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Des Menschen Elf - Teil 3
Disclaimer: siehe vorherigen Kapitel
Inhalt: siehe vorherigen Kapitel
Warning: Zucker
Danksagung/Widmung: Dieses Kapitel, das leider viel zu lang hat warten lassen, ist zwei Mensche gewidmet: meiner lieben Peilless (wie immer) *schmatz* und Stinalilaleinchen, die anders reagierte, als ich dachte (was würde du-weißt-schon-wer nur denken, wenn er das hier lesen würde? *grins*) *knuddel*
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3. Kapitel - Wirklichkeit
Trübes Wetter empfing sie, als sie das Krankenhaus verließen. Große graue Wolken zogen in raschem Tempo ihre Bahnen am Himmel und es war recht frisch, sodass Finn fröstelte in seinen dünnen Klamotten. Doch wirklich registrieren tat er dies nicht. Viel zu faszinierend war alles um ihn herum, als das er auf solch eine Kleinigkeit geachtet hätte. Mit großen Augen und offenem Mund war er stehengeblieben und sah den fahrbaren Kisten auf vier Rädern nach, die ein paar Meter vor ihnen, auf der anderen Seite des kleinen Krankenhausparkes, vorbeifuhren. Zwar hatte er von eben diesen schon gelesen und somit erfahren, dass diese für die Menschen in den letzten Jahrzehnten unerlässlich geworden waren, aber sie wirklich zu sehen, war dann doch etwas anderes. Natürlich hatte er sie auch schon auf seinem Flug vergangene Nacht erblickt. Allerdings hatte er ihnen da nicht wirklich viel Beachtung geschenkt, da er ja nach seinem Jessie hatte suchen müssen. "Phänomenal", war das Einzige, was ihm angesichts dieser Maschinen einfiel.
Jessie schmunzelte, als er Finns Gemurmel hörte und dessen Blick folgte, um somit herauszufinden, worauf sich sein Erstaunen bezog: Autos. Für Jessie war das ein gewohnter Anblick und nichts Neues mehr. Doch wenn er sich in Finn hineinversetzte und sich vorstellte, zum ersten Mal in seinem Leben einem Auto gegenüber zu stehen, da konnte er dessen Begeisterung gut nachvollziehen. "Davon wirst du noch einen ganzen Haufen zu sehen bekommen", meinte er zu ihm und merkte Finns leichtes Zusammenzucken, da er ihn aus seiner Betrachtung aufgeschreckt hatte.
Jessies Bemerkung erschreckte den kleinen Elfen regelrecht. Wie betäubt nickte er und zwang sich dazu weiterzugehen. So viele neue Eindrücke prasselten auf ihn hernieder, als sie den Park verließen und den Gehweg betraten. Die Kisten fuhren jetzt direkt vor ihnen lang und strömten einen nicht gerade gut riechenden Rauch aus, der Finns Nase belästigte, sodass er sie leicht kräuselte und das Gesicht verzog.
Auf dem Weg, auf welchem sie sich befanden, sah er Menschen gehen, die seinem Schützling und ihm selbst seltsame Blicke zuwarfen, die er nicht deuten konnte. Da waren alte Frauen, die den Kopf schüttelten, als sie sie ansahen, Mütter mit Kindern an der Hand, die auf den Weg auf der anderen Seite wechselten, Männer, die mit Taschen herumliefen und ganz in Schwarz gekleidet waren, die sie von oben herab anblickten. Er bemerkte gar nicht, dass er vor lauter Staunen und Betrachten schon wieder stehengeblieben war. Als Jessie ein paar Schritte aus dem Park herausgegangen war, wollte er sich gerade zur Seite drehen und seinen kleinen Begleiter fragen, was er denn schon alles über die Menschen wusste, als er feststellte, dass eben dieser schon wieder wie festgewurzelt dastand und den vorbeigehenden Passanten nachstarrte, die sie beide aufgrund seiner verdreckten, kaputten Klamotten und Finns seltsamen Outfit pikiert ansahen. Seufzend ging er zu ihm zurück und ergriff Finns Hand, die in seiner Hand beinahe wie eine Kinderhand aussah, so klein und zart war sie. Wenn der Elf ständig stehenblieb, kamen sie schließlich nie zuhause an und es würde sich auch ein andermal noch Zeit finden lassen, ihm alles zu erklären, was den Kleinen jetzt so verwirrte. Im Moment wollte er einfach nur nachhause. "Komm, Finn, gehen wir heim", meinte er also zu ihm und zog ihn vorsichtig mit. Finn spürte, wie Jessie seine Hand ergriff und nickte wieder automatisch auf seine Worte. Er war wie betäubt von den vielen unbekannten Dingen, die er hier sah. Er ließ sich willenlos mitziehen und war recht