Nur fliegen ist schöner - oder?

Disclaimer: Diese Geschichte ist fiktiv, enthält allerdings einige Dinge, die ich selbst erlebt habe. Was davon wirklich geschehen und was ausgedacht ist, ist eurer Fantasie überlassen.

Inhalt: Die Erfüllung eines Traumes, die noch ganz andere Dinge nach sich zieht...

Warning: Zucker

Danksagung/Widmung: Zuallererst möchte ich mich - wie immer eigentlich - bei meiner kleinen Peilless für Beta und ihre offene Meinung bedanken. Dank dir habe ich mich hingesetzt und weitergeschrieben, weil du die Story so mochtest. *knuddel* Ich widme diese Geschichte demjenigen, der mir als Muse gedient hat und wohl nie etwas von dieser ganzen Sache erfahren wird - meinem Flugpartner! Danke!

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"Mach's gut, Timmy! Viel Spaß! Und dass du uns heil wiederkommst!", meint Theo, der Vater der Familie, bei der ich als Au Pair bin, zu mir, als ich das Haus verlasse, einem großen Abenteuer entgegen. Auch Anneliese, die Mutter, zieht mich noch einmal in eine feste Umarmung und die Kinder, Adrian und Kiara, geben mir beide noch einen Schmatzer, nachdem sie schon die ganze Zeit um uns herumscharwenzelt sind.

Dann heißt es für mich aufbrechen. Auf, meinen größten Traum, den ich schon als kleines Kind geträumt hab, wahr werden zu lassen: fliegen.

Ein halbes Jahr lebe ich nun schon in Österreich. Meine Familie zuhause in Australien vermisst mich und ich sie natürlich auch. Aber ich habe nun hier, nach anfänglichen Schwierigkeiten, auch eine Familie gefunden. Nach einem Wechsel, da die erste Familie doch intoleranter war, als sie selbst zunächst angenommen hatten - denn wer wollte schon einen männlichen Au Pair? - bin ich bei Anneliese und Theo gelandet, bei denen ich seitdem wie ein Familienmitglied lebe. Sie akzeptieren mich so, wie ich bin und das schließt auch meine Homosexualität, die ich ihnen nicht verschweige, mit ein.

Nun ist vor zwei Wochen mein Geburtstag gewesen und Anneliese und Theo, die genau wissen, was mein größter Wunsch ist, haben alle Hebel in Bewegung gesetzt und mir das schönste Geschenk überhaupt gemacht: einen Gutschein für einen Paragliding-Tandemflug! Ein Freund von ihnen hat nämlich einen Bekannten, der das als Hobby macht und der sich bereiterklärt hat, mit mir mal eine Runde zu drehen. Gott, ich hab vor Freude geweint!

Und nun ist es soweit. Ich hab mit meinem 'Mitflieger' telefoniert und mit ihm einen Tag für unseren Flug vereinbart - heute! Die letzten zwei Wochen sind beinahe schleppend langsam vergangen, weil ich diesem Tag so sehr entgegen gefiebert hab.

Jetzt stehe ich also hier auf dem Marktplatz, wo wir uns verabredet hatten und halte Ausschau nach dem mir beschriebenem Auto. Die Sonne strahlt mit meinen Augen um die Wette und die Wolken hängen recht hoch am Himmel. Langsam gehe ich auf und ab und warte. Klar, dass ich zu früh bin. Aber ich habe es eben nicht erwarten können, endlich herzukommen. Dann sehe ich das beschriebene Auto, ein schwarzer VW Golf mit einem aufgeklebten schwarzen Fallschirm auf der Heckscheibe. Mein Herz macht einen Hüpfer. Er ist da! Es geht los!

Wahrscheinlich hat er mich an meinem strahlenden Lächeln, das sicherlich jedem Atomreaktor Konkurrenz machen konnte, erkannt, da er direkt vor mir hält. Als er aussteigt, setzt mein Herz für mindestens einen Schlag aus. DAS DA ist er? DAS ist der Mann, mit dem ich fliegen werde? Mit diesem Traum von einem Mann? Bin ich im Paradies oder träume ich doch nur? Doch der Traumtyp mit den blonden halblangen Haaren und dem markanten leicht sonnengebräunten Gesicht sieht ziemlich real aus und kommt auf mich zu. Vor mit bleibt er stehen und gibt mir seine Hand, die ich wie in Trance ergreife.

"Hi! Ich bin Micha, dein Flugpartner", meint er dann mit dieser wunderbar niedlichen Aussprache, die ich bei den Österreichern so liebe.

Noch ganz hin und weg von seinem Auftreten und seiner äußerst wohlklingenden Stimme antworte ich schüchtern: "Hi, Micha! Ich bin Timmy. EigentlichTimothy, aber meine Freunde nennen mich Timmy." Mein Gott, was rede ich denn da? Ist mein Gehirn zu Brei geworden?

Doch er lacht leise, wovon ich sogleich Gänsehaut bekomme, weil es so wahnsinnig sinnlich klingt. Aus seinen leuchtend grünen Augen stieben Funken, als flackere ein Feuer in ihnen auf.

