Des Menschen Elf - Teil 1

Disclaimer: Meine beiden Schnuckel und alles, was in dieser Story vorkommt, gehören mir und entspringen meinen wirren Fantasien. Wer sich eine der Figuren ausleihen oder die Geschichte auf seiner Seite veröffentlichen möchte, der sollte mich vorher bitte fragen. Ich verdiene kein Geld oder sonst irgendetwas an dieser Story, es sei denn, jemand möchte mir unbedingt etwas dafür geben (nehm auch Liebesbriefe für meine Kleinen an); das schlag ich dann natürlich nicht aus.

Inhalt: Was passiert, wenn ein kleiner, naiver Elf in die Welt der Menschen kommt, um einer ganz bestimmten Person zu helfen?

Warning: Zucker

Danksagung/Widmung: Ich möchte mich bei einer ganz lieben Freundin bedanken, die mich dazu ermutigt hat, diese Story zu veröffentlichen und die mir ganz tolle Verbesserungsvorschläge unterbreitet hat - Peilless, meine Liebe, dieses Kapitel ist dir gewidmet!!! *knuddeldrück und nie mehr loslassen tu*

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1. Kapitel - Traum

In einer sehr alten Legende heißt es, dass in dem Moment, in dem ein Menschenkind das Licht der Welt erblickt, auch ein Elf geboren würde und dass diese beiden Wesen zeitlebens miteinander verbunden wären. Diese Elfen, so sagt die Legende, lebten in einem Reich, das für Menschen nicht greifbar sei, und würden von dort aus über das Leben ihres jeweiligen Menschen wachen. Nur selten griffen sie aber ein und wenn, dann erschienen sie nur in den Träumen, um ihren Schützlingen einen Rat zu geben und sie wieder auf die rechte Bahn zu lenken. Jedoch berichten manche Erdenbürger, sie hätten ihren Elf in der Stunde der Not gesehen, was von einem Teil des Volkes mit Staunen und vom anderen mit Unglauben aufgenommen wurde. Doch wie die meisten Legenden, so geriet auch diese in Vergessenheit und verlor sich in der langen und verworrenen Geschichte der Menschheit, welche sich von dem Übersinnlichen und allem, was sie nicht fassen konnte, immer weiter abwandte und somit die Elfen, die persönlichen Beschützer der Menschen, unter ihrem Unglauben begrub.

