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Geschichte des Antisemitismus

Thematisch wird der Antisemitismus in die Formen religiös, nationalistisch sowie rassistisch eingeteilt. Doch diese Gliederung ist auch verschiedenen Zeitabschnitten zuzuordnen. Weiterhin passen diese drei Antisemitismusformen auch genau zu den drei Aspekten, die man mit jüdisch bezeichnen kann: die Religion, die Kultur sowie das Volk/ den Staat Israel.
Der Ursprung der drei monotheistischen Weltreligionen liegt bei Abraham. Die Juden behaupten, Gottes Segen sei über Abrahams und Saras Sohn Isaak und Isaaks Sohn Jakob auf sie übertragen worden. Skeptiker sagen, das diese Geschichte bloß Fiktion sei, geschrieben zur Verherrlichung des eigenen Stammes.
(National Geographic Deutschland, 12/2001 S. 141, Abraham - der Patriarch des Friedens) Doch wer ließ dann Kaaba bauen? Nachdem Moses die Israeliten um 1300 v.u.Z. aus Ägypten führte, beginnt durch die gleichzeitige Ankunft mit den Philistern in Palästina ein jahrhundertelanger Streit mit diesen. Doch dieses ist, wie auch die öfteren Versklavungen z.B. durch die Babylonier und Römer, nicht als Antisemitismus zu bezeichnen, zumal sich das Volk erst um 1050 v.u.Z. zusammenfinden wird und die jüdische Religion gar erst um 586 v.u.Z. in Erscheinung tritt. Es war diesen eher um machtpolitische und materielle Aspekte gegangen. Erst nachdem das Christentum 391 nach Christus zur römischen Staatsreligion aufgestiegen war, und so christliche Religionsführer in die Geschicke der römischen Politik Einfluss nahmen, begann eine Unterdrückung der Juden aus religiösen Gründen. Dass Christus selbst Jude war interessierte wenig angesichts der Auslieferung durch Judas. Doch schon vor der Erhebung zur Staatsreligion wurden die Christen nach ihrer Anerkennung den Juden gegenüber deutlich bevorzugt, wie man es aus einem Edikt Kaiser Konstantins aus dem Jahr 315 .Chr. entnehmen kann, womit dieser den Übertritt von Juden zum Christentum fördern will, den umgekehrten Schritt jedoch zu verhindern gedenkt. Das Leben der Juden im Einflussbereich der Römer wurde um so schwieriger, je länger die Christen am längeren Hebel saßen. Während 412 Kaiser Honorius den Juden noch gleiche Bürgerrechte gewährt, schließt Theodoius II sie dagegen im Jahr 439 von allen Ämtern aus und unterbindet Synagogenneubauten. Der Zusammenbruch des römischen Reiches tat dann den Christen auch keinen Abbruch mehr, zumal auch die aus den Stämmen der Völkerwanderung hervorgegangenen Staaten christlich waren, demzufolge ganz Europa. Palästina jedoch war nicht von Christen eingenommen, denn a.D. 638 eroberten die Araber dieses Gebiet so waren die Juden vom gerade erst entstandenen Islam vertrieben und in alle Winde verstreut, ein Höhepunkt der 721 bzw. 586 v.Chr. begonnenen Diaspora. Die Juden lebten infolgedessen als Minderheit in der christlichen Mehrheit, was bis zum Beginn der Kreuzfahrerzeit relativ friedlich verlief. Das Ziel der Kreuzzüge war nicht nur die Eroberung des heiligen Landes für die Christenheit, sondern vordergründig der allgemeine Kampf gegen die Ungläubigen, zu dem heute die arabische Welt aufruft. In Gottes Namen wurde gemordet und geraubt. Doch die Kreuzzüge erstreckten sich zusammengerechnet nur über 24 Jahre, verhinderten jedoch auch für den Rest des Mittelalters ein normales Verhältnis zwischen den beiden Religionen. So waren Juden durch den Ausschluss aus Zünften und Gilden und das Verbot der katholischen Kirche für die Juden, Ackerbau zu betreiben, vom normalen Broterwerb durch fast alle Berufe getrennt, konnten sich meist nur durch Kreditgeschäfte über Wasser halten. Die häufigen Wucherzinsen, die einer erheben muss, um mit kleinem Kapital von Zinsen leben zu können, forcierte den Hass auf die Juden. Zudem mussten sie seit dem 12. Jahrhundert oftmals aufgrund von besonderen Gesetzten in Ghettos leben. Die Pest 1348, die nach weitverbreiteter Ansicht ein Werk der Juden, die angeblich die Brunnen vergiftet hätten, war, führte zu umgreifenden Pogromen. Rund 350 Gemeinden wurden vernichtet, es kam infolge dessen zur zweiten Einwanderungswelle der Juden nach Osteuropa. Durch die drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert kam ein großer jüdischer Bevölkerungsanteil nach Russland. Dem religiösen Antisemitismus konnte man durch Ablegen der jüdischen Religion, durch die Taufe (also der Annahme des Christentums), entgehen. Bevor ich nun zum nationalistischen Antisemitismus übergehe, will ich zum religiösen noch nachtragen, dass erst 1961 der Weltkirchenrat erklärte, Antisemitismus widerspreche den Lehren Christi. Da fällt es schwer, sich eines zynischen Kommentars zu enthalten.
Die neue Form des Antisemitismus entwickelte sich im 19. Jahrhundert. Doch es war auch in dieser Zeit da sich einiges für die Juden verbesserte. Grundlage war das Gedankengut der Aufklärung aus dem 17. Jahrhundert. Zu den grundlegenden Aussagen der Aufklärung gehörte die Ansicht, dass der Mensch von Natur aus Vernünftig sei und durch Gebrauch und Erziehung seiner Vernunft Vollkommenheit erlangen könne, dass die Männer - und nach Ansicht einiger Denker auch Frauen - gleich seien und Gleichheit vor dem Gesetz und individuelle Freiheit erhalten sollten. Dieses Denken förderte die Ansicht, es wäre nicht gerechtfertigt wegen Ressentiments der christlichen Kirchen die Juden vom Grundsatz der Gleichheit auszuschließen. In die Politik drang dieses dann nur langsam vor:
1782
Toleranzedikt in Österreich
Zugang zu Handwerk; Rechtsstatus unverändert

