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Persönlicher Engel gesucht Teil 3
Teil: 3/3 +Epilog
Leise ein paar Weihnachtslieder summend, schmückte ich noch den letzten der Bäume, die in den Ecken des Raumes aufgestellt worden waren. Es gab zwei besonders große, die an den Seiten der improvisierten Bühne standen, aber die hatten wir gestern nach Feierabend schon vorbereitet und geschmückt. Die Bühne war noch nicht ganz fertig. Ein schwerer, roter Vorhang, der vom Theater ausrangiert und an uns überreicht worden war, musste noch aufgehangen werden. Aber das wollte ich mit der Hilfe von Dannys Bruder machen, der ja auch bald eintreffen musste. Und in eben diesem Moment, als ich dies dachte, hörte ich hinter mir eine freudige Kinderstimme "Ewan!" rufen und kaum, dass ich mich umgedreht hatte, hatte ich auch schon Danny um den Hals. Lachend drückte ich den Kleinen an mich. "So, kleiner Mann, hast du mir deinen Bruder mitgebracht? Ich kann ihn hier noch gebrauchen", meinte ich zu ihm. Eifrig nickte der Junge. "Ja, er steht dort hinten!" Mit seinen kleinen Händen zeigte er in Richtung der Tür, die allerdings von Danny verdeckt war, da dieser sich immer noch an mich klammerte. Vorsichtig setzte ich ihn ab und wandte meinen Blick der Tür zu, doch was ich in diesem Moment sah, traf mich härter als ein Faustschlag in den Magen. "Sie?", krächzte ich. "Sie sind Dannys Bruder?!?" Stand da doch tatsächlich der ungehobelte Typ, der mein Leben die letzten Tage so umgekrempelt hatte, vor mir. So viele Zufälle auf einmal konnte es doch gar nicht geben, oder? "Ewan!", fietschte da auch schon wieder Danny, der seinen Bruder gerade herangewinkt hatte, welcher nun auch langsam auf uns zugeschlendert kam und mich mindestens genauso überrascht anstarrte. "Du willst also doch Ricks Engel sein?", fragte mich der Kleine überglücklich. Da wurde ich mir erst meiner gegenwärtigen Situation bewusst. Ich trug das Engelskostum samt Flügel und Heiligenschein. Noch dazu hatten die anderen Kindergärtnerinnen darauf bestanden, mir ein bisschen Glitzerpuder ins Gesicht zu schmieren, da das zum Outfit gehörte und sie das auch machten. Wie lächerlich musste ich eigentlich aussehen? "Soso", meinte Rick dann, als er bei uns angekommen war, "Sie sind also Dannys sagenumwobener Kindergärtner? Und wie war das mit dem mein Engel sein?" Sein Gesicht war nicht deutbar. Ich wusste nicht, was in dem anderen in diesem Moment vorging. Doch spürte ich, wie ich augenblicklich rot wurde. "Sagenumwoben?", brachte ich nur hervor. "Ähm, könnten Sie mich bitte einmal ins Erzieherzimmer begleiten? Ich denke, wir müssen da einiges klären." An Danny gewandt sprach ich weiter: "Und du, kannst du in der Zeit bitte zu Monika gehen? Schau, sie schmückt dahinten gerade ein paar Zweige. Vielleicht kannst du ihr ja dabei helfen?" Freudig lächelnd machte sich Danny auch sogleich auf den Weg und ließ seinen Bruder und mich allein zurück. Sofort drehte ich mich um und schlug den Weg zum Erzieherzimmer ein, nicht darauf achtend, ob Rick mir folgte. Doch dort angekommen, merkte ich, dass er tatsächlich mitgekommen war und mich nun abwartend und fragend ansah. Ein bisschen Spot, wohl wegen meinem 'hinreißenden Outfit', sprach auch aus seinem Blick. Nun würde also das große Gespräch kommen und ich fürchtete, dass es wieder in einem heftigen Streit enden würde. Doch das