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Des Menschen Elf - Teil 4
Disclaimer: siehe vorherigen Kapitel
Inhalt: siehe vorherigen Kapitel
Warning: Zucker
Danksagung/Widmung: Ich widme dieses Kapitel all jenen, die mich mit ihren Reviews erfreut haben und die jetzt so lange durchhalten mussten auf den nächsten Teil. Mein Dank geht an meine kleine Peilless, die mir sehr unter die Arme gegriffen und mir geholfen hat, alle Unklarheiten und Ungereimtheiten zu beseitigen! Bist und bleibst eben meine Beste! *schmatz*
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4. Kapitel - Guten Morgen, liebe Sorgen
Vorwitzige Sonnenstrahlen weckten Jessie am nächsten Morgen schon recht zeitig auf. Normalerweise war er ein Langschläfer, doch dadurch, dass er schon so früh schlafen gegangen war, hatte er auch eher ausgeschlafen. Langsam stand er auf und ging, nachdem er sich erst einmal genüsslich gestreckt hatte, ins Bad, um dort seine Morgentoilette zu verrichten. Dann zog er sich noch ein paar schlichte Sachen an und tapste schließlich in die Stube, wo er erst einmal verblüfft stehen blieb, als er ein zusammengeknäultes Etwas auf seiner Couch liegen sah. 'Habe ich mir das also doch nicht nur eingebildet', dachte er und war irgendwie froh, dass es so war. Leise schlich er sich an den schlafenden Elfen heran und musste sich arg das Lachen verkneifen, als er Finns Schlafposition genauer unter die Lupe nahm. Der Kleine lag auf dem Bauch, ein Bein sowie ein Arm und sein Kopf hingen über den Sofarand hinaus und die Decke war dermaßen verwurschtelt und mit dem kleinen Körper verschlungen, dass es schon aussah, als wären Decke und Schlafender ein und dasselbe. Vor sich hingrinsend, schlich er in die Küche, wo er sich, nachdem er das Radio angeschalten hatte, daran machte, das Frühstück vorzubereiten.
Ein köstlicher Duft war es, der Finn in der Nase kitzelte und ihn so wieder in die Realität gleiten ließ. Leise schmatzend, öffnete er seine Augen und war sogleich hellwach, als er sich erinnerte, wo er eigentlich war. Mit großem Enthusiasmus wollte er auch sofort aufstehen, jedoch sank er stöhnend wieder etwas zurück, da sein Kopf irgendwie weh tat. 'Komisch', dachte der Elf, 'so etwas hatte ich doch noch nie.' Noch einmal versuchte er es - diesmal jedoch langsamer - und stand Sekunden später auch tatsächlich vor der Couch. Das seltsame Pochen in seinem Kopf blieb allerdings. Schlurfend folgte er dem verführerischen Geruch und fand sich letztendlich in der Küche wieder, wo sein kleiner Mensch schon fleißig am Schaffen war. "Guten Morgen, Julien", krächzte er und fasste sich erschrocken an den Hals. 'Was ist denn nur los?' Er räusperte sich und wiederholte seine Worte noch einmal, diesmal deutlicher und verständlicher.
"Guten Morgen, Finn", erwiderte Julien lächelnd. "Was ist denn mit deiner Stimme los? Hast du das öfters?" Er bemerkte, dass der Elf ziemlich rote Wangen hatte. 'Kommt wahrscheinlich vom Schlaf', dachte er sich beruhigt. Mit ein paar letzten Handgriffen deckte er den Frühstückstisch unterdessen noch fertig.
"Nein, eigentlich nicht", murmelte Finn etwas abwesend, da er etwas Interessantes wahrnahm. "Wo kommt denn die Musik her?", fragte er auch sogleich das, was ihn gerade beschäftigte. Er ging zum Fenster und blickte auf die Straße herab, doch konnte er dort nirgendwo eine Musikkapelle entdecken.
Jessie brach in Lachen aus, als er das sah. Das war einfach zu niedlich! Als er sich wieder etwas beruhigt hatte und Finns fragenden Blick auf sich spürte, antwortete er: "Die Musik kommt aus dem Radio. Das ist dieses Ding dort." Er zeigte auf ein kleines Kofferradio, das leise vor sich hindudelte. "Das hören jetzt viele Leute zur gleichen Zeit." Er wusste einfach nicht, wie er Finn den Begriff Radio besser erklären sollte.