1791
gesetzl. Verankerung voller Gleichberechtigung
(1808eingeschränkt) 1848 durchgesetzt

1798 Napoleons Gesetzbuch
in den Rheinbundstaaten eingeführt; Juden werden „Einländer und Staatsbürger"

1848
Frankreich
Staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden

1858
England
Staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden

1867
Österreich
Staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden

1871
Dt. Reich
Staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden

1874
Schweiz
Staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden

Im Deutschland des 19. Jahrhunderts bemühen sich die nationalistischen Antisemiten um die Umkehrung der Gleichheitsinterpretation. Aus der gebenden Gleichberechtigung wurde die Forderung nach Angleichung. Emanzipation bedeutete in Deutschland damals ohnehin nur Eingliederung, nicht Gleichstellung. Dieses macht jedoch die Aussagen der Aufklärung zunichte, da es ja bedeutet, dass der Jude nur dann gleichberechtigt behandelt wird, wenn er sich taufen lässt und die christliche Kultur als seine akzeptiert. Als Jude war der Jude nun wieder verfolgt, beispielsweise durch die Hepp-Hepp-Bewegung. In der Revolution 1848 ging dieses einher mit der beforderten Reichseinigung. Im Jahr 1871 schuf Fürst Otto von Bismarck "sein" Deutsches Reich, und man hatte sogar wieder einen Kaiser. Dann kam Wilhelm II, setzte Bismarck ab und dann verschwand auch das Reich wieder, denn Wilhelm II tauschte das Bündnis mit Russland gegen das mit Österreich, was sich als militärisch ungünstig erwies. Doch bleiben wir im 19. Jahrhundert. Mit der Gründung des Reiches war Deutschland zu den Großmächten aufgestiegen, konnte sich sogar Kolonien erlauben. Man war also Stolz und zeigte überall seinen Schneid umher. Doch bestand das Reich nun noch immer aus einem Haufen verbackener kleiner Fürstentümern. Um das Reich von innen zu stabilisieren war es also notwendig, die vielen unterschiedlichen Volksgruppen zumindest aneinanderzugliedern. Es entwickelte sich das "Deutschtum", das eine Anpassung an das Bild des Deutschen forderte (später sollte ja dann die ganze Welt am deutschen Wesen genesen), so auch von den Juden.
Eines der bekanntesten Beispiele für einen getauften Juden wäre z.B. Heinrich Heine.
Der rassistische Antisemitismus erklärt die Juden zu einer Rasse. Das geht zurück auf den britischen Biologen Charles Darwin (1809-82), der in seinem 1859 erschienen Werk "On the Origin of Species" begründet, dass die Arten nicht festgelegt sind, sondern im Lauf von Jahrtausenden durch Selektion entwickelten, den Menschen eingeschlossen. Da die Kirche sah darin einen Widerspruch zur Bibel, Darwins Werk wurde defamiert und verspottet. Letztlich setzte es sich durch und trug unter anderem auch Früchte, die er sicher nicht beabsichtigt hatte: den Sozialdarwinismus, mit dem das Ungleichgewicht zwischen einzelnen Individuen und Rassen begründet wurde. So konnten sich die deutschen Arier (Indoeuropäer) höchstselbst zur Herrenrasse erklären und andere zu Untermenschen. Zum schlimmsten und niedrigsten Untermenschen wurde die erfundene Rasse der Juden festgelegt. Der rassistische Antisemitismus begnügte sich nicht mit der Forderung nach Ablegen der Religion, auch das Aufgeben der jüdischen Kultur war nicht genug. Nur der Tod war für Juden angemessen. Selbst wenn sie selbst keine Juden mehr waren, sondern nur Nachfahren solcher, wurden sie genetisch minderwertig betrachtet. Das kostete 6 000 000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern das Leben.


Quellen: National Geographic Deutschland Ausgaben 12/2001 und 10/2002, Gruner und Jahr, National Geographic Society
Illustriertes Lexikon der Weltgeschichte, 1996The Readers Digest Association Limited

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