Persönlicher Engel gesucht

Titel: Persönlicher Engel gesucht
Teil: 1/1
Autoren: Ythiere und Peilless
Email: Schafsternchen@yahoo.de(gemeinsame e-Mailadresse)
Genre: Weihnachten/Humor/Romanze
Bewertung: Ohne Altersbeschränkung
Warnung: Zucker
Inhalt: Der kleine Danny hat einen ganz besonderen Weihnachtswunsch, den er nur seinem Kindergärtner Ewan anvertraut. Dieser verspricht ihm zu helfen, genau diesen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen, nur stolpert er dabei von einem Unglück ins nächste.
Kommentar:
Richard/Rick: Großer Bruder
Daniel/Danny: Kleiner Bruder
Ewan: Erzieher

"Daniel", rief ich das nächste Kind, das an der Reihe war. Ich saß auf einem der winzigen Kinderstühle, der so klein war, dass im Sitzen meine Knie höher waren, als der ebenfalls winzige Kindertisch hoch.
"Daniel, komm doch her." Der blasse Schwarzhaarige war ziemlich schüchtern und still. Erst seit gut zwei Wochen besuchte er den Kindergarten und er schien noch keine innigen Freundschaften geschlossen zu haben. Und irgendwie glaubte ich, dass er vor mir etwas Angst hatte. Ich hatte seinen ersten Tag nicht mitbekommen, obwohl er in meine Gruppe, die Gruppe "Sonnenschein", kam, weil ich beim Arzt gewesen war. Aber er starrte mich immer nur mit großen Augen an und redete so wenig wie möglich mit mir. Die anderen Kinder mochten mich eigentlich lieber als die anderen Erzieherinnen, weil ich wesentlich jünger war. Ich war gerade erst mit meiner Ausbildung fertig geworden, hatte aber bereits alle meine Praktika in diesem Kindergarten absolviert, weswegen die meisten Kinder mich sowieso schon kannten. Daniel kam schließlich und drehte die Füße ein, während er seine Weihnachtsbastelei vor mir verbarg, indem er sie mit der Front zu ihm gegen seinen Körper drückte. "Zeig doch mal her. Du hast dir sicher viel Mühe gegeben."
Er schüttelte den Kopf. "Soll ich deinen Wunschzettel nicht schreiben, Daniel?"
Die Kinder bastelten schon seit gestern an Briefumschlägen und Briefpapier, dessen Rahmen sie mit allem möglichen anmalen, bekleben und schmücken durften.
Er schien zu überlegen. "Danny", korrigierte er mich schließlich.
Mir hatte niemand gesagt, dass er nicht Daniel gerufen wurde und so war ich etwas perplex. "Tut mir leid, das wusste ich nicht. Dann Danny."
Und er stand immer noch und drückte das Glitzerpapier feste an sein Hemd, was mich fürchten ließ, dass es voller Glitzer und Kleber sein würde, wenn er heute Nachmittag abgeholt wurde. Die anderen Kinder mussten heute auch noch dran kommen. Immerhin warteten die Eltern auf die Wunschzettel ihrer Kinder, damit sie wussten, was sie kaufen sollten.
"Wenn ich deine Wünsche nicht aufschreibe, dann wird der Weihnachtsmann sie nicht in Erfüllung gehen lassen."
Und nun weiteten sich seine Augen in Angst. Verschwörerisch legte ich einen Finger an die Lippen. "Ich sage sie auch keinem weiter - versprochen! Und den Wunschzettel gebe ich dem Weihnachtsmann ganz persönlich. Damit nur er ihn sieht. In Ordnung?" Ich zwinkerte ihm zu und langsam nickte der Kleine und reichte mir das Papier.
Er hatte sich Mühe gegeben. Es war vielleicht nicht 'schön' in dem Sinne, was Erwachsene unter 'schön' verstanden, aber man sah die Arbeit, die drin steckte. Rot war offensichtlich die Lieblingsfarbe des Fünfjährigen, denn auf Briefumschlag und Papierrahmen wimmelte es nur so von roten Sternen, Herzen, kleinen undefinierbaren Tieren, Geschenkboxen und alles war voller Kleber, Klitzer, angeklebten Bändern und ausgeschnittenen Pappstücken. Er hatte auch nur ganz selten über den Rand des Rahmens übergemalt.