Finn nickte, war jedoch ziemlich verwirrt, was man an seiner in Falten gelegten Stirn erkennen konnte. Nun ja, wenn Jessie meint, dass das viele Leute hören, obwohl er es so leise hat...' "Wir Elfen machen auch Musik. Einige von uns spielen Instrumente, wie zum Beispiel Flöte oder Harfe. Ich singe viel lieber. Fiorl sagt immer, ich hätte eine wunderbare Stimme. Willst du mal hören?" Und ohne überhaupt eine Antwort abzuwarten, begann er auch sogleich zu singen.
Erschrocken und mit weit aufgerissenen Augen hielt sich Jessie die Ohren zu. Das klang einfach nur fürchterlich! Sogar das Radio übertönte dieser kleine Elf da vor ihm, der ganz in seinen schauerlichen Gesängen aufzugehen schien und sogar die Augen geschlossen hatte. 'Entweder leidet dieser Fiorl unter Wahrnehmungsstörungen und sollte dringend mal zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder er hat einfach nur einen derben Humor.' "Danke, Finn", unterbrach er seinen Gast schließlich mit einem gezwungenen Lächeln, "das war wirklich... einmalig!"
Finn strahlte bis über beide Ohren, als er dieses Lob hörte. "Ich singe dir gerne öfters was vor", meinte er freundlich und begeistert von seiner Idee. Dann setzte er sich an den Tisch und beäugte die ganzen leckeren Sachen, die Jessie da aufgetischt hatte. Und nur Sekunden später war sein Teller bis zum Überquellen gefüllt und er schaufelte auch schon fleißig die erste Kostbarkeit in sich hinein. "Eigentlich", mümmelte er, "habe ich ja gar keinen Hunger" - und dies entsprach auch tatsächlich der Wahrheit - "aber bei so vielen leckeren Dingen kann ich mich einfach nicht beherrschen. Was ist das eigentlich alles?"
War er noch entsetzt bei Finns lieb gemeinten Vorschlag das Singen betreffend gewesen, so musste er sich nun wieder einmal das Lachen verbieten, als er dessen Essgewohnheiten studierte. Während er sich selbst nahm und aß - allerdings lange nicht so viel wie Finn! - erklärte er dem Kleinen, was er da eigentlich alles gerade in sich hineinstopfte.
Finn lauschte aufmerksam und hatte mittlerweile sogar schon einmal Nachschlag genommen, als er merkte, dass etwas nicht stimmte. Er spürte, wie sein Essen in seinem Magen rebellierte und wieder herauswollte. Schnell hielt er sich die Hand vor den Mund. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er Jessie fragend an, doch genau in diesem Moment konnte er es nicht länger zurückhalten und er begann zu würgen.
Als Jessie dies sah, schnappte er sich Finn schnell, hob ihn hoch, trug ihn ins Bad und setzte ihn vor der Toilette ab. Keine Sekunde zu früh, denn in diesem Augenblick kam das ganze Essen, das Finn eben noch in sich hineingeschaufelt hatte, wieder heraus. Schnell kniete er neben ihm und hielt ihm die Haare aus dem Gesicht, während er ihn stützte, da der Kleine nun nicht mehr rot, sondern furchtbar bleich um die Nase herum aussah und ziemlich schwach wirkte, weil er sich an der Kloschüssel festhalten musste. "Finn? Was machst du denn nur für Sachen, Kleiner?", sprach er sichtlich besorgt. Er holte schnell ein Handtuch und einen nassen Waschlappen und wischte damit über den Mund des Kleinen, der immer noch am Würgen war. Dabei berührte er zufällig auch die Haut des Elfen und stellte mit Entsetzen fest, dass diese vor Hitze glühte. Zur Kontrolle legte er seinen Handrücken auf Finns Stirn und es gab keinen Zweifel mehr. "Finn, du hast ziemlich hohes Fieber! Du musst sofort ins Bett!" Behutsam zog er den Kleineren hoch und säuberte mit dem Waschlappen und dem Handtuch das Gesicht des Kranken, nachdem dieser anscheinend fertig war mit Brechen, und nahm ihn dann vorsichtig auf die Arme, um ihn ins Schlafzimmer zu tragen. Denn das war gewiss: er würde seinen kranken Elfen nicht auf der Wohnzimmercouch unterbringen, wenn dieser so hohes Fieber hatte. Da verletzte er sich vermutlich noch, wenn er herabstürzte in seinen Fieberträumen. Nein, das würde er ganz sicher nicht riskieren. Wie etwas Zerbrechliches legte er Finn auf dem Bett ab und deckte ihn mit der kuscheligen Decke zu. Fiebrig glänzende Augen sahen ihn trübe an, als er sich herabbeugte und eine verschwitzte Srähne aus dem glühenden Gesicht strich.