froh um die Hand, die ihn hielt, weil er wusste, dass er sonst sicher wieder stehengeblieben wäre. Direkt vor ihnen ragten hohe gläserne Häuser in den Himmel, zwischen denen kleinere Gebäude standen. Finn kam sich auf einmal ganz klein und hilflos vor, als er sich das und die vielen Menschen um ihn herum betrachtete. So viele Leute drängelten sich hier auf diesem Weg, dass er kaum einen länger als fünf Sekunden betrachten konnte, bis dieser schon wieder im Gewühl verschwunden war. Plötzlich wurde er unsanft angerempelt, sodass er es nur Jessies Griff zu verdanken hatte, dass er nicht hingefallen war. So schnell wie diese unfreundliche Person gekommen war, so schnell war sie auch schon wieder verschwunden, ohne sich auch nur zu entschuldigen. Endlich kamen sie einigermaßen voran, allein das Gedrängel der anderen Passanten hinderte sie daran, noch schneller zur Bushaltestelle zu gelangen. Heute war Samstag, deswegen war die halbe Stadt auf der Straße. Da bemerkte er, wie Finn sich an seine Hand klammerte, weil er geschubst worden war. Er hatte den Griff nicht gelöst und hatte es auch nicht vor, weil er den Kleinen nicht verlieren wollte. Auch wenn sie beide wohl ziemlich obskur aussahen - das war ihm in diesem Moment vollkommen egal. Sollten die anderen doch denken, was sie wollten. So zog er Finn noch ein Stück näher an sich heran, damit er nicht wieder gestoßen wurde. Finn murmelte ein leises "Danke", von dem er nicht wusste, ob es bei Jessie überhaupt ankam. Mit staunend geöffnetem Mund ging er weiter neben diesem her und konnte gar nicht alles verarbeiten, was ihn so beeindruckte. Sein Kopf war gleichzeitig so überschwemmt, aber vor so vielen ungeordneten Eindrücken und Gedanken auch wieder so leer wie noch nie. Da! Noch ein paar Schritte und sie würden endlich die Bushaltestelle erreichen. Jessie beschleunigte noch einmal ihr Tempo, sofern dies möglich war. Erleichtert seufzte er, als sie schließlich bei dem gelb-grünen Halteschild ankamen. Jetzt musste nur noch ihr Bus kommen. Fast prallte Finn gegen Jessies Rücken, als dieser plötzlich anhielt. "Sind wir da?", fragte er den um einiges Größeren und blickte sich aufmerksam um. Mehrere Menschen standen um sie herum, die sie wieder einmal komisch anblickten. Und dann war da noch ein Schild, auf dem ein großes "H" stand. 'Steht das vielleicht für 'Hilfe'?' Jessie schmunzelte. Es war einfach zu niedlich, wie der Elf staunend seine Umwelt betrachtete. 'Wie ein kleines Kind...' "Nein, wir warten nur auf den Bus, der uns dann nachhause bringt", erklärte er, ganz vergessend, dass Finn sicherlich nicht wusste, was ein Bus war. "Bus?", fragte Finn auch sogleich nach. An dieses Wort konnte er sich nicht erinnern. 'Oder hab ich das überlesen?', zweifelte er an sich selbst. Gedanklich schlug sich Jessie vor die Stirn. 'Woher soll der Kleine auch wissen, was ein Bus ist?' "Ein Bus ist so etwas wie ein Auto", dabei zeigte er auf die Autos, die an ihnen vorbeifuhren, "nur noch viel größer und länger. Da passen mehr Menschen rein und jeder kann da mitfahren für ein bisschen Geld, weil es öffentlich ist", erläuterte er und hoffte, dass es verständlich war. Finn verarbeitete die Informationen und nickte dann wieder. Hatte er nicht vorhin so etwas gesehen? Da! Da war so etwas, das größer und länger war als ein normales Auto! Und da stand sogar ein Mann hinten drauf! "So was da? Ist das ein Bus?", zeigte er fragend auf das Objekt, das ihm ins Auge gesprungen war. Jessie musste lachen, als er sich vorstellte, da mitfahren zu müssen. "Nein, das ist ein Mülltranporter. Der ist zwar größer und länger als so ein Auto, aber der dient dazu, den Müll der Menschen abzuholen und fortzubringen. " Noch komplizierter wollte er es nicht erklären und schon gar nicht von Mülltrennung und Recycling anfangen. Das wäre dann wohl doch zu weit gegangen. Als er in die Richtung sah, aus der ihr Bus kommen müsste, erblickte er eben diesen, der gerade um die Kurve gefahren kam. "Das dort", zeigte er darauf, "das ist ein Bus. Und so, wie es aussieht, ist das auch unser Bus." 