"Na dann, Timmy", spricht er mich an, "wollen wir mal!" Und so steigen wir beide in seinen kleinen Golf ein und er fährt los, während mein Herz immer noch nicht die Absicht hat, wieder normal zu schlagen.

Nach ein paar Sekunden meint er dann: "Also, wir fahren jetzt, wie du ja sicherlich schon weißt, zu meinem Wochenendhäuschen in den Bergen. Dort ist es schöner zum Fliegen. Hier sind zwar auch schon Berge, aber dort... das ist einfach nur traumhaft! Wirst es ja dann sehen."

"Schön", ist das Einzige, was mir in diesem Moment, während ich ihn verstohlen von der Seite mustere, einfällt und ich könnte mich jetzt, nachdem ich es ausgesprochen habe, in den Allerwertesten treten. Was für eine dämliche Antwort! Setzt mein Denken in seiner Gegenwart denn vollkommen aus? Bis jetzt habe ich noch nichts Sinnvolles herausbekommen. Für wie bescheuert muss er mich wohl halten?

Doch zu meiner Verwunderung schmunzelt er und fragt mich mit einem Lächeln in der Stimme: "Na? Bist wohl schon ganz aufgeregt und hibbelig wegen nachher?"

Diesmal nehme ich meinen Verstand zusammen und konzentriere mich auf meine Worte. "Und wie! Das ist schon immer mein Wunsch gewesen! Und jetzt endlich... ich kann es noch gar nicht richtig fassen!"

Wieder lacht er leise und ich bekomme Gänsehaut. Mein Gott, was macht er hier mit mir?!?

"Ja, Fliegen ist das Zweitschönste auf der Welt", erklärt er und zwinkert mir zu, sodass ich spüre, wie das Blut in meine Wangen schießt. Dabei, so denke ich zumindest, ist das sicher nicht so direkt gemeint, oder? Micha hat bestimmt eine hübsche kleine Freundin zuhause sitzen, die auf ihn wartet. So ein liebenswürdiger, zum Anbeißen aussehender Kerl kann einfach nicht Single sein. Und schwul sicherlich auch nicht.

"Weißt du", fährt er fort, "ich hab vor zehn Jahren angefangen mit dem Paragliding. Da war ich 18 und noch ein blutiger Anfänger. Aber es hat sich gelohnt,das Geld dafür zu investieren. Dafür hab ich extra noch mit dem Führerschein gewartet, weil mir das wichtiger war. Es ist einfach nur ein geiles Gefühl, in der Luft zu sein. So frei fühlst du dich sonst nie. Wirst's ja dann seh'n. Es wird dir sicherlich gefallen."

Ich bin während seiner Ausführungen ins Träumen geraten und hab immer wieder unbewusst vor mich her geseufzt. So langsam formt sich in meinen Gedanken ein Bild von Micha und was für ein Mensch er ist.

"Sag mal, du bist nicht von hier, stimmt's? Markus, mein Kumpel, der mit Anneliese und Theo befreundet ist, meinte, dass du bei den beiden als Au Pair lebst. Aber er hat mir nicht gesagt, wo du eigentlich herkommst", erzählt er und ich merke, wie ich schon wieder rot werde, als er 'Au Pair' sagt, da das ja doch recht ungewöhnlich für einen Mann ist.

Allerdings scheint er das als ganz normal anzusehen und macht sich nicht lustig darüber, sodass ich gelöster werde und zu erzählen beginne: "Ich komme aus Australien - in der Nähe von Melbourne haben wir eine kleine Farm, weißt du. Aber ich wollte schon immer etwas von der Welt sehen und weil ich Kinder so liebe, habe ich mich gleich nach der Schule als Au Pair beworben und bin auch angenommen worden."

Er hört mir aufmerksam und auch staunend, wie ich mitbekomme, zu und fragt nun nach: "Aber gerade nach Österreich? Hm, die Welt ist doch soo groß und es gibt noch ganz andere schöne Fleckchen auf der Erde. Nicht, dass Österreich nicht schön ist - aber gerade hierher? Hast du dir das selbst aussuchen können, wo du hinwolltest?"

"Ja", nicke ich, "wir hatten mal einen Austauschschüler aus Deutschland in unserer Klasse und mit dem hab ich mich sehr gut verstanden. Ich hab ihm in Englisch geholfen und er hat mir etwas Deutsch beigebracht. Als er dann wieder weg war, hat er mich auch mal zu sich eingeladen und ich hab ihn für drei Wochen in Deutschland besucht. Vorher hatte ich noch einen Deutsch-Kurs angefangen, weil mich die Sprache irgendwie fasziniert hat. Und irgendwann letztes Jahr hab ich dann beschlossen, als Au Pair in ein deutschsprachiges Land zu gehen. Das hab ich bei der Agentur angegeben und letztendlich bin ich hier gelandet."

Micha nickt. "Dein Deutsch ist sehr gut, wirklich! Man merkt, dass du fleißig warst. Aber wir sprechen hier ja doch ein wenig anders. Hattest du da große Probleme beim Verstehen am Anfang gehabt?"

Ich grinse. "Naja, das war schon eine ganz schöne Umstellung. Eure Aussprache hier ist total anders, aber es klingt sehr schön. Fast wie ein Lied."

