Kapitel II
"Beweg dich.", dröhnte die rauhe Stimme an ihrem Ohr.
Nur widerwillig folgte sie dieser Aufforderung.
Sie hatte schon viele Geschichten über Sparrow gehört;
aber jetzt, wo sie erlebt hatte, dass es nicht nur so dahingesagte Dinge waren,
wollte sie erst recht nicht in der Nähe dieses Schurken sein.
Ihr Blick schweifte zu der Frau, deren Namen Sheyla war, wenn sie es richtig verstanden hatte.
Es musste schrecklich gewesen sein, was sie erlebt hatte.
Viel hatte sie nicht mithören können, aber es reichte aus um zu Verstehen,
was sie zu dieser Tat getrieben hatte.
Doch was wollte Sparrow von ihr?
Sie wusste nicht, was sie ihm hätte geben können.
Dass die Lösung näher lag, als sie dachte, vermochte sie nicht zu erahnen.
"Bringt sie unter Deck, holt den Anker ein und löst die Kleinsegel…", waren die letzten Worte,
die sie vernahm, bevor sie das Unterdeck von Sparrow's Stimme trennte.
Einer der Piraten trieb sie und die andere Frau zu den Gefängniszellen.
Mit einem leisen Klicken schloss sich das Eisengitter, versperrte somit jeden Fluchtweg.
Seufzend ließ sie sich zu Boden sinken.
Traurig blickte sie ihre Mitgefangene an, in deren Augen noch immer die Wut brannte.
Sollte sie es wagen und sie ansprechen?
Lange überlegte sie hin und her, aber fasste dann all ihren Mut.
"Euer Name ist Sheyla?", fragte sie zögerlich.
Mehr als ein rasches Nicken erhielt sie nicht.
"Ich heiße Celina …"
Zu mehr kam sie nicht, denn das laute Knarren der Holztür ließ sie abrupt verstummen.
Schritte waren zu vernehmen, wurden immer lauter, bis der Feuerschein eine Gestalt hervorbrachte.
Es war der gleiche Pirat, der sie eingesperrt hatte.
Vor ihrer Zelle blieb er stehen.
Abschätzend blickte er sie an, bevor er von ihr verlangte ihre Arme durch eines der Gitterlöcher zu stecken.
Mit einem Seil fesselte er ihre Handgelenke zusammen.
Angst stieg in ihr auf, was hatten sie mit ihr vor?
Der Pirat grinste sie dreckig an, was sie nicht gerade beruhigte.
"Der Captain verlangt nach dir, Schätzchen."
Er öffnete die Tür und zerrte sie aus der feuchten Zelle.
Sein Schwert drückte er gegen ihren Rücken, das spürte sie deutlich.
Immer weiter trieb er sie vor sich her, bis er plötzlich stehen blieb.
Mit einer schnellen Bewegung stieß er die Tür auf, vor der sie standen und löste ihre Fesseln.
Ehe sie sich versah schubste er sie in den Raum und riss die Tür wieder zu.
Etwas verdutzt blickte sie sich um.
Dort saß er, an einer langen Tafel, die Füße auf den Tisch gelegt.
Genüsslich kaute er auf einem Apfel. Überall lagen irgendwelche Dinge herum.
Säbel, goldene Kelche, Schmuck, Beute von Hunderten von Raubzügen.
"Setz dich.", auffordernd blickte er sie an.
"Danke, ich stehe lieber."
"Aber, aber, wer wird denn gleich? Du solltest dich lieber setzten."
Er zog ein Messer hervor, schnitt sich ein Stück des Apfels ab,
um dieses dann gleich in seinem Mund verschwinden zu lassen.
Ihre Stirn legte sich in Falten, sie tat lieber, was er verlangte.
"Um auf das Gespräch von vorhin zurückzukommen, was so heldenhaft unterbrochen wurde."
Eine ausschweifende Geste begleitete seine Worte,
zeigte wieviel er davon hielt, wie bedeutungslos es für ihn war.
"Du hast etwas, was ich brauche."
Ratlosigkeit trat in ihr Gesicht.
"Ich wüsste nicht, was ich Euch geben könnte."
Langsam erhob sich Sparrow aus seinem Stuhl. Dabei spielte er mit dem Messer in seiner Hand.
"Die Karte, gib sie mir."
"Karte? Welche Karte?"
"Die dein Vater gefertigt hat."
"Mein Vater hat viele Karte angefertigt. Ich kenne keine, die so wichtig sein könnte."
"Stell dich nicht dumm, ich habe es selber aus seinem Mund gehört."
Ihre Augen funkelten ihn böse an.
"Was habt Ihr getan?"
"Nichts habe ich getan, wir haben uns nur unterhalten."
Mit gemütlichen Schritten begann er den Tisch zu umrunden.
"Selbst wenn es so eine Karte geben sollte, würde er Euch nie freiwillig davon erzählen."
"Wer sagt denn, dass er es freiwillig getan hat?"
Wütend stieß sie den Stuhl zurück, auf dem sie gerade noch gesessen hatte.
"Ihr widert mich an."
Energisch ging sie auf ihn zu.