Von alledem bekam Finn nicht mehr allzuviel mit. Er sah alles nur noch durch einen milchigen Schleier und war so schwach wie noch nie zuvor. "Müde", murmelte er kaum verständlich und mit großer Anstrengung und war nur kurz darauf in einen unruhigen Fieberschlaf gedriftet.
'Hach, Kleiner', dachte sich Jessie traurig, 'was machst du nur? Kaum bist du da, wirst du auch schon ordentlich krank. Und ich dachte, Elfen werden nie krank.' Die nächsten Stunden über hatte Jessie viel zu tun. Er machte Finn Wadenwickel und legte ihm immer wieder kalte Lappen auf die Stirn, um das Fieber ein wenig zu senken. Auch kochte er ihm Salbeitee und flößte ihm davon alle halbe Stunde ein bisschen ein, da er sich vorstellen konnte, dass der Hals auch ziemlich wund war. Den ganzen Tag über saß er an Finns Bett. Kurz vor Mittag wachte der Kleine kurz auf.
"Muss... mal", brachte Finn stockend und krächzend über seine spröden Lippen. In seinem Kopf schien ein Mann mit einem Hammer immer und immer wieder zuzuschlagen und sein Hals brannte wie Feuer. Er versuchte, sich langsam aufzurichten, schaffte es jedoch aus eigener Kraft nicht, da er einfach zu schwach war.
Jessie half seinem Kleinen natürlich und trug ihn vorsichtig ins Bad, wo er ihn vor der Toilette absetzte und leicht stützte. Seinen Blick wandte er zur Seite. Er wollte dem Kleinen nicht zu nahe treten.
Diesem war das jedoch völlig egal. Hauptsache, er konnte sich erleichtern und danach wieder schlafen. Und so setzte er sich gleich hin und erledigte das schnell, wobei er es ohne Jessies stützende Arme wohl nicht so leicht geschafft hätte, und ließ sich danach wieder ins Schlafzimmer tragen, auf dem Weg dorthin schon wieder halb einschlafend.
"Noch nicht wieder einschlafen, Finn", bat Jessie seinen Patienten. "Du musst erst etwas essen. Ich hab dir Hühnerbrühe gemacht." Er wusste, dass dies das beste Essen war, wenn man krank war. Seine Mutter hatte ihm das früher auch immer gegeben.
"Keinen... Hunger", murmelte Finn, leicht schlafend.
"Nichts da", meinte Jessie unnachgiebig, als er seine Last wieder auf dem Bett ablegte und zudeckte. "Es wird etwas gegessen. Keine Widerrede." Mit diesen Worten verschwand er kurz in der Küche, um die Brühe zu holen, und kehrte dann damit an sein Bett zurück, wo er damit begann, dem Kranken diese einzuflößen.
In seinem Halbschlaf ließ der Elf dies über sich ergehen und schluckte gehorsam. Danach fiel er wieder in einen etwas tieferen Schlaf, der aber dennoch aufgrund des hohen Fiebers unruhig blieb.
