| Schon als kleines Mädchen ist Charlène schwierig. Sie sucht die Einsamkeit und zieht sich ganz in ihre eigene Welt zurück. Und auch die Heranwachsende hat es nicht leicht in ihrem Leben: Jahrelang spinnt sie sich ein in einen Kokon von Selbsthass, zutiefst unglücklich mit einer Welt, auf der es für sie keinen Platz zu geben scheint. Doch dann kommt der Tag, der ihr Leben für immer verändert- denn sie begegnet Sarah, einer neuen Schülerin in ihrer Klasse. Sarah spüht nur so vor Lebensfreude, Selbstbewusstsein und fast schon femininen Charme. Trotz ihrer offensichtlichen Gegensätzlichkeit entwickelt sich zwischen den beiden eine enge Freundschaft, und schon bald sind sie unzertrennlich. Durch Sarah lernt Charlène endlich zu leben, und dafür liebt sie ihre Freundin abgöttisch! Aber plötzlich fängt Sarah an, ihre Macht über Charlène rücksichtslos auszuspielen, und sie scheint eine perfide Lust daran zu empfinden, die Freundin zu tyrannisieren. Unfähig, sich gegen die Kälte und Herzlosigkeit ihrer Peinigerin zur Wehr zu setzen, muss Charlène sich eingestehen, dass sie ihre Würde, ihren Willen und ihre Freiheit an Sarah verloren hat. Und sie weiß, dass der Moment gekommen ist zu handeln, wenn sie ihre Seele retten will... In uns lebt ein verborgenes, unbekanntes Wesen, das eine fremde Sprache spricht und mit dem wir, früher oder später, ein Gespräch beginnen muss. Francois Taillandier, Anielka Jetzt, in den Stunden, wenn es Nacht ist, wandert ein kalter und farbloser Schatten umher. Er kriecht den Mittelgang entlang, ehe er unter den Eisentüren hindurch in diesen kleinen, von Zellwänden umschlossenen Raum schlüpft. Und es ist immer dieselbe undurchdringliche Dunkelheit, die uns am Abend besucht, regelmäßig, unveränderlich. So sehr wir auch in diese Leere starren, die plötzlich die Welt vor unseren Augen verhüllt, so kommt es doch immer wieder vor, dass hinter den elektrischen Zäunen, die den Hof umgeben, bis zum ersten Tageslicht kein Orientierungspunkt mehr zu erahnen ist, in diesem Nichts ohne Anfang und Ende. Hier markieren die schweren, verhallenden Schritte der Wärter den Beginn unserer Nacht. Es ist genau Mitternacht, wenn um uns herum kein Laut mehr die Stille durchbricht. Genau in diesem Augenblick überkommt jede von uns dasselbe Gefühl der Einsamkeit und Verwirrung. In jenen Stunden schläft niemand ein. Ich weiß, dass es unmöglich ist, an diesem Ort Schlaf zu finden. Das gehörte zu den ersten Dingen, die ich hier nach meiner Ankunft gelernt habe. Wir können uns noch so sehr auf den Matrazen unserer Betten wälzen, schnarchen, husten, mit lauter Stimme sprechen, um Gleichgültigkeit vorzutäuschen, ich weiß sehr gut, dass an solchen Orten, wo das Alleinsein schlimmer ist als überall sonst, die Nächte ohne Schlaf bleiben werden. Es gibt welche, die weinen. In den ersten Wochen ähnelt dieses Weinen Schreien der Empörung und des Hasses. Kummer klingt darin an, das Gefühl erlittenen Unrechts. Und dann, im Laufe der Monate, der Jahre, lernen die Tränen zu schweigen, bis sie nicht mehr zu hören sind. Doch sie sind noch da, und die Zeit wird sie niemals austrocknen. Es gibt welche, die beten, auch wenn diese Frauen nach außen hin so tun, als sei ihnen alles völlig egal. Wenn sie schweigen, hat es den Anschein, als könnte sie nichts erschüttern, doch sobald es Abend wird, sind sie die Ersten, die dem Himmel direkt in die Augen sehen und in einer Sprache zu ihm sprechen, die ihnen allein gehört. Sie haben dies als einzigen Ausweg entdeckt, ihrer Trauer zu entrinnen. Die anderen träumen einfach nur mit offenen Augen. Ihre Angehörigen, ihre Hoffnungen, die zärtliche Trägheit ihres Lebens davor lassen sie nicht los, wie um die Qual des Wartens zu lindern. Dann tun sie bisweilen so, als könnten sie vergessen, dass sie noch jahrelang eingesperrt bleiben. Die einen