"Das ist wunderschön! Der Weihnachtsmann wird sich sicher alle Mühe geben, deine Wünsche zu erfüllen, wo du dir so viel Mühe gegeben hast."
Ein schüchternes Lächeln stahl sich auf das Gesicht des Jungen und er wurde ein bisschen rot. "Komm her, ich schreibe deine Wünsche auf."
Und nun trat er näher. Er ließ sich sogar an mich und dann auf meinen Schoß ziehen. Ich schrieb den Standardsatz auf, den ich ihm beim Schreiben vorlas. "Lieber Weihnachtsmann, ich wüsche mir zu Weihnachten-", und dann wartete ich auf ihn, dass er weiter machte.
"Ich... ich...", setzte er an, verstummte dann aber sofort wieder.
"Du kannst dir wünschen, was immer du möchtest. Der Weihnachtsmann gibt sich bei allen Wünschen ganz viel Mühe."
"Kann er wirklich alles machen?"
"Natürlich kann er das - er ist der Weihnachtsmann."
"Dann... dann wünsche ich mir, dass mein Bruder wieder glücklich ist."
Da war ich erstmal baff. "Was... was ist denn mit deinem Bruder?" War sein Bruder krank?
Danny kaute auf seiner Lippe und schwang die Füße hin und her, während er auf meinem rechten Bein saß. "Er lacht nicht... und ist traurig, wenn er mit mir spielt... und er muss viel arbeiten." Und dann beugte er sich vor, um mir etwas ins Ohr zu flüstern: "Er hat geweint."
Ich wusste aus den Akten, dass sein großer Bruder für ihn sorgte. Die Mutter, die zur Zeit von Dannys Geburt schon sehr alt gewesen war, hatte diese nicht überlebt und der Vater arbeitete im Ausland.
"Was hat dein Bruder denn?" Darauf zuckte der Kleine mit den Schultern und ich seuftze. Es ging mich ja eigentlich auch gar nichts an. "Und was wünschst du dir noch?"
"Nichts."
"Aber du musst doch Wünsche haben! Möchtest du keine neuen Spielsachen?"
Er schüttelte den Kopf.
"Gar nichts? Auch nicht den neuen Plüsch-Tiney, der sprechen kann?" Tiney war eine gelbe Kreuzung aus einem Dinosaurier und einer Maus, aber er begeisterte im Fernsehen alle Kinder und es rissen sich alle um dieses neue Spielzeug.
Und erneut quälte Danny seine Lippe, in dem er darauf bis. Na also. Er wollte sie doch haben. "Dann schreib ich das jetzt auf?"
"Nein", war dann jedoch die Antwort.
"Warum denn das nicht?"
"Der Weihnachtsmann soll Rick glücklich machen!"
Der Kleine war ja wirklich unendlich lieb! Sofort hatte ich einen Narren an ihm gefressen. Ich wollte ihm wirklich helfen. Aber es würde wohl kaum etwas bringen, wenn sein großer Bruder so etwas las und dann auch noch nicht wusste, was er seinem kleinen Bruder zu Weihnachten besorgen sollte.
Und schließlich kam mir eine Idee und ich setzte an: "Pass auf. Ich helfe dir. Der Weihnachtsmann hat unheimlich viel zu tun und es kostet sicher ganz viel Zeit, deinen Bruder glücklich zu machen. Wir schreiben nun alles auf, was du dir nur für dich wünschst und um deinen Bruder kümmern wir beide uns, okay?"