'Mülltransporter', wiederholte Finn in Gedanken, 'wieder ein neues Wort gelernt. Also, unsere Bücher über die Menschen müssen ziemlich veraltet sein, wenn ich darüber nichts gelesen hab.' Doch dann kündigte Jessie den Bus an, mit dem sie nun nachhause, wo auch immer das sein würde, gelangen wollten. Das Gefährt hielt direkt vor ihren Nasen und im nächsten Moment wurde Finn von seinem Menschen zu der sich öffnenden Tür gezogen. "Stadtverkehr", meinte Jessie auch sogleich zu dem mürrisch dreinblickenden Busfahrer, der sie mit in Falten gelegter Stirn und hoch gezogener Augenbraue ob ihrer seltsamen Aufmachung anschaute, "ein Erwachsener und...", blickte er auf Finn, "ein Jugendlicher." Jessie selbst war schon nicht sehr groß, höchstens so 1,75 m, aber Finn dagegen... Der ging ihm gerade mal bis kurz über die Schulter. Und auch sein Gesicht sah noch sehr jung aus, so dass der Busfahrer augenscheinlich keine Zweifel hatte, dass vor ihm wirklich ein Jugendlicher, wenn auch ein besonders durchgeknallter, stand und Jessie schnaufend die Tickets überreichte. Als Finn diesen komischen Mann erblickte, mit dem Jessie da gerade sprach, hätte er sich am liebsten sofort wieder vor seinen Kleinen gestellt, so böse schaute dieser Mann seinen Schützling an. Doch dauerte es nur einige Sekunden, bis Jessie ihn weiterzog, weg von dem Mann, und weiter in den Bus hinein, den Gang entlang, der von Sitzen umsäumt war. Ein paar Leute saßen schon da und beäugten sie, wie alle eigentlich bis jetzt, recht seltsam, so dass sich Finn nicht wirklich wohl in seiner Haut fühlte. Sie setzten sich schließlich auf einen Platz in der hinteren Hälfte. Jessie überließ ihm sogar den Platz am Fenster, so dass Finn auch gleich wie gebannt hinausstarrte und versuchte, sich einige Fragen zu merken, die ihm gerade so durch den Kopf gingen und die er später Jessie würde stellen können. Jessie freute sich weiterhin still über diesen neugierigen kleinen Elfen neben sich und bemerkte gar nicht, dass er immer noch dessen Hand in seiner hielt. Als er es schließlich nach einer ganzen Weile mitbekam, löste er seinen Griff aber immer noch nicht. Zu angenehm war das Gefühl, Finns Hand in seiner zu spüren. Und so lange der Kleinere sie nicht wegzog, konnte er dieses Gefühl, das ihn warm durchströmte, ja noch ein Weilchen auskosten. Doch dann passierte etwas, womit er nie im Leben gerechnet hätte. Sie fuhren nun schon einige Minuten. Finn hatte die ganze Zeit hinaus geschaut. Doch nun wurde sein Blick ins Businnere gelockt. Zwei noch recht junge Menschen, Jungen, stiegen ein und gingen an ihnen vorbei nach ganz hinten, wo sie sich geräuschvoll, was sie schon seit dem Einsteigen waren, niederließen. 'Das sind dann also Sprösslinge', dachte sich Finn, der ihnen nur kurz nachgeschaut hatte, seinen Blick nun aber wieder zum Fenster richtete. Im Stillen grübelte er noch darüber nach, was diese jungen Menschen doch für komische Sachen trugen - Hosen, die ihnen viel zu groß schienen, da sie fast herunterrutschten und an ihnen herumschlabberten, Pullover, die ebenfalls viel zu groß schienen und in denen sie recht lächerlich wirkten, und ein Deckel, den sie auf dem Kopf trugen. Außerdem liefen die so seltsam, wie als hätten sie etwas zwischen den Beinen, was sie watscheln ließ. Dann vernahm er ihre lauten Stimmen, die gerade über irgendetwas lachten, nun allerdings ein neues Ziel gefunden zu haben schienen. "Hey, Johnny, schau mal die da vorne!" "Ach du scheiße, wie sehen die denn aus?" "Hast du schon mal so was beklopptes gesehen? Blätter in den Haaren - aus welchem Urwald kommt der denn?" "Hast du auch seine Klamotten gesehen, Frank? So was unstylishes! Komplett in Grün. Und dann sehen diese Fussel auch noch aus, als würden sie aus der Altkleidersammlung kommen, so zerfranst wie die sind." Finn wurde ein wenig wütend, dass Leute wie die, welche die hässlichsten Sachen, die er je gesehen hatten, trugen, seine schöne Elfenkleidung so diskriminierten. Aber er blieb ruhig, weil er es als nicht allzu schlimm ansah. "Und hast du dir auch den daneben angeguckt, Johnny? Der sieht genauso abgewrackt aus wie der andere." "Jap, hab ich. Der sieht aus wie 'n Penner mit den zerrissenen