4.Kapitel
Nibinkemewen verrichtete ihre Arbeit an diesem Tag weiter wie gewohnt,
doch waren ihre Gedanken nicht bei der Sache.
Wie würde Tariqanwar doch staunen, wenn sie ihr von ihrem Gespräch mit dem König berichtete!
Doch Nibinkemewen konnte sich noch gar nicht so richtig über die Aufgabe freuen.
Sie hatte zwar gehört, dass Bedienstete, die nur für eine Person zuständig sind,
es leichter hätten und auch viel mehr Freude, doch was sollte sie tun,
wenn Legolas ein arrogantes und selbstverliebtes Arschloch wäre.
Er war schließlich Prinz, da kam dieser Fall nicht zu selten vor.
Beim Abendessen erzählte sie sofort Tariqanwar von ihrer neuen Aufgabe. Diese war natürlich begeistert.
"Oh, du Glückliche! Ich werde ja ganz neidisch....warum bekommst du diese Aufgabe!!?!?!?!?
Und nicht ich? Das ist so unfair.....nur für den Prinzen da zu sein....
was kannst du dir Schöneres vorstellen?!"
"Naja, ich kenn ihn ja gar nicht."
"Oh, er ist wunderbar. Und er sieht so wahnsinnig gut aus....dieser Körper
und diese Lippen. Und du musst nur einmal...."
"Kennst du Neiklot ?", unterbrach Nibinkemewen sie rasch,
bevor Tariqanwar noch weiter in ihre Träume versinken würde.
"Neiklot?! Aber natürlich, wer kennt den nicht?! Warum fragst du?"
"Weil ich dringend mit ihm reden muss. Der König hatte gemeint,
er könnte mir ein paar Ratschläge für meine zukünftige Aufgabe geben."
"Neiklot wohnt unten in der Stadt. Wenn du willst, bring ich dich nach dem Essen zu ihm.
Er ist wahnsinnig nett, und alle haben es bedauert, als er beschlossen hatte, aufzuhören.
Naja, er hat jahrelang für Legolas gearbeitet und er hat immer gemeint,
er gehe mit dem Königssohn. Und das hat er dann auch getan....nun wird leider nur einer zurückkehren."
Nibinkemewen hatte schnell fertig gegessen, so aufgeregt war sie, auf Neiklot zu treffen.
Doch leider musste sie auf Tariqanwar warten, die sich wie immer genüßlich Zeit ließ.
Als sie endlich die Gabel auf den Tisch zurücklegte, seufzte sie:
"Ach, was war das wieder für ein wunderbares Essen. Ich denke, wir können dann losgehen."
Nibinkemewen nickte und die beiden standen auf und zogen los.
Der Frühling im Wald sah selbst am späten Abend noch frisch und bunt aus.
Nibinkemewen genoß die klare Luft, warum konnte nicht jeder Tag so sein?
Sie gingen an großen Bäumen vorbei, die aussahen, als wären ihre Kronen schon im Himmel gelandet.
Wie gerne stellte sich Nibinkemewen vor, dass sie hinauf klettern könnte
und auf den Wolken spazieren gehen könnte.
Zu herrlich war diese Vorstellung, doch genau so wenig erfüllbar wie ihre anderen Tagträumereien.
Sie gingen nur ein kurzer Stück, bis sie vor einem kleinen, schönen, aber schon alten Haus ankamen.
Die Tür war nur angelehnt, trotzdem klopfte Nibinkemewen höflich.
"Herein!", rief ein fröhliche Stimme und Nibinkemewen trat ein.
Tariqanwar hatte beschlossen, noch einen Freund in der Stadt besuchen zu gehen,
sie würde Nibinkemewen später wieder abholen.
Nibinkemewen war das nur Recht. So musste sie sich nicht weitere Schwärmereien anhören.
Nibinkemewen ging einen langen Gang entlang, der mehr einem Tunnel glich, so dunkel war es darin.
Sie konnte sich vorstellen, dass sich viele Menschen darin ducken mussten, da er nicht besonders hoch war.
Doch sie war von Natur aus sehr klein, was sie wohl von ihrem Vater hatte,
der kleiner als ihre Mutter gewesen war, und dies kam ihr hier zum Vorteil.
Als der Gang endete kam sie in eine Küche die durch Kerzen hell erleuchtet war.
Am Küchentisch, der seitlich zu ihr stand, saß ein alter Mann,
dessen Augen aber noch sehr kindlich aufgeweckt wirkten.
"Guten Abend. Entschuldigt die späte Störung...", begrüßte Nibinkemewen ihn.