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Wie von der Tarantel gestochen hastete ich in den Coffeeshop bei mir um die Ecke. Ich war extrem spät dran. Es war schon zwanzig vor acht und um acht begann immer unser Morgenkreis und normalerweise war ich schon immer kurz nach dreiviertel da, um noch kurz zu schauen, ob auch alle Kinder aus meiner Gruppe da sind und um sie dann um mich herum zu scharen. Aber heute lief irgendwie alles schief. Mein Wecker klingelte nicht, weil anscheinend die Batterien leer waren und so wachte ich viel zu spät auf. Natürlich hatte ich dann auch kaum Zeit, um noch Frühstück zu machen. Also hatte ich kurzerhand beschlossen, hier in den Coffeeshop zu gehen, ein Hörnchen und eine Tasse Kaffee zu kaufen und beides auf dem Weg zum Kindergarten zu verdrücken.
Kaum hatte ich den Laden betreten, da hatte ich auch schon eine recht lange Schlange Kunden vor mir. Oh nein! Das konnte doch jetzt nicht wahr sein! So würde ich auf alle Fälle zu spät kommen, auch wenn der Kindergarten nur wenige hundert Meter entfernt lag. Unruhig trippelte ich von einem auf den anderen Fuß, wobei der ganze Schnee, der an meinen Schuhen hing, abgeklopft wurde und den gefliesten Boden nässte. Man, für welche Kompanien bestellten die denn alle Frühstück, dass das hier so lange dauerte?!?
Die Tür wurde geöffnet, wobei, wie jedes Mal, wenn man sie aufmachte, eine lustige kleine Melodie erklang. Ich drehte mich um, nervös wie ich war, da ich einfach nicht still stehen konnte und wollte. Und was musste ich dort sehen? Einen äußerst hübschen jungen Mann, schwarze Haare, leuchtend blaue Augen, ein recht markantes Gesicht, dunkel gekleidet und mit einem bordeauxroten Schal um den Hals. Also, wenn das mal keine Aufmunterung war! Wenigstens etwas Gutes hatte diese Verspätung! Danke, lieber Wecker!
Hibbelig drehte ich mich dennoch wieder um, damit es nicht so auffällig war. Langsam aber sicher rutschte ich auch immer mehr nach vorn, bis ich schließlich und endlich auch an der Reihe war.
"Ein Hörnchen und eine Tasse Kaffee, bitte!", gab ich schnell meine Bestellung auf.
Die Junge Frau auf der anderen Seite der Theke nickte, ließ den Kaffee durchlaufen, fischte ein Hörnchen aus dem Schaukasten heraus und fragte mich dann freundlich lächelnd: "Zum Hieressen oder zum Mitnehmen?"
"Zum Mitnehmen!"
"Das macht dann 2,10€, bitte", sprach sie und reichte mir alles über die Theke. Eilig wie ich es hatte, hatte ich das Geld schon vorher herausgekramt und gab es ihr nun gleich passend. "Einen schönen Tag noch, der Herr!"
"Danke gleichfalls", nuschelte ich und schnappte mir meine Sachen, um auf schnellstem Wege dieses Geschäft zu verlassen und zum Kindergarten zu stürmen. Natürlich nicht, ohne vorher noch einmal einen Blick auf diesen Typen zu werfen. Doch genau das wurde mir Sekunden später zum Verhängnis. In meiner vollkommenen Schussligkeit übersah ich eine große Pfütze, rutschte darin aus und landete filmreif auf meinem Allerwertesten. Doch damit nicht genug. Ich verschüttete den Kaffee. Und zwar nicht einfach nur auf den Boden. Nein. Auf das Objekt, welches der Auslöser für meine Panne, die von allen Umstehenden mit einem Grinsen und Lachen bedacht wurde, war. Auf den schnuckligen Typen mit den rabenschwarzen Haaren. Gott, war das peinlich! So etwas konnte aber auch nur mir passieren!
Vorsichtig hob ich meinen Blick, um genau in zwei Funken sprühende blaue Augen zu schauen, die mich verärgert anblickten. "Sie!", tönte es mir in ärgerlichem Tonfall entgegen, "das ist ja wohl die Höhe! Jetzt muss ich mich auch noch umziehen wegen Ihrer Unfähigkeit, eine Tasse Kaffee zu transportieren! Noch dazu habe ich es eilig!"