Wieder lacht er. Und so vergeht, während wir uns äußerst angenehm unterhalten, eine ganze Weile. Ich erfahre, dass er Tischler ist und seinen Beruf sehr liebt. Wir sprechen gerade über Gott und die Welt, als er meint: "So, da wären wir. Alles aussteigen!"

Ich bin beinahe ein bisschen geschockt, weil ich nicht bemerkt habe, wie die Zeit vergangen ist, so sehr habe ich mich auf Micha konzentriert.

Als ich nun aussteige, lasse ich meinen Blick schweifen und kann mir ein staunendes "Wow!" nicht verkneifen. Wir standen am Fuße eines mir riesig erscheinenden Berges, vor uns ein Holzhaus, dahinter der beginnende Wald und ein kleiner Fluss, der sich vom Berg herunterschlängelt, in unserem Rücken eine große saftige Wiese mit allerlei bunten Blümchen.

"Willkommen in meinem kleinen persönlichen Paradies!", höre ich es neben mir und Micha zeigt mit einer einladenden Geste auf das Haus vor uns. "Ich komme hier sooft wie möglich her. Da hab ich meine Ruhe und kann fliegen, wenn ich Lust hab. Weißt du, dieser Ort ist noch ein ziemlicher Insider-Tipp. Hat sich noch nicht großartig rumgesprochen, dass man hier ideale Bedingungen zum Fliegen hat. Deswegen bin ich auch meistens ungestört." Während seiner Worte war er zum Kofferraum gegangen und holt nun zwei Rucksäcke - einen schwarzen und einen lilanen - heraus, die die Flugausrüstung, so vermute ich zumindest, enthalten.

"Kann ich dir beim Tragen helfen?", biete ich ihm an, da ich mir vorstellen kann, dass das Zeug nicht unbedingt leicht ist.

"Och, wenn du magst, gern! Weißt du, ich könnte meine Ausrüstung auch hier im Haus lassen, aber da hätte ich zu große Angst drum. Ist ja schließlich nicht gerade billig gewesen", erklärt er.

"Das glaub ich dir gern. Würd ich wohl genauso machen", erwidere ich.

"Stell den Rucksack bitte dort an die Wand", bittet er mich. "Ich möchte dir gern noch das Haus zeigen."

Und so legen wir unsere Last dort ab und betreten das kleine Holzhaus, das aus nur einem Raum besteht. Auf der linken Seite ist, etwas abgetrennt, eine kleine Kochnische; rechts steht ein dunkelgrünes Sofa, auf dem eine bunte Flickendecke liegt; daneben trohnt ein großer robuster dunkler Schrank; in der rechten Ecke ist ein steinerner Kamin angebracht, der sicherlich auch öfter genutzt wurde; daneben stapeln sich einige Holzscheite und an der hinteren Wand in der Mitte befindet sich ein riesiges Holzbett, auf dem eine burgunderrote Tagesdecke liegt und das von zwei Nachtschränkchen eingerahmt wird.

"Schön! Wirklich schön hast du's hier, Micha! Und richtig gemütlich", lobe ich.

Er verbeugt sich tief und zwinkert mir zu, sodass mir ganz warm wird. "Danke! Freut mich, dass es dir gefällt. Den großen Schrank, das Bett und die Nachtschränke hab ich selbst angefertigt", berichtet er mit Stolz in der Stimme.

Verblüfft reiße ich meine Augen auf und starre ihn an, bevor ich mir seine Werke näher betrachte und mit der rechten Hand über das Holz der Möbel streiche. "Wunderschön..", flüstere ich, "die sind wirklich... toll!" Und schon werde ich wieder rot ob dieser dämlichen Worte, die aber genau das treffen, was ich sagen will. "Du hast wirklich Talent", hänge ich an und versuche, mich so noch ein bisschen besser auszudrücken.

Wieder verneigt er sich, wobei seine glatten blonden Haare sein Gesicht leicht verdecken. "Nun denn", fängt er dann an, "wollen wir langsam mal aufbrechen, hm? Wir haben noch eine ganze Tour vor uns, bevor wir dann fliegen können."

Ich stimme ihm zu. Schließlich ist es schon Mittag durch und wir müssen sicherlich noch einige Höhenmeter überwinden, bis wir starten können.

Und so nimmt jeder wieder einen Rucksack - ich den schwarzen, weil ich kleiner bin und dieser Rucksack der leichtere ist - und los geht es. Ab und an legen wir eine Pause ein, setzen uns auf umgefallene Bäume und essen Corny. Es ist ein steiniger und bisweilen sogar felsiger Weg durch den Wald und man muss sich sehr auf seine Schritte konzentrieren, um nicht zu stolpern. Dabei lenkt mich allerdings ständig ein wohlgestaltetes Hinterteil ab, das vor mir herlief. Manchmal muss ich mich arg zusammennehmen, um mich vom Starren abzuhalten.

Viel unterhalten wir uns nicht, da uns die Wanderung dazu zu sehr in Anspruch nimmt. Schließlich verlassen wir den Wald und kommen auf einer großen Wiese an.

