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Lexikon berühmter Schiffe
von Thies Völker Sprache: Deutsch Broschiert - 511 Seiten Erschienen bei PIPER - Erscheinungsdatum: Dezember 2003 |

Unter Peter dem Großen hatte Rußland 1719/20 das zuvor von Schweden beherrschte Baltikum und Teile Südostfinnlands besetzt. Im Krieg von 1741/42 verlor Schweden dann weitere strategisch wichtige Teile Südfinnlands an das Zarenreich. Damit hatte Rußland Mitte des 18. Jahrhunderts Schweden endgültig als Ostsee-Großmacht abgelöst. Von Beginn seiner Regierungszeit 1771 an trachtete jedoch der ehrgeizige König Gustav III von Schweden (1746 - 1792) nach einer Veränderung der politischen Situation im Ostseeraum zugunsten Schwedens.
Gustav hatte seine Augen zunächst auf das zu Dänemark gehörende Norwegen gerichtet, bekam aber von den Russen unter Zarin Katharina der Großen nicht die notwendigen Garantien, die er im Falle eines Krieges mit Dänemark als Rückendeckung benötigt hätte. So stellte er seine Pläne um: Der schwedische König wartete auf eine günstige Gelegenheit für den Rückgewinn der seit 1720 an Rußland verlorenen Gebiete und den großen Coup, die Einnahme St. Petersburgs.
1787 wurde Rußland in einen Krieg gegen das Osmanische Reich
verstrickt wurde, der im wesentlichen auf dem Schwarzen Meer zur
Austragung kam. Der Krieg startete für die Russen derartig desaströs, daß Zarin Katharina Teile der baltischen Flotte Rußlands
in Richtung Mittelmeer in Marsch setzen ließ, um die angeschlagene Schwarzmeerflotte zu verstärken.
Angesichts dieser Schwächung der russischen Ostseeverteidigung hielt Gustav die Zeit für gekommen, zuzuschlagen. Als Nebeneffekt
des von ihm erstrebten Krieges versprach sich der innenpolitisch
unter Druck stehende schwedische König zudem einer Stärkung
seiner Position.
Während Gustav seine Galeeren- und Kanonenbootflotte verstärken ließ, bekam der berühmte Schiffsbauer Fredrik Chapman den Auftrag, für die schwedische Hochseeflotte weitere Linienschiffe und Fregatten zu bauen. Chapman hatte 64-Kanonen-Schlachtschiffe und 40-Kanonen-Fregatten mit besonders schwerer Artillerie (24- und 36-Pfünder) entworfen. Er baute aber auch eine Reihe auf den Einsatz in der Ostsee zugeschnittener Ruderschiffe, sogenannte Küstenfregatten mit bis zu drei Masten, geringem Tiefgang, schnittig und trotzdem mit relativ großer Feuerkraft. Der größte Schiffstyp dieser Art war die Hemmema-Fregatte, ein Schiff mit geringem Tiefgang, drei Masten, an denen Lateinersegel getakelt waren , 250 Mann Besatzung, 26 Ruder auf jeder Seite und einer Breitseite von bis zu fünfzehn 36-Pfünder-Kanonen.
Im Mai 1788 mobilisierte der schwedische König seine Truppen in Finnland, wo rund 18000 Mann an der Grenze zu Rußland standen. Zu den finnischen Regimentern stießen nun noch weitere 8000 Mann. Gustavs Absicht war jedoch nicht eine Invasion zu Lande - der Finnlandfeldzug sollte lediglich russische Truppen aus dem Baltikum abziehen - der König plante vielmehr den großen Coup mit einer Eroberung St. Petersburgs von der See her. Nach Erringung der Seeherrschaft im finnischen Meerbusen (oder: Golf von Finnland ) sollten Truppen angelandet werden, die das von Verteidigern entblößte Petersburg im Handstreich nehmen sollten.
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Am 9. Juni 1788 stach zunächst die schwedische Hochseeflotte unter dem Kommando von Großadmiral Herzog Karl in See. Karl hatte einen speziellen Auftrag. Der König benötigte für seinen Krieg nämlich zunächst einen Anlaß für die Eröffnung der Feindseligkeiten, denn die schwedische Verfassung verlangte für eine Kriegserklärung die Zustimmung des Riksdagen, des schwedischen Parlaments. Am 22. Juli 1788 schien sich eine glänzende Gelegenheit zu ergeben, als das schwedische Geschwader unter Herzog Karl vor Estland auf ein russisches Geschwader traf. Doch die schwedischen Linienschiffe bemühten sich vergeblich, die russischen Kommandanten zu feindseligen Akten provozieren - die russischen Kapitäne waren auf denn Weg in´s Mittelmeer, um dort gegen die Marine des Osmanischen Reiches zu kämpfen und deswegen durch nichts zu bewegen, das Feuer auf die aggressiven Schweden zu eröffnen. Die Provokationen der Schweden ließen jedoch das russische Geschwader in Kopenhagen Station machen. Kurz vor der Weiterreise eskalierte dann die Situation in der Ostsee und das russische Geschwader kehrte um, Kurs finnischer Meerbusen.