wollte ich nicht, jetzt, wo ich wusste, dass dies Dannys Bruder war. Schon allein Danny zuliebe nicht. Doch auch wegen Rick nicht. Hatte der sich zwar mir gegenüber bei jeder ihrer Begegnungen wie ein Arschloch aufgeführt - wo ich selbst aber auch nicht besser war - so war das Bild Ricks, das in meinem Kopf aufgrund der Erzählungen Dannys entstanden war, ein ganz anderes. Danach gehend, war Rick ein sensibler Mensch, der sich ungeliebt und einsam fühlte. Vielleicht verhielt er sich gerade deswegen so arrogant, um sich selbst zu schützen vor jedweder Enttäuschung? Vielleicht baute er deshalb nach außen hin das Bild eines unnahbaren, unfreundlichen, jungen Mannes auf? Mit neuem Tatendrang ging ich nun an die Sache. Ich wollte herausfinden, wie der Mann vor mir wirklich war. Und noch schlimmer als ihre bisherigen Begegnungen konnte diese gar nicht ablaufen. "Nun? Sie haben mich gebeten, Sie hierher zu begleiten?", begann mein Gegenüber das Gespräch. Er schien heute auch nicht so angriffslustig zu sein wie sonst. Das überraschte und erleichterte mich gleichzeitig, weil mein Vorhaben dadurch vielleicht leichter zu realisieren war. "Ja, ich denke, dass es zwischen uns in letzter Zeit zu einigen Missverständnissen und unglücklichen Situationen gekommen ist, die unsere Beziehung negativ beeinflusst haben. Aber da wir beide in engem Kontakt zu Danny stehen, sollten wir das hinter uns lassen, da das das Beste für den Kleinen wäre. Ich denke, es wäre nicht gut, wenn sich sein Bruder, der sich augenscheinlich um ihn kümmert, und sein Kindergärtner sich nicht riechen können", erklärte ich und hoffte, dass er mir zustimmen würde. Erleichtert registrierte ich ein Nicken seinerseits. "Sie haben Recht. Wahrscheinlich haben wir uns beide nicht ganz richtig verhalten", lenkte Dannys Bruder zu meiner großen Verwunderung ein. Auch ich nickte nun. "Das mit dem Kaffee damals tut mir leid. Das mit dem Zuparken auch. Und dass ich Sie in der Bank so angegangen bin auch. Und im Spielzeugladen", beendete ich meine Liste an Entschuldigungen und konnte mir ein Grinsen nicht mehr verkneifen. "Mir tut es leid, dass ich Sie wegen dem Kaffee so angeschnauzt habe - das hätte schließlich jedem passieren können - und dass ich Ihnen den Parkplatz weggenommen habe und dass ich Sie so auf die Schippe genommen habe in der Bank - wobei der Jingle von Ihnen besser klang als das Original - und dass ich Ihnen den letzten Tiney weggeschnappt habe", grinste nun auch er. "Frieden?", fragte er und reichte mir die Hand. "Frieden", erwiderte ich und ergriff seine Hand. Das Eis war gebrochen. "Ach, und nennen Sie mich Richard oder Rick, wie Sie mögen", fügte er noch an. "Gut, Rick, ich bin Ewan", meinte ich und freute mich, dass das doch besser lief, als ich mir das vorgestellt hatte. "Du hast ein schickes Kostüm an", grinste mich Rick frech an. Mensch, der konnte ja richtig offen und mehr oder weniger nett sein! Mit spitzen Fingern zupfte ich an den Seiten meines langen weißen Gewandes herum. "Ja, ich finde mich darin auch wahnsinnig attraktiv. Ab jetzt werde ich das als Alltagskleidung nehmen", erwiderte ich und wir fingen beide an zu lachen. Mein Gegenüber wurde mir immer sympathische und ich fragte mich, warum in drei Teufels Namen wir uns die ganze Zeit so unmöglich aufgeführt hatten, wo wir uns doch jetzt so prima verstanden? Als wir uns wieder