"Da wären wir", sagt Micha und ich könnte sterben, so glücklich bin ich, dass wir endlich angekommen sind. "Noch bis da hoch ans Ende der Wiese und dann kann es losgehen."

So gehen wir die letzten Meter und stellen dann erst einmal unser Gepäck ab, bevor wir uns ins Gras setzen und für ein paar Minuten verschnaufen. Es ist kälter geworden und die Sonne lässt sich nur noch für kurze Augenblicke sehen, während die Wolken tiefer stehen und sich verdoppelt haben.

"Hoffentlich regnet es jetzt nicht", meine ich etwas skeptisch. In den Bergen kann das Wetter ganz schnell umschlagen. Das hatte ich schon öfter mitbekommen.

"Das hoffe ich auch", entgegnet Micha, "das können wir jetzt nicht gebrauchen. Aber eigentlich haben sie Regen und Gewitter erst für morgen oder übermorgen angesagt. Also, vielleicht verzieht es sich ja wieder."

Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel, auch wenn ich nicht gläubig bin, aber im Gewitter zu fliegen will ich nun wirklich nicht, da ich Angst davor habe.

Micha steht auf und packt die Ausrüstung aus. Ich kann ihm dabei nicht wirklich helfen, da ich nicht weiß, wozu was da ist und was damit anzufangen. Die Rucksäcke, so stelle ich fasziniert fest, sind so eine Art Sitzschalen - für jeden von uns eine. Er macht mir vor, wie man die Schalen anlegt und ich tue es ihm gleich, nachdem wir uns beide noch eine dickere Jacke drübergezogen haben. Dann setzen wir noch Sonnenbrillen und Helme auf und er breitet den Schirm auf der Wiese aus. Ich stehe nur staunend daneben und schaue mir den weißen Schirm mit dem roten Streifen, der sich von einem Ende zum anderen zieht, an, bis er mich schließlich zu sich ruft und ich mich vor ihn hinstellen soll. So kraxele ich also zu ihm, doch mit dieser angeschnallten Wanne, in der ich ja noch nicht richtig sitze, ist das leichter gesagt als getan. Bin ich stolz, als ich fast bei ihm bin und mich die ganze Zeit hab auf den Füßen halten können! Doch zwei Meter vor meinem Ziel - wie könnte es auch anders sein - stolpere ich und falle beinahe der Länge nach hin, würde Micha nicht schnell reagieren, sich vorbeugen und mich noch auffangen, sodass ich mich in seinen Armen wiederfinde. Als ich aufschaue, blicke ich direkt in seine grünen Augen, die mir trotz leicht verdunkelnder Sonnenbrille bis auf den Grund meiner Seele zu schauen scheinen. Erst nach einigen Sekunden fällt mir wieder ein, dass ich schon viel zu lang in seinen Armen liege, um es als zufällig zu bezeichnen und werde auch prompt rot. Also löse ich mich schweren Herzens - das sowieso in einem unglaublichen Tempo schlägt - von ihm und stelle mich, immer noch leicht benebelt von der eben gekosteten Nähe, vor ihn.

Er räuspert sich und spricht dann: "So, jetzt schnall ich dich noch an mir fest und dann zähle ich bis drei und dann rennst du los. Einfach rennen, bis deine Füße das Gras nicht mehr berühren und den Oberkörper dabei nach vorn drücken, auch wenn es dich nach hinten zieht. Und dann sofort die Knie hochziehen und dich in die Schale reindrücken. Alles verstanden?"

Ich nicke, da ich zu Worten nicht fähig bin, weil mir erstens eben bewusst wird, dass ich gleich fliegen werde, und weil zweitens Micha gerade um mich herumtastet und uns aneinander festschnallt. Seltsamerweise braucht er recht lang, um die richtige Lasche zu finden, sodass mir ganz warm wird ob seiner Hände an meinem Bauch. Hat er das jetzt absichtlich gemacht oder nur, weil er es wirklich nicht gleich gefunden hat?

Schließlich ist es jedoch soweit - ich spüre mein Herz rasen, senke den Kopf, schließe die Augen und atme noch einmal tief durch. Dann blicke ich wieder auf, dankbar, dass Micha noch gewartet hat mit Zählen, bis ich bereit bin. Und schon höre ich direkt hinter mir: "Eins... zwei...drei! LOS!"

Und ich renne los und beuge meinen Oberkörper nach vorn und renne weiter und weiter und plötzlich, nur wenige Sekunden später, lösen sich meine Füße vom Boden und wir heben ab.

"Knie hoch!", ruft Micha dann und ich hebe die Knie und lasse mich in die Wanne gleiten, bis ich eine einigermaßen bequeme Position eingenommen habe. Mir laufen die Tränen nur so über die Wangen - wir fliegen! Wir FLIEGEN!

"Alles okay? Ist alles okay?", höre ich dann Michas besorgte Stimme.

Mir entkommt nur ein Schluchzer - ich bin einfach nicht in der Lage, ihm mit einem schlichten 'Ja' zu antworten. Unter uns die Wälder und Wiesen und ein ganzes Stück weit entfernt einige winzig klein scheinende Häuser - vor uns die Berge - und über uns die Wolken und der Himmel. Atemberaubend! Dieses Gefühl ist einfach nur atemberaubend! Genau wie die Aussicht!