trauern, die anderen nicht, und dann gibt es noch welche, die sich mit der Zeit verändern. Aber ich weiß, dass nicht eine unter uns ist, die die Kraft zum Einschlafen haben wird. Selbst ich habe es versucht, doch ich kann nicht, beim besten Willen nicht. Die Stille ist unsere Therapie. Sie lehrt uns, der Vergangenheit ins Auge zu blicken, uns unseren Taten zu stellen, gegen die Irrtümer anzukämpfen. Sie ist es, die uns zum Nachdenken zwingt und dazu treibt, immer wieder in Frage zu stellen, und sie ist es auch, die uns lenkt, unsere Ängste beschwichtigt oder von neuem erweckt, uns aus der Ungewissheit erlöst oder in den Wahnsinn treibt. Sie zähmt, was wir sind, trägt die Last der Stunden, kämpft gegen den Teil in uns, den wir vergessen möchten. Bis dann im Morgengrauen die knirschenden Schritte der Wärter auf dem Gang den Beginn eines neuen Tages ankündigen, der letzten Endes aber immer derselbe sein wird. Ich hatte alles vergessen. Die Freude, die Schamlosigkeit, die Unbekümmertheit, die Gerüche, die Stille und die berauschenden Augenblicke, die Bilder, die Farben und die Geräusche, den Klang ihrer Stimmen, ihre Abwesenheit und ihr Lächeln, das Lachen und die Tränen, das Glück und die Ausgelassenheit, die Verachtung und das Bedürfnis nach Liebe, die Lebenslust meiner ersten Jahre. Doch aus dem hintersten Winkel dieser dunklen Zelle, aus Kälte der Einsamkeit, taucht die Vergangenheit plötzlich wieder auf. Langsam und schmerzlich gibt sie sich zu erkennen. Vielleicht, um der Leere der Gegenwart zu trotzen. Wie Fotos, die nichts geworden sind, auf denen die Bewegungen unscharf erscheinen, steigen heute Bilder aus meiner Erinnerung auf und bersten hinter diesen Mauern in Stücke. In Wahrheit hatte ich nichts vergessen, doch bis heute war ich nicht bereit, es wieder zu finden. Auf den ersten Blick erschien mein ganzes Dasein schal und belanglos. Ich lebte unter Menschen, die mich nicht wahrnahmen und die ich nicht verstand. Ich existierte, weil man mich dazu gezwungen hatte, weil es so war und nicht anders, ich musste mich damit abfinden zu leben, da zu sein, ohne aufzumucken. Schließlich war ich nur ein Kind wie jedes andere, ich lebte, ohne mir die kleinste Frage zu stellen. Ich nahm, was man mir gab, und ich forderte nichts. Einmal hat mich jemand gefragt, ob ich bereue. Ich bin die Antwort schuldig geblieben. Vielleicht habe ich mich geschämt, nicht für das, was ich empfand. Ich hätte mir wie ein Unmensch vorkommen müssen, gewiss. Und das war ich unbestreitbar auch, aber weniger, weil ich ein Verbrechen begangen hatte, sondern weil ich meine Tat nicht bereute. Dem Wahnsinn verfallen ist nicht nur ein unausweichliches Schicksal, sondern möglicherweise ein Entschluss. Wie auch immer, irgendwann habe ich sicherlich den Entschluss gefasst, nicht mehr über die Fehler der Vergangeheit nachzudenken. Ich bin aus Feigheit davongelaufen, weil ich mich weigerte, auf das Warum und das Wie meines Lebens eine Antwort zu geben, und weil ich mich hasste. Ich hatte Angst. Ich fürchtete den Schmerz, vor allem über das Unabänderliche, ich fürchtete die Wahrheit ebenso wie die Gewissensbisse, die Blackouts, das beklemmende Gefühl in der Brust, das einem den Atem nimmt, die Zweifel, die Empörung. Ich hatte ganz einfach Angst davor, nach meiner Verblendung plötzlich wieder die Augen öffnen zu müssen. Mit einem Wort, zu bereuen. Man schreibt, wie man tötet: Es kommt aus dem Bauch, und dann, ganz plötzlich, bricht es einem aus der Brust. Wie ein Schrei der Verzweiflung. Ich konnte Stunden in diesem Zimmer verbringen und zusehen, wie die Sonne mit den Schatten hinter den Vorhängen spielte. Ich liebte die Leere, die rings um das Zimmer herrschte, mit mir als Mittelpunkt von allem. Die Beschaulichkeit, diese Vollkommenheit, nach der ich strebte, machte mich glücklich und ängstlich