Der US-amerikanische Journalist Donald Wolfe hat sieben Jahre lang recherchiert, um Licht in den mysteriösen Tod des Hollywood-Stars zu bringen. Bei den Nachforschungen für sein 1998 erschienes Buch "The Last Days of Marilyn Monroe" stieß Wolfe auf zahlreiche Dokumente und widersprüchliche Zeitzeugenaussagen.
Arrangierter Tatort?
Einer der ersten, die Wolfe befragte, war Sergeant Jack Clement. Er war damals der erste Polizist, der am Todesort eintraf. Clement erzählte, ihm sei damals sofort aufgefallen, dass der Tatort arrangiert worden sei. Eunice Murray, die Haushälterin von Marilyn Monroe, habe ihn zum Schlafzimmer geführt. Dort habe er Marilyns Köper ausgestreckt auf dem Bett vorgefunden. Clement erklärte, er habe schon viele Selbstmorde durch eine Überdosis Schlaftabletten gesehen. Normalerweise sei der Körper dann verdreht, weil die Menschen unter Krämpfen stürben.
Monroes Internist Heimann Ingelberg und ihr langjähriger Psychiater Ralph Greenson seien bereits anwesend gewesen, als er - Clement - Marilyns Wohnung betrat. Laut Clement hatte Greenson ihn angerufen und gesagt, Marilyn habe Selbstmord begangen. Um das Bett der Toten stehend, hätten die Ärzte auf die Pillendosen auf dem Tisch gezeigt und behauptet, Marilyn hätte alle Tabletten genommen. Die beiden hätten zu verstehen gegeben, dass sie von Selbstmord ausgingen, so Clement. Seine Zweifel seien ignoriert worden, als leitende Beamte des Los Angeles Police Department ihn am Tatort ablösten. John Miner war damals als stellvertretender Bezirkstaatsanwalt bei der Autopsie anwesend. Er sagt, man habe an den Verfärbungen der Haut erkennen können, dass Marilyns Körper nach dem Tod bewegt worden sei - "vielleicht mehr als ein Mal".
Falsche Todeszeit?
Laut Sergeant Clement hatte Eunice Murray ursprünglich ausgesagt, sie habe die Leiche gegen Mitternacht gefunden. Bei der Polizei ging die Nachricht vom Tod Marilyn Monroes allerdings erst um 4.35 Uhr ein. Auf Clements Frage, warum sie erst viereinhalb Stunden später die Polizei benachrichtigte, habe die Haushälterin nicht geantwortet. Als die Kriminalbeamten eintrafen und sie erneut vernahmen, habe Murray ihre Geschichte aber um drei Stunden nach vorne verschoben, so Clement.
Letzte Anrufe
Robert Slatzer, ein langjähriger Freund von Marilyn und damals Mitarbeiter bei der Presseagentur Associated Press, hatte in jener Freitagnacht noch mit ihr telefoniert. Als er von ihrem Tod erfuhr, war er entsetzt: "Sie hatte mir von den verschiedenen Dingen erzählt, die sie in der nächsten Woche, ja sogar noch im nächsten Monat vorhatte."
José Balonios, ein befreundeter Drehbuchautor, war vermutlich der Letzte, der in der Todesnacht mit Marilyn telefonierte. Gegenüber Donald Wolfe erklärte er, dass es mitten im Gespräch gegen zehn Uhr abends eine Störung gegeben habe. Marilyn habe gesagt, sie sei gleich zurück und habe den Hörer hingelegt. Doch sie kam nicht wieder. Ein Abschiedsbrief, wie er bei Selbstmorden meist üblich ist, wurde nie gefunden.
Robert Kennedy am Tatort?
Obwohl Robert Kennedy offiziell das Wochenende mit seiner Familie in Nordkalifornien verbrachte, behaupten Zeugen, sie hätten ihn am Tag vor Marilyns Tod in Los Angeles gesehen. Dem Justizminister wird eine Affäre mit Marilyn Monroe nachgesagt, kurz nachdem sein Bruder, Präsident John F. Kennedy, seine Beziehung zu dem Filmstar beendet hatte - mutmaßlich auf Druck von FBI-Chef J. Edgar Hoover.
