Briefe eines verlängerten Ausfluges per Fahrrad
Berlin-Amsterdam-Berlin 2568 Kilometer (keine direkte Strecke)

Tag 4
Hallo Jaques, ich habe noch eine kleine Geschichte für Dich: ich heute Morgen auf dem Weg zur Dusche um den Bungalow, als mir in Affentempo etwas kleines, braunes entgegenraste. Der Schrecken war bei beiden Parteien groß. Ich blieb stehen und die kleine Rakete, die sich als verschrecktes Eichhörnchen herausstellte, machte auf dem Absatz kehrt und flüchtete auf den nächsten Baum. Von diesem hangelte es sich weiter über drei weitere in sicherem Abstand um mich herum, was aufgrund Tapsigkeit und dem Umstand, dass die dünnen Äste unter der Masse des Tieres nachgaben, äußerst komisch aussah.
Aufgabe: Schreiben Sie diese Begebenheit aus Sicht des Eichhörnchens und schicken sie Sie an Naturschutzbund und den Osterhasen!

Tag11

lieber Jaques,

Ich bin an diesem Freitag also nicht in Herzberg, sondern in Kassel gelandet. Habe gerade so einen Platz in der Jugendherberge bekommen. Hier in Kassel veranstaltet der CVJM ein riesiges Treffen und die Stadt platzt.
Meine Oma hatte mich vor einem schlimmen Unwetter gewarnt, aber von wegen Gewitter: strahlender Himmel. Weil nun die Kasseler auch meinten, es würde gewittern, bin ja hier überhaupt eingekehrt. Ich habe aber sehr nette Zimmernachbarn. Zwei Indonesier und ein Chinese, können aber alle relativ gut deutsch. Samstag werde ich vormittags noch ein wenig in Kassel bleiben und dann vielleicht fünfzig Kilometer Richtung Nordwest fahren um dort
irgendwo zu versuchen zu zelten. Unter anderem stören mich die Dauercamper, dieses grölende Pack. Dann noch die Gebühren und die völlig fehlende Reiseromantik. Ich stelle mir regelrecht vor, wie der olle Goethe spät durch Nacht und Wind wandernd bei seiner Harzreise im Grilldunst von Dauercampern nächtigte.
Als ich im letzten Jahr mit dem Gedanken spielte, nach Kassel zu kommen, hatte Herbert mir abgeraten. Er findet die Stadt belanglos bis häßlich. Ich finde sie wunderbar, schöner als alle, durch die ich dieses Jahr schon gekommen bin. Von chinesischer Seite wird mein Eindruck vollauf bestätigt. Einer der Indonesier studiert übrigens in Berlin. Wo man diese Hauptstädter überall trifft!

Tag 13
Lieber Jaques,

das Wetter im Münsterland ist merkwürdig. Am Morgen ist es stets verregnet und sieht so aus, als wollte es den ganzen Tag schütten. Gegen Mittag klärt es auf und wird sonnig-warm. Der Nachmittag wird von gelegentlichen Schauern getrübt, doch die Abende sind immer sehr schön.
Ich war hier schon in einigen Museen und Schlössern. Heute wollte ich zum "Haus Romberg", aber weder wohnen da Rombergs, noch kann man auf das Anwesen rauf - sieht es also nur von Ferne - schade.
Es macht Spaß hier Rad zu fahren. Das Münsterland ist viel mehr von den Niederlanden geprägt, als von Preußen und das hat Auswirkungen. In Magdeburg wird man ja sofort angehupt, wenn man die Nutzung eines unsinnig angelegten Radweges verweigert (Rabaukenstadt eine), hier wird der König der Straße noch standesgemäß behandelt. Die Malocher der Straße mit ihren Autos glauben hier nicht, die Welt würde Ihnen gehören.
Auch die Architektur und so ist hier vom niederländischen Typ.


