Geschichte der Inseln Mauritius und La Réunion

Sandra Zukunft, Sandra Hiller, Sebastian Fuchs


Bertrand Francois Mahé de Labourdonnais

Entdeckungsgeschichte von Mauritius und La Réunion bis 1814

Die Entdecker
Die Inselgruppe der Maskarenen (Mauritius, La Réunion und Rodrigues) wurde nach dem portugiesischen Seefahrer im Range eines Admirals Don Pedro Mascarenhas benannt, doch hat er nach neuesten Forschungen die Insel gar nicht als Erster betreten. Fünf Jahre vor Mascarenhas Erscheinen im Indischen Ozean soll sein weniger berühmter Landsmann Domingo Fernandez Pereira mit dem Schiff „Cerne“ in einer Bucht des späteren Mauritius 1507 geankert und die Insel „Ilha do Cerne“ genannt haben (= Schwaneninsel - wahrscheinlich wegen des zu dieser Zeit noch existierenden Dodo, ein flugunfähiger Vogel, der heute ausgestorben ist, aber noch das Wappen von Mauritius ziert). Jedoch gelten die Portugiesen nicht als Erstentdecker - schon seit Jahrhunderten kreuzten arabische Seefahrer im Indischen Ozean. Auf einer Karte von 1502 waren die Maskarenen bereits eingetragen, Mauritius trug den arabischen Namen „Dinahrobi“. Offiziell entdeckt wurde das heutige La Réunion 1507 von Tristan da Cunha. Die Insel erscheint auf portugiesischen Seekarten von 1518 als „Diva Morgabiu“ oder „Santa Apolonia“ (da am St. Apolline´s day entdeckt). Zwei Jahre später werden „St. Apolonia“, „Rodrigues“ und „Ilha do Cerne“ zu Islas Mascarenhas. Die Portugiesen haben die Bedeutung des heutigen Mauritius als Stützpunkt mit natürlichem Hafen auf dem Seeweg nach Indien offenbar nicht erkannt. Sie hinterließen lediglich ausgesetzte Ziegen und Schweine auf der Insel, um sie bei der Rückfahrt einzufangen und zu schlachten. Diese Nutztiere störten die einheimische Flora und Fauna nachdrücklich.

Die Holländer (1598 - 1710)
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts begann im Indischen Ozean die große Zeit der holländischen Seefahrer. Im Jahre 1598 erreicht eine Expedition der Holländischen Ostindischen Handelskompanie unter Admiral Wybrand van Warwyck Mauritius. Die Insel wird für Holland in Besitz genommen, Moritz von Nassau wird Statthalter. Daher auch der Name Mauritius. Die Holländer erkannten den ungeheuren Reichtum der Insel (Edelholz). Sie errichteten Siedlungen und versuchten, auch die Nachbarinsel St. Apolonia (das heutige La Réunion) zu besiedeln. Seefahrer verschiedener Nationen begannen sich für Mauritius zu interessieren. Als idealer Stützpunkt auf dem Seeweg von Südafrika nach Indien gelegen, erscheint es auf allen Seekarten. Auch Franzosen und Engländer kamen, um Edelhölzer auf Mauritius zu schlagen. Um dies zu verhindern und um den Reichtum für sich zu behalten, entschlossen sich die Holländer für die offizielle Annexion der Insel. Es wird angenommen, dass um 1638 etwa 200 Holländer und 500 bis 1.000 Sklaven aus Madagaskar, Afrika und Java auf Mauritius siedelten. Im Jahre 1646 verbannte der Gouverneur von Fort Dauphin (an der Südspitze von Madagaskar gelegen) 12 Meuterer zur Nachbarinsel St. Apolonia (La Réunion), sie wird nun „Mascarin“ genannt. Als 1649 der Gouverneur von Madagaskar – Flacourt - die Insel im Namen des Königs von Frankreich in Besitz nimmt, erhält sie den Namen „Ile Bourbon“. Saint Paul wird die Hauptstadt. Bis 1710 bleibt Mauritius holländischer Besitz. Ein systematischer Raubbau hatte die Wälder und die einheimische Tierwelt zerstört. Die rasante Ausbreitung der durch Schiffe eingeschleppten Ratten und regelmäßige Zyklone, die die jungen Plantagen der Holländer zerstörten, trugen dazu bei, die Insel zu verlassen. Da inzwischen die neue Kolonie am Kap der Guten Hoffnung große Entwicklungschancen versprach, wurden alle Gebäude zerstört und die gesamte Bevölkerung von etwa 300 Personen (außer einiger Sklaven) nach Kapland gebracht. Um 1700 war im Indischen Ozean kein Handelsschiff mehr vor Piratenüberfällen sicher. Zeitweise gründeten die Piraten im Norden Madagaskars eine eigene Republik namens „Libertalia“. England und Frankreich sandten in jenes Seegebiet bewaffnete Fregatten zum Schutz ihrer Handelsschiffe.