Jessie aß unterdessen auch etwas von der Brühe mit etwas Brot und machte sich dann noch einen Vitamincocktail, damit er sich nicht noch bei Finn ansteckte, wenn er ständig um ihn herumtaperte. Auch die nächsten Stunden verbrachte er mehr oder weniger an des Elfen Krankenlager, gab ihm Tee und wechselte die Wadenwickel und die Tücher auf der Stirn. Zwichendurch saß er mit einem kleinen Buch auf dem Schoß neben dem Kleinen auf dem großen Bett und machte sich Notizen über seine Erlebnisse der letzten Tage. Irgendwann - es war mittlerweile schon Spätnachmittag - änderte sich etwas. Finn begann, unkontrolliert zu zittern und immer wieder "Kalt.... kalt" vor sich hinzumurmeln. Sogleich legte Jessie seine Aufzeichnungen beiseite und prüfte die Temperatur des Kleinen. Das Fieber war unverändert hoch. Er musste also Schüttelfrost haben. Das einzige, was da half, war Körperwärme. Und so legte er sich neben den kleineren bebenden Körper und zog diesen in seine Arme. Sofort schmiegte sich Finn näher an ihn und schien in ihn kriechen zu wollen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich der Schüttelfrost gelegt hatte. Die ganze Zeit über hatte Jessie seinen Kleinen im Arm behalten und ihm zärtlich über die Haare gestrichen, die nun nicht mehr so schön glänzten wie sonst, sondern auch krank und matt wirkten. Schließlich beruhigte sich der Körper in seinen Armen jedoch und so konnte er ihn wieder freigeben und seine Notizen weiterführen, dabei immer mit einem Auge auf Finn neben sich. Der restliche Tag verging ähnlich. Jessie kümmerte sich weiterhin sorgsam um seinen Gast, fütterte ihm abends wieder etwas Brühe, führte ihn auf Toilette, hielt ihn fest, wenn er wieder Schüttelfrost hatte.
Es war noch nicht sehr spät, als Jessie auch schon müde wurde. Er machte sich bettfein und kroch dann mit unter die Decke. Nein, er würde ganz sicher nicht in der Stube auf der Couch schlafen. Da konnte er ja gar nicht sehen, wie es seinem Kleinen ging, ebensowenig, wie er im Notfall eingreifen könnte. Einen Arzt konnte er schließlich nicht holen. Der hätte Finn sofort als etwas anderes als einen Menschen erkannt und ihn dann womöglich noch ins nächste Forschungslabor geschliffen. Nein, daran wollte er lieber gar nicht erst denken. Schon allein bei der Vorstellung daran schauderte es ihn. Mit diesen und ähnlichen beunruhigenden Gedanken, Finn betreffend, schlief er schließlich ein. ~*~*~*~*~*~*~*~*~ Die folgenden Tage verliefen ähnlich. Jessie kümmerte sich aufopferungsvoll um seinen kleinen Elfen, der fast die ganze Zeit über schlief und nur zum Essen und um auf Toilette zu gehen mal wach war. Morgens wechselte Jessie Finns Kleidung, die von der Nacht und dem Fieber immer ganz durchgeschwitzt war. Er versuchte dabei, so wenig wie möglich an den nackten Körper des vor ihm Liegenden zu denken und lenkte sich so gut, wie er konnte, mit Gedanken an nervende Mücken oder Spinnen, die er über alles hasste, ab. Wenn er nichts zu tun hatte, schrieb er entweder ein bisschen oder las ein Buch, das er schon lange einmal hatte lesen wollen. Das Fieber blieb zwei Tage so hoch und Jessie war verwundert, als Finn am zweiten Tag plötzlich mit Sprechen anfing. Zuerst glaubte er, der Kleine wäre aufgewacht. Doch dem war nicht so. Finn musste träumen. Und so, wie es aussah, waren dies nicht unbedingt schöne Träume, denn der Elf warf sich im Bett hin und her und hatte das Gesicht schmerzvoll verzogen. Immer, wenn dies passierte, nahm Jessie Finn in den Arm, um ihn zu beruhigen, was nach einige Minuten auch wirkte und Finn wieder ruhig schlafen ließ. So vergingen