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Nach den reformen des Kleisthenes verteidigte der Mittelstand seine gewonnene Macht und vertrat vehemend das Gleichheitsideal. Der Adel hielt es nicht mehr für angebracht, luxoriöse Grabmäler zu errichten oder Koren zu weihen, und die Vasenmaler stellten sich auf bürgerliche Motive ein. Politisch wurde die Gleichheit im Staat (Isonomie) durch die Ämterlosung eingefordert, und auch der Ostrakismos demonstrierte die Souveränität des Volkes und seine Macht über jeden einzelnen. Er erlaubte es den Athenern, einmal im Jahr einen Mitbürger ohne rechtliche Begründung zu verbannen. Im 4. Jahrhundert v.Chr. interpretierten Verfassungstheoretiker den Ostrakismos als Notbremse gegen Anwärter auf die Tyrannis, doch der festgelegte zeitliche Ablauf, die Beschränkung auf ein Opfer pro Jahr und die Ehrenhaftigkeit der Verbannung machten das Scherbengericht nicht zum geeigneten Mitel gegen eine akute Bedrohung. Es war vielmehr ein politisches Ritual, ein Damoklesschwert über allen, die mehr sein wollten, als ihnen das Volk zugestand. Im Laufe des 5. Jahrhunderts wurde das Gesetz immer wieder als politisches Instrument eingesetzt, und manche Stimmscherben offenbaren die ganze persönliche Motive der Wähler. Ablauf Etwa im Januar entschied die Volksversammlung, ob eine Scherbensammlung (Ostrakophia) stattfinden sollte oder nicht. Bei einfacher Mehrheit dafür setzte sie einen Termin für die Abstimmung fest. Die Zwischenzeit blieb nicht ungenutzt, denn manche Zusatzbemerkung auf den Stimmscherben deuten auf politische Propaganda und auf Spottverse hin. Am Tag der Abstimmung trafen sich die Bürger auf der Agora und schrieben den Namen auf ein Ostrakon. Oder besorgten sich eine vorbereitete Stimmscherbe. Dann betraten sie einen abgegrenzten Bezirk mit zehn Eingängen. Laut Philochoros mußten sie die Scherbe umdrehen, doch war damit keine Geheimhaltung beabsichtigt, denn viele Scherben waren beiderseits beschriftet. Man mußte vielmehr beweisen, dass man nur eine Scherbe in der Hand hielt. Den weiteren Vorgang schildert wahrscfheinlich eine Schale des Pan-Malers: Man transportierte die Scherben zu Zählstellen, sortierte sie und notierte das Ergebnis. Gefordert war wohl ein Quorum von 6000 Stimmen. Wer dabei die einfache Mehrheit erhielt, mußte Attika innerhalb von zehn Tagen für zehn jahre verlassen. Sein Besitz wurde nicht angetastet, und nahc seiner Rückkehr nahm er seinen Platz im öffentlichen Leben übergangslos und ohne Beschränkungen wieder ein. Geschichte Der erste ostrakismos fand 487 v.Chr. statt. Er traf Hipparchos, einen Verwandten der verbannten Tyrannen. Im Jahr darauf mußte Megakles gehen, 484 Xanthippos, der Vater des Perikles. Schon damals spielte themistokles eine wichtige Rolle, wie neuere Funde in der Agora zeigen. 482 v. Chr. entschied die Ostrakisierung Aristeides seinen Streit mit Themistokles um den Flottenbau, doch gingen viele Stimmen auch an Hippokrates Alkmeonidou und Kallixenos. Zwei Jahre danach hatten die frühzeitig zurückbeorderten Aristeides und Xanthippos großen Anteil am Sieg gegen die Perser. Die Ostrakophorie von 471 v. Chr. ist durch einen Hortfund im Kerameikos dokumentiert und führte zum zweiten Exil des Megakles, dem viele Ostraka einen protzigen Lebensstil vorwarfen. Wiederum war der Hauptkonkurrent Themistokles, der dann im nächsten Jahr Athen verlassen mußte. DIe Ostrakisierung des Kimon 461 v. Chr. markierte des Wandel hin zu mehr Demokratie, und auch die Verbannung des Thukydides Melesiou 442 v. Chr. oder etwas später war eine politische Entscheidung, diesmal für Perikles. Weitere ostrakisierungen wie die des Kallias Didymiou sind zwar überliefert, aber nicht sicher datiert. Nach einer Pause griff man 416 v. Chr. auf das Scherbengericht zurück, doch vereinigten ie eigentlichen Antagonisten Nikias und Alkibiades ihren Einfluss gegen den Demagogen Hyperbolos. Dieser überaschenden Entscheidung wegen wurde das Gesetz nie wieder angewandt. | |
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in Kürze Ostrakon:[griech.Tonscherbe] Teil eines zerbrochenen Gefäßes, das als Notizzettel, Quittung, bes. aber als Stimmzettel beim Ostrakismos, dem Scherbengericht in Athen verwendet wurde, d.h. zur Abstimmung gegen Bürger, deren politischer Einfluß durch Verbannung eingedämmt werden sollte. Diese demokrat. Praxis wurde von Kleisthenes gegen Ende des 6.Jh. vuZ. eingeführt, ein knappes Jahhundert später bereits wieder abgeschafft. Die amerikan. Ausgrabungen auf der Athener Agora haben etliche Ostraka, z.B. des Themistokles, zutage gebracht. | |