Die Franzosen (1715 - 1810)
Das französische Schiff „Chasseur“ landete 1715 in der Bucht des späteren Port Louis. Im Namen von König Ludwig XIV. wurde das herrenlose Land in Besitz genommen und auf Befehl des französischen Marineministers „Ile de France“ genannt. In Frankreich wurde eifrig für die Kolonisierung der Inseln geworben, doch stieß dies auf wenig Interesse. Eine dauerhafte französische Besetzung erfolgte erst 1721, nachdem Ludwig XIV. die Insel der Französischen Ostindischen Handelskompanie übereignet hatte. Damit begann die Besiedlung der Insel. 1722 wurden gerade 6 Einwohner gezählt. Erst 1735 begann die Kolonisierung durch Bertrand Francois Mahé de Labourdonnais als Gouverneur von „Ile de France et Bourbon“. Beide Inseln erleben ihren ersten wirtschaftlichen Aufschwung. Port Louis wird als Hafen- und Handelsstützpunkt ausgebaut. Das heutige Bild der Stadt mit ihrem rechtwinkligen Straßennetz geht auf Labourdonnais zurück. Dies gilt auch für einige Gebäude, die heute noch vorhanden sind, z. B. ein Teil des Government House, das Château de Mon Plaisir in Pamplemousses, die Line Barracks in Port Louis. Mahé de Labourdonnais förderte den Erwerb von Sklaven und regte die Wiederaufnahme des Zuckerrohranbaus an. Solange beide Inseln unter französischer Verwaltung standen, blieb die landwirtschaftliche Produktion (Zuckerrohr, Kaffee, Baumwolle) jedoch zweitrangig und war eher auf Subsistenz als auf Export ausgerichtet. Ein erster Niedergang der Inseln folgt ab 1750, als der Kaffeeabsatz zurückgeht. Als Folge des Siebenjährigen Krieges brach die „Compagnie des Indes“ 1767 zusammen und die französische Krone übernahm ihre Besitzungen. Im Jahre 1787 hatte „Ile de France“ schon fast 40.000 Einwohner, davon rund 34.000 Sklaven, 4.000 Europäer und 2.300 Freigelassene. Anfangs begrüßten die Kolonisten die Französische Revolution mit Begeisterung und bildeten eine lokale Selbstverwaltung. Bourbon wird zu „Ile de la Réunion“. Dies fand keinen Zuspruch bei den Sklavenhaltern, sie versuchten die Insel in Il Bonaparte umzubenennen. Die Abschaffung der Sklaverei 1794 ließ die Kolonisten jedoch mit Paris brechen. Erst Napoleon konnte nach deren Wiedereinführung 1803 erneut die Kontrolle über die Insel übernehmen. 1810 kam es bei Grand Port zu einer großen Seeschlacht zwischen Briten und Franzosen. In deren Folge besetzte Großbritannien beide Inseln. Die Besitzstrukturen, die Privilegien der französischen Grundbesitzer und den Vorrang der französischen Kultur tasteten die Briten jedoch nicht an. Lediglich die Verwaltung wurde auf das englische System umgestellt. Port Louis, das inzwischen in Port Napoleon umbenannt worden war, erhielt seinen alten Namen zurück. Aus Ile de France wird 1814/15 wieder „Mauritius“. Im Jahre 1814 wird La Réunion im Abkommen von Paris an Frankreich zurückgegeben, während Mauritius samt seiner Außenbesitzungen englisches Herrschaftsgebiet bleibt.

