Prolog

Sie rannte. Sie wollte nur noch weg.
Etwas Schreckliches war geschehen, sie wollte nicht mehr daran denken.
Doch immer wieder kamen ihr diese schrecklichen Bilder in den Kopf…
Ihr Vater, wie er vergeblich versucht hatte ihre Mutter zu verteidigen.
Ihre Mutter, die geschrien hatte.
Und dann wieder ihr Vater, der gerufen hatte, sie, Nibinkemewen, solle weglaufen,
sich verstecken. Sie lief immer noch. Mit dem letzten Schrei im Ohr…
Der Schrei ihres Vaters, und dann das letzte Flehen ihrer Mutter.
Sie wollte alles vergessen und rannte immer schneller.
Sie musste weg. Sie war nun allein. Niemand würde sie beschützen.
Sie musste in die Heimat ihrer Mutter gelangen. Dort lebten ihre einzigen Verwandten.
Im Düsterwald.


Kapitel I

Nibinkemewen schreckte auf. Es war noch Nacht, doch etwas Furchtbares hatte sie geweckt.
Sie setzte sich auf. Es war nur ein Traum gewesen, sagte sie sich selbst.
Ja, sie hatte wieder von jener Nacht geträumt.
Jener Nacht, an der das einzig klare und schöne der Sternenhimmel gewesen war.
Sie stand auf und goss sich ein Glas Wasser ein. Das kalte Wasser tat ihrer Seele gut.
Sie erinnerte sich wieder, an das, was noch alles in dieser Nacht geschehen war.
Wie sie mitten auf dem Weg plötzlich zusammengeklappt war.
Vor Schmerz, Schwäche und Verzweiflung.
Sie erinnerte sich auch daran, wie sie sich gezwungen hatte wieder aufzustehen und weiterzulaufen.
Und dann erinnerte sie sich, wie die ersten Sonnenstrahlen eines neuen Tages ihre Haut kitzelten und
wie sie das erste Mal vor dem Düsterwald stand.
Sie hatte ihn noch nie gesehen gehabt, doch er sah genauso aus, wie ihre Mutter ihn beschrieben hatte.
Beglückt von diesem Anblick, ihrem Ziel, war sie stehen geblieben und schließlich vor Erschöpfung eingeschlafen.
Genau das wollte sie jetzt auch. Wieder einschlafen.
Sie legte sich wieder auf ihr Bett und schloss die Augen.
Kaum hatte sie sie geschlossen, sah sie wieder das Bild ihrer Eltern.
Sie musste endlich vergessen. Sie versuchte an etwas Schönes zu denken.
Zum Beispiel an den wunderschönen Frühling, hier im Düsterwald, der erst vor wenigen Tagen so richtig angefangen hatte zu blühen.
Sie schlief ein.

Als sie aufwachte, war die Sonne gerade am Aufgehen.
Nibinkemewen stand auf und sah aus ihrem großen Fenster des wunderschönen Palastes.
Ja, sie lebte im Palast und war auch glücklich darüber.
Doch fürchtete sie sich auch vor diesen großen Gemäuern, die soviel Macht ausstrahlten.
Oft kam sie sich fehl am Platz vor. Doch auch dass hatte sich gelegt.
Als sie bemerkt hatte, dass die Schwester ihrer Mutter nicht mehr am Leben war,
war ihr das Angebot im Palast zu leben, am Besten vorgekommen.
Was es wahrscheinlich auch war. Natürlich durfte sie nicht einfach so hier leben.
Nein, sie war Bedienstete geworden und jetzt schon seit über 6 Monaten hier,
obwohl die Zeit im Düsterwald viel schneller vorbeiziehen zu scheint.
Das Leben für sie war schwer geworden, doch sie meisterte es, wahrscheinlich auch,
weil niemand sie auf ihre Vergangenheit ansprach.
Niemand wollte wissen, wieso plötzlich ein fremdes Gesicht hier in den Palast kam.
Sie selbst konnte es sich nicht erklären, warum sie so einfach hier leben und arbeiten konnte.
Lag es wirklich nur daran, dass sie Waise war? Und ihre Mutter hier aufgewachsen war?
Zu viele Fragen, über die sie sich jetzt keine Gedanken machen durfte.
Sie musste sich schnell anziehen und die verschiedenen Zimmer herrichten.
Sie zog sich schnell ihre Uniform an, ein langes Kleid in einem sanften Violett, das fast zu verschwinden drohte,
wenn man den Stoff in die Sonne drehte.
Wahrscheinlich war das Kleid auch dafür gedacht, dass die Bediensteten wie unsichtbar durchs Schloss huschen konnten.
Leider konnte das Nibinkemewen nicht so gut, da sie auch die menschlichen Gene ihres Vaters in sich trug.
Als Tochter eines Holzfällers hatte sie sich immer noch nicht daran gewöhnen können, dass jeder Schritt kein Geräusch verursachen durfte.
Eine Dame, wie die anderen elbischen Bediensteten, war sie nicht, aber das musste sie auch nicht sein.
Sie sollte sich nur unauffällig bewegen und den Gästen gegenüber nicht sprechen.
Ja, die Benimmregeln hatte sie schnell gelernt, dumm war sie schließlich nicht.
Ihre Haare frisierte sie vorschriftgemäß
(erst flechten und dann zu einer kleinen Schnecke zusammenknoten, die am Hinterkopf mit ein paar hölzernen Nadeln befestigt wurde).
Sie war froh, dass ihre Haare inzwischen gewachsen waren, am Anfang war ihre Schnecke doch sehr klein gewesen
und kaum alle Haare hatte sie zusammenflechten können, sie waren einfach zu kurz gewesen.
Doch nun waren ihre schwarzen gekräuselten Haare gewachsen und es verursachte nur noch Probleme sie glatt zu bekommen.