Doch ehe sie ihre Hand zum Schlag ausholen konnte, hatte er sie bereits fest umklammert.
"Nicht so stürmisch Prinzesschen, wir haben doch alle Zeit der Welt."
Ihr Gesicht wurde nur noch wütender.
Heftig wehrte sie sich gegen seinen Griff, doch er war um einiges stärker.
Sein Messer schnellte an ihre Kehle.
"Sag mir, wo die Karte ist und ich werde dich gehen lassen."
"Verdammt, lasst mich los. Wollt Ihr denn nicht verstehen, ich weiß von keiner Karte."
"Wieso hat er dann deinen Namen gesagt, bevor er starb? Das ergibt keinen Sinn."
Plötzlich erschlaffte ihr Körper, ihre Augen wurden glasig.
Er hatte ihn getötet, dieses Scheusal hatte ihn tatsächlich getötet.
Nur schwach nahm sie die Stimme von Sparrow noch wahr.
Ihre Wangen fühlten sich feucht an.
Wann hatte sie angefangen zu weinen? Warum musste sich ihre schlimme Vorahnung erfüllen?
Wieso musste es diesen schrecklichen Menschen geben?
Ruckartig erwachte sie aus ihrer Trance.
Sie erblickte den Menschen, der ihr das einzige Familienmitglied genommen hatte.
Hass war das Einzige, was sie noch fühlte.
Mit aller Kraft schlug sie auf diesen Verbrecher ein.
"Ich hasse Euch", schrie sie ihm entgegen.
Sparrow schien davon völlig überrascht, verlor sogar das Messer.
Er hatte alle Müh und Not ihre beiden Hände zu fassen, sich das Mädchen vom Leib zu halten.
Laut schrie er nach dem Piraten, der sie schon her gebracht hatte.
"Bring diese Furie wieder hinunter."
Noch immer schlug sie wild um sich, als sie die Zellen erreicht hatten.
Der Mann stieß sie in den Käfig. Er knallte die Tür regelrecht in das Schloss.
Dreckig grinste er sie an, bevor er sich zum Gehen wandte.
"Der Captain ist noch nicht fertig mit dir."
Wütend stieß sie mit dem Fuß gegen das Gitter.
Ihr Körper bebte vor Erregung, doch so schnell ihre Wut gekommen war, so schnell wich sie wieder.
Langsam wurde ihr Atem ruhiger. Traurigkeit trat wieder in ihre Augen.
Tränen bahnten sich unwillkürlich ihren Weg und schlugen auf dem feuchten Holzboden auf.
Sie wollte nicht noch einmal in das Gesicht von Sparrow blicken, geschweige denn in seine Nähe kommen.
Er würde keine Ruhe geben bevor er nicht seine Antwort hatte, die sie ihm nicht geben konnte.
Hier ewig festzusitzen hatte sie nicht vor, am Ende würde er sie vielleicht auch noch töten.
Diese Genugtuung wollte sie ihm nicht geben.
Aber wie sollte sie hier herauskommen, die Lage war aussichtslos. Schwer seufzte sie.
Ihr Blick schweifte durch den dunklen Raum, der nur von zwei Fackeln ein wenig erhellt wurde.
Es musste doch einen Ausweg geben?
Sie glaubte nicht, dass ihre Mitgefangene ebenfalls vorhatte hier zu versauern.
Vielleicht konnten sie ja gemeinsam einen Weg finden.
"Hey…", sprach sie leise zu der jungen Frau.
Doch diese reagierte nicht weiter, entweder schlief sie,
was auf Grund der Dunkelheit nicht zu erkennen war oder sie wollte es einfach nicht hören.
"Wir sollten uns zusammen tun und versuchen von hier zu verschwinden.",
doch noch immer gab es keine sichtbare Reaktion.
Verwundert runzelte sie ihre Stirn, das konnte doch nicht sein?
"Na gut wie Ihr wollt, ich werde die nächste Gelegenheit nutzen,
aber eins sollte Euch klar sein.
Allein haben wir keine Chance und von hier aus kann man Sparrow schlecht töten."
Was war denn nun los, das war doch gar nicht ihre Art?
Anderseits war sie auch noch nie in so einer Situation gewesen.
Ein Rascheln schreckte sie aus ihren Gedanken, die andere Frau war an das Gitter getreten.
"Und wie gedenkt Ihr die nächste Gelegenheit zu nutzen?", fragte sie nicht gerade überzeugt von ihr.
"Erst mal warten wir, bis Ruhe auf dem Schiff einkehrt,
sie werden einen Piraten zur Bewachung hinunter schicken.
Pirat hin oder her, er ist auch nur ein Mann,
man muss nur den richtigen Zeitpunkt erwischen, er wird unachtsam sein und das nutzen wir."
"Das ist Euer Plan?"
"Ja, fällt Euch was Besseres ein?"
"Im Moment?... Nein."
Der Mond färbte das Wasser silbern, das konnte sie durch das kleine Bullauge erkennen.
Bald müsste es so weit sein.
Die Black Pearl hatte vor einiger Zeit geankert und lag nun ruhig im Wasser.
Perfekter konnte die Situation nicht sein.