Überrascht und nun auch leicht verärgert starrte ich den jungen Mann vor mir an und giftete zurück: "Denken Sie, Sie wären der Einzige, der es eilig hat? Außerdem, Ihnen hätte so etwas auch passieren können! Bei so einer Pfütze ist das ja auch nicht verwunderlich!" Mit diesen Worten rappelte ich mich wieder auf, kehrte dem anderen den Rücken zu und rauschte ab nach draußen. So was aber auch! Dass der so unfreundlich sein würde, sah man ihm aber nicht an!
Tja, mein Kaffee hatte sich dann also in Luft aufgelöst, was blieb, war wenigstens noch das Hörnchen, das ich nun noch schnell auf dem Weg zum Kindergarten in mich reinstopfte. Um mich von dem ungehobelten Klotz abzulenken, dachte ich an Danny, der das eben sicher auch schrecklich lustig gefunden hätte. Ich würde es ihm wohl mal erzählen, was für ein Schussel ich war. Vielleicht würde er mich dann lieber mögen.

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Ich wurde von meiner Cheffin ziemlich zurechtgestaucht und stand recht geknickt da, aber schließlich kam wohl die Erzieherin durch. Sie zupfte mein Hemd zurecht. "Du hast dich bekleckert. Nun aber los", scheuchte sie mich zu den Kindern.
Es waren wohl schon alle da. An der Wand mit extra niedrig angebrachten Kleiderhaken - jedes markiert mit einem Bild, damit die Kinder ihren Haken fanden - hingen schon mehr oder weniger ordentlich die vielen kleinen Winterjacken, Schals, Handschuhe und Mützen. In dem Raum meiner Gruppe herrschte dann allerdings ein großer Tumult und ich musste mehrfach rufen und klatschen, ehe sie alle auf ihren Plätzen saßen. Wir sangen unser Begrüßungslied und wünschten uns allen einen guten Morgen. Die Kinder mochten das Lied und sangen gerne. Nur Danny war still, sang in seinen Rollkragenpulli hinein und schaukelte mit den Beinen hin und her.
Ein Mädchen durfte ihren Traum erzählen und natürlich erfand sie eine chaotische Geschichte mit viel Phantasie. Aber die Kinder lachten mit ihr und hörten eine Weile aufmerksam zu. Schließlich ließ ich die Kinder spielen, was sie wollten und sie verschwanden mit ihren Freunden und Freundinnen. Danny blieb sitzen und ich setzte mich neben ihn. Zuerst sagte ich gar nichts, dann blickte er auf. "Du hast geschlabbert", wurde ich informiert. Uhh, das hatte er also direkt gesehen. Aber es schien ihn aufzuwärmen, denn er grinste schließlich frech: "Du bist ein Ferkel."
Nun war ich platt, aber ich musste lachen. Er gab ja schließlich nur weiter, was ihm gesagt wurde. "Du hast wohl recht, das bin ich."
Ich erzählte ihm die Geschichte, natürlich kindgerecht. Aus dem Wasser auf dem Boden wurde eine RIESEN PFÜTZE. Ich habe mich nicht beeilt, sondern ich bin ganz, ganz schnell gerannt und natürlich war der junge Mann - von dessen Attraktivität ich natürlich nichts erwähnte - ein fieser, grimmiger Kerl, um das Ganze etwas abenteuerlicher zu gestalten. Ich brachte ihn ein paar Mal zum Kichern. Das war mir dann den ganzen Stress und Ärger heute morgen - inklusive der Kaffeekflecken - wert gewesen.
"Und, was machen wir mit deinem Bruder? Hast du schon eine Idee, was ihn glücklich machen würde?"
Er schien sich zu freuen, dass ich unseren Plan nicht vergessen hatte, aber er schüttelte den Kopf. "Er war ganz schnell", sah er mich mit großen Augen und irgendeiner unbestimmten Not darin an, wie als müsse ich sein Problem verstehen.
"Wie, schnell?"
"Ich durfte nicht trödeln. Und er hat sich fein gemacht."
"Heute Morgen?"