Neuere Geschichte (ab 1814) und politisches System von Mauritius

Neuere Geschichte
Kolonialzeit der Engländer
Am 20. August 1810 können die Franzosen ihren letzten großen Seesieg über die Engländer in der Bucht von Grand Port - vor Mahébourg - erlangen. Aber schon am 29. November 1810 landet ein britisches Expeditionskommando mit 60 Schiffen und 10.000 Soldaten am Cap Malheureux unter General Abercrombie. Gegen eine derartige Übermacht hatten die rund 4.000 französischen Soldaten keine Chance und mussten daher am 2. Dezember 1810 in Port Napoleon (heute Port Louis) kapitulieren. In den Kapitulationsbedingungen war den französischen Siedlern eine von englischen Einflüssen weitgehend ungestörte Zukunft versprochen wurden: sie durften ihre Religion ausüben, ihre Sprache sprechen, nach ihren Gebräuchen leben und selbst ihre Gesetze behalten. Der Grund für diese zuvorkommende Behandlung lag darin, dass das kleine Mauritius für britische Kolonialisierungspläne zu unbedeutend war. Den Engländern genügte es, von der geostrategischen Lage, dem Hafen und den Steuern zu profitieren. Es gab lediglich einige Änderungen auf politischem, administrativem und kulturellem Gebiet - z. B. wurde die Hauptstadt von Port Napoleon wieder in Port Louis umbenannt und die Ile de France wurde wieder zu Mauritius. Diese große Toleranz hat ihre Folgen bis heute: die offizielle Landessprache Englisch wird längst nicht so beherrscht wie Französisch und Creole, und der Code Napoleon ist noch immer die gesetzliche Grundlage des Inselstaates. 1814 wird im Friedensvertrag von Paris dann Folgendes festgelegt: Réunion bleibt bei Frankreich; Mauritius, Rodrigues und Seychellen kommen an England. Mauritius hat zu dieser Zeit eine Bevölkerung von 78.000, wovon 63.000 Sklaven sind. Wirtschaftlich setzten die Briten auf den Zuckerrohranbau, der bereits von den Holländern und Franzosen intensiv betrieben wurde. Zuckerrohr wurde die alles beherrschende Monokultur mit Auswirkungen auf den Handel und das Sozialgefüge. Mauritius wurde damals zu Recht als Zuckerinsel bezeichnet. Die Großen Landeigentümer („Zuckerbarone“) gaben in Politik und Gesellschaft den Ton an und kämpften am heftigsten gegen die Sklavenbefreiung. Dennoch setzten die Engländer zwischen 1835 und 1838 die Sklavenbefreiung durch. Für jeden freigelassen Sklaven bekamen die ehemaligen Sklavenhalter eine großzügige Entschädigung. Innenpolitisch war die Sklavenbefreiung ein sehr bedeutendes Ereignis. Da die ehemaligen Sklaven für ihre Arbeit von den Zuckerbaronen nur eine geringe Bezahlung bekamen, zogen sie sich von den Plantagen zurück, erwarben und bebauten ein Stück eigenes Land. Die Folge war ein Arbeitskräftemangel. Deshalb wurden in der Folgezeit billige Arbeitskräfte, so genannte Kulis, aus China und Indien nach Mauritius geholt. Sie stellten bald die Bevölkerungsmehrheit dar. Ihr Los unterschied sich nur unwesentlich von dem der ehemaligen Sklaven: sie wurden aus den Elendsvierteln der indischen Städte gelockt, und oft wussten sie weder wohin die Reise ging, noch was sie am Ziel erwartete. Viele starben bereits auf der Überfahrt. Das Geld für den Kulihandel stammte noch immer aus den Entschädigungen der Sklavenbefreiung. Dank der Arbeitskraft der Kulis nahm die Anbaufläche von Zuckerrohr bis 1850 enorm zu. Vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis 1860 nahm die Zahl der Zuckerfabriken von drei auf 300 zu, und die Zuckerproduktion steigerte sich von 300 t auf 130.000 t.