drei Tage, die Finn so gut wie gar nicht bei Bewusstsein war. Dann - Jessie lag wieder einmal neben dem Elfen und las ein Buch - rührte sich der Kleine und seine Augenlider begannen zu flattern, bevor er sie schließlich ganz öffnete und ihn aus kleinen Augen anblickte. Mit einem Lächeln und einem lauten Plumps, als ein großes Felsmassiv von Jessies Herzen fiel, begrüßte dieser ihn sanft: "Hallo Elfchen!" Finn war noch nicht ganz auf dem Damm und fühlte sich total schlapp. Doch stahl sich auch auf seine Lippen ein kleines Lächeln, als er seinen Menschen neben sich sah. "Hallo, Jessie", antwortete er ihm schwach und mit belegter Zunge und musste auch schon husten, weil er so lange nicht mehr gesprochen hatte. Als Jessie ihm einen Schluck Tee gegeben hatte, wagte er einen weiteren Versuch zu sprechen: "Wie lange... hab ich geschlafen?" Die Worte verließen nur stockend seinen Mund. "Über drei Tage", meinte Jessie wahrheitsgemäß. "Ich dachte, Elfen werden nie krank." Der Kleine sah nicht mehr ganz so schlecht aus. Jessie prüfte noch einmal seine Temperatur und stellte erleichtert fest, dass diese auf ein normales Niveau gesunken war. Das Schlimmste hatten sie also Gott sei dank hinter sich! 'Über... drei... Tage', wiederholte Finn in Gedanken. Das war einfach unmöglich! Das alles hier war unmöglich! Er hatte noch nie von einem Elfen gehört, der krank gewesen war! "Eigentlich", kam es nach ein paar Minuten nicht mehr ganz so stockend, "werden wir das auch nicht. Ich verstehe das nicht! Das hätte nicht passieren dürfen!" Seine noch angeschlagene Stimme war kurz vorm Überschlagen, so geschockt war er. Sofort war Jessie näher herangerutscht und versuchte, den Kleinen zu beruhigen, indem er ihm sachte über den Arm strich. "He, vielleicht liegt es ja daran, dass du deine Kräfte im Moment nicht einsetzen kannst, oder irre ich mich? Ich denke, du bist jetzt wohl einer von uns, ein Mensch, oder? Ist das nicht möglich?" Auch er hatte sich schon Gedanken über Finns Zustand gemacht und war zu keiner anderen Lösung gekommen. Tatsächlich beruhigten Jessies Streicheln und dessen Worte Finn ein wenig. Zögerlich nickte er. "Wahrscheinlich hast du recht", meinte er nun nicht mehr ganz so aufgewühlt. "Ich kann es mir nicht anders erklären." Zwar wollte er den Kleinen jetzt nicht noch mehr erschrecken, aber er musste ihn einfach fragen: "Du, Finn? Sprichst du eigentlich oft im Schlaf? Das hast du nämlich in den letzten Tagen häufig gemacht. Du hast wohl schlecht geträumt. Vielleicht lag's aber auch nur am Fieber." Finns Augen weiteten sich. Er hatte im Schlaf gesprochen? 'Aber... aber... das ist einfach unmöglich! Das kann gar nicht sein!' "Ich spreche nie im Schlaf! Nie!", flüsterte er abwesend vor sich hin. "Und ich träume auch nie ohne dich", fügte er noch leiser an. Eine kleine Verzweiflungsträne rann seine Wange hinab. Jessies Herz tat weh, als er die Träne sah. Zärtlich nahm er sie mit seinem Finger auf. Erst jetzt kam in seinem Gehirn an, was Finn da vor sich hingemurmelt hatte. Was meinte er damit? "Wie? Du träumst nicht ohne mich? Ich verstehe nicht ganz..." 