Hallo alle zusammen, 22.3.2005 endlich schaffe ich es Euch mal zu schreiben. Einige haben sich ja schon beschwert nichts von mir zu hören bzw. zu lesen. Habts ja recht! War die letzten Wochen alles ziemlich stressig. Ich bin nach den Klausuren im Februar gleich nach Lyon gestartet. So hatte ich auch nur einen Tag zum Packen und Ausziehen. Sonntag, den 13.2. kam i dann endlich in Lyon bzw. Marcy L’Etoile an. Zum Glück kann ich hier in der Residence wohnen, sonst wärs ewig weit weg von Lyon jeden Morgen hier rauszufahren. Am nächsten Morgen gings dann gleich los mit 4h Tierernährung Vorlesung. Nachmittags kümmerte ich mich um mein zukünftiges Morgenprogramm. Kurz erst mal die Erklärung, wie das im franz. Studium so läuft: Morgens von 8-12(kann auch länger dauern) ist der klinische praktische Teil mit rotierenden Themen- je 1-2 Wochen lang. Mittags sind Vorlesungen von 14-18Uhr. Das 3.Jahr heißt hier D2(in dem bin ich). Diese haben seit September den klinischen Teil begonnen. Sie sind in kleinere Gruppen Unterteilt. Immer zwei D2er haben eine Klinikmutter bzw.-Vater aus D3 (4.Jahr), die ihnen bei allem gegebenenfalls assistieren und Fragen beantworten. Dann gibt’s weiter Interne, eigentlich 6. Jahr. Sie sind schon fertig und wissen folglich mehr, so dass man diese frägt, wenn die D3er nicht mehr weiter wissen bzw. alles was man macht, schreibt... wird durch sie noch mal bestätigt, damit nichts schief geht. Profs gibt’s auch, aber eben nicht so viele. Die sind meistens mit den komplizierteren Fällen beschäftigt. Sie schauen ab und zu mal vorbei und sind für Fragen immer offen. Da ich nun in der ersten Woche wegen den Klausuren in München noch nicht hier war, hatte ich die 1.Woche Equine von 2 (Pferd, Esel) verpasst. Also entschloss ich mich die Gruppe 2mal zu wechseln. So hatte ich die erste Woche Chirurgie, die 2.+3.Woche Equine und die 4. Woche Reproduction-also u.a. kastrieren von Katzen und Hunden. Letzte Woche habe ich eine Pause eingelegt und bin mit meiner Reisefreundin Lena etwas durch Spanien gereist und diese Woche habe ich Pathologie Infectieuse, dabei wird 2h geimpft und 2 1/2 h Vorlesung gehalten. So jetzt mal eine genauere Erzählung meiner Klinik Erfahrungen, für die, dies interessiert: (schreibe Erklärungen oder Fachbegriffe in Klammern, für die Leute, die fachlich nicht so involviert sind!) >Meistens schaut man als D2 noch bei Operationen zu, assistiert oder >macht die Anästhesie. Selbst kastriert man am ehesten Kater und Katzen. >Die Vorbereitungszeit, also Besprechung mit dem Besitzer, >Voruntersuchung, Prämedikation, Anästhesie mit Intubation (Schlauch in >Luftröhre zur Beatmung und Anästhesigabe) und Katheterlegen... nimmt >schon ziemlich viel Zeit in Anspruch. Meist um die 1-2h. Da die >Operation und Aufwachzeit... auch noch lange dauert, kommt man oft >nicht vor 14-16Uhr raus, ohne Pause versteht sich. Am Dienstag gabs eine Ovariektomie (Katzenkastration). Am Mittwoch wurde bei einer alten Hündin sowohl ein Fibrosarkom am Knie entfernt(hat furchtbar gestunken), als auch ein Brusttumor (dabei wird die ganze Gesäugeleiste einer Seite entfernt). Donnerstags durfte ich selber ran: Zahnsteinentfernung bei einem Hund. Ich durfte alles selbst machen, von der Anästhesie bis zur Nachsorge. Freitag habe ich noch bei einer Gastroscopie (Magenendoskopie) zugeschaut. Der Hund zeigt Verdauungsstörungen. Bei der Biopsie des Colons (Dickdarm) kam heraus, dass die Drüsen ihr Sekret nicht abgeben und deshalb der Kot, wegen erschwertem durchgleiten, an der Wand Läsionen verursacht. Jetzt bekommt er Cortisol und es ist auch schon etwas besser geworden. Die 2. Woche