Das Zuckerrohr bedeckte 71 schließlich mehr als 90 % der Fläche, deshalb mussten auch immer mehr Grundnahrungsmittel, v. a. Reis und Fleisch, eingeführt werden. 1847 kommt der Fehldruck eines Briefmarkensatzes in Umlauf – die „Blaue Mauritius“ wird später weltberühmt. 1860 zählt Mauritius bereits 200.000 Einwohner. 1864 wird die erste Eisenbahnlinie von Port Louis nach Flacq eröffnet. Kurz danach bereits die zweite von Port Louis nach Mahébourg. In der Zeit von 1866 bis 1868 fordert eine schlimme Malariaepidemie ca. 48.000 Todesopfer. In den Jahren 1891 bis 1899 folgen zahlreiche Epidemien und Umweltkatastrophen aufeinander. Es kommt zu Verwüstungen auf der Insel und v. a. in Port Louis durch einen Zyklon. Außerdem fordern Cholera- und Malariaepidemien zahlreiche Todesopfer. Zudem wird die Hauptstadt durch ein Großfeuer zerstört. So bot Mauritius in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Bild voller Licht- und Schattenseiten. Einerseits war Mauritius eine blühende Kolonie mit allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorteilen der europäischen Oberschicht: man wohnte in prächtigen Villen, vergnügte sich im Theater von Port Louis, konnte seit 1869 über ein unterseeisches Kabel mit Europa kommunizieren, hatte Eisenbahnverbindungen und profitierte von einer Wirtschaftslage, die Mauritius als Zuckerlieferant für Australien, Indien und Europa zu einer internationalen Drehscheibe des Exportes gemacht hatte. Andererseits lebte der Großteil der Bevölkerung unter ärmlichsten Verhältnissen, geprägt von einem zu starken Import neuer Arbeitskräfte, 500.000 allein aus Indien. Die Einwohnerzahl von Mauritius stieg innerhalb von 65 Jahren um das Vierfache. Hinzu kamen die dadurch verursachten Ernährungsprobleme. Durch eingeschleppte Krankheiten, wie Malaria oder Cholera, verschlimmerte sich die Situation zusätzlich. Es ist erstaunlich, wie lange sich die polarisierte Gesellschaft halten konnte. Es wurde zwar vereinzelt versucht, die Macht der Zuckerbarone zu brechen und die soziale Lage der Arbeiter zu verbessern, aber im Großen und Ganzen verharrte Mauritius bis nach dem 2. Weltkrieg auf dem Stand des 19. Jahrhunderts. Trotz der enormen Einkommensgegensätze zwischen Arbeitern/ Bauern und Landarbeitern bestimmten nicht die Klassengegensätze, sondern ethnische Gegensätze die Politik auf Mauritius. Die Einwohner des Landes fanden sich mit einer Identität als Angehöriger einer der vier ethnischen Hauptgruppen ab – Franko-Mauritianer, Schwarzafrikaner und Kreolen, Chinesen, Inder. Im Jahre 1901 besuchte Mahatma Gandhi für drei Wochen Mauritius. Er tat viel für das politische Selbstbewusstsein der indischen Bevölkerung, die mittlerweile 2/3 der gesamten Einwohner ausmachte. Der Weltmarkt für Zucker verlagerte sich immer mehr in die Karibik. Außerdem baute man jetzt verstärkt in Europa Zuckerrüben an. Auch die Handelsrouten gingen immer mehr an Mauritius vorbei. Vom internationalen Geschehen war Mauritius weitgehend ausgeschlossen und die Verkehrsverbindungen beispielsweise mit Afrika gab es nur noch sporadisch. Beim Ausbruch des 1. Weltkrieges (1914) hat sich die Bevölkerung durch Krankheiten und Auswanderung fast halbiert. Handel und Wirtschaft sind stark zurückgegangen und das Land ist fast verarmt.

Zwischen den beiden Weltkriegen erlebte Mauritius dann wieder einen kleinen Aufschwung, der auch von sozialen Fortschritten begleitet wurde. Vor allem die Inder erkämpften sich während der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren mehr und mehr Rechte, z. B. die Erweiterung des Wahlrechts auf alle Männer, die lesen und schreiben konnten, wodurch erstmals Indern politische Rechte zuerkannt wurden. Durch den 2. Weltkrieg wurde der kurze Aufschwung wieder unterbrochen. Im Jahre 1936 erfolgte dann die Gründung der ersten politischen Partei: Parti Travailliste (Arbeiterpartei), unter Führung von Maurice Cure. Es schlossen sich hier Angehörige verschiedener Gruppen zusammen, an deren Spitze Angehörige des Kleinbürgertums standen. Die Forderungen lauteten: allgemeine Wahlen, ein Recht auf Gründung von Gewerkschaften und Mindestlöhne für Docker und Zuckerarbeiter. Aufgrund von Streiks wurde 1938 den meisten Forderungen nachgegeben. Die Partei hatte Erfolg errungen und fand breite Unterstützung. Im Jahr 1942 eröffnet die britische Air Force für den 2. Weltkrieg im Indischen Ozean den Militärflughafen Plaisance, der ab 1946 zivil genutzt wurde, und hatte somit eine ausschlaggebende Bedeutung für die Entwicklung des Tourismus auf Mauritius. Der Zweite Weltkrieg machte sich bei der Bevölkerung v. a. durch Mangel bemerkbar. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam es endlich zur längst überfälligen Verbesserung der Infrastruktur und in der Politik. Es erfolgte beispielsweise 1948 die Einführung des erweiterten Wahlrechts für alle, die ihren Namen schreiben konnten und nicht mittellos waren. Die lange Vorherrschaft der Franko-Mauritianer war somit gebrochen und der Weg für den politischen Erfolg der indischen Bevölkerungsmehrheit frei. Durch großen finanziellen und technisch-chemischen Aufwand können 1952 Cholera und Malaria besiegt werden. Dadurch erfolgte ein neuer explosionsartiger Anstieg der Bevölkerung. Im Jahr 1958 wurde das uneingeschränkte allgemeine Wahlrecht eingeführt, das der Arbeiterpartei (Labour Party) unter dem Inder Sir Seewoosagur Ramgoolam zu großen Erfolgen verhalf. Zunehmend wurden eine Loslösung von Großbritannien und die Installierung eines unabhängigen Mauritius gefordert.

