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Jahrestag - Originalversion
Gott, wie er diese überfüllten U-Bahnen doch hasste! Missmutig starrte er den Rücken eines scheinbar riesengroßen Mannes vor sich an, der ihm gerade schmerzhaft auf den Fuß getreten war und sich anschließend nicht entschuldigt hatte. Jeden Tag war es dasselbe. Jeden Tag verwünschte der junge Student mit den verstrubbelten blonden Haaren, der aufgrund dessen, dass er recht zierlich und nicht sonderlich groß geraten war, leicht übersehen wurde, alle Mitfahrenden, die ja unbedingt zur gleichen Zeit am gleichen Ort wie er sein mussten. Konnten die nicht alle mit dem Auto fahren? Gut, er selbst hatte auch keins, aber schließlich war er ein armer Student und konnte sich keins leisten. Da war das etwas anderes.
In Gedanken übersprang er die nächsten qualvollen Minuten in dieser Enge und stand vor seiner Haustür, die er langsam öffnete. Er dachte daran, was sich danach abspielen würde und er musste sich ein Grinsen arg verkneifen. Ja, heute hatten sein Freund und er Jahrestag. Genau vor einem Jahr hatte das Schicksal - oder eher das beherzte Eingreifen ihrer beider Freunde - sie zusammengeführt. Leicht musste er schmunzeln, wenn er so daran zurückdachte - wie er seinen Wirbelwind damals kennengelernt hatte, wie schwer sie sich getan hatten, obwohl es laut ihren Freunden offensichtlich gewesen schien, dass sie mehr füreinander empfanden, und an die Zeit, die sie nun schon zusammen verbracht hatten. Ja, es war wohl das ereignisreichste Jahr seines Lebens gewesen. Immer neue, verrückte Gedanken schossen seinem Freund in den Kopf, die dieser auch mit ihm sofort in die Tat umsetzte und somit jeden Tag zu etwas Besonderem, etwas Einzigartigem machte.
Leise lächelnd blickte er auf den großen Strauß Rosen, den er eingepackt und somit vor den neugierigen Blicken anderer geschützt in seiner freien Hand hielt. Sein Schatz liebte diese Rosen mit ihren roten Blüten und den schwarzen Rändern um die Blütenblätter. Es war eine ganz besondere Züchtung und extravagant - passend zu seinem Wirbelwind. Ihm war es nicht gerade einfach gefallen, eine solche Masse dieser ausgefallenen Blumen aufzutreiben. Im Gegenteil, er hatte zu verschiedenen Blumenhändlern gehen müssen, nur um festzustellen, dass diese von solch einer Rose noch nie gehört hatten. Erst, als er kurz vorm Aufgeben war, hatte er einen kleinen, recht unscheinbaren Blumenladen gefunden und hier hatte ihn die Frau mit der grünen Schürze und den gesunden, roten Backen gleich wissend angelächelt, als er seinen Wunsch geäußert hatte. Ein paar Wochen war es nun her, dass er diesen Strauß bestellt hatte, damit er ihn auch ja an diesem wichtigen Tag haben würde und hatte ihn vorhin, nach seiner letzten Vorlesung, noch schnell abgeholt. Es hatte sich wirklich gelohnt. Für seinen Schatz hatte sich diese Mühe allemal gelohnt.
Als er den Blick wieder hob, bemerkte er einen jungen Mann, der nicht weit von ihm entfernt stand. Gefesselt betrachtete er den anderen - leuchtende, rote Haare, die sich um ein ebenmäßiges Gesicht kringelten, strahlend grüne Augen, die abwesend aus dem Fenster zu blicken schienen, eine kleine, niedliche Stupsnase, sinnliche, leicht geöffnete Lippen, die nur zum Küssen einluden, leicht gerötete Wangen von der kühlen Winterluft, und ein Körper, von dem man in der dicken Winterjacke nicht viel sah, der aber anscheinend nicht von schlechten Eltern zu sein schien. Ohne es richtig zu bemerken, starrte er dieses faszinierende Geschöpf, das ihn so verzaubert hatte, an. Nichts anderes war mehr von Bedeutung. Alles andere rückte in den Hintergrund. Er nahm nur noch dieses Wesen ein paar Meter vor ihm wahr, das ihm ab und zu, wie ihm schien, einen scheuen Blick zuwarf. Natürlich konnte er sich diese Blicke auch einfach nur einbilden. Vielleicht waren sie nur Wunschdenken, aber ihm war, als suche der andere unauffällig seinen Blick.