Klamotten." "Ja, und das Blut erst! Wer weiß, vielleicht hat er ja was auf die Fresse bekommen und deswegen überall diese Blutflecken. Verdient hätte der's bestimmt." Finn verstand zwar nicht alles, was da gesagt wurde, aber das, was er verstand und was er sich zusammenreimen konnte, reichte aus, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Mit einem Ruck drehte er sich um, wobei er leider auch die Hand Jessies loslassen musste, funkelte die beiden Jungen, die nicht viel weiter hinten saßen, böse an und giftete sie an: "Habt ihr etwas gegen Jessie? Macht ihr euch etwa lustig über ihn? Das will ich euch nicht raten, denn sonst bekommt ihr es mit mir zu tun und glaubt nicht, dass ich euch nicht gefährlich werden könnte! Ich werde euch bis in eure Träume verfolgen und das werden dann garantiert keine schönen mehr sein! Also lasst ihn gefälligst in Ruhe und guckt euch in euren Klamotten, die wie Sack aussehen, erst mal an, bevor ihr über andere lästert, zumal ihr überhaupt kein Urteil über jemanden aufgrund seiner Aufmachung machen könnt!" Damit drehte er sich wieder um, zwei verdutzte Jungen, die von da an ruhig blieben, zurücklassend und griff sich wieder Jessies Hand, die so schön warm seine eigene umschloss. Nein, er konnte es überhaupt nicht leiden, wenn jemand seinen Jessie angriff - und wenn es nur verbal war. Völlig überrascht war Jessie dieser Aktion gefolgt. 'Wow! Also, das hätte ich ihm echt nicht zugetraut!' Er selbst hätte wohl sicherlich nichts gesagt, da ihm das Geschwätz und die Lästereien solcher Kiddies nichts ausmachten, aber das Finn das tat - und es anscheinend nicht seinetwegen, sondern wegen ihm, Jessie, gemacht hatte - ließ ihn in seinen Augen gleich etwas steigen. 'Couragiert, der Kleine, das muss man ihm lassen. Wenn er etwas anpackt, dann zieht er es auch durch. Und wie mir scheint hat er sich in den Kopf gesetzt, mich vor allem und jedem zu schützen. Sogar vor solchen Nervzwergen.' Nein, beschweren würde er sich deswegen sicher nicht - dafür fand er Finns Verhalten einfach viel zu niedlich. Nur wenige Minuten später - die Lästerzungen waren die ganze Zeit still gewesen - kamen sie an ihrer Haltestelle an und Jessie zog den Kleinen mit sich hinaus. Draußen stellte er dann fest, dass es etwas aufgefrischt hatte und ziemlich nach Regen aussah. Kaum hatte er diesen Gedanken ausgedacht, da bekam er auch schon einen großen dicken Tropfen mitten auf die Wange. Und nur Sekunden später prasselte aus den Wolken alles herunter, was diese zu bieten hatten an Wasser - und das war eine ganze Menge! Schnell rannte er die Straße entlang, Finn neben sich herziehend. Ganz schnell nach hause! Sonst erkälteten sie sich noch! Es war immerhin schon Herbst! 'Regen!', dachte Finn hocherfreut, als es begann, aus allen Kübeln zu gießen. 'Ich liebe Regen!' Genüsslich steckte er den Arm, der frei war, aus, um so viel wie möglich von dem erfrischenden Nass abzubekommen. Doch fand er sich im nächsten Moment stolpernderweise neben seinem Kleinen rennend, der ihn mitzog. Aber... wieso das denn? Wieso genoss Jessie das nicht genauso wie er? Regen war doch etwas Schönes! Ein Geschenk der Hohen Mutter an alles Leben auf der Erde! 'Endlich! Endlich da!', schoss es Jessie durch den Kopf, als er schließlich vor seiner Wohnungstür stehen blieb. Schnell hatte er aufgeschlossen und Finn reingezogen. "Gott sei Dank", murmelte er etwas außer Puste, "dass wir jetzt da sind." Finn verstand immer weniger. Ein riesengroßes Fragezeichen, das genauso blinkte wie die ganzen Lichter, über die er am vergangenen Abend hinweggeflogen war, bildete sich in seinen Gedanken. "Aber der Regen ist doch etwas Heiliges!", meinte er leicht entsetzt. "Er hält alles am Leben auf der Erde! Man sollte ihm huldigen." Jessie zog eine Augenbraue in die Höhe. 