Der schwedische König war ungeduldig geworden - alle Vorbereitungen für den schwedischen Angriff waren abgeschlossen - und ließ an der schwedisch-russischen Grenze (im heutigen Südostfinnland) bei Puumala oder Pumala einen Vorfall inszenieren, der als Kriegsgrund dienen sollte: Soldaten in russischen Uniformen ( die vermutlich aus der Stockholmer Oper stammten - deswegen : Theaterkrieg ) griffen am 27. Juni 1788 den schwedischen Grenzposten bzw. schwedische Patrouillen an. Die Historiker sind sich inzwischen einig, daß es sich bei den Provokateuren um schwedische Soldaten in russischen Uniformen handelte.
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Doch Gustav hatte Pech. Man könnte auch sagen, sein Timing
war suboptimal. Wäre der Vorfall nur einige Tage später
inszeniert worden, wäre ein großer Teil der baltischen
Hochseeflotte Rußlands auf der Reise in´s Mittelmeer
gewesen.
Am 29. Juni 1788 überquerten als Reaktion auf den Puumala-Vorfall
schwedische Truppen von Mikkeli aus die Grenze nach Rußland
und begannen sehr halbherzig, die zunächst nur schwach besetzte
russische Festung Nyslott zu belagern, die sie ohne Zweifel hätten
überrennen können. Der schwedische Kommandant Hastfehr
richtete sich jedoch zur Verblüffung seiner Untergebenen
auf eine längere Belagerung ein, indem er schwere Artillerie
anforderte und am Ende sieben Wochen vor dem Fort lag. Sinn der
Sache war offensichtlich, russische Truppen aus dem Balitikum
zu "saugen".
Ironie der Geschichte: Hätte Hastfehr die strategisch wichtige Festung genommen, wäre sein Vorstoß wohl wirkungsvoller gewesen als Gustavs Plan, Petersburg mittels eines Landungsunternehmens im Handstreich zu nehmen. Doch der schwedische Kommandeur wollte vermutlich für einen als Ablenkungsmanöver gedachten Vorstoß das Leben seiner Leute nicht riskieren. Die völlig unvorbereiteten russischen Truppen indessen boten kaum das Bild eines aggressiven Feindes, der auf Invasion aus war. Im Verlaufe der nächsten Wochen dämmerte vielen Offizieren, daß sie einen Angriffskrieg und damit illegalen Krieg führten. Als die Nachricht von der Seeschlacht bei Hogland die finnischen Truppen erreichte, eskalierte der Protest der vornehmlich adeligen Offiziere an der finnischen Front zur Meuterei. Es kam sogar zu einem Teilfriedensangebot, dem sogenannten Liikala-Memorandum der "finnischen" Meuterer an Zarin Katharina vom 9.8.1788, das die Monarchin jedoch umgehend ablehnte.
König Gustav der Dritte war am 23. Juli mit einer großen Flotte von Galeeren, Kanonenbooten und anderen Kriegschiffen, beladen mit Landungstruppen, von Stockholm aus nach Helsingborg bzw. Helsinki aufgebrochen, wo er am 2. Juli ankam. Dort erfuhr er vom Puumala-Vorfall bzw. von einem geglückt inszenierten Schauspiel. Mit Rechtfertigung durch diese vermeintliche Grenzschießerei gab er nun die Befehle zum Vormarsch in Südfinnland, während er seinen Kommandeuren erläuterte, daß der eigentliche Plan eine Landung bei Oranienbaum, 50 km westlich von Petersburg, vorsah. Dazu mußte man jedoch zuvor die verteidigenden russischen Marineeinheiten niederkämpfen.

In Erwartung eines schwedischen Vorstoßes gegen die geschwächte Verteidigung der Petersburger Bucht praktizierten die Russen die Flucht nach vorn: In Kronstadt wurde eilends ein großes Geschwader ausgerüstet, um gegen die schwedische Landungsflotte vorzugehen. Am 17. Juli 1788 stießen bei der Insel Hogland die schwedischen und russischen Flotten aufeinander. Dabei handelte es sich um die in der Ostsee operierenden Hochseegeschwader beider Nationen: 15 Linienschiffe und 5 schwere Fregatten unter Herzog Karl prallten auf 17 russische Linienschiffe unter Admiral Samuel Greig oder Greigh ( * 30.11.1735 in Inverkeithing - 26.10.1788 † in Kronstadt ) - einige der russischen Schiffe waren ursprünglich für den Krieg im Schwarzen Meer bestimmt gewesen, andere wiederum gar nicht richtig seetüchtig. Immerhin waren die meisten aber gerade mit den 1778 durch die Scottish Carron Company entwickelten Karronaden - großkalibrigen, relativ leichten Kanonen mit kurzer Reichweite, aber verheerender Wirkung - aufgerüstet worden. Ein Glücksfall für Greig, den der Admiral zu nutzen wußte.