"Alles okay?", fragt Micha wieder, weil ich ihm eine Antwort immer noch schuldig bin.

Meine Stimme kehrt langsam zurück und so antworte ich endlich: "Es ist wunderschön! Hier will ich nie wieder weg! Hier will ich sterben!"

Ich höre sein warmes Lachen. "Nein, nein! Ich lass dich hier bestimmt nicht sterben, Timmy! So was lass ich bei Freunden nicht zu!"

Mein Herz macht einen aufgeregten Hüpfer. Freund? Er mag mich also?

Erst jetzt registriere ich ein Piepsen neben meinem Ohr. Ich drehe den Kopf und entdecke ein Gerät, das ab und an diese Geräusche von sich gibt. Wahrscheinlich um anzuzeigen, wann wir sinken und wann wir steigen.

Micha hinter mir lenkt uns sicher, die Hände an den Seilen, die mit dem Schirm verbunden sind, den Auftrieb geschickt nutzend. Und ich vertraue ihm. Im Grunde genommen hat er im Moment mein Leben in seiner Hand. Und ich weiß, dass es bei ihm sicher ist.

Die Tränen rollen und wollen nicht aufhören zu fließen und mit glitzernden Augen drehe ich meinen Kopf, um Michas wundervolle Augen, die leider etwas von der Sonnenbrille versteckt werden, in diesem perfekten Moment sehen zu können.

"Timmy! Du weinst ja! Was... Ist alles okay?", fragt er erschrocken.

"Es ist perfekt! Es ist einfach nur perfekt! Bitte lass es nie mehr enden!", bitte ich ihn und wünsche mir inständigst, dass dies wirklich möglich wäre.

Doch scheint das Wetter uns nicht gut gesonnen zu sein, denn die Wolken ziehen sich immer mehr zusammen und sinken tiefer. Es wird merklich kühler und auch dunkler, da die Wolken die Sonne mittlerweile verdecken und fast den ganzen Himmel für sich allein beanspruchen.

"Es tut mir leid, Timmy", meint Micha nach nur wenigen Minuten in luftiger Höhe und ich höre an seiner Stimme, dass es ihm wirklich leid tut, "aber ich glaube, es wäre besser, wenn wir jetzt runtergehen würden. Das Wetter wird immer schlechter. Bitte nicht böse sein, aber das kann wirklich gefährlich werden."

"Ist okay. Ich will auch nicht, dass uns was passiert", entgegne ich, denn so langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun, wenn ich mir die dunklen Wolken über uns betrachte. Es sieht verdammt nach Gewitter aus!

Ich merke, wie wir, Kreise ziehend, immer weiter sinken. Die Wiese, an deren Rande Michas Haus steht, kommt immer näher und ich vermute, dass dies unser Landeplatz werden wird.

Sekunden später wird mir das bestätigt: "Hier landen wir. Ich komm jetzt an deine Seite und dann gehen wir ganz langsam runter. Und wenn wir dann aufsetzen, läufst du bitte zwei, drei Schritte mit. Okay?"

Wieder nicke ich nur und sogleich schwingt sich Micha neben mich, damit ich nicht allein landen muss.

Der Boden kommt immer näher und ich bekomme mittlerweile die ersten Tropfen ab - große Tropfen, die erst der Auftakt von einem richtigen Wolkenbruch sind, der gleich darauf folgt.

Gleich sind wir unten. Nur noch ein paar Meter. Das Wasser läuft mir in die Augen, aber ich achte nicht darauf. Jetzt muss ich mich erst auf die Landung konzentrieren. An meine Angst kann ich später wieder denken.

Gleich... gleich... und... ich beginne zu laufen und zwei Sekunden später berühren meine Füße den Boden. Nur zwei Schritte und wir stehen. Eine wirklich sanfte Landung.

Micha lässt den Schirm sinken und schnallt sich dann los von mir. Als er seine Ausrüstung abgelegt hat, hilft er mir bei meiner, weil ich es allein nicht schaffe.

Plötzlich tut es einen lauten Schlag und gleich darauf zuckt ein Blitz am dunklen Himmel entlang. Ich schrecke zusammen und beginne zu zittern. Nein! Bitte! Kein Gewitter! Noch nicht! Nicht jetzt!

Doch wie um meine stumme Bitte zu verhöhnen, donnert und blitzt es in diesem Moment gleich ein weiteres Mal und meine Angst steigt rapide.

"Timmy!", schreit Micha mir zu und schüttelt mich sacht an der Schulter, weil ich wie erstarrt da stehe. "Bitte, du musst mir helfen, den Schirm zusammenzulegen, damit wir schneller rein können! Timmy! Bitte!"

Ich sehe seine Augen, die mich flehend ansehen und nur für ihn reiße ich mich jetzt zusammen, verdränge meine Furcht und helfe ihm beim Zusammenlegen. Dennoch zucke ich bei jedem Blitz und bei jedem Donner zusammen.