beruhigt hatten, meinte er: "Ich denke, ich bin hier, um noch ein bisschen mit zu helfen? Oder irre ich mich da?" "Nein, ganz und gar nicht. Also dann, ran ans Werk", antwortete ich und ging voran, wieder in den großen Saal. "Wir müssen nur noch den Vorhang aufhängen, dann ist alles fertig." "Kein Problem." Es war, als würden wir uns schon länger kennen und hätten ein gutes Verhältnis zueinander. Irgendwie erinnerte ich mich in diesem Moment wieder daran, was ich gedacht hatte, als ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Ja, ich fand ihn immer noch sehr attraktiv und anziehend. Jetzt vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, mit seiner freundlichen Art und in legereren Klamotten - Jeans und schwarzer Pullover. Wieder im Saal ging ich zielstrebig in Richtung Bühne, wo ich vorher schon die Leiter aufgestellt hatte. Ich schnappte mir den schweren Vorhang, um ihn oben auf der Stange einzufädeln und bat Rick: "Kannst du bitte die Leiter halten, während ich oben bin?" "Aber sicher", meinte er und stellte sich in Position. Ich kletterte die ersten Stufen hinauf und schaute zurück, um zu sehen, dass Rick die Leiter sehr gewissenhaft hielt. Nachdem ich ein paar weitere Stufen erklommen hatte, blieb ich stehen und begann mit dem Auffädeln. "Nette Aussicht", hörte ich es unten murmeln und in diesem Moment fiel mir siedendheiß ein, dass ich unter meinem nachthemdartigen Gewand nur eine Boxershorts und sonst nichts trug. Völlig aus dem Konzept gebracht, ließ ich den schweren Vorhang aus Versehen fallen, der direkt auf Rick fiel und diesen unter sich begrub. Aus jeder Richtung kam uns Gelächter entgegen und ein paar meiner Kolleginnen eilten uns zur Hilfe, während Rick immer noch tapfer, trotz seiner misslichen Lage, die Leiter hielt. "Na, Ewan, du siehst aus, als könntest du einer Tomate Konkurrenz machen", meinte Ina frech grinsend. "Das hat nicht zufällig mit diesem hübschen jungen Mann hier zu tun?" Ooh, wie gerne hätte ich sie doch in diesem Moment erschlagen! Konnte es eigentlich noch peinlicher werden? Vor meinen Kolleginnen war es ja nicht so schlimm - die wussten schließlich schon, seit ich hier begonnen hatte zu arbeiten, von meiner Homosexualität - aber vor Rick... Und wie es schien, hatte er das alles auch noch mitbekommen, so breit grinsend wie er nun da unter mir stand und wohl immer noch die 'nette Aussicht' genoss. Konnte es sein...? Aber nein. Schnell verbat ich mir diese Gedanken. Das wäre ja auch zu schön gewesen. Mürrisch vor mich hinbrabbelnd, forderte ich den Vorhang zurück, um ihn endlich ordentlich aufzuhängen. Sollten sie sich doch alle über mich lustig machen! Schließlich war ich auch damit fertig, worüber ich auch mehr als froh war, denn ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, von Rick angestarrt zu werden. So kletterte ich die Leiter also endlich wieder herab und sah mich mit einem grinsenden Rick konfrontiert. "Hey, also, deswegen brauchst du dich nun wirklich nicht zu schämen", meinte er beschwichtigend und hob schützend die Hände, da ich wohl schon wieder so aussah, als würde ich im nächsten Augenblick auf ihn losgehen. Doch nun konnte selbst ich mein eingeschnapptes Getue nicht länger beibehalten und stimmte in sein Grinsen mit ein. "Das war aber auch unfair, mir sowas an den Kopf knallen, wo ich doch schwer am Arbeiten war!" "Meine Strafe habe