2. Die Vielfalt Kairos
2.1. Kairos Namen
Kairo hat viele Namen: Als der größte Philosoph der arabischen Geschichte - Abd-er-Rahmân ibn-Chaldûn - Kairo besuchte, nannte er es: Madinat-el-Mudunn, die Stadt der Städte und Hadirat-ed-Dunja wa Tag-el-Barija, die Hauptstadt der Welt und Krone der Erde. Der heutige amtliche Name ist auf arabisch Al Qâhira und bedeutet so viel wie die Siegreiche.
Kairo wird auch Big Mango genannt in Anlehnung an Big Apple New York, wohl auf grund seiner Vielfalt und Größe




2.2 Mittelalter und Moderne in einer Stadt

Um den Entwicklungstand einer Stadt zu kategorisieren, ist es sinnvoll zunächst deren Verkehrsinfrastruktur zu betrachten, denn zum einen lassen sich hier Betrachtungen recht einfach durchführen und von ihr hängt auch die Entwicklung vieler anderer Aspekte ab, so dass man Rückschlüsse auf eventuelle Defizite in anderen Bereichen schließen kann. Wichtig hierzu ist es hierbei jedoch zu bemerken, dass Städte im Aufbruch wie Kairo oftmals Verwerfungen im Entwicklungstand aufzeigen.
Kairos Verkehrschaos ist so riesig, dass man es schon zu den Touristenattraktionen zählt - ein doppeldeutiges Merkmal, einerseits gibt es Stauzonen auch in New York und London und es spricht für reges Wirtschaftsleben, zeigt aber auch substanzielle Probleme bei Planung und Organisation, womit dem Gedeihen eine wichtige Grundlage fehlt.
Vor wenigen Jahren wurde in Kairo eine U-Bahn gebaut, was ganz klar eine wichtige Weichenstellung in Richtung Zukunft war. Die U-Bahn ist das Metropolenverkehrsmittel schlecht hin, ist zwar teuer, spart jedoch Platz und kann große Menschenmassen schnell befördern, die erste U-Bahn wurde 1863 in London in Betrieb genommen. Doch wer aus dem Kairoer high-tech-Untergrund wieder an das Tageslicht emporsteigt, erfährt ein Kontrastprogramm: Hier wimmelt es von tiergezogenen Fuhrwerken. Pferde, Esel, Mulis, es soll eine Million von diesen „street animals" geben, beinahe fünf Millionen Menschen in Ägypten leben von den Straßentieren und sind abhängig von ihnen. Diese schändliche Botschaft aus dem Mittelalter verdeutlicht zusammen mit der modernen U-Bahn, dass in Kairo in seinem Aufstreben Mittelalter und Moderne noch vereinigt.
Auch in anderen Bereichen erkennt man diese Parallelsituation. Wir finden ein interessantes Stadtbild mit modernsten europäischen Vierteln (nördliche Vorstadt Heliopolis) neben mittelalterlichen arabischen Stadtteilen (um die Zitadelle im Süden, Weltkulturerbe seit 1979) und vielen kunstgeschichtlich wertvollen Bauten (Moscheen und Kalifengräber) vor.
Als die Metropole der arabischen Welt hat diese Stadt natürlich einen islamisch-orientalischen Stadtaufbau im Inneren, umlagert von neuen Siedlungen, Vororten und Armenvierteln.
Kairo gilt als eine der sichersten Metropolen der Welt - trotz der großen sozialen Not in der Stadt.
Ein Viertel der Bewohner lebt in genannten Armenvierteln. 60 Prozent aller Arbeitnehmer müssen mit weniger als zwei Mark pro Tag auskommen. Natürlich gibt es auch Verbrechen, aber mehr im näheren sozialen Umfeld der Täter. Übergriffe auf Ausländer kommen im Grunde nicht vor.
Die Differenzen spiegeln sich auch Alltag der Menschen wieder. Im modernen Stadzentrum von Kairo um den Midan at Tahir (Platz der Befreiung) bestimmen Hotels und Banken das Bild, das Leben dort unterscheidet sich wenig von dem in europäischen Großstädten, hingegen in den engen Gassen der altorientalischen Stadt, wo sich Touristen selten hin verirren, fühlt man sich um Jahrhunderte in der Zeit versetzt. Die Quartiere sind durch ihre Verwinkelung abgeschirmt von der Außenwelt und werden traditionell bestimmt vom Plaza und der Moschee. Es gibt unzählige sehr kleine Werkstätten (6m2), in denen zum Beispiel Töpfe aus Aluminium hergestellt werden. Die Arbeit an den fats immer veralteten Maschinen sit gefährich und beschwerlich, doch der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Werkstadtbesitzern ist ungemein groß. Dem andern nicht mit dem Aufgebot aller Kräfte zu helfen, wenn dieser verhindert ist, gilt als ehrlos und würde mit tiefster Ächtung gestraft.
Diese Lebensweise gilt nicht nur für die Werkstadtbesitzer, sondern ist selbstverständlich in diesen kleinen Welten mitten in der Weltstadt Kairo. Wenn das jetzt romantisch klingt, so darf man sich das keinesfalls derartig vorstellen, denn das leben dort ist ein Leben am Existenzminimum. Auch wenn der Zustand der Weltentrennung innerhalb einer Stadt faszinierend sein mag, sollten wir seine Brisanz nicht vergessen. Gerade hier in Berlin kennen wir den Schrecken einer Teilung sehr genau. Auch ohne Beweise gehe ich davon aus, dass mindestens eine Seite ohne eine gewisse Dogmatik auch in Kairo nicht auskommen wird, um die eigene Existenz zu wahren, ich denke hier in erster Linie an die der reichen, westlich (modern) ausgerichteten Gesellschaft, die ihren Eigentum mit hohen Mauern schützen müssen und sich um moralische Haltungen wie die in den Vierteln wie Al Gamaliyya nicht kümmern.