Endlich sind wir fertig! Schnell schnappen wir uns die Ausrüstung und rennen zum Haus, das ein paar Meter von uns entfernt ist. Sobald Micha aufgeschlossen hat, stürzen wir herein und ich spüre, wie meine Angst nun wieder hervorkommt und mich bezwingen will. Tränen laufen mir über die Wangen, doch diesmal nicht vor Freude und Glück.

Micha nimmt mir den Rucksack ab und stellt sich dann vor mich. "Du hast Angst vor Gewittern?", fragt er sanft.

Ein weiteres Mal bin ich nur dazu in der Lage zu nicken. Aus tränenverschleierten Augen blicke ich ihn an. Wortlos nimmt er mich in die Arme und zieht mich an seine Brust. Hilflos klammere ich mich an ihn, vergrabe mein Gesicht in seiner Halsbeuge und schluchze. Ich will zwar liebend gern in seinen Armen liegen, aber nicht aus diesem Grund. Doch trotz dieser Gedanken kann ich mich nicht von ihm lösen, geht von ihm doch eine solche Geborgenheit und Sicherheit aus, die ich noch nie in meinem Leben so stark gespürt habe. Seine Ruhe fließt langsam auf mich über und meine Tränen beginnen, nach und nach zu verebben.

"Komm", meint er dann leise und sieht mir tief und warm lächelnd in die Augen, "wir müssen uns abtrocknen und umziehen. Unsere Sachen sind fatschnass."

Und erst in diesem Moment bekomme ich mit, dass wir beide in nassen Sachen hier stehen und dass das eigentlich ziemlich kalt ist. Ich nicke und er löst vorsichtig seine Arme von mir, nimmt mich bei der Hand und zieht mich zu dem großen Schrank, den er selbst gefertigt hat. Heraus holt er zwei große flauschige Handtücher, von denen er mir eins gibt und kriecht sofort wieder hinein, um nach neuen Klamotten zu suchen.

"Wie es aussieht", höre ich es aus dem Schrank, "werden wir wohl hier übernachten müssen. Du hast sicherlich keine Wechselsachen mit, schätz ich mal."

"Nein", hauche ich leise, weil meine Stimme vom Weinen noch ganz geschwächt ist.

"Gut", ertönt wieder die Stimme aus dem Schrank, "ich geb dir was von meinen Sachen. Welche, die mir zu klein sind. Da wirst du sicherlich reinpassen."

Kurz darauf taucht er wieder auf, auf jedem Arm einen Packen Klamotten haltend. Und schon drückt er mir den einen in die Hände und sieht mich ganz groß an. Ich schaue nur zurück. Ich... wir... hier voreinander?

Doch da scheint auch ihm dieser Gedanke zu kommen, denn sogleich stammelt er ein "Entschuldigung" und bekommt einen roten Hauch auf den Wangen. Normalerweise hätte ich jetzt gesagt, dass das doch meine Rolle sei, das Rotwerden, aber in diesem Moment lässt mich ein besonders gewaltiger Donner zusammenfahren. Er streichelt mir beruhigend über die Haare und nuschelt, dass er in die Küche zum Umziehen geht.

So sehe ich ihn kurz darauf in der etwas abgetrennten Küche verschwinden. Ich stelle mich zwischen die beiden Schranktüren, um ein bisschen geschützter zu stehen, und entdecke einen Spiegel an der Innenseite der rechten Tür. Aus dunkelbraunen, noch verheult aussehenden Augen blicke ich mein Spiegelbild an, das zu mir zurückstarrt. Meine schwarzen Haare, die sonst immer total verstrubbelt in alle möglichen Richtungen abstehen und sich nicht bändigen lassen, liegen nun nass an meinem Kopf an. Ich rubbele mit dem Handtuch darüber und schon sehen sie wieder so wuschelig aus, auch wenn sie immer noch sehr feucht sind. Schnell entledige ich mich meiner nassen Sachen und blicke dabei immer wieder um die Ecke, ob Micha auch ja nicht kommt. Schlimm, ich weiß, aber ich bin nun mal schüchtern und nicht unbedingt stolz auf meinen schmächtigen Körper, obwohl viele sagen, dass das zu mir passt. Ich bin froh, dass Micha mir auch eine frische Shorts hingelegt hat, denn selbst die ist nass geworden. Gekleidet in Michas Sachen - einer schwarzen Stoffhose und einem grünen Rollkragenpullover, in dem ich mir doch ein klein wenig verloren vorkomme - trete ich aus meinem Sichtschutz hervor. Kein Micha weit und breit. Meine Angst meldet sich verstärkt. Er wird doch wohl nicht etwa fort sein? Wieder ein Donner und ein Blitz.

"Timmy? Bist du fertig? Kann ich rein kommen?", vernehme ich nun erleichtert seine Stimme aus der Küche.

"Ja", antworte ich und meine Stimme klingt immer noch leicht piepslig.

Und schon sehe ich ihn aus der Küche schleichen, nun in einer ausgewaschenen Jeans und einem grauen Longsleeve. Mein Gott, der Typ sieht echt in allen Klamotten zum Anbeißen aus!

