Kapitel VIII
Langsam schlich sie sich runter.
Ihr Schatten huschte an der Wand entlang, als wäre er aus längst vergangenen Zeiten.
Unten angekommen schien zunächst alles ruhig und still.
Einzig einige Kerzen verrieten, dass dieses Haus bewohnt war.
Doch Alessa hörte, was andere nicht hören würden.
Ein, selbst für ihre Sinne, leises Kratzen einer Feder auf grobem Papier.
Unsicher, was sie tun sollte, blieb sie stehen und wartete einfach nur ab.
Cain musste sich im angrenzenden Zimmer befinden, doch sie wollte ihn nicht stören.
Er musste es schon als Belastung empfinden sie überhaupt aufzunehmen,
da wollte sie ihn nicht noch weiter verärgern.
"Kommt ruhig rein. Ich habe Euch längst gehört."
Die Stimme kam wie aus dem Nichts und jagte ihr einen gehörigen Schrecken ein.
Bisher hatte niemand sie bemerkt, wenn sie nicht bemerkt werden wollte und
auch vorhin hatte sie nicht bemerkt werden wollen.
Wie so oft schon fragte sie sich, wer er war.
Obwohl diese Frage sie gänzlich einzunehmen und sie gar nicht mehr loslassen zu wollen schien,
schaffte sie es den Gedanken abzuschütteln und dem Aufruf Folge zu leisten.
Cain saß an einem kleinen Tisch und schrieb tatsächlich etwas.
Nahezu schüchtern blickte sie um die Ecke.
"Setzt Euch.", forderte er sie auf und deutete auf einen Stuhl ihm gegenüber.
Sie tat wie geheißen.
"Nun... Euer Name lautet Alessa, nicht wahr?"
Sie nickte nur.
"Es ist Euch durchaus gestattet zu Rreden.", bemerkte Cain mit einem amüsierten Unterton,
der seine Stimme noch reizvoller machte.
"Nun gut, was hat Euch denn in dieses Dorf verschlagen?"
Ihr fiel auf, dass er dieses Dorf gesagt hatte, nicht unser Dorf und es überraschte sie.
Die meisten Leute sprachen von dem Dorf, in dem sie lebten, als ihr Dorf, er nicht...
"Ich bin auf der Durchreise, mein Herr."
"Was würdet Ihr sagen, wenn ich Euch nun aber sage, dass Ihr das nicht seid?"
Überrascht hob sie den Blick und schaute in seine Augen, die sie aufmerksam
und doch ein wenig misstrauisch musterten.
"Wie meint Ihr das, mein Herr?"
"Ihr wisst genau, wie ich das meine. Ihr habt den Pater belogen, was ich Euch keineswegs übel nehme.
Wer sich belügen lässt, ist selbst dran Schuld. Aber lasst Euch eines gesagt sein...
Ich lasse mich nicht so leicht belügen und wenn ihr unter diesem Dach hausen wollt,
dann müsst ihr euch schon damit abfinden mir die Wahrheit zu sagen. Also?"
Alessa war verwirrt. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte;
wusste nicht, was er hören wollte;
wusste nicht, wie er überhaupt auf den Gedanken kam, sie habe ihm nicht die Wahrheit gesagt.
Natürlich stimmte es, was er sagte; aber wie hatte er das feststellen können?
"Ich weiß nicht, was Ihr meint, Herr."
Seine Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen.
"Glaubt nicht, Ihr könntet mich zum Narren halten, kleine Dame."
"Aber..."
"Kein Aber; ich weiß, wovon ich rede. Also?"
"Was wollt Ihr hören?", fragte sie hilflos.
"Die Wahrheit! Was macht Ihr hier?"
Alessa entschloss sich, dass es besser war die Wahrheit zu sagen.
Nicht die Ganze selbstverständlich, aber die halbe dürfte wohl genügen.
"Ich habe erst vor kurzem meinen Bruder verloren und bin jetzt ganz allein..."
"Was ist mit Euren Eltern?"
"Die sind schon lange tot."
"Weiter."
"Mein Bruder wurde umgebracht und ich will ihn rächen."
Cain lachte.
Er sah schön aus, wenn er lachte.
Nicht hübsch oder ansehnlich, sondern schön, richtig schön.
Es war, als wäre das Wort "Schönheit" einzig für ihn erfunden worden.
Dennoch gefiel ihr sein Lachen nicht. Es klang nicht echt, beinahe schon höhnisch.
"Was ist denn so lustig, Herr?"
"Glaubt Ihr denn im Ernst, Ihr könntet Euren Bruder rächen?"
"Wieso denn nicht?"
