Hoffmann-La Roche vor dem Krieg

Die politische Lage in Europa spitzt sich in den dreissiger Jahren zu. Die Kriegsgefahr ist nicht gebannt. Welche Massnahmen ergreift der Konzern nun, um sich gegen den Krieg und seine Folgen zu sichern? Werden diese Neuerungen auch erfolgreich sein? Mit welchen Schwierigkeiten hat der Konzern im Vorkriegseuropa zu kämpfen?

 


 

   Gründung und Anfangszeit

 

 

Massnahmen:

 

   Strategische Neuausrichtung des Konzerns

 

   Verlegung des Hauptsitzes

 

   Folgen der Neuerungen

 

 

Probleme:

 

    der grosse Boykott

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gründung und Anfangszeit

 

1897 eröffnete die Hoffmann-La Roche & Co. in Grenzach auf der deutschen Seite des Rheines bei Basel eine Produktionsstätte, 1899 wurde der erste Vertreter in Berlin engagiert. Während des Ersten Weltkrieges geriet die Grenzacher Fabrik als ausländische Fabrik in Verdacht, mit dem feindlichen Frankreich zusammenzuarbeiten. Die Deutsche Polizei verhaftete 1915 den damaligen Leiter der Fabrik, den späteren Roche-Verwaltungspräsidenten Emil Barell, und verbrachte ihn nach Berlin. Roche Basel besetzte die Grenzacher Werkleitung neu und änderte 1916 den Namen der Produktionsstätte in Chemische Werke Grenzach (Cewega) . Damit sollte nach aussen jeglicher Hinweis auf Roche vermieden werden. 

Erst 13 Jahre später wurde die Grenzacher Fabrik wieder öffentlich sichtbar an den Namen Roche angebunden. 1929 reorganisierte Roche Basel ihr Deutschlandgeschäft; Die Cewega und die Verkaufsniederlassung in Berlin wurden unter dem Dach der neugegründeten Firma F. Hoffmann-La Roche & Co. AG, Berlin, zusammengelegt. Sitz des Unternehmens wurde Berlin, jetzt Hauptstadt der Weimarer Republik. Mit dieser Fusion wurde Grenzach nach aussen sichtbar wieder Teil des Roche-Konzerns. Mitte der dreissiger Jahre beschäftigte Roche in Deutschland rund 420 Arbeiter und Angestellte, wovon 300 in der Grenzacher Fabrik, die übrigen im Hauptsitz Berlin. Roche Berlin konnte somit zu den mittelgrossen Unternehmen der chemischen und pharmazeutischen Industrie Deutschlands gezählt werden.

Die deutsche Roche-Niederlassung belieferte vor allem den deutschen Markt, tätigte aber auch Exporte an Roche-Konzerngesellschaften in West- und Osteuropa, Südamerika sowie an das Stammhaus in Basel. 

Quelle: Veröffentlichungen der UEK; Bd. 7 "Schweizer Chemieunternehmen im Dritten Reich"; S.186 ff

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 Strategische Neuausrichtung des Konzerns

 

Am 13. Dezember 1938 tagte an der Plattenstrasse in Zürich der Verwaltungsratausschuss der F. Hoffmann-La Roche & Co. AG. Im Zentrum der Sitzung stand ein Referat von Roche-Generaldirektor Emil Barell. Der 64 jährige Barell war eben von einer Amerikareise zurückgekehrt. Die Eindrücke in den USA hatten bei ihm einen Entschluss heranreifen lassen, den er jetzt dem Verwaltungsrat unterbreitete.

Barell, der kurz nach der Firmengründung 1896 als junger Chemiker bei Hoffmann-La Roche eingetreten war, hatte den Aufstieg des damaligen Kleinunternehmens zum weltweit tätigen Konzern an vorderster Front miterlebt und mitgeprägt. Nun beantragte er eine grundsätzliche strategische Neuausrichtung der Firma. Für Barell schien eine systematisch und ohne Verzögerung durchgeführte Verlagerung der Roche Interessen nach Westen – England und insbesondere USA – nicht nur zweckmässig, sondern sogar nötig.