Der Kleine nickte. "Meinte, wir wären spät, weil ich den Pullover nicht anziehen wollte." Danny zog an seinem Rollkragenpullover, er schien ihn nicht sonderlich zu mögen. "Ich wollte den anderen anziehen - der glitzert!" , sagte er mit Stolz in der Stimme und ich schluckte. Ja, ich wusste, warum der glitzerte... "Gab gar kein Frühstück..."
"Du hast nichts gegessen?", machte ich mir natürlich gleich Sorgen.
Er schüttelte den Kopf, griff aber in seinen Rucksack und holte eine Tupperdose heraus, in der ein Frühstücksbrot mit Salami war und ein Schokorigel. Offensichtlich hatte der Bruder ihn so versorgt.
"Wieso hatte er es denn so eilig? Habt ihr verschlafen?"
Danny schüttelte den Kopf: "Ääh... ääh... Rick muss sich vorstellen."
Ich verstand zuerst nicht, was Danny meinte und das nicht nur, weil er gerade in sein Salamibrot gebissen hatte und eifrig kaute. "Vorstellen?"
"Mhmm. Bei einem Mann, der dann sagt, ob er gut ist oder nicht."
"Ein Vorstellungsgespräch!"
"Mhm. Wieso braucht Rick einen Mann, der ihm sagt, dass er gut ist? Was, wenn der Mann ihn nicht gut findet?"
Und erneut begann er mit den Beinen zu baumeln. Ich war erleichtert. Vielleicht war der Bruder traurig, weil er eine Arbeit suchte? Ich erklärte Danny noch einmal, was sein Bruder genau heute machte. Und versprach ihm auch, dass, wenn alles heute klappen würde und sein Bruder eine Stelle bekam, dass er dann glücklicher wäre.

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Man, wie dusselig konnte man eigentlich sein? Hatte ich doch tatsächlich meine Brieftasche im Kindergarten liegen lassen! Mitsamt meinem Ausweis, meiner Fahrerlaubnis, meinen Kreditkarten und meinem Bargeld! Typisch! Und dabei hatte ich es heute doch eilig! Ich hatte mir extra etwas früher Schluss genommen und meine übrig gebliebenen Kinder an Mona, eine liebe Kollegin, abgegeben, damit ich eher gehen konnte. Meine Tante mochte es gar nicht, wenn man sich verspätete. Und ich war auf dem besten Wege, genau das zu tun. Und zwar schon zum zweiten Mal an diesem Tag!
Schnell lenkte ich also meinen Golf durch den Verkehr, da ich diesmal das Auto hatte nehmen müssen, weil meine Tante ein Stückchen außerhalb der Stadt wohnte. Sie hatte mich zum Kaffee eingeladen. Sandy, meine kleine Cousine, freute sich immer riesig, wenn ich zu Besuch kam.
Ah! Da war ja eine Parklücke! Zufrieden nickend, da man rund um den Kindergarten eigentlich kaum einen Parkplatz fand, weil man hier wohl mit so etwas gespart hatte, damit die Kinder nicht unnötig gefährdet werden, schaltete ich den Blinker ein und wollte gerade ansetzen, einzuparken, als ich ein anderes Auto wahrnahm, welches in exakt diesem Moment aus dem Nichts aufzutauchen schien und in meine Parklücke fuhr. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Ich hatte es eilig! Und dann kam da irgendso ein Lackaffe hier an und nahm mir einfach so meine Parklücke weg!
Sauer, wie ich war, parkte ich meinen Wagen direkt neben dem des Blödmanns, sodass dadurch zwar die Straße halb versperrt war, aber auch der Typ nicht mehr aussteigen konnte, da ich zu dicht herangefahren war. Tja, hier war ja sonst nirgends ein Parkplatz frei und ohne Papiere fuhr ich bestimmt nicht so eine Strecke bis zu meiner Tante!