Bauarbeiter wohnen in Ägypten bis heute auf den Baustellen in firmeneigenen Zelten oder primitiv zusammengezimmerten Baracken, oder eben in den bereits fertiggestellten Etagen des von ihnen gebauten Gebäudes. Schlimmer noch ist die Ausrüstung bei der Arbeit, da die Bauherren jede Investition meiden, weil Handarbeit sehr billig ist. So kann man die 'Umal (Arbeiter) von früh bis spät in die Nacht arbeiten verrichten sehen, die bei uns längst Maschinen übernehmen, wobei auch in Deutschland das Baugewerbe gegen Japan hoffnungslos veraltet ist.

2.3 Die Kulturlandschaft Kairos

2.3.1. Museen und Universitäten

Als Hauptstadt beheimatet Kairo natürlich die Regierungsgebäude, Botschaften und Verwaltungsbauten. Doch in seiner Funktion ist es auch Sitz der Staatsuniversität (gegründet 1908), der Al-Azhar-Universität (geistiges Zentrum des Islams), einer amerikanischen Universität sowie seit kurzem der erste privaten deutschen Auslanduniversität und länger schon einer Filiale des Goethe-Instituts, dem deutschen Kulturinstitut. Somit ist Kairo als Wissenschafts- und Kulturstandort von weltweit bedeutender Stellung. Mit dem Ägyptischen Museum, dem Museum für islamische Kunst, einem großen Opernhaus, einem Planetarium und einem zoologischen Garten sind die Voraussetzungen für eine Metropole mit hoher Lebensqualität und Anziehungskraft gegeben.
Dem Interessierten bietet die Stadt eine Reihe weiterer Museen, wie das Militär- und Polizeimuseum, das Gayer Anderson-Museum (Innenleben von Patrizierhäusern), das Koptische Museum, das Mahmud Khahil-Museum mit chinesischem Porzellan und noch viele weitere Häuser.
Die allgemeine Ausrichtung von Kunst und Architektur reagierte auf den Elan der nationalen Bewegung mit Konzentration auf das typisch Ägyptische.
Auf das Ägyptische Museum (al-Mathaf-el-Masri) soll hier besondere Beachtung finden, schließlich gilt es als das wichtigste und reichste ägyptologische Museum der Welt. Selbst die berühmten Museen wie Le Louvre, The British Museum, oder die in Turin, Berlin oder Chicago können in diesem Punkt nicht mithalten. Im Jahre 1855 besuchte der österreichische Erzherzog Maximilian Ägypten und bekam vom Khediwen Ägyptens als Geschenk alles, was der Staat an Antiquitäten besaß. Zwei Jahre später kündigte der französische Prinz Napoleon seinen Wunsch an, Ägypten zu besuchen.
Der Khediw wollte ihm ein noch größeres Geschenk an ägyptischen Altertumsschätzen machen. Ferdinand de Lesseps, dessen Name später mit dem Suezkanal verbunden wurde, steckte dahinter.