Finn war aufgeregt. Er lief schon seit Stunden in seinem kleinen Schlafraum auf und ab. Ein Wunder, dass sich noch keine Spuren eingegraben hatten. Er wartete auf die Nacht. Wenn er endlich wieder schlafen gehen konnte. Schlafen und träumen. Und somit auch endlich wieder seinen kleinen Menschen besuchen konnte. Eigentlich war es verboten, sich so oft in die Träume eines Menschen einzuschleichen. Aber Finn war das egal. Er konnte einfach nicht anders. Er war süchtig danach, seinen Schützling im Traum aufzusuchen und ihm ein wenig Freude zu bereiten, indem er ihn das sehen ließ, was dieser gerne sehen wollte und alle Albträume von ihm fernhielt. Schon in seiner Kindheit hatte er das gern gemacht, hatte gespürt, dass ihre Verbindung etwas Besonderes war. Keiner seiner Freunde, das wusste er mit Sicherheit, war so vernarrt in seinen Schützling wie er.
'Muss die Zeit so grausam sein und mich so warten lassen?'
Er warf noch einen letzten sehnsüchtigen Blick auf sein Bett, auf das er die ganze Zeit gestiert hatte, da es sein Portal zu seinem Kleinen war, und verließ dann doch mit einem Seufzen das Zimmer. Kaum hatte er einen Schritt aus seinem kleinen Wohnraum gemacht, da wuselten auch schon scharenweise andere Elfen um ihn herum. Einige trugen kranke und tote Blätter herum, gefolgt von denen, die gesunde in ihren Armen hielten; andere verteilten Früchte und Elfenbrot an die, die stehenblieben und sich nahmen; und noch andere führten kleine Elflinge an ihren Händen, mit denen sie im Palast und der Umgebung spazieren gingen. Alles in allem konnte man die Elfen in drei Gruppen unterteilen; die Elfen, die sich um Flora und Fauna auf der Erde kümmerten; die Elfen, die den Palast bewirtschafteten und in Stand hielten; und die Elfen, die die Elflinge, die kleinen Elfen, umsorgten und ihnen alles, was sie wissen mussten, beibrachten.
Finn gehörte zur ersten Gruppe, da er somit privilegiert war, die Welt der Menschen aufzusuchen. Er hatte sich praktisch um diese Aufgabe gerissen und hatte sie, trotz der zahlreichen anderen Anwärter, auch bekommen. Zwar hätte er sich auch liebend gern um die Elflinge gekümmert, doch war er dafür viel zu neugierig und zu interessiert an den Wesen, die sich auf der großen Erde tummelten. Allen voran an den Menschen, die er trotz seiner Arbeit jedoch nicht zu Gesicht bekam, da er in Wäldern und Wüsten, in Steppen und Tropen, in Ozeanen und Flüssen, in Teichen und Bächen seine Arbeitsplätze fand und daher nicht mit den Menschen in Kontakt kam.
Für heute jedoch hatte Finn sein Tagwerk schon verrichtet, da er besonders fleißig gewesen war, und hatte deshalb genügend Zeit, in die Bibliothek zu gehen, die sein zweites Zuhause geworden war, nachdem er festgestellt hatte, dass er hier viel über die 'Welt da unten', wie die Erde scherzhaft von den Elfen genannt wurde, erfahren konnte. Flink huschte er durch das Getümmel hindurch, was ihm nicht sonderlich schwer viel, da er es gewohnt war und es ihm auch durch seinen doch recht kleinen Körper, der selbst für einen Elf als ungewöhnlich klein galt, erleichtert wurde. Er kannte den Weg schon im Schlaf, so oft war er ihn schon gegangen und so war es nicht verwunderlich, dass er innerhalb weniger Minuten vor dem großen elfenbeinernen Portal stand, welches den Eingang zur unergründlich weiten Welt des Wissens bildete und ihn förmlich einsog in diese bereichernde Tiefe. Mit andächtig angehaltenem Atem schritt er den Hauptgang entlang, zu dessen beiden Seiten sich Sitzgelegenheiten und Tische, die als Arbeitsfläche dienten, befanden. So oft er nun schon hier gewesen war - er konnte es immer noch nicht fassen, wieviel Wissen hier gesammelt war, verteilt auf diese Millionen und Abermillionen an Büchern, die sich in dem runden, kuppelartigen Gebäude in den an den Wänden stehenden Regalen gen Himmel ragten. Es fiel ihm jedes Mal schwer, sich für eines dieser Werke zu entscheiden und so ging er einfach auf irgendeines der Regale zu, kletterte auf die Leiter, schloss die Augen und fühlte dann mit der rechten Hand über die Buchrücken, bis er das Buch gefunden hatte, das nach seiner Aufmerksamkeit gierte und sich seiner Hand entgegenschob. Er zog es heraus, öffnete die Augen und las den Titel "Die schönsten Kinder- und Hausmärchen" von den Gebrüdern Grimm. Mit einem Lächeln streichelte er über den Buchdeckel und stieg vorsichtig die Leiter hinab, um sich eine bequeme Sitzmöglichkeit zu suchen, die ein wenig von den anderen Lesern entfernt war.
Und so vergingen die Stunden. Finn versank vollkommen in seinem Buch, wie es immer geschah, wenn er etwas über die Menschen las. Bis ihn schließlich sein innerer Wecker aufschrecken ließ, da es nun endlich an der Zeit war, ins Bett zu gehen. Rasch hatte er das Buch an seinen angestammten Platz zurückgebracht, um dann so schnell er konnte in sein Zimmer zurückzurennen. Nach einem letzten, erleichterten Seufzer legte er sich in sein Bett und war nur wenige Minuten später eingeschlafen, darauf wartend, dass sein Schützling bald ins Land der Träume finden würde.

Jessie musste sich beeilen. Er war spät dran. Normalerweise ging er immer schon um neun ins Bett, da er sowieso nichts anderes zu tun hatte und er niemanden hatte, mit dem er etwas hätte unternehmen können. Doch das war nicht der einzige Grund für seine ungewöhnlichen Schlafgewohnheiten. Er freute sich, freute sich jeden Tag auf den Abend und sein Bett. Nur im Schlaf fühlte er sich so sicher und geborgen, wie er sich im realen Leben auch gern gefühlt hätte. Die Träume dienten ihm als Muse, als Inspiration für seine Arbeit, die er über alles liebte. Jessie hatte sich seinen Wunsch, den er schon seit frühesten Kindertagen hegte, erfüllt und arbeitete nun als freischaffender Schriftsteller von Kinderbüchern. Zwei hatte er bereits veröffentlicht und beide waren unter den Sprösslingen recht gut angekommen, sodass seine kleinen Fans nun gespannt auf das dritte Buch warteten, das sich gerade in Arbeit befand. Doch um weiterarbeiten zu können, musste er nun so schnell wie möglich ins Bett, um neue Ideen zu schöpfen.