zugleich. Ich brauchte dieses Gefühl der Verlassenheit. Es war etwas Besonderes, die Welt mit ihren Augen zu sehen. Meine Träume waren ihre Träume. Manchmal genügte ein Wort, ein Blick, bisweilen schon ein Schweigen, damit wir uns verstanden. Ich beobachtete die anderen und bestaunte das Bild, das die Familie bot: meine Mutter, die langsam verrückt wurde, mein Bruder, der immer schwieg, die ewige Abwesenheit meines Vaters. Ich stand abseits, neben ihnen und ihren Problemen. Mein Leben war wie eine Zuflucht vor diesem Schmerz, ich brauchte nur die Augen zu öffnen, um die schreckliche Gleichgültigkeit zu sehen, die mich umgab. Und so vernichtete sich meine Familie in quälendem, allumfassendem Schweigen innerhalb weniger Jahre. Ich verwandelte mich in eine regelrechte Mauer aus Eis. Ich konnte es nicht ertragen, wenn man mich anfasste oder auch nur leicht berührte oder ansah. Ich brauchte keine Liebe mehr. Der Gedanke, erwachsen zu werden, verursachte mir beinahe Übelkeit. Eines Tages fand ich mich vor dem düsteren Schreibtisch eines Psychologen wieder. Ich sehe noch den in Halbdunkel getauchten Raum vor mir, ich, allein vor diesem unnahbaren Mann, der mich von oben herab ansah und dessen Blick ich trotzig erwiderte. In Verlauf von zwei oder drei Sitzungen stellte er mir ein paar dumme Fragen, die ich kühl beantwortete; am Ende kam er zu dem Ergebnis. dass ich nur eine vorübergehende Krise durchmachte und dass kein Grund zur Besorgnis bestehe. Hätte er gewusst, was mich keine zehn Jahre später erwartete, wäre er mit Sicherheit nicht so zuversichtlich gewesen. Als Vanessa aus meinem Leben verschwand, waren wir beide knapp elf Jahre alt. Nichts hätte mich schwerer treffen können. Und doch war ihr Verschwinden nur die wohlverdiente Strafe dafür, dass ich den anderen jahrelang Leid zugefügt und nur an mich gedacht hatte. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem wir voneinander Abschied nahmen. Es war im August, die Sonne brannte. Ihre braunen, sehr langen und sehr dichten Haare wehten im Wind, sodass sie sich unablässig Strähnen aus dem Gesicht streichen musste. Ihre unendlich blauen Augen waren mir noch nie so groß vorgekommen. Aber das war vielleicht den Tränen zuzuschreiben, die ihren klaren Blick verschleierten. Ich konnte es nicht ertragen, wenn Vanessa weinte. Das war, als hätte man mir ein Messer in die Brust gestoßen. Sie stand regungslos im roten Dämmerlicht. In der hohlen Hand hielt sie den Anhänger in Form einer kleinen blauen Tänzerin, den ich ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatte. Am Abend zuvor hatten wir zum letzten Mal Blutsbrüderschaft geschlossen und uns gelobt, immer Freundinnen zu bleiben, was auch geschehen mochte. Ich umarmte sie und drückte sie so fest ich konnte. Ihr blauer Duft überwältigte mich, und ich weinte wie nie zuvor. Kindertränen sind jedes Mal dieselben; meine waren bis dahin nur Tränen meiner Launen gewesen. An diesem Tag aber weinte ich, weil ich wusste, dass wir, einmal getrennt, unser Versprechen nicht würden halten können. Ich spielte nur eine Rolle. Und ich hasste meine Rolle. Ich verstand die anderen nicht, alles, was sie unternahmen, alles, was sie sich wünschten, widerte mich an und ging mir auf die Nerven. Es gelang mir nie richtig, mich in die Klasse zu integrieren. Und so war es keine Überraschung, dass ich irgendwann wieder ganz allein war. Und das, so denke ich, hatte ich mir von Anfang an gewünscht. Ich hoffte, mein ganzer Körper würde mit dem Erbrochenen im Strudel der Wasserspülung verschwinden. Mein Leben war nur noch absurd. Es gab keinen Ausweg mehr. Ich lebte nur, weil ich musste. Und ich fiel. Ich spürte, wie mein Körper ganz langsam in eine bodenlose, tiefe Leere sank, und ein Gefühl der Freude und Genugtuung überkam mich. Ich ließ den Schmerz die Oberhand gewinnen. Ich spürte, wie