'Stimmt ja. Finn ist ja so ein Naturbursche.' "Natürlich ist der Regen sehr wichtig", entgegnete er besänftigend, "aber zu dieser Jahreszeit und diesen Temperaturen ist es nicht besonders gut, lange im Regen zu stehen. Man erkältet sich schnell oder fängt sich eine Grippe ein." Ah, richtig! Davon hatte Finn schon gehört. Davon, dass Menschen sehr empfindlich waren und, wenn sie nicht aufpassten, schnell krank wurden. Elfen wurden niemals krank und darüber war er auch recht froh. Er stellte es sich als nicht besonders angenehm vor. Während Finn augenscheinlich immer noch nachdachte, ging Jessie schon einmal die Treppen in den zweiten Stock hoch zu seiner Wohnung, Finn dabei immer noch an der Hand haltend und somit mitziehend. Kaum, dass er die Wohnung aufgeschlossen und betreten hatte, streifte er sich erst einmal seine Schuhe ab und wollte gerade den Kleineren bitten, dies ebenfalls zu tun, als ihm, bei einem Blick auf dessen Füße, wieder ein- beziehungsweise auffiel, dass der andere keine Schuhe anhatte. "Du... du bist die ganze Zeit barfuß durch die Stadt gegangen?", fragte er überrascht aber gleichzeitig auch entsetzt und besorgt. Das holte Finn wieder in die Realität zurück und er schaute ebenso auf seine dreckigen Füße, die nun, da er sie beachtete, zu schmerzen begannen. "Ähm... ja", meinte er leise und etwas bedröppelt. Wieso taten ihm seine Füße weh? Er war es doch gewohnt, barfuß zu laufen. Zaghaft hob er einen Fuß an und blickte geschockt auf den Blutfleck, der ihm auf dem Parkett entgegen prangte. Jessie war mindestens genauso geschockt und hob den Kleineren schnell auf seine Arme, um ihn dann sofort ins Bad zu tragen, wo er ihn auf dem Klo absetzte. Er kniete sich vor Finn und bat ihn: "Die Füße heben und bitte still halten." Vor Überraschung konnte Finn sich gar nicht wehren, als er einfach so ohne Vorwarnung auf Jessies Arme gehoben wurde. Statt dessen klammerte er sich noch an dem anderen fest und legte seine Arme um dessen Hals. Auf einem eigenartigen Stuhl wurde er abgesetzt. Ohne lang nachzudenken, tat er, worum Jessie ihn bat und hob seine Füße an. Mehrere fest getretene Steine und, was wohl das Schlimmere war, eine Glasscherbe im rechten Fuß, die doch ein ganzes Stück weit drinnen stak. Aus der Wunde lief Blut, das auf die blauen Fliesen tropfte. Schnell hatte Jessie eine Pinzette organisiert und alle Fremdkörper entfernt, was die Glasscherbenwunde dazu brachte, gleich noch ein wenig mehr zu bluten. Die Steine dagegen waren harmlos gewesen und hatten nur kleine Abdrücke hinterlassen, die aber bald wieder verschwunden sein würden. So holte Jessie eine Schüssel, füllte sie mit warmem Wasser und stellte sie vor Finn, dessen Füße er dort hinein platzierte. Er wusch die Füße des Kleinen - wobei er feststellte, dass dieser ganz samtig weiche Haut hatte - damit kein Schmutz in die Wunde kam und sie sich nicht entzündete. Danach trocknete er sie ab und klebte ein Pflaster drauf, da es noch immer etwas blutete. Dass sie beide noch nass waren bis auf die Knochen und der Boden um sie herum schon beinahe schwamm, bekam er erst jetzt so richtig mit. Aber egal, das würde er später aufwischen. Der kleine Elf war dem Geschehen aufmerksam, aber gleichzeitig auch ein wenig teilnahmslos gefolgt. Sein Kopf schwirrte ihm immer noch von den vielen Eindrücken der letzten Stunden und sein Fuß puckerte, dass es eine wahre Freude war. Selbst das Füße waschen hatte er über sich ergehen lassen, obwohl er es für gewöhnlich nicht sonderlich mochte, wenn ihm jemand bei solchen Hygienesachen half. Doch bei Jessie machte er eine Ausnahme, weil er auch schon an dessen Blick erkennen konnte, dass er keinen Widerspruch dulden würde. "Pass auf, Finn, du gehst jetzt erst mal schön warm duschen. Ich bring dir vorher noch schnell was anderes zum Anziehen. Deine Klamotten sind schließlich nass. Und außerdem wirst du die hier nicht tragen können, weil dich dann alle für komisch halten werden. Also, mal schauen, was ich Schönes für dich finde", sprach's und verschwand. Verdutzt blickte der Kleinere dem Größeren nach. 'Duschen?', fragte er sich in Gedanken. 'Ich würde mich jetzt viel lieber erst mal waschen. Wenn das hier irgendwo geht.' Er kannte das von zuhause so, dass sie sich mit dem Tau der Blätter wuschen. 