Ohne den Kerl auch nur eines Blickes zu würdigen, da es sowieso schon knapp von der Zeit werden würde, sprintete ich aus meinem Auto und rein ins Gebäude, wo ich schnell im Erzieherzimmer ankam, das leer und verlassen war, mein Portmonee schnappte und wieder zurück hastete. Doch traf mich der Schlag, als ich nun doch in das Auto blickte, da es sich irgendwie nicht vermeiden ließ, und ich dort tatsächlich den jungen Mann von heute morgen aus dem Coffeeshop mit rauchendem Kopf und wütendem Blick sitzen sah. Er hatte auch auf der anderen Seite nicht aussteigen können, weil dort ein Baum stand.
Leicht durcheinander, da ich nicht damit gerechnet hatte, diesen Stinkstiefel so schnell wiederzusehen, stieg ich in mein Auto ein, warf Mr. Angry ein entschuldigendes Lächeln zu und machte, dass ich davon kam.
Unterwegs kreisten meine Gedanken immer noch um diesen Typen und unsere beiden Begegnungen heute. Aber die Frage, die mich wohl am meisten beschäftigte, während ich Richtung meiner Tante fuhr, war: Was hatte dieser Kerl in einem Kindergarten zu suchen, wo er doch nicht viel älter als 19 oder 20 sein konnte?

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Der Nachmittag bei meiner Tante war so schön wie auch anstrengend gewesen. Die kleine Sandy war traurig, weil sie keine Karten mehr bekommen hatten für ein ganz besonderes Weihnachtsstück, bei dem Tiney aus der beliebten Kinderserie mitspielen sollte. Ich versuchte die ganze Zeit, sie aufzuheitern und erreichte dies nur, indem ich ihr eines der sprechenden Plüsch-Tineys zu Weihnachten versprach. Ich würde ganz persönlich mit dem Weihnachtsmann sprechen und dafür sorgen, dass er mir einen für sie gab.
Meine Tante nahm mich nachher beiseite und teilte mir mit, dass sie seit etwa zwei Wochen versuchte, eben dieses Spielzeug zu kaufen, nur sei es nirgendwo mehr zu bekommen. Scheiße! Was hatte ich mir da wieder eingebrockt! Aber die strahlenden Augen von Sandy konnte ich doch einfach nicht enttäuschen!
Am nächsten Tag - ich musste mich durch ein ordentliches Schneetreiben kämpfen - war ich wieder hart an der Grenze zum Zuspätkommen. Aber ich schaffte es doch noch rechtzeitig und im Morgenkreis brachte ich den Kindern "Advent, Advent, ein Lichtlein brennt" bei, damit sie ihren Eltern am kommenden Sonntag - dem zweiten Advent - etwas vorsagen konnten.
Schon von alleine lief danach Danny zu mir und ich nahm mir vor, ihn gleich in eins der Spiele mit einem der anderen Kinder zu integrieren. Aber vorher musste ich wissen: "Na, hat dein Bruder nun einen Job?"
Sein Lächeln flatterte kurz, wie als hätte er gerade an etwas völlig anderes gedacht und er machte eine Kopfbewegung, die sowohl ein Nicken als auch ein Kopfschütteln hätte sein können, aber in seinem Kinderkopf gab es gerade Wichtigeres: "Ich hab Tiney gesehen!"
"Ah du warst im Weihnachtstheater?"
Er nickte eifrig. Es war unheimlich schwer, an Karten zu kommen. Sein Bruder musste sich angestrengt haben. "Ich hab gedacht, du hast gelogen."
"Was meinst du?"
"Rick war nicht glücklich, als er mich abgeholt hat. Er war ganz wütend. Er hat das böse A-Wort gesagt."
"A-Wort?"
Danny beugte sich vor und flüstere mir ins Ohr: "Arschloch."
"Oh! Das ist wirklich ein böses Wort." Anscheinend war das Vorsprechen doch nicht gut gelaufen...
"Aber dann hat er gesagt, es gäbe eine Überraschung! Und er ist mir mir zu Tiney gefahren!"
Ich lächelte Danny an und motivierte ihn, mir den Inhalt des Stückes zu erzählen, aber schließlich riet ich ihm: "Sag deinem Bruder, dass er beim nächsten Vorstellungsgespräch sicher mehr Glück hat."
"Wieso?"
"Damit es beim nächsten Mal klappt."
"Hat es doch schon dieses Mal!"

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