"Schaut Euch doch an. Ihr seid eine junge Dame von vielleicht gerade mal 20 Sommern..."
"...21"
"Meinetwegen auch von 21 Sommern. Ihr seid schwach und..."
"Und?"
"Eine Frau."
"Was wollt Ihr damit sagen?"
"Dass Ihr keinerlei Erfahrung in solchen Sachen habt."
"Wenn ihr wüsstest..."
"Bitte?"
"Nichts... Aber ich bin sehr wohl in die Kunst des Kampfes eingeweiht!", erwiderte sie heftig.
Sie wollte sich das nicht bieten lassen.
Was fiel ihm denn ein?
Nur, weil es nicht üblich war, dass Frauen die Kunst des Kampfes beherrschten,
musste es noch lange nicht unmöglich sein.
"So... seid Ihr das, ja?"
Alessa nickte stur.
"Gut. Wenn das so ist... beweist es mir."
"Wie bitte?"
"Ihr habt richtig gehört. Beweist es mir, indem Ihr mich besiegt."
Für einen Augenblick zögerte sie. Tausende von Gedanken lähmten sie.
Was, wenn sie ihn unabsichtlich verletzte oder gar tötete?
Aber dann siegte ihre Wut, die in dem Gespräch mit Cain mehr und mehr aufgekommen war.
"Einverstanden."
~*~
Langsam wog sie das Schwert in ihrer Hand.
Es fühlte sich gut an und lag leicht in ihrer Hand.
Als wäre es für sie gemacht...
Ganz geheuer war ihr der folgende Kampf nicht, aber jetzt war es zu spät...
Es gab kein Zurück mehr.
Cain ließ sein Schwert durch die Luft sausen, wo es zischend die Luft teilte.
"Seid Ihr bereit?"
"Das sollte ich Euch fragen, mein Herr.", erwiderte sie angriffslustig.
Cain lächelte nur und griff dann ohne Vorwarnung an.
Hätte sie ihre gut ausgeprägten Sinne nicht gehabt, hätte sie den Kampf jetzt schon verloren,
aber sie war in Besitz dieser außergewöhnlichen Sinne, die sie vor seinem Angriff warnten
und sie blitzschnell reagieren ließen.
Sie duckte sich unter seinem Hieb und machte einen Schritt rückwärts.
Falls er von ihrer schnellen Reaktion überrascht oder gar beeindruckt war,
ließ er es sich nicht anmerken und das machte sie noch wütender.
Konnte er denn nicht einfach zugeben, dass er sich geirrt hatte, dass auch Frauen kämpfen konnten?
Das Tempo seiner Angriff beschleunigte sich von Mal zu Mal und sie musste zugeben, dass er ein guter Kämpfer war,
vielleicht sogar der Beste, mit dem sie es je zu tun gehabt hatte.
Sie selbst konnte die Angriff nur abwehren und kam nicht dazu selbst einen zu verüben.
Plötzlich huschte ein Schatten hinter ihnen her,
für menschliche Augen nicht wahrnehmbar,
für sie dagegen sehr wohl.
Irritiert schaute sie ihm hinterher, versuchte zu erkennen, wer sich dahinter verbarg, aber sie vermochte es nicht.
Doch diese kleine Unaufmerksamkeit hätte sie in einem ernsthaften Kampf mit Cain das Leben gekostet,
soweit sie es denn überhaupt verlieren konnte.
So aber streifte das Schwert nur ihren Arm und ritzte den Stoff ihres Ärmels auf.
Erschrocken ließ sie das Schwert fallen und auch Cain stellte seine Angriff umgehend ein.
Besorgt kam er auf sie zu.
"Habe ich Euch stark verletzt?"
"Nein, nur ein Kratzer. Kein Grund zur Sorge", antwortete sie hastig, denn sie spürte,
wie die Regeneration bereits einsetzte.
"Lasst mich sehen.", verlangte er.
"Nein, wirklich. Es ist alles in Ordnung."
Doch Cain ließ sich nicht beirren.
Bevor sie sich wehren konnte, hatte er den Ärmel ganz zerrissen und besah sich ihre Wunde.
Bitte, bitte. Falls es wirklich so etwas wie einen Gott gibt, lass es ihn nicht bemerken!
Ängstlich blickte sie auf ihren Arm, doch ihr Gebet war nicht erhört worden.
Vor ihren und Cain's Augen schloß sich die Wunde und war nach kürzester Zeit nicht einmal mehr erkennbar.
Nichts in Cain's Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass er erschrocken oder dergleichen war.
Statt dessen nickte er nur und sagte trocken:
"Habe ich es mir doch gedacht."