war ja Equine: Montags war eher eine Einführung. Es wurden die ganzen Pferde und ihre Krankheitsfälle vorgestellt und der Klinikaltag erklärt. Jeder muss morgens um 8 da sein und sein Pferd versorgen, untersuchen, Medikamente geben... um halb 10 muss dann je einer pro Pferd den Fall Vorstellen und alle Tätigkeiten, Veränderungen, Programm für den Tag... vortragen. Man bleibt bis 12 bzw. 14Uhr, um weitere Untersuchungen, Pflege... vorzunehmen. Dann kommt man noch mal um 14 und 18Uhr, wobei auch eine gute Stunde vergehen kann, bis man fertig ist. Also, volles Programm. Die erste Woche hatten wir Thema Chirurgie. An diesem Morgen habe ich noch bei einer Endoskopie einer Stute zuschauen können. Bei dieser wurde in Folge einer OP ein Luftröhrenschnitt gemacht, da trotz Intubation plötzlich die Luftwege zu waren. Diese Wunde wird nicht zugenäht, sondern muss selbst zuwachsen. Zur Unterstützung wird die Wunde alle 2h gereinigt und feucht gehalten. Diese Wund wollten sie von innen betrachten. Des weiteren wurde eine Lähmung der Stimmbänder auf der linken Seite bemerkt, was wahrscheinlich infolge der Aufwachphase oder beim Lagern während der OP durch Verletzung des Nerves auftrat. Am Dienstag habe ich bei eben dieser OP zur Behebung dieses Problems zugeschaut: „Laryngoplastie und Ventrikulektomie“ Mittwochs schaute ich bei einer Sinuskopie zu. D.h. es wurde über ein Loch im Knochen des Sinus Maxillaris (Nasennebenhöhle) ein Endoskop geschoben um eine Masse dort drinnen zu betrachten und rauszuholen (Resection). Abends habe ich bei eben diesem Pony noch eine EKG und ein Respirationstolerationstest (ob mit der Atmung alles in Ordnung ist) mit einer Plastiktüte gemacht. Donnertags wurde ein 18monatiger Haflingerhengst kastriert, weil die Hoden nicht aus der Bauchhöhle getreten sind.(Kryptorchide) Am Freitag kam dann ein Wallach mit einer halbseitigen Lähmung des Gesichtes. Es wurde u.a. Röntgenbilder und Ataxie-Gleichgewichts-nervenuntersuchungen gemacht. Bei der Endoskopie fanden wir ein Bluterguss um einen Nervenstrang (N.facialis) herum. Kein Wunder also. Samstags bekam ich einen eigenen Fall zugeteilt- den Esel Milos. So kam ich gezwungener maßen auch mal dazu vor der ganzen Gruppe jeden Morgen einen Vortrag über den Fall zu halten-gar nicht so einfach in Französischer Fachsprache, aber wenn’s muss, dann musses gehen, gell- und es ging auch jeden Morgen wieder etwas besser. Milos kam am Abend wegen einer Kolik. Das Problem war, dass das schon seine 2. innerhalb von 3 Wochen war und sie ihn deshalb nicht noch mal operieren konnten. Sie kam zustande, weil der Esel nichts mehr trinken wollte. Dazu konnten auch wir ihn nicht bringen. Er bekam Infusionen gegen seine Verstopfung und ich bin u.a. 3mal täglich mit ihm je 10min gelaufen, wodurch es ihm dann immer besser ging, so dass wir die Infusion irgendwann nach 2 Tagen abhängten und wieder langsam anfingen ihm zu fressen zu geben. Er hatte zwar noch ein paar andere Probleme, wie z.B. Zittern durch die eisigen Temperaturen, ein Bluterguss an der Carotis Arterie, eine Wunde am Schwanz, ein Ödem an der OP Wunde, ein etwas aufgedunses Abdomen, ...Aber das größte Problem blieb: er wollte einfach nicht trinken. So ging es ihm gerade an dem Tag, an dem ich auf dem Ausflug zu Royal Canin war (Futtermittelproduktion für Hunde und Katzen zwischen Nime und Montpellier), wieder schlechter und in der Nacht bekam er seine 3.Kolik. Am nächsten Tag war ich den ganzen Tag von 8 bis nach 19Uhr beschäftigt ihn zu umsorgen, mit ihm zu laufen, Magenspülungen zu machen...