'Hm, wer weiß, ob das hier auch so gemacht wird.' Doch nun hatte er erst einmal Zeit, sich ein wenig umzusehen. Er hatte schon von Bädern der Menschen gelesen, doch stammten diese Schriften, soweit er wusste, aus dem 13. oder 14. Jahrhundert. Er hatte immer gedacht, dass das keine Rolle spiele, aber anscheinend hatte er sich da geirrt, denn die im Buch beschriebenen Krüge und kleine Waschschüsseln fand er nicht. Stattdessen war ihm Gegenüber an der Wand eine Schüssel angebracht mit kleinem Schränckchen darunter und einem Spiegel darüber. Weiter rechts sah er eine riesengroße Schüssel, in die sicherlich einiges an Wasser passte. Dann kam dieser komische Stuhl mit ihm darauf und links neben ihm sah er dann noch eine Kabine, mit der er nichts anzufangen wusste. Und so stand er auf und ging vorsichtig darauf zu, spähte hinein und fand ein Loch im Boden, einen langen Schlauch mit einem Kopf, in dem Löcher waren, und einige Fläschchen, die am Rand der Kabine standen. Neugierig, wie er ja nun einmal war, nahm er sich eine der Flaschen. 'Shampoo mit Mandarine, Sternfrucht, Papaya - hm, ist das etwas zu trinken?' Jessie grinste, als er Finn sah, der neugierig sein Haarshampoo bestaunte. "Damit kannst du deine Haare waschen", erklärte er, da er sich schon dachte, dass der kleine Elf so etwas nicht kannte. "Und das hier", sprach er weiter und zeigte auf eine andere Flasche, "nimmst du für den Körper. Und danach wieder abwaschen", fügte er noch hinzu. Nicht, dass der Kleine dachte, er müsse sich damit einreiben und das dann drauflassen. "So, hier sind neue Klamotten und ein großes Handtuch. Soll ich dir noch helfen, die Blätter aus den Haaren zu lesen?", bot er an. Irgendwie würde er das sehr gern mal machen. "Die sehen ziemlich verkuddelt aus", rechtfertigte er seinen Vorschlag noch. Aufmerksam hatte der Elf den Erklärungen seines Menschen gelauscht und war etwas überrascht wegen der letzten Frage. Eigentlich mochte er es nicht, wenn jemand in seinen Haaren herumwühlte. Fiorl hatte das früher manchmal gemacht, aber danach hatte er jedesmal ausgesehen wie ein gerupftes Huhn. Ganz zu schweigen davon, dass es fürchterlich geziept hatte. Aber Jessie traute er solch eine qualvolle Behandlung nicht zu und so nickte er nach einiges Sekunden des Überlegens und Abwägens und gab dem Kleinen eine Chance. "Aber bitte sei vorsichtig", murmelte er noch, als er sich mit dem Rücken zu ihm hinstellte. Und so begann Jessie so vorsichtig wie irgend möglich, dem Kleinen das Grünzeug aus den Haaren zu friemeln. Es stellte sich als gar nicht so leicht heraus, da alles ziemlich verwurschtelt war. Aber immer routinierter zupfte er ein Blatt ums andere heraus und strich dabei länger als eigentlich nötig über Finns äußerst weiche Haare. Doch jede noch so schöne Arbeit ging einmal vorbei und so war er nach einigen Minuten auch schon fertig, was er ein bisschen bereute, da er gern weiter seine Finger durch Finns glatte Haare hätte streichen lassen wollen. Er seufzte leise und meinte dann noch: "Deine dreckigen Sachen kannst du einfach dort auf den Boden legen. Ich schmeiß sie nachher in die Waschmaschine." Und so verschwand er aus dem Bad und ließ den Elfen mit sich allein zurück. 'Huch! Das merkt man ja fast gar nicht, dass er etwas in meinen Haaren macht', dachte sich Finn verblüfft. Und kaum angefangen, war Jessie auch schon wieder fertig mit ihm und verließ, ein paar letzte Erklärungen gebend, das Bad. Finn freute sich darauf, gleich wieder etwas Wasser spüren zu dürfen und so zog er sich besonders schnell aus und warf seine Kleider in eine Ecke. Er war es gewohnt, sich jeden Tag im Tau zu waschen oder in einem kleinen See auf der Erde, wenn er wieder einmal dort war, zu baden und hatte es schon vermisst, weil er heute noch keinen Tropfen Wasser, mal abgesehen von dem Regen eben, zu Gesicht bekommen hatte. Fix stieg er in die Kabine. Doch wie ging es weiter? Er nahm den komischen Schlauch mit diesem Dings vorne dran und schraubte dann an einem der beiden Rädchen, die da an der Wand waren. Sofort kam eine Ladung Wasser aus dem Dings, doch quietschte Finn erschrocken auf, als er diese an den Beinen abbekam - das war ja schweinekalt! Hektisch drehte er erneut an dem Rädchen, bis kein Tropfen mehr herauskam. Zu allem Überfluss bemerkte er nun auch, dass der Boden außerhalb der Kabine nicht trocken geblieben war von dieser Aktion. Er ließ seinen Blick schweifen und sah dann etwas, womit man die Kabine schließen konnte. Na, wenigstens etwas funkionierte hier. 