Die Haltestellen rasten nur so an ihm vorbei, ohne dass er mitbekam, wie weit es noch bis zu seiner war. All das spielte in diesem Moment keine Rolle. In dem Moment, als sein Körper sich selbstständig machte, sich gegen den Verstand auflehnte und gewann und seine Füße ihn Richtung dieses Phänomens trugen, sich dabei zielstrebig einen Weg durch die Menschen, die seinen Weg behinderten, bahnend. Kurz, bevor er sein Ziel schließlich erreichte, hob dieser seinen Kopf und blickte ihn aus überraschten Augen an. Er schaute aus mindestens genauso überraschten Augen zurück, doch konnte er sich nun, wo er sein Gegenüber endlich erreicht hatte, nicht länger beherrschen. Mit einem leisen Seufzen überwand er die letzte Distanz und legte seine Lippen vorsichtig auf die des anderen. Genießend die Augen schließend ob dieser weichen, vollen Lippen, seufzte er erneut und vertiefte den Kuss ein wenig, mit seiner Zunge sanft die Konturen des sinnlichen Mundes an seinem nachfahrend. Nach unendlichen Sekunden, die aber doch noch lang nicht unendlich genug waren, löste er sich schließlich wieder und schlug seine Augen auf, um direkt in ein Paar unidentifizierbar glänzende grüne Seen zu schauen, die ihn unverwandt anblickten.
Mit einem Quietschen kam die Bahn in eben diesem Augenblick zum Stehen. Nur mühsam, aber doch abrupt wand er seinen Blick von diesen unergründlichen Augen ab und verließ die Bahn so schnell wie möglich, um eine seiner kostbaren Rosen erleichtert, die nun in der Hand dieses unglaublichen Wesens ruhte. Er wusste über die ihm nachgaffenden Leute, die Zeugen dieses kleinen Schauspiels eben geworden waren.
Recht abwesend stellte er fest, dass er eine Haltestelle zu früh ausgestiegen war. Aber das war nicht weiter tragisch. Dann würde er eben noch einen kleinen winterlichen Spaziergang machen.
Während seine Füße ihn aus der U-Bahnstation ans Tageslicht brachten und ihn in den gegenüberliegenden Park brachten, welchen er durchqueren musste, um nach Hause zu kommen, ließ er die letzten Minuten vor seinem inneren Auge noch einmal Revue passieren. Er hatte ihn genossen, diesen Kuss. Und wie er ihn genossen hatte! Diesen Augenblick, der ihm doch so schrecklich kurz erschienen war, würde er wohl nie mehr vergessen.
Leise knarzte die dünne Schicht Schnee unter seinen Schritten und weißer Atem verließ seinen Mund, um gen Himmel aufzusteigen. Kaum ein Mensch hatte sich zu dieser Zeit in den Park verirrt, sodass er fast menschenleer war. Es herrschte eine absolut friedliche Stimmung. Sowohl außerhalb als auch innerhalb des jungen Mannes, der gemächlich die von weiß bepuderten Bäumen und Wiesen umgebenen Wege entlangschlenderte. Eine absolute Ruhe hatte von ihm Besitz ergriffen, die so ganz im Gegensatz zu der noch kurz zuvor verspürten Aufregung stand.
Beinahe schwebend vor Zufriedenheit verließ er den Park und überquerte die Straße, um dann seinen Hausschlüssel zu zücken und die Tür, die in den geräumigen Flur des Miethauses führte, aufzuschließen. Mit leichten Schritten sprang er die Treppen in den zweiten Stock hinauf und öffnete gut gelaunt, die Blumen hinter seinem Rücken versteckend, die Haustür. "Ich bin wieder daaa!", rief er in die Wohnung hinein, während er sich seine Schuhe abstreifte. Und nur Sekunden später hörte er ein freudiges Jauchzen und das Knarren der Dielen, als sein Partner durch die Zimmer sauste und schließlich im Türrahmen zur Wohnstube erschien.
"Wird aber auch Zeit", grinste sein Wirbelwind, "dass du mir endlich den ganzen Strauß bringst." Langsam holte der Rothaarige eine Rose mit roten Blütenblättern, die schwarz umrändert waren, hinter seinem Rücken hervor und lächelte hintergründig.
"So so, und ich dachte, die hätte ich an einen scheuen, jungen Mann heute in der U-Bahn verloren", antwortete der Blonde mit einem ebensolchen Grinsen und wickelte den Strauß Rosen aus dem Papier aus und überwand die letzten Meter zwischen ihnen mit wenigen Schritten, um seinem Freund dann dessen Lieblingsblumen zu überreichen. "Alles Gute zum Jahrestag, mein Schatz", flüsterte er mit samtener Stimme.
Mit einem Strahlen in den grünen Augen nahm der Rothaarige den Strauß an. "Ich liebe dich, mein Engel", hauchte er, "und nun lass uns endlich da weitermachen, wo wir vorhin aufgehört haben."
Breit grinsend fielen sich die beiden Studenten einer Schauspielschule in die Arme und setzten ihren Kuss an der Stelle fort, wo sie ihn in der Bahn abgebrochen hatten.
ENDE
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