'Oh, jetzt habe ich mich wohl verplappert', dachte sich Finn. "Eigentlich darf ich dir das gar nicht sagen. Aber das ist mir jetzt auch egal. Ich will dir das jetzt erzählen. Schließlich ist das hier ja auch eine Ausnahmesituation. Elfen besuchen schließlich nicht alle Tage ihren Menschen." Immer mehr Fragezeichen häuften sich in Jessies Gedanken. Er war schrecklich neugierig, was Finn ihm jetzt wohl erzählen würde. "Also, jeder Mensch hat einen Elfen, der für ihn zuständig ist. Allerdings zeigen wir uns den Menschen nie, nur in absoluten Ausnahmefällen. Die wenigsten von uns kümmern sich aber noch um ihren Menschen. Ihr habt uns vergessen und glaubt nicht mehr an uns. Deswegen sind viele Elfen verbittert und haben sich von euch abgewandt. Die, die euch noch wohl gesonnen sind, erscheinen jedoch ab und zu in den Träumen ihres Schützlings und geben ihnen so auch Ratschläge. Du, Jessie, bist mein Schützling und ich bin jede Nacht in deinen Träumen gewesen und habe dir Dinge gezeigt, die ich dir gerne zeigen wollte. Wir kennen uns schon länger, als du denkst. Ich war schon immer von den Menschen fasziniert. Und da war es für mich selbstverständlich, dich jede Nacht im Traum aufzusuchen. Wir Elfen selbst können ohne euch nicht träumen, sondern nur in eure Träume eintauchen und sie beeinflussen. Deswegen wundert es mich, dass ich geträumt habe, weil das eigentlich unmöglich ist. Die einzige Erklärung dafür ist, wie du schon gesagt hast, dass ich nun wohl tatsächlich als Mensch in die Menschenwelt 'verbannt' worden bin, bis meine Kräfte sich wieder erholt haben", endete er seine kleine Geschichte. Er wusste nicht, wie Jessie dies alles aufnahm und hoffte, dass er nicht böse war, da er jede Nacht in seine Träume eingedrungen war. Fasziniert hatte Jessie gelauscht und war wirklich überrascht über das Gehörte. Das musste er erst einmal verdauen. "Du warst das also in meinen Träumen?", fand er dann nach einige Minuten seine Sprache wieder. "Du hast mir all diese wunderbaren Dinge gezeigt? Dir hab ich dies alles hier zu verdanken? Meine gesamte Existenz?" Nun war es an Finn, ratlos und verblüfft zu schauen. "Wie? Jetzt verstehe ich nicht..." Jedenfalls schien Jessie nicht böse zu sein und das war schon mal gut. "Ich bin Kinderbuchautor. Ein recht erfolgreicher Kinderbuchautor. Und all meine Ideen habe ich aus meinen Träumen. Aus meinen Träumen, die du für mich erschaffen hast. Du hast wirklich eine wundervolle Fantasie, Finn! Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll! Ohne dich hätte ich das nie schreiben können!" Mit Tränen in den Augen beugte sich Jessie zu seinem Gast herab und schloss ihn dankend in die Arme. Finn hatte er wirklich alles zu verdanken. Und er wusste nicht, wie er das wieder gut machen sollte. Er war noch nie so gerührt gewesen wie in diesem Moment. Finn war reichlich überrascht über Jessies Reaktion, freute sich aber so sehr, dass er gleich mitweinen musste. Dass er Jessies Leben durch seine Träume so verändert und beeinflusst hatte, hatte er sich nie erträumt - und das im wahrsten Sinne des Wortes. "Ich...", meinte er schniefend, "ich würde deine Bücher gerne lesen." Strahlend und mit immer noch kullernden Freudentränen löste sich Jessie ein Stückchen. "Sehr gern, Finn! Immerhin ist es hauptsächlich dein Gedankengut, das ich nur in Worte gefasst habe." Mit diesen Worten stand er auf und eilte zum Bücherschrank in der Wohnstube, nur Sekunden später mit seinen beiden Werken in der Hand zum Bett zurückkehrend. "Das hier ist mein erstes", meinte er und reichte dabei dem Kleinen ein buntes Buch mit dem Titel 'Mannie im Zuckerwatteland'. Mit einem Lächeln, das mit der Sonne konkurrieren konnte, nahm Finn das Buch entgegen und schlug es auf der ersten Seite auf, um sich für die nächsten Stunden ins Zuckerwatteland, das ihn tatsächlich stark an ihre Träume erinnerte, zu begeben. Glücklich lächelnd saß Jessie daneben. "Bitte träume mir noch ganz viele solche wunderbaren Träume, Finn!", bat Jessie und lugte ins Buch, um mitlesen zu können. |
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