Die Unabhängigkeit
Im Jahr 1965 wird auf einer Verfassungskonferenz in London die Unabhängigkeit des Landes vorbereitet, die 1966 in die neue Verfassung mündet. Bei den Wahlen 1967 stimmen 58 % der Mauritianer für die Parteien, die die Unabhängigkeit wollen. Somit stand der Unabhängigkeit nichts mehr im Weg. Nach 150 Jahren englischer Herrschaft fand am 12. März 1968 die feierliche Proklamation der staatlichen Souveränität in Port Louis statt. Der 1. Premierminister wurde Seewoosagur Ramgoolam – er ist wohl die bedeutendste politische Gestalt und als „Vater der Unabhängigkeit“ wohl jedem Bürger des Landes bekannt. Er war bis 1982 Regierungschef und hatte großen Anteil an der erfolgreichen Entwicklung des Landes. Die Verfassung nach englischem Modell bestimmte die Königin zum Staatsoberhaupt, vertreten durch einen Generalgouverneur. Gleichzeitig wird der neue Staat als 73 Mitglied im Commenwealth of Nations aufgenommen. Anfang der 60er Jahre erreichte die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes einen weiteren kritischen Punkt. Missstände, wie Übervölkerung, Arbeitslosigkeit und eine Monokultur von der nur die Oberschicht profitiert, während ein immer größerer Bevölkerungsteil unter der Armutsgrenze lebt, führten 1965 zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Kreolen. Durch die Etablierung einer Freihandelszone kurbelt Mauritius 1971 die heimische Industrie, besonders die Textilwarenherstellung, an und animiert ausländische Investoren. Das bedeutet, die wesentlichen wirtschaftlichen und sozialen Änderungen gingen von der Industrieproduktion und vom wachsenden Tourismus aus. Im Jahr 1982 gewinnt die MMM (Mouvement Militant Mauricien), eine militante Bewegung, die Wahlen mit absoluter Mehrheit und alle Parlamentssitze. Neuer Premierminister wird ihr Parteivorsitzender, der Rechtsanwalt Anerood Jugnauth. Wegen der Spaltung der MMM kommt es 1983 bereits zu Neuwahlen. Jugnauth jedoch – nun Führer der neuen Partei Mouvemant Socialiste Militant (MSM) – konnte innerhalb einer Koalitionsregierung bis 1991 wichtigste politische Gestalt bleiben. Im Jahr 1987 bestätigen die Parlamentswahlen die Mehrheit der Koalition. Die Industrie und der Tourismus sind auch weiter auf dem Vormarsch. Im Jahr 1987 übersteigt der industrielle Exportanteil bereits den Erlös aus dem Zuckerexport, das spiegelt sich auch in der Verteilung der Arbeitsplätze wieder: 85.000 Beschäftigte in Industrie, das sind mehr als doppelt so viele wie in der Zuckererzeugung. Zwar kontrolliert die franko-mauritianische Oberschicht auch in den 90er Jahren noch die Zuckerproduktion, aber diese ist neben der Industrie und dem Tourismus zweitrangig geworden. Im Jahr 1989 kommen mehr als 270.000 Besucher, davon mehr als 100.000 aus Westeuropa, um ihren Urlaub auf Mauritius zu verbringen. Heute wird v. a. der Luxustourismus auf Mauritius gefördert, der aber national auch die Preise der Lebensmittel in die Höhe treibt. In dieser Zeit war die politische Szene von Skandalen geprägt: höchste Würdenträger waren in den internationalen Drogenhandel verstrickt, auch Korruptionsfälle kamen ans Tageslicht. Das Ergebnis der Wahlen von 1991 ist eine Koalitionsregierung zwischen dem MMM und Jugnauth.