Er geht, leise lächelnd, zum Kamin und macht ein Feuer mit den Holzscheiten daneben. Dann setzt er sich auf das einladende Sofa mit der kunterbunten Flickendecke und schaut mich erwartungsvoll an. "Komm", meint er dann, "setz dich zu mir."

So schlurfe ich also zum Sofa und setze mich neben ihn, recht dicht, da ich immer noch leicht zittere von der ganzen Aufregung und der Angst.

"Sag mal", höre ich dann neben mir, "wieso fürchtest du dich eigentlich so vor Gewittern? Ich meine, im Grunde genommen kann dir doch nichts passieren, so lange du es nicht provozierst und du dich unter einen Baum stellst oder so."

Tief atme ich ein. "Ich weiß", murmel ich und starre ins Leere. "Als ich klein war, so um die fünf vielleicht, ging mein Opa abends raus, um seinen Hund, der ihm ausgebüxt war, zu suchen. Er war schon nicht mehr der Jüngste und manchmal auch schon ziemlich wirr im Kopf. An diesem Abend gab es ein schlimmes Gewitter. Opa kam und kam nicht zurück und es konnte bei diesem Wetter auch keiner raus, um nach ihm zu suchen. Am nächsten Morgen fand man ihn. Tot. Von einem Baum erschlagen, in den der Blitz eingeschlagen hat. Seitdem habe ich noch größere Angst vor Gewittern als zuvor."

Zärtlich wischt mir Micha die Tränen von der Wange. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass ich während meiner Erzählung die ganze Zeit leise geweint habe. "Das tut mir leid, Timmy. Dann verstehe ich deine Reaktion jetzt auch", sagt Micha und zieht mich in eine tröstende Umarmung.

Eine ganze Weile sitzen wir so da, ein Arm Michas um mich und mein Kopf auf seiner Schulter, und hängen beide unseren Gedanken nach, während wir ins knackende und prasselnde Feuer starren, dass die einzige Lichtquelle ist. Das Gewitter ist mittlerweile abgeflaut. Geblieben ist ein starker Regen, der an die Fenster trommelt, und ein starker Wind, der ums Haus fegt. Meine Tränen sind nun auch versiegt und auch meine Ängste haben sich in Michas Umarmung verflüchtigt. Meine Gedanken schwirren immer wieder um diesen Mann neben mir, der mir in diesem einen Tag schon so wichtig geworden ist und meine ganze Gefühlswelt auf den Kopf stellt. Ja, ich kenne dieses Gefühl, auch wenn ich es bisher noch nie in dieser Intensität gespürt habe. Die Frage ist nur: Was bedeute ich für ihn? Wie sieht er mich? Ich weiß ja noch nicht einmal, ob er überhaupt am gleichen Geschlecht interessiert ist.

Doch genau in diesem Gedankengang werde ich von seiner nächsten Frage unterbrochen: "Timmy? Hast du eigentlich eine Freundin?"

Und wieder einmal spüre ich, wie ich rot werde. Das scheint langsam zu einer Angewohnheit zu werden in seiner Gegenwart. Ich hebe den Kopf und schaue ihn an, bevor ich meinen Blick verlegen senke und leise antworte: "Nein. Du?" Mein Herz schlägt schneller. Jetzt werde ich es erfahren.

Er seufzt. "Nein. Und ehrlich gesagt, wünsche ich mir auch keine."

Ich runzele die Stirn und schaue ihn nun direkt an. "Wieso das denn? Lebst du gern allein?"

Ein wehmütiges Lächeln erscheint auf seinem sonst so sonnigen Gesicht. "Nein, natürlich nicht. Nur kann ich mit Frauen nicht besonders viel anfangen in der Richtung."

Ich schaue ihn groß an. Mein Kopf ist leer. Habe ich das eben richtig gehört? Oder war das nur Einbildung, nur Wunschdenken?

Anscheinend fasst er meine Reaktion falsch auf, denn er löst sich gleich etwas von mir und rückt ein Stück ab, den Kopf zur anderen Seite wendend und erneut seufzend. "Ja, ich bin schwul", meint er dann weiter, "und es tut mir leid, wenn du damit ein Problem haben solltest."

Höre ich da wirklich so etwas wie Enttäuschung in seiner Stimme? Hätte ich jetzt eine Wand direkt vor mir gehabt - ich hätte meinen Kopf nun liebend gern dagegen geschlagen. Was habe ich da schon wieder angerichtet? "Nein, nein!", entgegne ich also schnell, "ich habe nichts gegen Schwule. Ehrlich nicht!"

Er dreht den Kopf wieder und sieht mich immer noch zweifelnd an.

"Glaub mir, ich habe nichts gegen Schwule", beteuere ich erneut und füge leise und mit gesenktem Kopf an, "dann hätte ich ja etwas gegen mich selbst."

Ich höre, wie Micha die Luft geräuschvoll einzieht. Sehen kann ich ihn ja nicht, da ich immer noch auf meine inneinander verkrampften Hände starre und mir nicht traue, ihn jetzt anzuschauen. Okay, schwul war er schonmal, wirklich ein toller Zufall - aber das hieß ja noch lange nichts im Bezug auf uns.