Warum war er eigentlich noch so spät rausgegangen? Das fragte er sich selbst gerade zum fünften Mal. Nun ja, es war schönes Wetter gewesen und er hatte noch ein wenig im Park spazieren gehen wollen und hatte dabei, wie immer, wenn er das tat, die Zeit vergessen. Schon irgendwie absurd, dass er jetzt nur so hastete, damit er nicht viel später als neun Uhr im Bett sein würde. 'Als hätte ich ein Date', schoss ihm amüsiert durch den Kopf, was ihn grinsen ließ, 'ein Date mit meinen Träumen. Aber wenigstens überhaupt ein Date', dachte er dann leicht frustriert, denn im realen Leben hatte er schon ewig kein Date mehr gehabt. Nicht einmal Freunde hatte er bis jetzt in dieser großen Stadt, in die er erst vor wenigen Monaten gezogen war, gefunden. Aber so war das schon lang mit ihm gewesen; bei Freunden war er sehr wählerisch, da er von diesen absolutes Vertrauen und Ehrlichkeit erwartete, was er natürlich in gleichem Maße zurückgab. Doch war ihm hier noch niemand begegnet, der diese beiden Kriterien erfüllte, zumal er auch nicht sonderlich oft seine Wohnung verließ, nur zum Einkaufen und um im Park spazieren zu gehen.
Mit einem Kopfschütteln wischte er die trüben Gedanken weg und zog sich den Mantel fester um den Körper, da nun, im Herbst, die Temperaturen eindeutig zu fallen begonnen hatten. Bald wäre er zuhause, dort, wo es warm war und könnte sich in sein kuscheliges Bettchen mummeln, das er schon bis hier her nach ihm rufen hörte. Noch die eine einzige Kreuzung dort überqueren und er wäre da. Und so beschleunigte er noch einmal sein Tempo und betrat die Kreuzung, nachdem er kurz nach vorbeifahrenden Autos geschaut hatte. 'Gleich bin ich da' war sein letzter Gedanke, bevor er das Quietschen von Autoreifen hörte und es plötzlich dunkel um ihn herum wurde.