In dieser blutigen ersten Seeschlacht des Krieges schienen trotzdem lange Zeit die Schweden den Sieg davontragen zu können, doch der offensive Widerstand der kräftemäßig unterlegenen Russen und Munitionsmangel zwang Herzog Karl schließlich zum Rückzug. Auf beiden Seiten sollen in dieser ersten Schlacht ingesamt über 2000 Männer gestorben sein. Die Russen verloren das Linienschiff WLADISLAW (74) an die schwedische GUSTAV ADOLF (64), den Schweden wiederum wurde die PRINS GUSTAV (74) geentert und weggenommen. Die schwedische Flotte zog sich nach Helsinki zurück, wurde aber von Admiral Greig verfolgt. Deswegen ging König Gustav kurz vor dem Hafen von Sveaborg doch noch die angeschlagene GUSTAV ADOLF (64) an die Russen verloren.
Doch König Gustav der Dritte verlor mehr als das - der erfolgreiche Widerstand Greigs zerschlug auch die hochfliegenden Handstreichpläne des schwedischen Monarchen. Russische Vorstöße in Südfinnland bedeuteten weitere schwere Rückschläge für das schwedische Kriegsglück. Die schwerste Bedrohung aber stellte die im August 1788 beginnende Meuterei der adeligen Offiziere an der finnischen Front (Anjala-Aufstand) dar, die nicht ohne Sympathie und Unterstützung in Schweden war. Am 25. August forderten die Aufständischen Gustav schließlich sogar zur Abdankung auf. Der vom Zaun gebrochene Krieg schien für den schwedischen König zur ultimativen politischen Katastrophe zu werden.
Rettung für den bedrängten Monarchen kam - natürlich
unfreiwillig - von unerwarteter weil feindlicher Seite:
Rußland hatte heftigen Druck auf seinen dänischen Verbündeten
ausgeübt, in den Krieg gegen Schweden einzutreten. Ende August
kam die dänische Kriegserklärung und Anfang September
marschierten rund 10000 Mann unter Prinz Karl von Hessen nach
Gothenburg. Als Gustav die Nachricht vom Angriff der Dänen
hörte, soll er ausgerufen haben: "Ich bin gerettet !"
Warum ?
Während der schwedische König nun die anti-dänischen Gefühlen der schwedischen Bevölkerung nutzen konnte, um den Meuterern in Finnland jegliche Sympathie und Unterstützung abzugraben und die Schweden hinter sich zu bringen, kam als Reaktion auf Dänemarks Kriegseintritt auch noch druckvolle diplomatische Unterstützung zugunsten Schwedens von Seiten Preußens und Englands. Die Briten und Preußen wünschten selbst um den Preis wüster Drohungen ( Bombardierung Kopenhagens, Besetzung Holsteins ) das Gleichgewicht in der Ostsee zu halten. So kam es am 9. Oktober 1788 bei Gothenburg zu einem Waffenstillstand zwischen Schweden und Dänemark, der - immer wieder prolongiert - am 9. Juli 1789 in der dänischen Neuttralität mündete. Währendessen hatte Gustav die Meuterei niedergeschlagen, so manche alte Rechnung beglichen und saß innenpolitisch fester auf dem Thron als je zuvor. Ausgerechnet die Dänen und indirekt sogar die Russen hatten ihn also aus seiner mißlichen Lage befreit.
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Der Zauberkönig. Gustav III. und Schwedens Goldene Zeit.
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Das Jahr 1789 sah intensive Aktivitäten an der finnischen Front, wobei sich im Krieg zu Lande jedoch keine entscheidenden Wendungen zugunsten einer Seite ergaben. Auch auf der Ostsee kam es zu größtenteils für russische Marineeinheiten günstige Gefechte, doch greifbare militärische Fortschritte blieben aus.
Spektakulär war der Erfolg der russischen Sloop MERKUR (22) unter dem Kommando von Roman Crown, der am 21. Mai 1789 im Christiansfjord die schwere Fregatte VENUS (40) überraschen und erobern konnte - nicht ganz ohne das Argument weiterer russsischer Kriegsschiffe an der Kimm. Die VENUS wurde zum russischen Kriegsschiff unter dem Kommando von Kapitän Crown und sollte 1790 den schwedischen Galeeren bei ihrem Ausbruch aus Viborg schwer zusetzen.