"Und warum sind deine Hände plötzlich so schrecklich interessant?", höre ich es nun neckend ziemlich dicht neben meinem Ohr.

Ich schrecke ein bisschen zusammen und hebe den Blick wieder, erneut ein bisschen Farbe im Gesicht gewinnend. "Naja, also... ich... ich... ", stottere ich leicht verlegen, "ich frage mich, warum du... du keinen Freund hast. Du siehst ja nun mal wirklich nicht schlecht aus." Oh mein Gott! Das war die Untertreibung des Jahres! Er sah nicht schlecht aus! Aber schließlich kann ich ihm ja auch schlecht sagen, dass er einfach nur ein Traum von einem Mann war und jedes Modell neben ihm verblassen würde.

"Danke", schmunzelt er, "das Kompliment kann ich nur weitergeben. Warum ich keinen Freund habe...", meint er nun, schlagartig ernst werdend, den Blick in weite Ferne gerichtet, "ich hatte einen. Bis vor einem knappen Jahr. Wir kannten uns schon ewig, hatten die Flugschule zusammen besucht und von da an viel miteinander unternommen, weil wir uns prima verstanden haben. Irgendwann sind wir uns dann auch näher gekommen. Wir waren oft in den Bergen, wo wir ein kleines Wochenendhäuschen hatten, und sind dann dort geflogen. Dann, vor circa elf Monaten, lag statt ihm ein Zettel auf dem Kopfkissen, als ich früh aufwachte. ‚Hi Michi, war eine schöne Zei mit dir, aber mir ist das zu langweilig geworden mit der Zeit. Gib's doch zu, dass unsere Beziehung ziemlich eintönig geworden und dass die Liebe raus ist. Deswegen habe ich beschlossen, meinem Leben eine Wende zu geben und fortzugehen. Ich wünsch dir alles Gute für dein weiteres Leben! Mirko' Weg. Von einem Tag auf den anderen. Er hatte über Nacht die Koffer gepackt und war gegangen. Und das Schlimmste: Ich habe nichts gemerkt. Weder davon, noch von seinem Plan, mich zu verlassen, und seinen Gedanken. Meiner Meinung nach war unsere Beziehung nicht eintönig und auch die Liebe war da. Ich verstehe seine Beweggründe bis heute nicht. Eine ganze Weile habe ich nach ihm gesucht und nur in Erfahrung bringen können, dass er das Land wohl verlassen haben musste und in der Welt herumtingelte. Nur durch meine Freunde habe ich es geschafft, einigermaßen darüber wegzukommen. Ich verkaufte unser Häuschen, weil daran zu viele Erinnerungen hingen, und baute dieses hier, weil ich mein Hobby einfach nicht aufgeben wollte. Das Leben ging weiter, auch wenn es viel trister war als vorher und ich ihn schrecklich vermisste, schließlich waren wir sieben Jahre zusammen gewesen. Tja, und irgendwann sprach mich dann mein Kumpel Markus darauf an, ob ich nicht mal jemanden mit zum Fliegen nehmen würde. Und ich dachte: ‚Hm, wieso nicht?' Und als ich dich dann heute vormittag da stehen sah", er wird immer leiser bei seinen letzten Worten, "da hat mein Leben wieder einen neuen Sinn bekommen." Er schaut mich liebevoll aus seinen leuchtend grünen Augen an.

Ich sehe nur noch Sterne, die mir sanft entgegenstrahlen. Darf ich wirklich hoffen? Darf ich diesen letzten Satz wirklich so auslegen, wie ich es mir so sehnlich erhoffe?

Doch noch bevor ich selbst zu irgendeiner Frage ansetzen kann, spüre ich auch schon ein fremdes Lippenpaar, dass sich sanft auf meines legt, sich aber schon nach wenigen Sekunden, die ich nur wie versteinert da sitze, wieder zurückzieht.

"Entschuldige", murmelt Micha, den Kopf gesenkt. Eine Träne kullert seine Wange herab. "Ich dachte... ich hoffte, vielleicht fühlst du genauso und..."

Ich stoppe ihn in seinen geschluchzten Worten und lege ihm einen Finger auf die bebenden Lippen. Dann hebe ich seinen Kopf vorsichtig an, sodass er mich wieder anblicken muss. Zärtlich lächle ich ihn an. "Dummchen", beginne ich dann, "ich FÜHLE genauso wie du! Ich liebe dich, Micha!" Und mit diesen Worten beuge ich mich vor und lege nun meinerseits meine Lippen auf die seinigen, die sich nun zu einem glücklichen Lächeln formen. Unsere Zungen spielen ein liebevolles Spiel miteinander, das mir einen Schauer über den Rücken jagt.

Etwas unregelmäßiger atmend, lösen wir uns schließlich wieder voneinander. "Ich liebe dich, Timmy", haucht mir Micha ins Ohr. "Die schönste und die zweitschönste Sache der Welt an einem Tag - noch besser kann es eigentlich gar nicht werden!"

Oh doch, es konnte! Und mit einem vor Freude beinahe zerspringenden Herzen treffen sich unsere Lippen erneut und nicht das letzte Mal in dieser Nacht.

ENDE