ich aber schon bekommen", meinte er und deutete auf den Vorhang. Ich musste schmunzeln. Ja, das sah wirklich putzig aus, wenn ich mich so im Nachhinein daran erinnerte, wie er darin eingehüllt dastand. "Ewan!", wurde ich da auch schon wieder von Monika, neben der Danny lief, aus meinen Gedanken geschreckt. "Die ersten Eltern mit Kindern im Schlepptau sind gleich da! Mach dich bereit!" Ich nickte ihr zu, dass ich verstanden hatte. "Tut mir leid, aber ich muss jetzt an die Tür und unsere werten Gäste empfangen. Sehen wir uns nachher noch mal?", fragte ich hoffentlich nicht allzu hoffnungsvoll. Man musste es ja nicht gleich so offensichtlich machen, dass man den anderen doch recht interessant fand. "Sicher", antwortete er zu meiner Erleichterung. "Ich halte dir einen Platz neben mir frei", meinte er, was mich doch ein wenig baff machte. Also damit hatte ich nun nicht gerechnet. Lächelnd drehte er sich um und ging mit Danny an der Hand, auf den er liebevoll einredete, zu einer Reihe ziemlich weit hinten. Irgendwie glücklich und gespannt, wie es weitergehen würde, machte ich mich auf den Weg zur Tür, wo auch wirklich gerade die ersten Kindern mit ihren Anhängseln eintrudelten, die ich sofort begrüßte. Eine halbe Stunde später waren schließlich alle da und ich fertig mit meiner Funktion als Begrüßungskomitee. Also begab ich mich zu den anderen Erzieherinnen und sprach mit ihnen noch einmal fix das Programm ab. Meine Gruppe sollte als letztes mit ihrem Programm dran sein. So begab ich mich also zurück zu Rick, dabei die Kinder, die in den vordersten Reihen saßen, aufmunternd anlächelnd. Ein paar von den Kleinen waren schon fleißig damit beschäftigt, die Plätzchen, die wir alle zusammen gestern noch gebacken hatten, an die Elternschar zu verteilen. "Na, da bist du ja", meinte Rick zu mir, als ich mich in den Stuhl neben ihm fallen ließ, "ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr und ich habe den Platz umsonst freigehalten." Ich schmunzelte. "Keine Sorge. Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich das für gewöhnlich auch." "Das beruhigt mich ja." "Sag mal", sprach ich ihn an, dabei ernster werdend, da ich ihn etwas fragen wollte, was mir schon länger auf der Seele brannte, "ich möchte dir ja nicht zu nahe treten oder so, aber ich frage mich, warum gerade du deinen Bruder groß ziehst. Das ist ja nicht gerade gewöhnlich." Ein Schatten huschte über sein Gesicht und ich bereute es sogleich, gefragt zu haben, doch er gab mir keine Sekunde später eine Antwort: "Unsere Mutter ist bei Dannys Geburt gestorben. Ich war damals 15. Unser Vater hat sich von da an noch mehr in die Arbeit gestürzt und war immer seltener zuhause, stängig auf Dienstreise. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wir sehen ihn nur zwei-, dreimal im Jahr. Danny habe ich eigentlich so ziemlich alleine groß gezogen. Ich hänge sehr an ihm, aber dadurch, dass ich mich ständig um ihn kümmern muss, ist es ganz schwer, gesellschaftliche Kontakte zu knüpfen. Von Arbeit ganz zu schweigen. Dieses Jahr habe ich mein Abi gemacht. Aber danach habe ich keine Lehrstelle gefunden, die es mir ermöglicht, zumindest halbtags bei meinem Bruder zu sein, da die Kindergärten auch nicht ewig auf haben. Also sind wir vor ein paar Wochen hierher gezogen, weil ich mich bei der Bank hier beworben und meine Lage geschildert hatte und der Chef