'Hoffentlich muss ich mich jetzt nicht mit kaltem Wasser waschen', dachte er leicht verzweifelt. Mutig wie er war, beschloss er, das zweite Rädchen auch auszutesten, diesmal jedoch nicht den Strahl direkt auf sich haltend. Vorsichtig drehte er und hielt dann zögerlich eine Hand unter das Wasser, um zuerst erleichtert aufzuseufzen und dann einen spitzen Schrei auszustoßen. 'Heiß! Heiß! Heiß!' Jessie war gerade aus dem Hausflur zurückgekehrt, wo er die Blutspuren, die der Elf hinterlassen hatte, weggewischt hatte, als er einen Schrei aus dem Badezimmer hörte. Schnell eilte er zur Tür und rief erschrocken: "Finn! Geht's dir gut? Ist alles in Ordnung? Hast du dir was getan? Kann ich dir irgendwie helfen?" Hoffentlich war ihm nichts Ernsthaftes geschehen! 'Was ist denn das für ein komisches Gerät?', fragte sich der Elf. In keinem Buch über die Menschen, das er gelesen hatte - und das waren einige! - hatte er etwas über solch eine tückische Einrichtung, die die Menschen wohl systematisch und Schritt für Schritt durch Verbrühungen oder Kälteschocks ausrotten sollte, gelesen. Das war ja lebensgefährlich hier! Ob Jessie ihn bei vollem Bewusstsein in diese Vernichtungsanlage geschickt hatte? Da hörte er auch schon die besorgten Worte seines Menschen, der, wie es schien, direkt vor der Tür zu stehen schien. "Das Wasser", meinte Finn, "das dreht durch! Irgendwas stimmt hier nicht. Das ist mal kalt und mal heiß. So kann ich mich doch nicht waschen!" Arg musste sich Jessie zusammenreißen, um nicht laut loszulachen, als er Finns empörte Worte hörte. Gott, war das niedlich! Der Kleine schien das erste Mal unter einer Dusche zu stehen. "Pass auf, Finn", setzte er zu einer Erklärung an, "das linke Rädchen ist für warmes und das rechte für kaltes Wasser. Du musst beide Rädchen drehen, um die Temperatur zu regulieren. Verstehst du?" Er musste sich wirklich Mühe geben, damit seine Stimme ernst klang. Was war ihm für ein Gebirge vom Herzen gefallen, als er gehört hatte, dass es nur um die Temperatur des Wassers ging und Finn wohlauf war. Sogleich folgte er dem Rat. "Aaahhh", seufzte er erleichtert, als das Wasser nun in angenehmer Temperatur kam. "Danke!", rief er noch, bevor er sich voll und ganz dem Waschen zuwandte. Er hatte es schon immer gemocht, das Gefühl von Wasser auf seiner Haut, aber das hier, das war ja wirklich wundervoll, wie es so auf ihn herabprasselte! So etwas gab es bei ihnen nicht und er musste sich eingestehen, dass dies wohl doch kein Ausrottungsapparat war, sondern eine ganz großartige Einrichtung, an die er sich schnell gewöhnen konnte. Natürlich testete er auch das Shampoo und alle anderen Fläschchen, die da noch so herumstanden, was noch einmal weitere fünf waren und er stellte fest, dass das Zeug eigentlich ganz gut roch. Auch, wenn er jetzt nicht mehr jeden Geruch richtig zuordnen konnte, da er sich jedes Körperteil mit einer anderen Flüssigkeit gewaschen hatte. Schließlich war er fertig und stieg aus dieser großartigen Erfindung, über die er unbedingt berichten musste, wenn er wieder bei den anderen Elfen war, und trocknete sich mit dem flauschigen Handtuch ab, das Jessie ihm hingelegt hatte. Nachdem er sich die neuen Sachen angezogen hatte, in denen er sich ein wenig seltsam vorkam, verließ er das Bad auf der Suche nach seinem kleinen Menschlein. Jessie hatte in der Zwischenzeit alles Blut von Finn aufgewischt und etwas zu Essen gemacht, da er den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte und er somit einen Riesenhunger hatte. Zwei Scheiben Brot und sein größter Hunger war gestillt. Er hatte es einfach nicht mehr aushalten können, bis Finn fertig war. Für den Kleinen hatte er auch etwas zubereitet - einen großen Teller Obst, da er nicht wusste, was der Elf so normal aß. Als er schließlich ein tapsendes Geräusch hinter sich in der Küche, wo er noch den letzten Apfel klein schnitt, hörte und ihm eine Duftwolke aus allen möglichen Duschgels und Shampoos entgegenschlug, drehte