Einer der Zeugen, der Robert "Bobby" Kennedy bei Marilyn gesehen haben will, ist der inzwischen verstorbene Norman Jeffries. Er war Schwiegersohn und "rechte Hand" von Marilyns Haushälterin Eunice Murray. Monroe-Biograf Donald Wolfe interviewte Jeffries 1992. Dessen Geschichte ist abenteuerlich: Bobby Kennedy und sein Schwager Peter Lawford seien am 4. August zwischen drei und vier Uhr nachmittags in Marilyns Haus eingetroffen. Jeffries und Murray seien mit der Bitte, ein paar Flaschen Cola zu holen, aus dem Haus geschickt worden. Als sie wieder zurückkamen, hätten sie Marilyn in völlig aufgelöstem Zustand vorgefunden. Sie habe fürchterliche Angst gehabt, sei wütend und hysterisch gewesen. Man habe ihren Psychiater Dr. Greenson angerufen, der kam und sie beruhigte
Im zehn Uhr abends sei Bobby Kennedy ein zweites Mal aufgetaucht - so Jeffries - mit zwei Männern, die Jeffries nicht kannte. Abermals habe man die Haushälterin und ihren Schwiegersohn gebeten zu gehen. Als die beiden zurückkamen und ins Gästehaus gingen, hätten sie Marilyn im Koma auf dem Gästebett liegend vorgefunden. Laut Jeffries war sie "ganz blau" und schien nicht mehr zu atmen. Um etwa viertel vor elf sei sie im Gästehaus gestorben. Eine halbe Stunde später sei das Haus voller Polizisten gewesen, die das Selbstmord-Szenario inszenierten. Marilyns Leiche sei vom Gästebett entfernt und der Selbstmord im verschlossenen Schlafzimmer vorgetäuscht worden.
Fehler bei der Autopsie?
Der Pathologe Dr. Cyril Wecht entdeckte im Blut der Toten Barbiturate, wie sie in Schlaftabletten enthalten sind, in hoher Konzentration: "Man muss schon 40-42 Tabletten einnehmen, um diese Konzentration zu erreichen." Auf einer Pressekonferenz 13 Tage später verkündete der Amtsarzt von Los Angeles den Befund: "wahrscheinlich Selbstmord". Zweifelsfrei konnte diese Behauptung jedoch nie bewiesen werden, wie Dr. Thomas Naguchi, der Arzt, der Marilyns Leiche autopsierte, zugibt. "Es waren keine typischen Umstände für einen Selbstmord." Merkwürdigerweise waren alle Gewebeproben - abgesehen von Leber- und Blutproben - die Dr. Naguchi sorgfältig in Gläsern aufbewahrt hatte, später weggeworfen worden oder verschwunden.
Tödliche Spritze?
Bei der großen Menge Tabletten, die Marilyn angeblich geschluckt hatte, hätten Pillenkapseln oder Kristalle der Droge unverdaut übrig bleiben müssen. "Marilyn wäre gestorben ehe die Pillen sich aufgelöst hätten", so John Miner, damals stellvertretender Bezirkstaatsanwalt. Bei der Autopsie wurden aber keinerlei Rückstände gefunden. Wenn Marilyn die Substanz also nicht geschluckt hat, muss sie über andere Wege in ihren Körper gelangt sein. Der lückenhafte Autopsiebericht lässt Raum für weitreichende Spekulationen. So hält John Miner es für möglich, dass Marilyn die Droge mit einem Einlauf verabreicht wurde: "Wenn man sie bewusstlos geschlagen hätte, dann hätte - wer auch immer ihr diesen tödlichen Einlauf verabreichte - alle Zeit der Welt gehabt, zu warten, bis die Substanz sie tötet."
Robert Slatzer, ein Freund der Monroe, schickte den Autopsiebericht damals an Dr. Sidney Weinberg, den führenden Rechtsmediziner in den USA. Weinberg vermutete, man habe Marilyn flüssiges Phenobarbital gespritzt. "Man hätte es ihr unbemerkt zwischen die Zehen, die Finger oder in die Achselhöhle spritzen können", fasst Slatzer Weinbergs Befund zusammen
„Beweiskette ergibt keinen Sinn"
1962 wurden trotz der rätselhaften Umstände keinerlei Nachforschungen eingeleitet. Der ehemalige Bezirksstaatsanwalt John Miner hätte damals gern eine kriminologische Untersuchung angeordnet, aber "alle Beweise waren zerstört". Erst 1982 nahm die Staatsanwaltschaft den Fall auf, kam jedoch wieder zu der mangelhaften Erkenntnis: "wahrscheinlich Selbstmord". Für zahlreiche Skeptiker, zu denen auch John Miner gehört, ist der Fall Marilyn aber bis heute nicht abgeschlossen: "Die Beweis- und Ereigniskette ergibt keinen Sinn. Ich weiß nicht, ob es von offizieller Seite Einmischungen gab. Ich weiß nur, dass sie sich nicht selbst umgebracht hat. Irgendjemand muss es also getan haben."