- Intensivfälle sind echt anstrengend... Es ging ihm dann auch wieder besser. Doch am Montag, an dem ich nicht mehr da war ist er dann wohl abends gestorben. Ich war super traurig, denn auch wenn er beim spazieren gehen furchtbar stur war und auch sonst so gar nicht machte, was man eigentlich wollte, habe ich mich irgendwie in den kleine Esel vernarrt und so meine Liebe zu Eseln entdeckt. Lieb war er ja schon, hat er doch schon nach 2 Tagen zu IA-en begonnen, wenn ich kam. Außerdem habe ich einiges in Sachen Esel dazugelernt. Esel sind eben keine kleinen Pferde mit langen Ohren, die I A schreien. Sie haben einerseits einen ganz anderen Charakter, aber auch ganz andere klinische Werte! Z.B. kann eine Esel an einem sehr kalten Morgen eine Temperatur von 35,5 grad haben. Wenn es heiß ist bis zu 39°C. Pferde ca. 37,3- 38°C je nach Tageszeit. Neben Milos habe ich natürlich auch noch bei anderen Pflegefällen mitgeholfen, dabei gings oft um Verbandswechsel, Infusionswechsel, Medikamentengabe.... Und Mal bei einer OP eines gebrochenen Phalangs 2 (Bein) mit Fixateur extern, mal bei einer Ankaufsuntersuchung zugeschaut.... In der 4.Woche war ja Thema Reproduction. In der Woche durfte ich einen Kater und eine Katze selbst kastrieren. Wobei die OP mit der Katze spektakulärer war. Dabei muss man eben die Bauchhöhle aufmachen und ist somit eine richtige OP. Danach war ich schon stolz auf mich, gell, denn das war ja dann meine erste richtige OP, die ich selbst machen durfte!!! In der Woche habe ich außerdem die Anästhesie bei einer Kastration einer Hündin ganz alleine überwacht. Der Donnerstag war dann ganz genial. Ich bin per Zufall bei der gynäkologischen Untersuchung von Stuten gelandet, da meine Gruppe an diesem Morgen in der Klinik keinen Fall bekam. Ich habe zwar bisher schon Kühe rektal palpiert,(dabei werden u.a. Gebärmutter, Eileiter und Eiertöcke abgetastet und z.B. der Zyklus oder Trächtigkeit bestimmt) doch bisher war alles immer nur schwarz, weich und warm. Dieses mal aber bei den 4 Pferden konnte ich wirklich etwas fühlen und zuordnen. Danach gabs noch eine Ultraschalluntersuchung und eine direkte Untersuchung der Vagina und der Zervix(Gebärmutterhals) mit dem Spekulum. So jetzt mal noch was zum restlichen Alltag außerhalb der Uni. Es gibt hier ziemlich viele Erasmus aus allen möglichen Ländern. U.a. aus Spanien, so dass ich außer zum Französisch sprechen auch zum Spanisch sprechen komme. Das ist natürlich ganz super. Abends trifft man sich oft zum ins Kino gehen, feiern, schwätzen, kochen, nach Lyon weggehen. Mal gibt’s eine Conferance von Arzneimittelfirmen oder eine Boom (Fakultätsparty), die bis in die Morgenstunden geht... Von meiner Spanienreise berichte ich in der nächsten Mail. Soweit aber mal bis jetzt, damit ihr nicht denkt, mir sind die Finger abgestorben, hätte Euch vergessen, oder schlimmeres. Ach und a propos Finger abgestorben, wer sich fragt, wies meinen Knöcheln geht: ist alles soweit eigentlich in Ordnung, zwar darf ich nicht Skifahren und sollte nicht übermäßig joggen oder ähnliches, aber wandern und schwimmen geht immer und da bin ich auch sehr froh drum. Hoffe Euch geht’s allen gut. Freu mich, wie immer über Emails von Euch und der Welt... Wer will kann mich natürlich gerne besuchen und/oder anrufen. Adresse und Handy stehen unten. Bin bis Mitte Juni hier, am 21.6. fliege ich schon nach Argentinien, um dort mein einmonatiges Praxispraktikum zu machen. Wer anrufen will wählt am Besten die 01077 vor, dann kostets nur 15 Cent pro min. Mit Webtelefonie kann ich leider nicht dienen, da ich in meinem Zimmer weder Telefon, noch Fernsehen, noch Internetanschluss habe. Liebe Grüße und 1000 Bisous und Besos aus Marcy L’Etoile, Claudi