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Mutwillige Zerstörung weiterer existierender Steine

Die Annahme, weitere Exemplare des Dekrets von Memphis seien einfach nicht hergestellt worden, ist recht nahe liegend, jedoch gibt es auch die Möglichkeit, dass die Exemplare alle zerstört wurden und der Stein von Rosette lediglich per Zufall die Zeit bis zu seiner Entdeckung überdauerte. Um dies zu begründen, muss man die Geschichte nach dem Tode des Ptolemaios V. betrachten.
Alles „ließ sich fein glücklich an", um mit Balthasar Crusius zu sprechen. Im Jahre 186 v. Chr. gewann Ptolemaios V. endlich wieder die Herrschaft über Oberägypten zurück, das 205 unter dem selbsternannten einheimischen König Harwennefer (später unter Anchwennefer) unabhängig geworden war. Ptolemaios hatte zwei kräftige Söhne und eine entschlossene Gemahlin, die zunehmend Einfluss auf die politischen Entscheidungen des Königs nahm. Seine Herrschaft schien zur Stabilität der seiner Vorgänger Soter, Philadelphos und Euergetes zurückzufinden. Der Frieden und Wohlstand Ägyptens schien für mindestens fünfzig Jahre gesichert. Aber im Jahre 180 wurde Epiphanes ermordet. Seine besonnene Witwe Kleopatra veranlasste sofort, dass ihr erstgeborener Sohn als Ptolemaios VI. Philometor die Herrschaft übernahm (bis 176 unter ihrer Vormundschaft). Auf ihr Betreiben heiratete er 175 seine Schwester Kleopatra; mit ihr und seinem Bruder Ptolemaios VIII. herrschte er ab 170 gemeinsam. Ihr Ringen um Stabilität wurde einerseits von Streitigkeiten behindert, andererseits von außen gestört: Antiochos IV., seit 175 König des Seleukidenreiches, besetzte Ägypten in nur einem Jahr bis auf Alexandria, wurde aber 168 durch römische Intervention (des Gaius Popilius) wieder vertrieben. Es folgten vier Jahre erneuter Unruhen der einheimischen Bevölkerung in Oberägypten, bei deren Höhepunkt Philometor von seinem Bruder Ptolemaios VII. vertrieben wurde (164) und nach Rom floh, von wo aus er im Jahr darauf zurückkehrte und mit einer Reichsteilung endlich den Frieden verwirklichen wollte. Er regierte bis 145 mit Kleopatra II. Ägypten und Zypern, seinem Bruder gedachte er die Herrschaft über die Kyrenaika zu. Ptolemaios VIII. sicherte den Römern sein Reich testamentarisch und stürzte 142 seinen Neffen Ptolemaios VII. Physkon, der (152-150 König von Zypern) erst zwei Monate an der Macht war. Ptolemaios VIII. herrschte als Euergetes II. über das Gesamtreich, verstieß seine Schwester-Gemahlin Kleopatra II. und heiratete ihre Tochter Kleopatra III., worauf es zum Bürgerkrieg kam. Rom griff durch Scipio Aemilianus 139 ein, so dass Euergetes II. 132 nach Zypern vertrieben wurde. In Ägypten herrschte Verwirrung, und so konnte 131-129 ein einheimischer Gegenkönig (Harsiesis) die Macht über Oberägypten gewinnen. Euergetes II. eroberte 127 Alexandria und brach erneut in Ägypten ein. 124 wurde schließlich eine Lösung gefunden: Zu dritt herrschten Kleopatra II, Kleopatra III. und Ptolemaios VIII. Euergetes II über das Reich. Nach dem Tode Euergetes' II. 116 aber wurden die Verhältnisse erneut chaotisch.
Es ist schwer zu glauben, dass diese Wirren nicht auch zerstörerische Spuren in den zahllosen Zeugnissen der ägyptischen Geschichte hinterlassen hätten. Tilgungen in ägyptischen Inschriften sind keine Seltenheit, also ist die Tilgung ganzer Texte immerhin denkbar, zumal da die Ptolemaier wie viele mächtige Herrscher oftmals großen Neid auf Erfolge ihrer Vorgänger und Widersacher hatten. Auch darf die Erscheinung der Hybris, des durch Selbstüberschätzung bedingten maßlosen Übermuts, nicht außer Acht gelassen werden. Ein König, der denkt, er könne alles, ist auch fähig, alles zu versuchen, was seinen Plänen irgendwie dienlich sein könnte. Vergangenheitstilgung kann auch nur eine Seite der Vergangenheitsfälschung sein. In diesem Zuge hätten die Exemplare des besagten Dekrets zerstört werden können, wenn sie jedoch laut Text in jedem Heiligtum existiert haben, liegt es auf der Hand, dass nur eine gezielte Aktion alle Exemplare zerstört haben konnte. Wenn diese Aktion von einem der Nachfolger des Epiphanes ausgegangen wäre, müssten von dieser rabiaten Tat Spuren in der Literatur jener Zeit zu finden sein. Aber keiner der Historiker erwähnt in dem uns bekannten Teil ihres Werks eine derartige Razzia. Auch, dass jener einheimische Gegenkönig Harsiesis die Steine zerstört hat, ist denkbar - möglicherweise im Zusammenhang mit einer „Reinigung" seines Machtbereichs von den Spuren der „fremdländischen" Herrscher. Ein Hinweis darauf kann die Tatsache sein, dass der Stein von Rosette im Nildelta gefunden wurde, also außerhalb des Machtbereichs von Harsiesis. All das sind aber nur Indizien, und eine Reinigung wie oben beschrieben ist ebenfalls nicht von den Historikern vermerkt.

Eine Vernichtung in späterer Zeit ist schwer vorstellbar. Die römischen Kaiser waren zwar teilweise sehr übermütig und unberechenbar, aber die Historiker waren sehr sorgfältig, also wäre eine Zerstörungsaktion wohl gleichfalls vermerkt worden. Denkbar wäre es bei Justinian. Der oströmische Kaiser hatte durch seine Generälen Belisar und Narses einen großen Teil des Mittelmeerraums für das Römische Reich zurückerobert und verbreitete radikal das Christentum. Er verbot heidnische Kulte - in dem Zusammenhang ließ er die Akademie und die Orakel schließen und verbot auch die ägyptische Religionsausübung sowie die Herrscherkulte Ägyptens und Kleinasiens. Er hätte die „gotteslästerlichen" Schrifttafeln mit den „gottlosen" altägyptischen Schriftzeichen und dem heidnischen Kulttext verbrennen lassen können, weil er die Taten der Alten von den Kirchenschriftstellern wohlbewahrt wusste und darum auf heidnische Zeugnisse verzichten konnte.
Eine Invasion erfuhr Ägypten erst nach Justinian, und zwar im 7. Jh. n. Chr. durch die muslimischen Araber, die jedoch Kultur und Wissen fremder Völker eher pflegten und verbreiteten als auslöschten. (Wiewohl es auch eine Bewegung gab, die alle literarischen Zeugnisse zu vernichten trachtete, in der Überzeugung, der Koran sei das einzige wahre Buch, und alle anderen Bücher widersprächen ihm oder wiederholten ih). Und die Auflösung des osmanischen Reiches fand statt, als die Europäer bereits Ägyptens Kultur erforschten.

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Autor: Jonathan Groß