Am 12. März 1992 wird Mauritius in eine unabhängige Republik umgewandelt. Damit ging auch die Rolle der Königin als Staatsoberhaupt - bislang Queen Elisabeth II.- verloren. Außenpolitisch verfolgt Mauritius den Kurs einer Anlehnung an die europäische Union bei guten Beziehungen zu afrikanischen und asiatischen Ländern und setzt sich für die Entmilitarisierung des Indischen Ozeans ein. In der Vergangenheit kam es dabei zu Auseinandersetzungen mit den USA, die von Großbritannien die eigentlich von Mauritius zu verwaltende Insel Diego Garcia übernommen und vielleicht zur größten atomar bestückten Militärbasis des gesamten Raumes gemacht haben. Die mehr als 1.000 Einwohner der Insel wurden in den 1960er Jahren einfach nach Mauritius zwangsevakuiert und drängen auf Rückkehr. 1992 erklärte die Regierung nochmals den Anspruch auf die Insel – ohne Lösung. Somit wird auch in Zukunft die Beziehung zu den USA belastet sein. Wirtschaftlich steht Mauritius mit einem Wirtschaftswachstum von 5 - 6 %, einer Inflation knapp über 7 % und einer Arbeitslosenquote von 1,6 % Mitte der 90er Jahre in einer nicht nur für Afrika ungewöhnlichen Situation. Aber das Problem der Übervölkerung ist drängender denn je. Die stärksten Gegner der Geburtenkontrolle sind die Moslems und die römisch-katholischen Christen.

Politisches System
Mauritius ist eine präsidiale Republik. Das Staatsoberhaupt ist der Staatspräsident – seit 1992 ist das Cassam Uteem. Der Regierungschef ist der Premierminister – das ist seit 1995 Navinchandram Ramgoolam. Die Legislative wird gebildet durch die Nationalversammlung. Sie besteht aus 62 Abgeordneten, die auf fünf Jahre gewählt werden, wobei zwei Abgeordnete die Bewohner der Insel Rodrigues vertreten, sowie bis zu acht zusätzlichen Mitgliedern als Vertretung der Minderheiten. Das Gerichtswesen besteht aus einem Obersten Gerichtshof, einem Appellationsgericht, zehn Distriktgerichten und einem Sondergericht. Die Streitkräfte werden gebildet von 8.500 Polizisten, die auch für die Verteidigung zuständig sind. Administrativ ist Mauritius in neun Distrikte gegliedert: Riviere du Rempart, Pamplemousses, Port Louis, Moka, Flacq, Black River, Plaines Wilhelms, Grand Port und Savanne

 

Neuere Geschichte (ab 1814) und politisches System von La Réunion

Rückkehr der Insel zu Frankreich
Am 6. April 1814 dankte Napoleon Bonaparte ab. Die Bourbonen nehmen die Macht in Person Louis XVIII. wieder an sich. Aufgrund des Vertrages von Paris vom 30. Mai 1814 wird die Insel Bourbon an Frankreich zurückgegeben. Ein Schub in der Geburtenrate, der mit der Europäerankunft verbunden ist, ließ die Bevölkerungszahl beachtlich anwachsen: von 65.000 Einwohnern im Jahre 1804 auf 110.000 Einwohner 1848.