Mit einem Schrei und schweißüberströmtem Gesicht wachte Finn auf. 'Jessie!' war sein erster Gedanke. Irgendetwas musste passiert sein. Er hatte einen Schmerz im Schlaf gefühlt und dann absolute Leere, wo sonst immer dieses Gefühl von Verbundenheit und Anwesenheit des Anderen war. Weg. Er konnte ihn nicht mehr fühlen. Angst kroch in seinen Knochen hoch und ließ ihn zittern. Er musste etwas unternehmen. Seinem Jessie war etwas zugestoßen und er musste ihm unbedingt helfen, denn wenn er tot gewesen wäre, so wäre auch sein, Finns, Leben beendet gewesen.
Hastig fuhr er aus dem Bett hoch und stürmte aus seinem Zimmer. In seinem ganzen Leben war er noch nie so in den Palast gerannt. Nach wenigen Minuten schon stand er vor der hohen, mit silbernen Ornamenten verzierten Glastür, die den wichtigsten Raum des Palastes, den Muttersaal, verschloss. Zwei Elfen, die dort Wache hielten, sahen ihn überrascht an, meldeten ihn aber auf sein Drängen sogleich an, sodass er nur Sekunden später den Saal betreten konnte. Jedes Mal raubte ihm der Anblick dieses Saales den Atem ob seiner Schönheit, doch heute hatte er kein Auge dafür. Sein Blick konzentrierte sich auf den gläsernen Thron am anderen Ende des Saales, an dem sich Efeu hinaufrankte und auf dem, unergründlich lächelnd, die Mutter aller Elfen saß.
"Oh, Hohe Mutter, ich bitte Euch um die Erlaubnis, zu meinem Menschen auf die Erde zu fliegen, da er in großer Not ist", sprach Finn mit einer tiefen Verbeugung.
"Mein Sohn, du weißt, dass wir Elfen uns schon seit langer Zeit nicht mehr einmischen in das Leben der Menschen", schwebte die Stimme der Hohen Mutter glockenrein an Finns Ohr.
"Dieser Mensch ist etwas Besonderes, Hohe Mutter, das schwöre ich! Er ist anders als die meisten anderen, das kann ich Euch versichern", flehte er sie weiter an.
"Und woher willst du das wissen, kleiner Elf?", fragte sie, noch immer mit diesem seltsamen Lächeln auf den Lippen.
Finns Herz fing an zu rasen. Jetzt war wohl der Moment gekommen, in dem er beichten musste, dass er Jessie besser kannte, als er es eigentlich durfte. Aber das war es ihm wert; er riskierte, eine Strafe zu bekommen, nur um Jessie helfen zu können. "Hohe Mutter, ich weiß, es ist uns untersagt, aber ich besuche meinen Menschen schon seit langem in seinen Träumen. Unsere Verbindung ist etwas Besonderes, das spüre ich, Hohe Mutter. Bitte lasst mich ihm helfen!", bat er noch einmal verzweifelt.
Einige Sekunden, die Finn wie kleine Ewigkeiten vorkamen, herrschte Schweigen. Dann erklang wieder die klare Stimme der Elfin: "Es sei dir gestattet, mein Sohn. Doch merke dir, es wird eine Ausnahme sein."
Finn hörte ein lautes Getöse, als ein ganzes Gebirge von seinem Herzen fiel. "Danke, Hohe Mutter! Vielen Dank!", verneigte er sich immer wieder vor ihr und ging dabei rückwärts auf die Tür zu. Rasch verließ er den Saal und eilte wieder aus dem Palast hinaus, um dann in halsbrecherischem Tempo an den äußersten Rand des doch recht kleinen Elfenreiches zu hetzen. Dort war ein großer, freier Platz, der als Landebahn für diejenigen in seinem Volk diente, die einen Ausflug auf die Erde machten, so wie zum Beispiel die, die sich um die Pflanzen- und die Tierwelt kümmerten. Da Finn ja zu eben diesen gehörte, war er es gewohnt zu fliegen und so hatte er schon im Laufen seine Flügel gebildet, die ihm binnen Sekunden aus den Schulterblättern heraus gewachsen waren. Um diese späte Stunde war der Platz leer, sodass er sofort und ungehindert losfliegen konnte. Schnell hatten seine Flügel zu schlagen begonnen und ihn somit in die Lüfte befördert. Normalerweise genoss er es, zu fliegen, doch heute war das ganz anders. Heute hatte er keine Zeit, auf die Welt unter ihm zu achten, da er sich auf seine Verbindung zu Jessie konzentrieren musste. Nach dem ersten Schock und der Leere, die er in sich verspürt hatte, hatte er festgestellt, dass er ihn immer noch schwach spüren konnte. Und dieser Spur, die die einzige war, die er hatte, ging er nun nach.
Die Landschaft raste nur so an ihm vorbei. Auch viele Menschen überflog er, doch interessierte es ihn nicht, da die Angst und die Sorgen immer größer wurden.
Eine Stadt kam in Sicht und Finn spürte, dass er immer näher kam. Er fühlte Jessie immer noch nicht richtig, nur einen leisen Nachhall von ihm, auf welchen er sich nun noch stärker konzentrierte, damit er ihn fand. Autos, Häuser, Menschen zogen unter ihm vorbei und hätte ihn jemand sehen können, so hätte er nur einen Kondenzstreifen am Himmel erblickt. Doch Finn blieb ungesehen von jeglichem Auge, da Elfen für Menschen nicht sichtbar waren, es sei denn, sie wollten es.