De Lesseps suchte einen Ägyptologen, der Ausgrabungen durchführen sollte, um passende gfegenstände zu finden. Er fand den jungen französischen Wissenschaftler Auguste Mariette, der im Louvre arbeitete. Mariette unternahm sofort weitgreifende Ausgrabungsarbeiten in Gizeh, Saqquara, Abydos, Karnak und Theben.
Doch Prinz Napoleon trat seine Reise nicht an. Für die ausgegrabenen Gegenstände wurde daher ein Gebäude errichtet. Als Mariette, der das erste Museum leitete, starb, folgte ihm der französische Ägyptologe Maspero. Mit der Zunahme der Ausgrabungsarbeiten vergrößerte sich das Museum, das im Jahre 1902 offiziell eröffnet wurde.
Der Fortschritt, den die ägyptologischen Studien in Ägypten machten, führte zur Ausbildung ägyptischer Ägyptologen, welche die Ausgrabungen übernahmen. Der chronische Platzmangel, an dem fast jedes Museum leidet, ist hier besonders ausgeprägt. Höhepunkt der Sammlung ist ohne Zweifel die Tutanchamun-Ausstellung mit der massiven Goldmaske des Pharao und anderen wertvollen und schönen Stücken aus dem 1922 im Tal der Könige entdeckten Grab.

2.3.2. Erbstücke aus dem Altertum

Im Verlauf dieser Arbeit habe ich gezeigt, auf welch lange Geschichte das Land zurückblickt, durchzogen von Hochkulturen, die alle im der Umgebung von Kairo zumindest einen wichtigen Platz des religiösen oder höfischen Lebens hatten. Es wäre seltsam, nicht auf Spuren zu treffen. So wird man tatsächlich vielmehr von Zeugnissen aus dem Altertum erschlagen, ich weise nur auf die beeindruckenden Pyramiden von Gizeh hin. Die größte der drei Pyramiden ist die des Cheops, sie ist 137,5 Meter hoch und umschließt 2,3 Millionen Kubikmeter Raum und ist teilweise für Besucher geöffnet. Östlich von ihr befindet sich der berühmte Sphinx, die aus Stein gemeißelte Löwengestalt mit Menschenkopf. Die Pyramide des Chefren ist mit 135,5 Metern nur unwesentlich weniger hoch als die des Cheops, jedoch im Volumen mit 1,65 Millionen Kubikmetern schon sehr deutlich. Die dritte ist die Mykiernos, welche die kleinste ist und von einigen sehr kleinen Pyramiden für Angehörige des Pharaonen vorgesehen waren. Sie alle stammen aus der Zeit von 2575 bis 2465 vor Christus und sind die einzigen erhaltenen Bauwerke der sieben Weltwunder der Antike.


Während die ägyptisch-pharaonische Zivilisation mit monumental-schlichter Schönheit über die Zeit hinweg beeindrucken will und kann, wurde und wird im ägyptisch-islamischen Stil auf grazile Formen gesetzt, besonders an den Minaretten. Sie gehören zwar formal nicht zum Altertum, jedoch sind sie auch nicht als moderne Architektur zu betrachten.
Kairo besitzt eine Unmenge an muslimischen Gotteshäusern, um nur die bekanntesten zu nennen: die Idn Tulun-Moschee ist erkennbar an ihrem schneckenförmigen Minarett, die Muhammet ali-Moschee ist als Alabaster-Moschee bekannt und befindet sich in der Zitadelle, die auf Saladin zurückgeht, des weiteren die Sultan Hassan-Moschee und die Rifa'i-Moschee. Die letzten drei liegen direkt nebeneinander.
Man darf jedoch auch nicht die Kirchen der Kopten, der christlichen Minderheit in Ägypten, vergessen. Teilweise aus dem vierten Jahrhundert nach Christus zurück, wie die Kirche der heiligen Barbara, dem Konvent des heiligen Georg und der Kirche der heiligen Sergius.


Autor. Jan Romberg zurück zum Bibliotheksindex