in die
80er Jahre an: Zurück nach Westdeutschland, einem kleinbürgerlichen
Elternhaus, zurück zur Musik der Zeit, einer Klassenfahrt ins geteilte
Berlin, den Nicaragua-Arbeitsgruppen und der ersten Liebe: Britta ... und wie
es wirklich war. Die romantische Komödie "Liegen lernen" nach dem gleichnamigen
Bestseller von Frank Goosen ist eine
Liebeserklärung an die Unentschiedenheit der Jugend und erzählt mit viel Witz
und Ironie die Geschichte von Helmut und seinen verpassten Chancen im Leben
wie in der Liebe. Im Verleih von X Verleih AG, Regie & Drehbuch: Hendrik Handloegten, Produzent: Maria Köpf, Darsteller: Fabian Busch, Susanne Bormann, Fritzi Haberlandt, Sophie Rois, Anka Lea Sarstedt, Birgit Minichmayr, Florian Lukas. Kinostart war am 2. Juli 2003. DVD ist erschienen. Kritiken: Nach der Vorlage des Debütromans von Frank Goosens "Liegen lernen" entsteht eine
liebevolle Rekonstruktion eines keineswegs vergessenen Lebensgefühls. Goosners Buch ordnet sich in den literarischen Trend der
Werke von Nick Hornby ("High Fidelity",
"About a boy")
bis hin zu Benjamin von Stuckrad-Barres
"Soloalbum" ein. Zwischen jugendlicher Unentschiedenheit und der
Notwendigkeit des Erwachsen-Werdens zeichnet Regisseur Handloegten
in seinem Kinoerstling eine eindringliche "Coming-of-Age"-Geschichte.
Die Schauspieler Susanne Borrmann
("Nachtgestalten") und Fabian Busch ("23") leisten als
Leinwandpärchen einen erheblichen Beitrag zum Gelingen von "Liegen
lernen". Schon in Andreas Dresens Fernsehfilm "Raus aus der
Haut" (1997) knisterte es zwischen dem Schauspiel-Duo ob darstellerischer
Intensität. "Liegen lernen" lässt für 95 Minuten eine Zeit
wiederaufleben, die aus ganz persönlicher Sicht erzählt wird -
glücklicherweise stets, ohne die Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. (SPUTNIK) Teenager, die sich
in den 80er Jahren verlieben. Kein neues Thema, denkt man zu Beginn von
Hendrik Handloegtens neuem Film Liegen lernen,
wird man doch vor allem im deutschen Kino momentan mit mehr oder minder
nostalgischen Coming-of-age Geschichten
unterschiedlicher Qualität überhäuft, die vor allem die Sehnsucht nach der
jüngeren Vergangenheit verbindet. Dankenswerterweise begibt sich Handloegten in seiner Verfilmung des Romans von Frank Goosen nicht allzu tief in unnötige
Wiederbelebungsversuche einer Epoche, sondern nutzt jene - hier gleicht er
ein wenig Benjamin Quabeck und seinem zweitem
Spielfilm Verschwende Deine Jugend - eher als Matrix, auf der sich die
immer ähnliche Geschichte vom Erwachsenwerden und Verlieben erzählen lässt.
Helmut (Fabian Busch) steht kurz vor dem Abitur in einer mittelgroßen
westdeutschen Stadt, und die Abiturfahrt nach Berlin eröffnet ihm erstmals
einen Ausblick auf all das, was es außerhalb der Stadtmauern seiner Kindheit
noch geben könnte. Zeitgleich findet er - oder glaubt dies zumindest - seine
große Liebe Britta (Susanne Bormann), die allerdings direkt nach dem ersten
romantischen Beischlaf nach Amerika geht und von dort weder allzu bald
zurückkehrt, noch den enttäuschten Helmut auch nur eines Briefes würdigt. Liegen lernen erzählt von dem langsamen
Prozess, in dem Helmut sich löst von seiner mehr und mehr idealisierten
Jugendliebe, einem Prozess, in dem er lernt Verantwortung zu übernehmen und
auch zu missbrauchen und schließlich glücklich in einer Beziehung landet, die
kurz vor der Familiengründung steht. Es mag ein Verdienst des Films sein,
dass dieser Inhalt ein in der Tat relativ realistisches Bild eines
aufwachsenden jungen Mannes in seinen Zwanzigern zeichnet, aber dennoch wirkt
vor allem im Vergleich Liegen lernen etwas bieder und spannungsarm:
Während beispielsweise Daniel Brühl in Nichts bereuen einen Charakter
spielte, der es in seiner Kantigkeit und Unentschlossenheit dem Zuschauer
schwer machte, ihn nachzuvollziehen, bleibt Helmut in seinem Handeln stets
voraussehbar. Genau jene schwer nachvollziehbaren Entscheidungen Brühls aber,
die Entscheidungen, zu tun was man will und schließlich "nichts zu
bereuen" machten jenen Films zu einem so überzeugenden
Charakterporträt. Brühls Charakter besaß Tiefe und Dreidimensionalität, und
beide Eigenschaften gehen den Figuren in Liegen lernen zu sehr ab.
Helmut gleitet durch sein Leben und seine Beziehungen, ohne wirklich zu
lernen, weder das Liegen noch das Lieben noch den Umgang mit Menschen. Helmut sucht lange
nach seinem Glück: bei verschiedenen Frauen, in verschiedenen Städten. Immer
wieder in Berlin, wo all die Erinnerungen an seine Jugendliebe hängen. Und
wenn Helmut jene Britta, die ihn vor so langer Zeit verließ, schließlich im
Berlin der Wendezeit mehr oder weniger zufällig wieder trifft, stellt er
fest, dass all sein Sehnen doch nur das Herbeiwünschen einer so nie dagewesenen Vergangenheit war. Warum jedoch, so fragt man
sich unweigerlich, wenn der Protagonist sein Glück am Ende ausgerechnet bei
Frau und Kind in der kleinen Heimatstadt in der er schon sein Leben lang
wohnte findet, warum bedurfte es einer so ausführlichen Suche? Ist Liegen
lernen womöglich geprägt von der zutiefst konservativen Lebensauffassung,
die schon Dorothy im Zauberer von Oz vor 60 Jahren dazu brachte, zu
erkennen: "There's no place
like home"? Sind all
die Erfahrungen, die der Protagonist macht, wirklich nur dafür gut, am Ende
sublimiert zu werden in genau der bürgerlichen Existenz, der sich Brühl in Nichts
bereuen so vehement und beharrlich verweigert? Liegen lernen ist
zwar ein durchaus sympathischer Film, man verfolgt die Geschichten, die er
erzählt nicht ungern, aber dennoch bleibt er in einem Universum
bodenständiger Träume und Probleme gefangen. Helmut ahnt in Berlin, was das
Leben für ihn bereit halten könnte, er entscheidet
sich aber - und mit ihm der Film - für die sichere Variante spießbürgerlicher
Existenz. Es hilft, in den 80er Jahren
groß geworden zu sein, um Spaß an Liegen lernen zu haben. Ansonsten sind
einem die kleinen historischen Einsprengsel wie die Bemerkungen zur Pershing
II-Stationierung, die Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler und vor allem
natürlich die Tagesthemen am 9. November 1989 ziemlich egal. Wenn man aber
selber dabei war, kann man wenigstens kurz dieses sentimentale „Ach ja“-Gefühl genießen, bevor die ansonsten leider relativ
belanglose Handlung weiter an einem vorbeizieht. |