Der Lärm der Stadt machte ihm zu schaffen. Er war es ruhig gewohnt, trotz der vielen Elfen, die sich im und um den Palast tummelten. Hier war es so laut, so ohrenbetäubend laut. Schnell blendete er jegliche Geräusche aus, um besser in seinem Innersten lauschen zu können.
Näher. Er kam immer näher. Langsam begann er zu sinken, damit er das Getümmel besser überblicken konnte. Irgendwie ahnte er schon, dass sein Jessie nicht unter diesen vielen Leuten dort sein würde. Trotz der mittlerweile herrschenden Dunkelheit hatte er keine Probleme etwas zu erkennen, da seine Augen selbst mit wenig Licht auskamen.
Er verringerte seine Geschwindigkeit und ließ sich treiben. Überall blinkten Lichter, an den Autos und auch auf den Häusern, die seinen Weg kreuzten. Dann erregte ein besonders hohes Gebäude seine Aufmerksamkeit. "Fichtenhain Hospital" konnte er in leuchtenden Lettern an der Fassade lesen. Er ließ seinen Blick über die zahlreichen Fenster schweifen, bis er schließlich an einem hängenblieb. Das war es. Hinter diesem Fenster lag ohne Zweifel sein Jessie.
Schnell hatte er die letzten Meter hinter sich gebracht und lugte nun durch das dicke Glas in das Zimmer hinein. Zwei Betten standen darin, doch nur eines war belegt. Und was er darin sah, ließ sein Herz für einen Moment das Schlagen vergessen - ein junger Mann, bis zum Kinn durch eine Decke verhüllt, aus dessen Mund ein Schlauch ragte, der in irgendeiner der neben ihn stehenden Maschinen endete, welche piepsende Geräusche von sich gab. Sein Jessie. Das war sein Jessie. Und ihm schien es gar nicht gut zu gehen, wenn er an so eine Maschine angeschlossen war.
Behände überwand er auch das letzte Hindernis und flog durch das einen Spalt breit geöffnete Fenster; was ihm nicht schwer fiel, da er in Elfenform nicht viel größer war als ein Insekt. Langsam schwebte er zu seinem Schützling hinüber, da er immer noch Probleme hatte, diese ganze Situation zu begreifen. Direkt vor ihm lag sein Jessie. Derjenige, dem er schon immer einmal begegnen wollte. Gott, wie oft hatte er sich ein Treffen mit ihm schon vorgestellt? Und nun war er hier, hier bei ihm und alles war ganz anders.
Über seinem Gesicht hielt er an. Ausführlich betrachtete er ihn. So oft hatte er ihn schon im Traum gesehen und doch kam der Jessie aus der Traumwelt lange nicht an das Original, das nun hier vor ihm lag, heran. Ein feingeschnittenes Gesicht, das nun von einer Schürfwunde auf der rechten Wange leicht verunstaltet wurde, mit zart geschwungenen Lippen, einer kleinen, geraden Nase und nun geschlossenen Augen, die durch akkurat gebogene Augenbrauen noch betont wurden, umrahmt von dunkelbraunen, leicht gewellten Haaren, die ihm fast bis auf die Schultern reichten.
Lange konnte Finn sich von diesem Anblick nicht losreißen, doch dann fasste er einen Entschluss. Er würde seinem Schützling helfen. Koste es, was es wolle. Jessie würde wieder gesund werden.
So landete er auf dem Boden neben dem Bett, atmete noch einmal tief durch und begann dann die Verwandlung zu Menschengröße. Noch nie hatte er dies getan, denn es war nie von Nöten gewesen. Bis jetzt.
Er spürte, wie sein Körper wuchs, wie sein Rumpf sich streckte, seine Gliedmaßen länger und sein Kopf größer wurden. Jeden einzelnen Finger konnte er wachsen fühlen. Sein ganzer Körper kribbelte. Schließlich war es vorbei und er keuchte erschrocken, als er in die Knie ging. Das war wohl anstrengender für ihn gewesen als angenommen. Tief durchatmend beruhigte er sich erst einmal wieder, bevor er langsam aufstand. Alles war nun so ungewohnt, gar nicht mehr so erdrückend groß. Doch hatte er nun weder die Zeit noch die Muße, sich seine Umgebung genauer zu betrachten. Mit zwei noch leicht wackligen Schritten stand er wieder am Bett seines Schützlings.
"Jessie", flüsterte er, während seine Hand sich verselbstständigte und dem verletzten jungen Mann über die unverletzte Wange strich. Hauchzart und wohl kaum spürbar fuhr er seine Gesichtskonturen nach, streichelte über die Lippen und die Augenbrauen und spielte kurz mit einer weichen Strähne, die sich in die Stirn Jessies verirrt hatte. Dann setzte er sich vorsichtig auf das Bett, umschloss mit seinen Händen Jessies Kopf und senkte seine Augenlider, um sich zu konzentrieren und seine Energie auf seinen Kleinen übertragen zu können. Leise vor sich hinmurmelnd fühlte er, wie er immer schwächer wurde und schlief nach einigen Minuten, in denen er einen Großteil seiner Energiereserven an seinen Schützling weitergegeben hatte, vor Erschöpfung ein.