Anstelle eines konzentrierten Ausbaus der Forschungseinrichtungen am Basler Hauptsitz plädierte er dafür, dezentralisiert an den Roche-Standorten Basel, Welwyn (Grossbritannien) und Nutley (USA) zu investieren. Der Verwaltungsratausschuss stimmte nach längerer Diskussion dem geplanten chemischen und pharmakologischen Ausbau in Basel und in der Ausweitung der chemischen Forschung in beschränktem Masse in Welwyn, in starkem Masse in Nutley zu.

Ausschlaggebender Grund Barellls Antrag war die Bewertung der politischen Lage Europas. Drei Monate nach Beilegung der „Sudetenkrise“ durch Unterzeichnung des Münchner Abkommens vom 30. September 1938 zwischen Deutschland, Grossbritannien, Frankreich und Italien schien die Kriegsgefahr in Europa nicht gebannt. Die Zuspitzung der politischen Lage hatte naturgemäss auch Barell und seine Mitarbeiter veranlasst, der bestmöglichen Sicherung des Konzerns gegen die Folgen eines kriegerischen Konflikts in Europa oder der Welt vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken. Die wirkungsvollste Sicherung gegen Unbill der Zeitläufe lag für sie in der fabrikatorischen, propagandistischen und kommerziellen Dezentralisierung des Roche-Konzerns.

Eine ausschliessliche Investitionstätigkeit in Europa erschien als unternehmerisches Klumpenrisiko. Roche begegnete dieser Gefahr  mit einer Strategie der Dezentralisierung, firmenintern auch als „Dezentralisierungs-Politik“ bezeichnet.

Für die Investitionsentscheidung waren allerdings nicht einzig politische Überlegungen verantwortlich. Da der Entscheid unmittelbar nach der Rückkehr von Barell aus den USA erfolgte, lässt sich vermuten, dass Barell auch das Marktpotential von Roche für die USA neu veranschlagt hatte. Die Roche-Direktion ging davon aus, dass die USA immer mehr zum bestimmenden Faktor für die Weltwirtschaft würden. In diesem Sinne lässt sich die vermehrte Investition in den USA auch als Strategie der Neuausrichtung vom europäischen Markt auf den Weltmarkt interpretieren.

 

Quelle: Veröffentlichungen der UEK; Bd. 7 "Schweizer Chemieunternehmen im Dritten Reich"; S.177 ff

 

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Verlegung des Geschäftsitzes

Zwei Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen vom 1. September 1939, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs markierte, stellte Barell erneut einen Antrag vor dem Verwaltungsrat. Am 15. September 1939 beantragte er aus militärisch-strategischen Gründen eine Verlegung des Firmensitzes von Basel nach Lausanne und begründete die Notwendigkeit einer Sitzverlegung nach einem geschützten Ort in der Schweiz mit einer der exponierten Lage von Basel. Wenn Basel von einer feindlichen Macht besetzt werden sollte, sollte nach Möglichkeit vermieden werden, dass die Macht über den Konzern in die Hände des Besetzers fällt. Barells Vorschlag traf auf ungeteilte Zustimmung des Verwaltungsrates. In der Folge wurde der Firmensitz offiziell nach Lausanne verlegt.

 

Quelle: Veröffentlichungen der UEK; Bd. 7 "Schweizer Chemieunternehmen im Dritten Reich"; S.179 f

 

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Die Auswirkungen der Neuausrichtung auf die Konzernentwicklung

 