der Hauch des Todes gegen den Hauch des Lebens kämpfte und dann völlig von mir Besitz ergriff. Ich sah diesen Tod, er lebte in mir. Mein letzter Gedanke war, dass ich gewonnen hatte. Als ich wieder die Augen aufschlug, mit schweren Lidern und trockenen Lippen, eine Sauerstoffmaske auf dem Mund, fühlte ich mich leicht, doch ich wusste sofort, dass ich versagt hatte. Wieder hatte ich das Spiel verloren, mein Körper war nicht tot. Ich war feige. Und die Vorstellung, mich der Welt ein zweites Mal stellen zu müssen, erfüllte mich mit tiefer Abscheu. In der Schule baute ich ab, aber das war mir egal. Sie hatte alles. Sie wurde bewundert, hatte einen tollen Freund, einen großen Freundeskreis, glänzende Noten. Sie war umschwärmt- und ich hätte die anderen am liebsten umgebracht, so wütend war ich auf sie, weil sie da waren, weil sie Sarah berühren konnten und es verstanden, ihr Interesse zu wecken, so wie ich früher. Ihr Leben war toll. Ich war eine Jugendliche ohne Ziel und ohne Halt. Sie lebte im Licht. Ich verblich im Schatten. Ich konnte nichts mehr dagegen tun, sie siegte weiter. Ich hatte keine Kraft und keine Hoffnung mehr, ich musste sterben. Anfang Oktober beerdigten wir meinen Großvater. Es war kein schöner Herbst. Ich erinnere mich an diesen trüben und feuchten Morgen, an den schmerzhaften Kloß in meinem Hals, der mir noch immer den Atem nahm. Ich stand vor dem offenen Sarg. Meine Mutter, das Gesicht von Tränen gezeichnet, die sie seit Tagen in Strömen vergoss, hielt mich am Arm zurück und bat mich, nicht hinzusehen. Ich tat es trotzdem. Ich trat vor und starrte in das Gesicht des Todes, bis mir schwindelig wurde. Ich wich zurück, so tief und widerwärtig war dieser Eindruck, dann ging ich hinter die Leichenhalle und erbrach mich. Zum Weinen fehlte mir der Mut. Sie alle hatten Angst. Sie hofften. Ihr kleines Leben blieb in den Grenzen ihrer armseligen Sicherheit, ihres armseligen Egoismus. Sie wussten nichts. Sie sprachen laut, jeder am Tisch wollte das Wort führen; sie verbrachten ihre Zeit damit, den anderen zu widersprechen, aber sie selbst wussten nichts. Wer waren sie? Wo war mein Platz? Hatten sie auch nur die leiseste Ahnung, wie lächerlich das Leben war? Konnten sie den Hass, den Ekel verstehen, die mich überwältigten, mich, die sie kaum wahrnahmen, Gefangene ihrer selbst, die sie waren? Wer zu sehr liebt, bis zum Hass liebt, verliert seine Würde, gibt seine Freiheit auf, tut sich zwangsläufig weh. Ich hätte ohnes weiteres weggehen und beschließen können, nicht mehr ihre Freundin zu sein. Nichts schien mich zu zwingen, bei ihr zu bleiben. Noch stand es mir frei, mein eigenes Leben zu leben. Doch genau genommen verschwendete ich keinen Gedanken daran. Ich nahm mir nicht die Zeit, mir ein Leben ohne sie vorzustellen, ohne jemanden, von dem ich abhängig war. Ich wollte mich nicht ändern und aus diesem Strudel befreien, der mich gefangen hielt. Ich konnte nicht mehr zurück. Ich war schon tot. Ich kann Besessenheit nicht definieren. Ich glaube, dass man sie immer in sicht trägt. Häufig genügt schon eine Kleinigkeit, um sie auszulösen. Still und heimlich mischt sie sich in unser Leben ein, befällt nach und nach jeden Teil von uns; aber sie ist raffiniert und übt einen verderblichen Einfluss aus, denn sie gibt sich als unsere Freundin aus, was sie jedoch nicht davon abhält, uns zu verraten. Schmerzhaft sind bei alledem nur die Folgen. Wenn man verrückt wird, merkt man es meistens nicht, denn man leidet ja nicht. Am schlimmsten ist der Sturz. Der Moment, in dem man begreift. Ich kauerte mich nieder und sah sie eine Weile an. Selbst im Schlaf hatte sie noch diesen verächtlichen Gesichtsausdruck, kalt wie Marmor. Selbst im Schlaf schien sie alles zu kontrollieren, selbst in diesem Zustand machte sie mir Angst. Einen Augenblick lang spürte ich das