Der alte Mann lächelte. "Das ist kein Problem. Ich habe Euch erwartet."
"Ihr wusstet, dass ich kommen würde?"
"Nicht Wissen, es war eher eine Ahnung.
Jetzt da alle Welt verkündet unser Prinz kehrt zurück, war es nur eine Frage der Zeit,
bis Thranduil einen neuen Diener mit meiner alten Aufgabe betraut,
der sich dann bei mir Rat holt. Deswegen bist du doch hier, oder?"
Nibinkemewen nickte.
"Gut, dann setz dich doch erstmal. Wie ist dein Name?"
"Nibinkemewen, Tochter von Egroeg und Yenoolc."
"Yenoolc, diesen Namen habe ich irgendwo schon einmal gehört.
Aber mir fällt's nicht ein. Ach, Kind, ich werde alt. Doch nun zu dir.
Ich wundere mich, dass ich dich noch nie gesehen habe. Du bist noch nicht solange im Palast, oder?"
Nibinkemewen schüttelte den Kopf. "Seit 6 Monaten."
"Und dann bekommst du gleich so eine wichtige Aufgabe. Muss eine riesige Ehre für dich sein.
Thranduil scheint also sehr von dir überzeugt.
"Nun, Sir, das macht mir Sorgen.
Ich glaube, ich werde die Aufgabe nicht zu seiner Befriedigung ausführen können."
"Ach, das glaube ich nicht.
Denn ich werde dir dabei helfen, dich in diese schwere Aufgabe hineinzufinden.
Wenn du es erst mal durchschaust, wird es ganz einfach sein.
Die einfachsten Regeln sind die des Benehmens,
die bei allen Mitgliedern der Königsfamilie gleich sind.
Beim Kommen und Gehen verbeugen, um deine Achtung ihm gegenüber zu zeigen.
Warte, bis er dich auffordert, dich zu erheben, doch denn Blick gesenkt lassen, voller Demut.
Und ihm nie den Rücken zukehren, das ist ein Zeichen der Verachtung."
Nibinkemewen nickte. "Diese Regeln sind mir vertraut."
"Gut. Die oberste Regel lautet: Sei ihm immer gegenwärtig, doch bleibe unsichtbar."
"Wie darf ich das verstehen?"
"Er darf sich von dir nicht gestört fühlen, trotzdem musst du immer dann da sein, wenn er dich braucht."
"Wie soll ich denn das machen?"
"Das wirst du schon selbst herausfinden."
Nibinkemewen seufzte.
"Sprich nicht, ohne klare Aufforderung zu ihm.
Beantworte seine Fragen klar und deutlich, doch stelle keine Gegenfragen.
Wenn er dich um deine Meinung fragt, sei ehrlich.
Der Prinz schätzt Aufrichtigkeit als höchsten Wert.
Komme erst, wenn du gerufen wirst und gehe erst, wenn er dich dazu auffordert.
Rede ihn stets mit "Hoheit" an, doch blicke ihm nicht in die Augen.
Erfülle ihm jede Bitte, die in deinem Möglichkeitsbereich steht,
der Prinz hat mich nie um etwas gebeten, dass ich nicht erfüllen konnte."
Wieder seufzte Nibinkemewen. "Das ist ganz schön viel."
"Ich weiß."
"Könnt ihr mir noch etwas von ihm erzählen? Wie er so ist?"
Neiklot lächelte.
"Nicht viel will ich dir erzählen, da es am Besten ist, es selbst herauszufinden.
Ich kann dir nur sagen, dass er weder überheblich, noch arrogant ist.
Er behandelt seine Diener gut.
Er hat seine Launen, wie jeder Adlige.
Wenn er reden will höre ihm zu, doch sei nicht betroffen, wenn er sich nicht immer öffnet.
Manchmal ist er offen, doch am nächsten Tag ist er verschlossen und keiner kann an ihn rankommen.
Aber mach dir keine Sorgen, dass du es nicht schaffen wirst.
Er verzeiht kleine Fehler schnell und vergisst sie. Mach dir also keine Sorgen."
Nibinkemewen lächelte zaghaft. "Ich hoffe, es geht alles gut."
"Es wird alles gut gehen. Und wenn du noch irgendwelche Fragen hast, komme einfach zu mir.
Meine Tür steht immer offen."
"Danke, Sir, dann werde ich jetzt wohl wieder gehen. Habt tausend Dank."
"Das habe ich gern gemacht. Ich wünsche dir, viel Erfolg."
"Danke."
Nibinkemewen verließ wieder durch den dunklen Gang das Haus.