einverstanden war, mich einzustellen nach einem Vorstellungsgespräch. Und so sind wir eben hier gelandet." Er schaute mich mit verschleierten Augen an, wahrscheinlich selbst überrascht, dass er mir soviel von sich preisgegeben und erzählt hatte. So war das also. Das erklärte natürlich einiges. Nachdenklich blickte ich ihn an. "Sag mal", meinte er dann, um wieder auf ein anderes Thema zu lenken, "was hast du jetzt eigentlich wegen diesem Plüsch-Tiney gemacht? Du brauchtest ihn ja auch so dringend. Hast du ihn noch bekommen?" Ich schüttelte grinsend den Kopf. "Nein, ich hab selbst einen gebastelt. Den bekommt meine Cousine dann zu Weihnachten. Bin gespannt, wie sie ihn findet", berichtete ich stolz. Ein warmes Lachen drang an meine Ohren. "Du hast selbst einen gemacht? Und wie willst du den sprechen lassen?", grinste er mich an. "Ganz einfach", erläuterte ich, "du hast wohl noch nichts von meinen bauchrednerischen Künsten gehört oder wie? Die sind weltberühmt!" Absolut ernst schaute ich ihn an, was ihn nur noch mehr zum Lachen brachte und mich schließlich ansteckte. Wir hatten uns noch nicht richtig beruhigt, als das Programm auch schon losging und die erste Erzieherin mit ihrer Gruppe auf die Bühne trat und sie 'performten'. Gespannt verfolgten wir das Treiben und ich war froh, dass alles so reibungslos klappte. Eine Gruppe nach der anderen absolvierte ihr Programm. Wir sahen Tänze, kleine Schauspiele, hörten Weihnachtslieder und -gedichte. Schließlich gab mir Monika ein Zeichen, dass wir als übernächste dran wären. Mit einem Nicken verabschiedete ich mich schnell von Rick und machte mich auf den Weg hinter die Bühne, unterwegs meine Truppe einsammelnd. Immerhin musste ich die kleinen Racker ja noch fertig machen. Fix gab ich jedem sein Kostüm, das sie schnell und mittlerweile schon geübt überstreiften. Nur bei einigen musste ich noch mithelfen. Dann war es auch schon so weit - unser großer Auftritt kam und ich war mindestens genauso aufgeregt wie meine Kleinen, hatten wir doch schließlich Wochen lang daran gearbeitet. So betrat ich also die Bühne und begann meine Ankündigung: "Meine Damen und Herren, liebe Eltern, liebe Kinder, ich möchte Ihnen heute die wohl talentierteste Schauspielergruppe der Nation vorstellen, die Sie die nächsten Minuten mit ihrem Stück 'Rudolph - Das Rentier mit der roten Nase' beglücken wird - ich bitte um einen donnernden Applaus für die Gruppe Sonnenschein!" Als der Applaus dann einsetzte, verkrümelte ich mich schnell hinter die Bühne und bewachte den Ablauf von da, schickte ein Kind nach dem anderen nach draußen und half aus, wenn der ein oder andere mal nicht mehr weiter wusste im Text. Danny war Rudolph und hatte somit die Hauptrolle. Mit seiner roten, aufgesetzten Nase und den leicht ängstlich dreinblickenden Augen sah er einfach nur zum Knuddeln niedlich aus. "Ich will da nicht raus", meinte er verzweifelt zu mir. "Ich kann das nicht!" Ich kniete mich zu ihm nieder und fasste ihn an den Schultern. "Doch, Danny, du schaffst das. Ich weiß, dass du das kannst. Du hast das so schön gemacht, als wir das gestern nochmal geprobt haben. Und du wirst deinem Bruder bestimmt eine riesige Freude machen, wenn du da jetzt rausgehst und allen zeigst, was für ein toller Rudolph du bist!", sprach ich beruhigend und Mut zusprechend auf ihn ein. Immer noch etwas unsicher blickte er mich