Verlangen, diese friedliche Stille zu stören, sie aus ihren Träumen zu reißen, die Ruhe ihres Schlafs mit einem Schrei zunichte zu machen. Einen Augenblick lang spürte ich das Verlangen, sie tot vor mir zu sehen. Zum ersten Mal seit Jahren der Verblendung wurde mir bewusst, wie sehr ich sie verachten konnte. Lange Zeit hatte ich dieses Gefühl für Faszination gehalten. Aber vielleicht ist es nur ein kleiner Schritt von Liebe zu Hass. "Ich muss dir etwas sagen, Maxime." Ich drehte mich zu ihm um, der Glanz seiner Augen blendete mich. Ich flüsterte: "Manchmal kommt es vor, dass ich die Menschen töte, die ich liebe." Ich lachte laut auf und dachte, er würde mitlachen. Doch er blieb still. Nie zuvor hatte mir sein Blick so viel Angst gemacht. Ich hätte den Augenblick ihrer Schwäche ausnutzen und etwas unternehmen müssen, hätte sie meinerseits vernichten müssen, doch dazu war ich nicht im Stande gewesen, ich hatte ihr geglaubt. Als ich mir meinen verhängnisvollen Fehler eingestehen musste, als ich das Ausmaß ihres Verrats erkannte, erfüllte mich wieder Hass, nur stärker und schmerzlicher als jemals zuvor. Ich hatte alles verloren. Sie hatte mich getötet. Ich handelte nicht aus einem plötzlichen Impuls heraus. Ich hatte alles geplant, alles vorher bedacht, mir alles überlegt. Der Wahnsinn wies mir den Weg, und diesmal hatte ich beschlossen, auf ihn zu hören. Ich lieferte mich ihm mit Leib und Seele aus, damit er mich endlich leben ließ. Man entrinnt seinem Wahnsinn nicht, indem man versucht, wie ein normaler Mensch zu handeln. Der Wahnsinn ist stärker: Früher oder später bricht er sich wieder Bahn. Ich habe nachgegeben. Ich habe begriffen, dass die einzige Möglichkeit, ihn zum Schweigen zu bringen, darin bestand, ihm ins Auge zu sehen und alles zu tun, was er befahl. Die Folgen spielten keine Rolle, Hauptsache, ich war von seinen Fesseln befreit. Da lag sie. Auf der Matraze, die auf dem nackten Fußboden lag, den Kopf auf dem Kissen, die Haarsträhnen auf dem Laken, die linke Hand vor dem Gesicht zusammengeballt, die andere entspannt auf der Decke. Sie rührte sich nicht. Ich hörte kaum den Hauch ihres Atems. Sie wachte nicht auf. Ich ging weiter und setzte mich neben sie, um sie im Schlaf zu betrachten. Wir waren allein, nur sie und ich, von Angesicht zu Angesicht. Ich konnte anfangen. Langsam und lautlos griff ich nach dem Kopfkissen. Jetzt konnte mich nichts mehr aufhalten. Ich betrachtete sie ein letztes Mal. Gern hätte ich für einen Augenblick die Augen geschlossen, doch ich zwang mich, sie offen zu lassen. Ich musste alles in vollem Bewusstsein tun. Dann hielt ich die Zeit an und machte allem ein Ende: der Stille, dem Frieden, der Unschuld des Schlafs, der Ruhe der Nacht. Ich hob das Kissen und drückte es ihr mit der ganzen Kraft, die noch in meinem Körper steckte, aufs Gesicht. Plötztlich zuckte sie unter mir, und ich spürte, wie ihr Körper sich aufbäumte, wie sie mit Armen und Beinen um sich schlug, hörte ihre erstickte Schreie unter dem Kissen. Ich ließ nicht nach. Bis zum Ende. Ihre Hände hatten mich an den Handgelenken gepackt, aber ich war stärker. Ich zwang ihren Körper, die Gegenwehr aufzugeben. Ich ließ nicht von ihr ab, drückte ihr das Kissen noch fester aufs Gesicht. Es dauerte kaum ein paar Minuten, doch unablässig gingen mir diese quälenden Bilder durch den Kopf. Ich durfte keine Sekunde nachlassen. Mein Körper beherrschte ihren. Ich weiß nicht mehr, was ich dabei empfand. Ich denke mir, dass in einem solchen Augenblick der Verstand die Herrschaft über den Körper verliert. Für kurze Zeit geriet ich in einen Zustand höchster Ektase, der Bewusstseinstrübung, der Verwirrung, des Ichverlusts. Nichts zählte mehr außer den Händen auf dem Kissen und dem Kissen auf dem Gesicht. Nichts existierte mehr. Ich hatte das Nichts geschaffen. Aber ich hatte gesiegt. |