Tag 15
Lieber Jaques,

Ich fahre seit Stunden zwischen der Grenze nach Niederlanden und dem Rhein (beides unsichtbar) einher. Dennoch leibe ich die Nacht im Heimatlande. Jeder Quadratmeter ist hier eingezäunt und abgesteckt. Es gibt kaum Platz zum Rasten, daher ist das hier meine erste nach 80 Kilometern. Furchtbar.
Obwohl es früh geregnet hat, ist es wieder sehe heiß. Mal sehen, ob es noch gewittert.

Tag 21
Lieber Jaques,

Ich bin gerade in Kampen, aber sonntags ist hier nichts los. Aber ich habe wieder eine tolle Tierbegegnung für Dich:
Ich sitze im Stadtpark von Kampen auf einer Parkbank. Diese steht auf einer Wiese vor einer Gracht mit Insel. Nach ein paar Minuten frohen Ausruhens kommt von eben dieser Insel eine Familie von Enten auf mich zugeschwommen. Genauer war es eine Ente und fünf Junge. Sie kraxeln das Ufer hoch und steuern weiter direkt auf mich zu, um etwa einen halben Meter vor mir in einer Linie Aufstellung zu nehmen. Die Ente blickt mich fordernd an. Nicht bettelnd wie ein Hund, sondern als wolle sie sagen: "Wenn Du auf unserer Wiese sitzen willst, dann wollen wir aber auch was davon haben.". Das mußte ich einsehen und so kramte ich mein Vollkornbrot heraus und zerbröselte etwas davon, um es ihnen hinzuwerfen. Bis dahin wartete die Meute geduldig und ohne zu zweifeln oder zu wanken. Als der Obolus eingeholt war und ich nichts mehr geben wollte zog die Familie weiter.



Tag 22
"Varus, gib mir meine Legionen wieder" (Kaiser Augustus nach der verlorenen Schlacht im TW)

Hallo Jaques

Ich bin inzwischen wieder im Lande.
Seit ich Dir das letzte Mal geschrieben habe, bin ich nun also in den Niederlanden rumgekurvt. Traumhaft. Man kann gar nicht alles erzählen, allenfalls die Höhepunkte erwähnen. Am ersten Tag wollte ich ins Kröger-Möller Museum, das mir unser gemeinsamer Kunsterzieher R.K. empfohlen hatte. Doch es war Montag und damit allgemeiner Schließtag in den Niederlanden, an dem nicht einmal H&M es über sich bringt, offen zu haben. Der darumherum befindliche Nationalpark war aber auch sehenswert.
Um so lebendiger war Amsterdam. Es war immer was los. Verzweifelt fragte ich mich, wann ich denn schlafen soll, ohne etwas zu verpassen.
An dem Tag, als in London dem Nahen Osten näher war den je, machte ich einen Ausflug an die Nordseeküste. Die hat neben dem Badespaß eine schier unglaubliche Landschaft zu bieten. Stundenlang fuhr ich auf einem natürlich nur für Radler reserviertem Weg hindurch und war in jeden Quadratmeter, der mich umgab verliebt. Und es war gut, daß ich erst am Abend Nachrichten sehen konnte.
Ansonsten war Amsterdam aus Sehenswürdigkeiten aller Art, Museen, Straßentheatern- und Komikern, Grachtentretbootfahrten, ein paar Kneipenbekanntschaften und herrlichen Abendspaziergängen zusammengesetzt. Dann ging es weiter nach Norden und letztlich habe ich mich dann in Enkhuizen wieder nach Osten aufgemacht, um über den Damm zwischen Dir ja auch bekannten Ijsselmeer und dem Markenmeer den ersten Schritt in Richtung Heimat zu tun. Mein Handy ausgenommen bin ich Meilen von jeder Transistor-Schaltung entfernt. Hier existiert die Logik von Entstehen, wachsen und vergehen von Flora und Fauna vor dem Hintergrund der ewig erscheinenden Landschaft.