an, nickte dann aber und umarmte mich noch einmal, bevor er schließlich auf die Bühne musste und so gut wie noch nie zuvor spielte. Ich war unsagbar stolz, als ein mächtiger Applaus am Ende des Stückes einsetzte. Zusammen mit meinen kleinen Sprösslingen ging ich auf die Bühne und wir verbeugten uns alle noch einmal ganz tief, was wohl ziemlich lustig ausgesehen haben musste, da wir das nicht synchron hinbekamen und es so doch recht durcheinander war. Als wir dann schließlich alle zusammen von der Bühne herunterkamen, verabschiedete sich jedes Kind aus meiner Gruppe noch von mir und ich gab jedem ein kleines Geschenkchen. Es war nichts besonderes - nur eine Tüte mit ein bisschen Schokolade und einem Tiney-Buntstift darin - aber anscheinend hatte ich meinen Kleinen eine Freude damit machen können. Lächelnd kam Rick auf mich zu, Danny an der Hand mit sich führend. "Danny hat gesagt, ihr habt noch ein Geschenk für mich?", sah mich Rick fragend an. Ebenso fragend sah ich nun Danny an, der mich jedoch nur angrinste. Oh Gott, ich ahnte Schlimmes! Die Engel-für-Rick-Geschichte! Aber bevor der Kleine auch nur eine Attacke starten konnte, schnappte ich mir lieber ganz schnell Rick, um ihm das draußen fix zu erklären, denn ich befürchtete, dass es peinlich werden könnte, wenn ich das nicht tat. So zog ich also Rick an der Hand hinter mir her, da ich ihm das auch nicht hier drinnen vor den anderen Leuten erklären wollte, obwohl es mittlerweile doch schon ziemlich leer geworden war. An der Tür blieb Rick plötzlich abrupt stehen und schien wie aus einer Trance erwacht, als er mich fragte: "Was wird das denn? Wohin gehen wir?" Ich schaute ihn an und suchte nach Worten, wollte ihm klarmachen, dass ich ihm das draußen erzählen würde, als ich auch schon hinter uns ein Räuspern vernahm und danach Ina mit einem breiten Grinsen im Gesicht sagen hörte: "Du, Ewan, ihr steht unter einem Mistelzweig." Und tatsächlich. Ich blickte nach oben und über uns, am Türbrett festgepinnt, hing ein Prachtexemplar von einem Mistelzweig. Freudig klatschte Danny, der uns gefolgt war, in die Hände und rief: "Ihr müsst euch küssen! Ihr müsst euch küssen! Ewan will doch Ricks Engel sein!" Hatte der Kleine also doch besser aufgepasst als gedacht, als ich meiner Gruppe von Weihnachtsbräuchen berichtet hatte... Etwas verdutzt blickten Rick und ich uns an. Ach Herr Gott! Das war dann also der peinliche Moment, den ich verhindern wollte! Aber noch peinlicher konnte es schließlich gar nicht werden. Also kratzte ich meinen ganzen Mut zusammen und überbrückte die kurze Distanz zu ihm, um ihm einen kleinen Kuss auf seine Lippen aufzuhauchen. Überrascht schaute er mich an. Dann formte sich ein breites Grinsen auf seinen fein geschwungenen Lippen. "Das war es schon? Unter einem Kuss verstehe ich aber etwas anderes!", meinte er provokativ und nur einen Herzschlag später fühlte ich seine Lippen auf den meinen, die mich ganz zärtlich umschmeichelten und mir die Luft zum Atmen raubten. "Mein ganz persönlicher Engel?", fragte er dann hoffend, ganz nah an meinen Lippen. Ich nickte leicht. "Dein ganz persönlicher Engel", wisperte ich und vereinnahmte seine Lippen erneut, während sich Danny an uns beide anschmiegte und uns umarmte. So viele Zufälle auf einmal - oder war es doch Schicksal? ~*+*~*+*~*+*~*+*~*+*~ |
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