Die beschriebene Neuausrichtung des Roche-Konzerns könnte man als eine Strategie des dezentralen Wachstums bezeichnen, die es erlaubte, unter Minimierung politischer Risiken auf verschiedenen Märkten präsent zu sein. Bis zur Kriegswende von 1943 wuchsen sowohl das kontinentaleuropäische wie auch das britische und amerikanische Geschäft deutlich an. 1935 lagen die Verkaufsumsätze der Roche-Gesellschaften in der Schweiz (Basel), Deutschland (Berlin) und den USA (Nutley) alle umgerechnet 6 Mio. Franken. Bis ins Jahr 1943 stiegen die Umsätze der deutschen Niederlassung – nach Beurteilung der Finanzabteilung „ in ausserordentlichen Masse“ – auf etwas mehr als das Sechsfache (38,5 Mio. Franken), was 19% des Konzernumsatzes ausmachte. Die von Barell eingeleitete Dezentralisierung der Investitionen und Verlagerung der Konzerninteressen nach Westen war ökonomisch ein voller Erfolg.

 

Quelle: Veröffentlichungen der UEK; Bd. 7 "Schweizer Chemieunternehmen im Dritten Reich"; S.181 f

 

 

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Boykott

Im Sommer 1933 rief ein jüdisches „Komitee“ in Bukarest zu einem Boykott deutscher Produkte auf. Deutsche Pharmaunternehmen ermittelten die Umsatzveränderungen, die auf den Boykott zurückzuführen sind. Aus den Ergebnissen empfahl man auf Gegenaktionen zu verzichten.

Boykottbewegungen, die deutsche Pharmaprodukte betrafen, waren in den 1930er Jahren in verschiedenen Ländern gegenwärtig. Da die Gesundheit nicht aufs Spiel gesetzt werden sollte, empfahlen diese Boykottaufrufe, anstelle deutscher Medikamente andere Heilmittel zu benutzen; es wurden sogenannte „Synonym-Listen“, Listen mit gleichwertigen Ersatzpräparaten, erstellt. Auf diesen Listen fanden sich auch die Produkte der Schweizer Chemieunternehmen Roche und Ciba.

Im August 1933 forderte der Präsident der Reichsfachschaft der Pharmazeutischen Industrie (kurz: Reipha) die Schweizer Chemieunternehmen in Deutschland auf, sich vom rumänischen Boykott und insbesondere von der Aufnahme der Schweizer Produkte in die Synonym-Liste öffentlich zu distanzieren.

Roche, Ciba und Sandoz einigten sich darauf zum Boykott öffentlich nicht Stellung zu nehmen und die Vorwürfe der Reipha von sich zu weisen. Die Unternehmen formulierten inoffizielle und interne Stellungnahmen zuhanden der Reipha.

In Roches Stellungnahme heisst es zunächst man habe vom rumänischen Boykott profitiert und betonte, dass man Boykottmassnahmen aus grundsätzlichen Überlegungen ablehne. Weiter heisst es, dass die einzige Richtschnur die Wahrheit sei und für die Unternehmung die Heilung des Menschen der existentielle Sinn sei.

Der Zweck dieser Positionsbestimmung war ein politischer. Roche wollte vermeiden, öffentlich in die Nähe des NS-Regimes gerückt zu werden zu können, wenn es sich offiziell vom gegen Deutschland gerichteten politischen Aktivitäten distanzieren würde.

 Quelle: Veröffentlichungen der UEK; Bd. 7 "Schweizer Chemieunternehmen im Dritten Reich"; S. 204ff

 

 „Anti-Roche“

Zwischen 1933 und 1939 gibt es regelmässig Hinweise darauf, dass in Deutschland die Loyalität des Unternehmens Roche gegenüber dem NS-Staat heftig diskutiert wurde. Es gab sogar Versuche Roche selbst zu boykottieren. Veiel und Barell besprachen nun das weitere vorgehen. Dies zeigt wie wichtig (ernst) Roche diese Begebenheiten nahm. Man ernannte nun ein eigenes Schlagwort für solche Fälle: „ANTI-ROCHE“.

Somit stellte der Roche-Konzern klar, dass Roche Berlin eine deutsche Unternehmung sei.

 

Quelle: Veröffentlichungen der UEK; Bd. 7 "Schweizer Chemieunternehmen im Dritten Reich"; S. 207 f

 

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