er sich um und konnte es nicht verhindern, dass sich bei dem Anblick, der sich ihm bot, ein Grinsen auf seinem Gesicht breitmachte. Finn sah aber auch zu schnuffig aus! Er hatte die richtigen Klamotten gewählt, wie er nun äußerst zufrieden feststellte - einen bunten quergestreiften Pullover, den er als Jugendlicher immer am liebsten angezogen hatte und von dem er sich nicht hatte trennen können, dazu eine braune Hose, die einen bunten Flicken am Knie hatte, weil er damit einmal hingefallen war, und dunkelgrüne Socken mit Noppen zum Laufen unten dran. Ein Bild für die Götter! Noch dazu waren Finn alle Sachen ein wenig zu groß, sodass er ein bisschen verloren darin aussah. Und dabei waren dies schon die kleinsten Klamotten, die Jessie hatte finden können. "Steht dir", sagte er nur, immer noch mit einem Grinsen im Gesicht, als er Finns leicht bedröppelten Blick sah. "Hier, ich hab dir einen Teller Obst gemacht. Mach's dir am besten dort drüben in der Wohnstube bequem. Ich geh auch erst einmal duschen", sprach er und verschwand auch schon, sonst hätte er wohlmöglich noch in Gegenwart des kleinen Elfen begonnen zu lachen ob dessen wirklich zu goldigen Aussehens. So ganz ohne Blätter in den Haaren und mit einigermaßen normalen Klamotten hätte man ihn glatt für einen Teenager, einen äußerst hübschen, halten können. Aber Jessie wusste es schließlich besser und auch die spitzen Ohren, die ab und zu unter den Haaren hervorblitzten, waren nicht zu leugnen, dachte er, als er unter der Dusche verschwand, um sich dort den Dreck der vergangenen zwei Tage vom Körper zu waschen. Natürlich hatte Finn das Grinsen Jessies bemerkt, wusste aber nicht, worauf er dieses zurückführen sollte. Also zuckte er nur mit der Schulter, als er sich mit einem freudigen Lächeln auf den Obstteller stürzte und damit in das angewiesene Zimmer ging, um sich dort auf das Sofa zu setzen. Wenn es etwas gab, das Finn mehr beschäftigte als seine Neugier, so was es das Essen. Genüsslich verspeiste er den ganzen Teller, ohne sich großartig um seine Umgebung zu scheren, wie er es sonst getan hätte. Als er dann fertig war, merkte er, dass seine Kräfte wohl doch schon ziemlich aufgebraucht waren für diesen Tag - wahrscheinlich, so vermutete er, lag das immer noch an den großen Anstengungen vom Vortag - und dass seine Augenlider immer schwerer und schwerer waren. Nach wenigen Sekunden, die er gegen seine Müdigkeit angekämpft hatte, da er sich eigentlich noch mit Jessie hatte unterhalten wollen, gab er schließlich doch noch auf und schlief, während er es sich noch etwas gemütlicher machte und sich lang streckte, auf der Couch ein. Summend verließ Jessie, nachdem er nach den Überschwemmungen seines Vordermannes alles wieder aufgewischt hatte, das Bad in Richtung Wohnzimmer. Gerade, als er ansetzen wollte, um zu fragen, ob es Finn denn geschmeckt hatte, sah er einen blonden Schopf an einem Ende der Couch. Langsam schlich er sich heran und blickte auf einen schlafenden, kleinen Elfen herab, der sich wie eine Katze eingerollt hatte. Der Mund stand leicht geöffnet und Jessie hörte seine gleichmäßigen, tiefen Atemzüge. 'Wie ein Baby', dachte sich Jessie lächelnd und konnte sich von dem Anblick nicht wegreißen. 'Am liebsten würde man ihm jetzt noch einen Schnuller in den Mund schieben. Süüüß!' Nach einigen Minuten, die er so verbracht hatte, raffte er sich auf und holte eine dicke Decke, um den Kleinen damit zuzudecken. Mit einem liebevollen Lächeln und einem gemurmelten "Gute Nacht, kleiner Elf" ging Jessie noch einmal ins Bad Zähne putzen und anschließend gleich in sein Schlafzimmer, wo er sich sofort in sein Bett legte. Es war zwar erst früher Abend, aber auch ihn hatten die Ereignisse ganz schön geschlaucht. Der letzte Tag hatte sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Doch er bereute es nicht, war es doch vorher nicht wirklich interessant und auch ziemlich eintönig gewesen. Er war gespannt, was die nächsten Tage und Wochen mit Finn so bringen würden und freute sich schon darauf. Über diese Gedanken schlief er schließlich auch ein. |
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