Abschaffung der Sklaverei
Als 1815 auf dem Wiener Kongress die Abschaffung des Sklavenhandels in der ganzen Welt beschlossen wurde, musste Louis XVIII. diese Entscheidung auch auf seine Kolonien anwenden. Dies führte allerdings bis 1840 zur Entwicklung eines sehr lukrativen heimlichen Sklavenhandels auf Bourbon, dessen Rückgang ab 1831 aufgrund verstärkter Sanktionen einsetzte. In Folge der ausgerufenen „Zweiten Republik“ fand 1848 die offizielle Abschaffung der Sklaverei statt, die Ile Bourbon erfährt ihre letzte Namensänderung, die bis zum heutigen Tage gültige Bezeichnung Ile de la Réunion. Am 13. Oktober 1848 lässt der Generalkommissar der Republik Sarda Garriga das Abschaffungsdekret offiziell verkünden, um die 60.000 Sklaven zu befreien und aus ihnen französische Bürger zu machen. Daraufhin verlassen viele ehemalige Sklaven die Felder, zu einem Zeitpunkt, als sich die Kolonisten auf eine höchst spekulative Kultur ausrichten: das Zuckerrohr. Um dennoch über billige Arbeitskräfte zu verfügen, führten die Kolonisten Arbeitskräfte aus anderen Teilen der Welt ein. Von 1849 bis 1859 sind es etwa 30 000 Arbeiter aus Afrika, Madagaskar und den Komoren, die nach Réunion kommen. Die Einwanderung indischer und chinesischer Arbeiter wurde intensiviert. Die Wirtschaftsentwicklung erfuhr dank diesem massiven Zustrom ausländischer Arbeitskräfte einen Aufschwung. Die Ausdehnung der Anbauflächen sowie Zusammenlegungen von kleinen und mittelgroßen Anbauflächen erbrachten enorme Steigerungen im Zuckerrohranbau. Die Jahre 1850-1860 sind die "goldenen Jahre" des Zuckerrohrs. Die Bevölkerung erreichte einen gewissen Wohlstand, hauptsächlich die Landeigentümer und die Kaufleute; die Infrastrukturausstattung Réunions entwickelte sich. Ab 1860 stürzte die Zuckerproduktion dramatisch ein, bedingt durch die kubanische Konkurrenz sowie die Ausweitung des Zuckerrübenanbaus in Europa. Die von der Monokultur abhängige Insel erlitt eine schwere wirtschaftliche Krise. Versuche, die landwirtschaftliche Produktion zu diversifizieren, erwiesen sich aber als wenig effizient. Da sich mit dem Bau des Suezkanals ab 1870 der Seeweg nach Indien nordwärts verlagerte, verringerte sich die Bedeutung der Kolonie für das Mutterland. Somit ist am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die wirtschaftliche Lage der Insel sehr schlecht.

Die Zeit der Weltkriege und die Zwischenkriegszeit
Etwa 10.000 Soldaten aus La Réunion zogen für Frankreich in den Ersten Weltkrieg. Der wohl berühmteste war Roland Garros, ein Pionier der Luftfahrt. Er profilierte sich im Laufe zahlreicher Luftkämpfe. Er starb am 5. Oktober 1918 in Vouziers. Auf der Insel wurde eine deutsche Intervention befürchtet. Hinzu kamen harte Entbehrungen: die Nahrungsmittelversorgung und der Export brachen zusammen, man war fast ausschließlich auf Frankreich angewiesen. Der Waffenstillstand im Jahre 1918 brachte Erleichterung. Die Nachkriegszeit war durch Krankheiten und Epidemien geprägt. Einer Grippeepidemie fielen 1919 zwischen 20.000 und 70.000 Menschen zum Opfer. Im Jahre 1926 gab es einen neuen Alarm, aber die Interventionsgeschwindigkeit der Behörden und die Ergreifung von wirksamen Maßnahmen (z. B. Impfung) bremsten die Epidemie. Bis zum Jahre 1945 litt La Réunion an den Folgen mehrerer Krankheiten, wie z. B. der Tuberkulose und dem Paludismus (typhusartiges Fieber). Nach dem ersten Weltkrieg waren die Absätze des Zuckerrohrs steigend. In Frankreich herrschte Mangel, die Rübenernte wurde bei den Kämpfen verwüstet. Die Insel exportierte ihren Zucker und erreichte einen neuen Wohlstand trotz eines Mangels an Arbeitskräften. Eine erneute Einfuhr von Arbeitern war die Folge (komorische Somalis, Rodriguais), die jedoch mit einem Misserfolg endete: viele gaben ihren Arbeitsplatz auf und verlangten ihre Rückführung ins Heimatland. Parallel kamen Chinesen aus Kanton und der Provinz von Huischien und muslimische Inder der Provinzen von Surat und Goudjérat auf die Insel. Damit wurde die Grundlage für die heutige Bevölkerungszusammensetzung gelegt und eine starke Rassenmischung begann. Die Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg drängte Réunion 1940 eine Entscheidung auf: weiterhin am Krieg teilzunehmen, wie es General de Gaulle wünschte oder sich den Reihen des Marschalls Pétain anzuschließen und den Waffenstillstand zu unterzeichnen. Von 1940 bis 1942 ging Réunion Pétains Weg und das aus mehreren Gründen: - das Vorgehen des Gouverneurs Aubert und seiner Autorität - die verführenden Aspekte „der nationalen Revolution“, die von Marschall Pétain vorgeschlagen wurden, beruhen auf dem Slogan "Arbeit, Familie, Vaterland ". Das Vichy-Regime errichtete eine Diktatur auf der Insel. Die Wahlen wurden abgeschafft, die politischen Vertreter wurden von Männern ersetzt, die dem Marschall Treuepflicht schworen. Die Presse, das Radio und das Kino wurden abgeschafft, bis Réunion im Jahre 1942 dem „freien“ Frankreich angeschlossen wurde. Auf wirtschaftlicher Ebene herrschten katastrophale Zustände auf der Insel. Die Verbindung mit dem Mutterland war unterbrochen, Réunion musste erneut fast in Autarkie leben. Der Zucker, der nicht mehr exportiert werden konnte, stapelte sich in den Lagerhallen. Im Jahre 1943 herrschte eine Hungersnot.