Nibinkemewen machte sich auf den Weg zu ihrer Arbeitsstelle.
Als erstes ging sie in den Bedienstetenraum um ihre Sachen zu holen.
Dann ging sie zu ihrem ersten Zimmer, das Zimmer des Königssohns.
Als sie die Tür öffnete musste sie wieder über dieses wunderschöne Zimmre staunen.
Es war ganz klar das schönste Zimmer des ganzen Schlosses.
Sie begann den Boden zu fegen, obwohl er nicht schmutzig war und wechselte die nicht benutzte Bettwäsche,
genauso wie die nicht benutzten Handtücher und legte frische Kleider aufs Bett,
wobei sie die von gestern wieder vorsorglich einräumte.
Ja, hier war seit ihrer Ankunft niemand gewesen und sie bezweifelte, dass je jemand hier wieder leben würde.
Sie hatte zwar von dem Elbenprinzen gehört, der auf einer gefährlichen Reise war,
doch dachte sie nicht, dass er je wieder zurückkommen würde.
Doch Thranduil, der König des nördlichen Düsterwaldes,
hielt fest an dem Gedanken der Rückkehr seines einzigen Sohnes und ließ jeden Tag sein Zimmer vorbereiten.
Es war komisch hier jeden morgen aufzuräumen,
Nibinkemewen kam sich dabei vor, wie in einer Geisterstadt.
Sie sah sich um. Das Zimmer war riesengroß und hell erleuchtet von den Sonnenstrahlen,
die durch die großen Fenster schienen.
Sie öffnete die Fenster, um frische Luft hereinzulassen und schloss die Augen,
als die klare Luft durch das Zimmer strömte. Wie gern würde sie in diesem Zimmer leben.
Prinzessin dieses wunderschönen Volkes sein, kunstvolle Kleider tragen
und sich von unauffälligen Bediensteten das Leben verschönern zu lassen.
Sie öffnete die Augen und sah auf das riesige Bett, das mitten im Zimmer stand.
Es war aus einem feinen, hellen Holz geschnitzt und elbische Zeichen waren auf den Pfosten eingraviert.
Das Bettlaken, welches sie gerade gewechselt hatte,
war strahlend weiß und glänzte in dem warmen Sonnenlicht. Darauf durften wirklich nur Könige schlafen.
Doch wie gern würde sie einmal gern darauf liegen,
nein, nur darauf sitzen, um einmal dieses königliche Gefühl zu haben.
Sie ging auf das Bett zu, doch blieb sie im letzten Moment stehen.
Nein, das durfte sie nicht tun, sagte sie sich.
Nibinkemewen drehte sich um und ging in Richtung Badezimmer,
um dort auch ein bisschen frische Luft rein zu lassen.
Im letzten Moment hatte sie sich noch mal beherrschen können.
Das durfte ihr nicht noch einmal passieren.

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