Kapitel II by Josha
Sein Weg hatte ihn direkt in die Altstadt geführt;
ein Viertel, das von der Zeit gänzlich unberührt geblieben schien.
Es kam ihm irgendwie passend vor, dass er genau hier etwas für sein Endprojekt finden würde.
Anders konnte es gar nicht sein.
Jake blieb wie angewurzelt vor einem Schaufenster stehen,
das Fenster eines antik aussehenden Buchladens.
Er fühlte sich magisch angezogen und ehe er sich versah, hatte er "Smith's Books" schon betreten.
Die Atmosphäre war, wie er es erwartet hatte.
Es roch nahezu nach Büchern, nach dem Leder der Einbände, nach vergilbten Seiten
und
frisch gedruckten Seiten, kurz: Es roch nach Vergangenheit und verlorenem Wissen.
Aber wenn er ehrlich sein sollte, beeindruckte es ihn nicht.
Er war hier, um etwas für sein Endprojekt zu finden, eine gute Note zu bekommen und das Schuljahr zu schaffen, um sich dann in den langen Sommerferien ganz auf Dawn konzentrieren zu können,
anstatt zur Sommerschule gehen zu müssen.
"Kann ich dir weiterhelfen?"
Jake drehte sich erschrocken um.
Die Stimme war wie aus dem Nichts gekommen.
Erst jetzt sah er den zur Stimme gehörigen Körper.
Es war ein alter Mann, wobei ihm dieser Ausdruck zu geschmeichelt erschien,
die Titulierung "Greis" kam der Sache schon näher.
Er strahlte etwas Vertrautes aus; etwas, das sonst den eigenen Großvätern vorbehalten schien.
Eine gewisse Wärme, Vertrautheit und Gutmütigkeit.
"Ich suche ein Buch über Mythen und Legenden", antwortete Jake etwas konfus.
"Solche Bücher gibt es in Unmengen", erwiderte der Greis und zwinkerte ihm bedeutungsvoll zu,
was ihn nur noch mehr verwirrte.
"Haben Sie vielleicht ein Buch, das Mythen und Legenden hinterfragt und herausstellt, wie diese zustande gekommen sind?"
"Du glaubst nicht, dass sie einen wahren Kern enthalten?"
Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
"Vielleicht würde ich daran glauben, wenn mir ein Einhorn über den Weg laufen würde,
aber bedauerlicherweise besuchen diese mich so selten", gab Jake trocken zurück.
In den Augen des Greises leuchtete kurz Zorn auf,
im nächsten Augenblick aber war sich Jake nicht einmal mehr sicher,
ob er sich nicht vielleicht geirrt hatte, denn die Augen des Greises wurden von dem wissenden Lächeln eingenommen, das auch seine Lippen umspielte.
"Junge, du musst noch viel lernen", murmelte er Mann leise und verschwand hinter den hohen Bücherregalen.
Kaum einen Augenblick später tauchte er wieder auf, ein dickes, augenscheinlich sehr altes,
Buch in den Händen haltend.
"Wieviel bekommen Sie dafür?", wollte Jake vorsichtig wissen.
Zwar ließ seine Mutter es sich durchaus etwas kosten, seine Liebe zu kaufen,
aber seine Hauptausgabequelle war Dawn und das wollte er nicht ändern.
Er wollte ihr etwas bieten können und das Buch sah auf irgendeine Art und Weise unbezahlbar aus.
Dass es das wirklich war, konnte er in diesem Moment noch nicht ahnen...
"Nimm es ruhig, Junge. Nimm es nur."
Jake musterte ihn einen Augenblick lang misstrauisch, doch in den Augen des alten Mannes
konnte er nichts entdecken, was ihn an dessen Aussage hätte zweifeln lassen können.
Und so nickte er nur kurz, nahm das Buch und verließ mit einem leisen "Danke" den Laden.