Nach dem Zweiten Weltkrieg
Im Jahre 1945, nach der Kapitulation Deutschlands, wurden Wahlen organisiert. Die Linke mit Raymond Vergès und Léon de Lepervanche in ihren Reihen triumphierte, beide waren Kommunisten, die die Insel in der Nationalversammlung vertraten. Im März 1946 schlugen sie der Versammlung die Umwandlung Réunions in ein Département von Frankreich vor. Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Im Jahre 1959 statteten General de Gaulle und sein erster Minister Michel Debré, der 1963 zum Abgeordneten Réunions gewählt wurde, der Insel einen Besuch ab. Mit dem Anstieg der Investitionen verbesserten sich die Lebensbedingungen und die Bevölkerungszahl wuchs beträchtlich. Fortschritte wurden vor allem auf sanitärer und sozialer Ebene erzielt. Die Gesundheitsvorsorge wurde entwickelt, Impfungen wurden zwingend und Krankenhäuser erbaut. Außerdem bekämpfte man die Unterernährung. Es wurde die allgemeine Einführung der Schulkantinen durchgesetzt. Die Familien profitierten von einer Hilfspolitik und erhielten Zuwendungen, um sich ausreichend ernähren zu können. Infolge all die77 ser Maßnahmen ging die Sterblichkeitsrate von 11,4 Promille im Jahre 1960 auf 6,3 Promille im Jahre 1978 zurück.
Parallel dazu setzte eine Politik der siedlungsräumlichen Erneuerung ein. In deren Gefolge wurden Wohnungen in den Städten bereitgestellt, um der Landflucht zu begegnen. Weiterhin legte man nachdrücklichen Wert auf eine Steigerung der allgemeinen und beruflichen Bildung. Vor dem 2. Weltkrieg waren die Einwohner mehrheitlich Analphabeten. Um die Lage zu verbessern, wurden Schulen und Gymnasien gebaut und die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Ebenfalls kam es zur Verbesserung der Versorgung mit Energie und Wasser. Die Hafenzonen und der Flughafen von Gillot wurden modernisiert. Die Telekommunikation
entwickelte sich. Das Straßennetz verdichtete sich, eine Verbesserung der Verkehrsverbindungen in die zentralen Bereiche wurde geschaffen. Aber ein entscheidendes Problem entwickelte sich zusehends, eine arbeitsmarktpolitische Unausgewogenheit: die Spanne zwischen Erwerbstätigen und Erwerbslosen wuchs. Die Erwerbsquote, die 1945 29 % betrug, fiel auf 22,3 % im Jahre 1980. So sind jedes Jahr 12.000 Jugendliche auf der Suche nach einem ersten Arbeitsplatz, während der Arbeitsmarkt nur 2.000 neue Arbeitsplätze anbietet. Die bevorzugten Lösungen sind die Auswanderung und die soziale Unterstützung. Man muss ebenfalls feststellen, dass die wirtschaftliche Lage der Insel aufgrund ihrer Abhängigkeit zu Frankreich zerbrechlich bleibt. Landwirtschaftliche Nutzfläche steht nur begrenzt zur Verfügung, es stehen keinerlei Bodenschätze zum Aufbau einer Industrie zur Verfügung.


Verwaltungseinheiten von La Réunion (www.cg974.fr)
Politisches System:
Wie Guadeloupe, Guyana und Martinique hat Réunion seit 1946 den Status eines DOM (Département Francais d´Outre Mer = Überseedepartement). Somit entsprechen Wahl-, Verwaltungs-, Rechtsprechungs- und Sozialwesen dem der französischen Départements. Das Département wird durch den „Coseil Général“ verwaltet. Dessen Präsident vertritt die Exekutive. Die Insel steht unter Aufsicht eines aus Paris entsandten Präfekten. Dieser ist verantwortlich für die Durchsetzung der Regierungsentscheidungen. Zwei lokale Gremien, der Generalrat „Conseil Général“ und das Regionalparlament „Conseil Régional“, nehmen eine Teilautonomie in Wirtschaft, Kultur und Sozialwesen wahr.