Tag 28
Hallo R.K.,

Ich bin von meiner kleinen Radreise zurück. In den Niederlanden bin ich auch auf das Museum gestoßen, das Sie mir beschrieben haben. Es ist das Kröller-Müller Museum (kmm.nl). Das Museum selbst konnte ich leider nicht besuchen, da ich an einem Montag dort war. Aber der Skulpturenpark um das ehemalige Jagdschloss herum war wirklich spannend. Leider muss man schon für das betreten des Nationalparks, in dem das Museum liegt, Eintritt zahlen.
Ansonsten sind die in jeder größeren Stadt befindlichen Stedelijk-Museen zu empfehlen, die meist neben einem Abriss der regionalen Kunstgeschichte eine Menge aktueller Kunst mit Installationen usw. zeigen.
Unter den deutschen Museen fand ich das Lackmuseum in Münster mal recht interessant. Das gehört irgendeinem Chemiekonzern (ich glaube BASF) und stellt herausragende Lackkunstgegenstände aus verschiedenen Kulturen aus. So aus Japan, China, Rußland, europäischen Staaten und islamischen Ländern und Südostasien. Wirklich alles sehr kunstvoll, besonders die religiösen Sachen aus China und Siam. Dabei sind die einzelnen Abteilungen ganz treffen überschrieben. So wird die europäische Lackkunst unter "Verträumtheit" ausgestellt, japanische mit "Vollkommenheit".
Ansonsten hieß es radeln, zelten und Regenschauer überstehen.
Und schon bin ich mit Feuereifer mit der Planung der Osteuropareise im nächsten Jahr beschäftigt

Tag 29
Mein Jaques,
...
Nun zurück zu den schönen Dingen:
Meine Fahrradtour. Wo soll ich bloß anfangen? Sie war jedenfalls ganz toll. Amsterdam war natürlich der Höhepunkt. Die Stadt ist wunderschön und es ist immer was los. Die Straßen sind krumm angeordnet, so daß ich die ersten zwei Tage ohne Stadtplan gar nicht zurechtkam. Aber mittlerweile finde ich mich dort gut zurecht. Falls Ihr mal dahinkommt, wozu ich nur raten kann, dürft ihr das dortige Stedelijk-Museum nicht verpassen. Von den vielen Museen hat mir das am besten gefallen. Und die Tretbootfahrt auf den Grachten gehörte auch zu den best-of. Aber auch die anderen angefahrenen Städte hatten ihre Reize. An Haarlem hat mit sehr das Stadttor gefallen, von dem ich das Foto gesendet habe, aber die Kirche war architektonisch auch faszinierend. Ich glaube, Dir schon über die Dünenlandschaft was geschrieben zu haben. Die war von der Landschaft und Flora einfach unglaublich, eine richtige Märchengegend.
Über den Damm von Enkhuizen nach Lelystad zu fahren war wirklich eine gute Idee, obwohl mir dort ein kleines Missgeschick passiert ist. Etwa in der Mitte wurde der Damm etwas breiter und da gab es eine Raststation mit Yachthafen und einer netten kleinen Badestelle, an der ich eine Pause machte. Als ich dann weiter fuhr, habe ich aber meine Fahrradhansschuhe vergessen. Erst nach acht Kilometern bemerkte ich den Verlust. Also einmal zurück und dann noch mal kurz an den Strand. Dann aber schnell weiter. Der Damm ist von viel von Rennradlern frequentiert, denn wo hat man sonst eine Strecke, die in schöner Umgebung fast 40 Kilometer ohne Ampeln und Kreuzungen und so? "Mein" Kampen liegt zwischen diesem Lelystad, an dem der Damm endet und Zwolle. Durch seine Lage an der Ijssel ist es eine Hafenstadt und dazu wirklich hübsch. Und meine dortigen Begegnungen kennst Du ja schon.
Die restlichen drei Tage der Tour waren nun recht feucht. Aber dennoch schön. Am Freitag habe ich mich dann noch mal wirklich bemüht, denn ich wollte endlich nach Hause. Aber nicht wieder mit der Bahn. Das ist schon ein Unterschied, denn wenn man mit der Bahn kommt, ist wird man sehr plötzlich mitten auf den Alex gespuckt und muß sich dann nach Wochen sofort wieder reinfinden. So hatte ich nun Gelegenheit, über zwei Stunden Zeit. Ich bin auch am Reichstag vorbeigekommen, wo nur zwei Stunden später das Flugzeug abstürzte.

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