Vor Öland standen sich am 26. Juli 1789 rund 30 ankernde, russische Schiffe, darunter 20 Linienschiffe unter Admiral Schichagov, und 21 schwedische Linienschiffe plus 9 große Fregatten unter Herzog Karl gegenüber. Die schwedischen Angreifer, die vergeblich auf weitere Verstärkung durch ein Geschwader unter Lillehorn (der später vor einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt, dann aber begnadigt wurde ) warteten, konnten die starke russische Defensivposition nicht knacken und zogen sich schließlich nach Karlskrona zurück. Dort wurden sie später durch Schichagov, der Verstärkung herbeiholte, bis zum Einbruch des Winters blockiert.
Im Svensksund (schwedisch) bzw. Rochensalm (russischer Name. Oder auch finnisch : Ruotsinsalmi) griff am 24. August 1789 eine Kanonenbootflotille von rund 100 Booten unter Prinz Nassau-Siegen eine schwedische Galeerenflotte von rund 50 Schiffen unter Konteradmiral Ehrensvärd an. Die schwedischen Streitkräfte erlitten eine deprimierende Niederlage und mußten sich unter schweren Verlusten zurückziehen. Der Sieger dieser Schlacht sollte jedoch fast ein Jahr später in denselben Gewässern eine fürchterliche und kriegsentscheidende Niederlage erfahren.
Die Gefechte bei Öland und im Svensksund waren zwar erneut deutliche russische Erfolge, doch vermochten die Russen den Krieg in der Ostsee nicht beenden - der Seekrieg fror vorerst ein, Teile der Ostsee vereisten. Auch an der finnischen Landfront hatte keiner der beiden Kriegparteien entscheidende Vorteile buchen können, was sich 1790 auch nicht änderte. Der schwedische-russische Krieg blieb bis zu seinem Ende vor allem ein Seekrieg.
Die Initiative im Jahr 1790 gehörte zunächst der schwedischen Marine, die mit der Eisschmelze aktiv wurde, um die russische Flotte sozusagen in ihrem Winterquartier zu vernichten. In der maritimen Zwangspause hatten die Schweden fleißig ihre Galeerenflotte ausgebaut und z.B. die Zahl der Küstenfregatten nahezu verdoppelt. Die Hochseeflotte wurde um ein 64-Kanonen-Linienschiff und zwei schwere Fregatten verstärkt. Die Attacken der Hochsee- und Galeerenflotte sollten mit der Eisschmelze koordiniert ausgeführt werden und die russischen Streitkräfte ausschalten. Dann wollte Gustav seinen alten Traum von der Landung bei Petersburg doch noch verwirklichen.
Ziel eines ersten Angriffs war der Hafen von Reval (Tallin in Estland), wo die Flotte Admiral Schichagows überwintert hatte. Am 13. Mai 1790 griff die Hochseeflotte unter Herzog Karl die russische Flotte in Reval an, doch die schwedischen Manöver wurden durch das stürmische Wetter zum Desaster, weil die Linienschiffe ihre schwere Artillerie auf den unteren Decks infolge hohen Seegangs nicht nützen konnten. Die geschützt liegenden russischen Linienschiffe dagegen schoßen die PRINS CARL (64) zum Wrack und fügten den Schweden schwere Verluste zu. Darüber hinaus lief beim Rückzug die RIKSENS STÄNDER (64) auf Grund und mußte aufgegeben und verbrannt werden.
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Historischer Schiffsmodellbau
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Das schwedische Ziel der Seeherrschaft wurde trotz des königlichen Teilerfolges am Ende erneut verfehlt. Gustav drängte nun darauf, die Kampanje weiter nach Osten zu tragen, um endlich den Angriff auf Petersburg zu verwirklichen. Seine Berater Admiral Nordenskjöld und der Engländer Sidney Smith warnten den Monarchen vor den launischen Winden im finnischen Meerbusen, die den schwedischen Flotten den Rückweg nach Westen sehr schwer machen konnten, doch Gustav hatte sich entschieden.
Ein konzentrierter Überraschungsvorstoß beider schwedischer Flottenteile auf die Marinebasis Kronstadt in der Bucht von St. Petersburg Anfang Juni 1790 konnte aber wiederum keinen Durchbruch erzielen. Die Hochseeflotte traf auf ein starkes Linienschiffgeschwader unter dem russischen Vizeadmiral Kruse, so daß Herzog Karls Vorstoß entscheidend gehemmt wurde. Obwohl zahlenmäßig überlegen veranlaßte der Bruder des schwedischen Königs den Rückzug nach Norden, da die Toppsegel der Linienschiffe Admiral Schichagows bereits an der Kimm erschienen.
Durch den Rückzug in die Bucht von Vyborg ( Wyborg oder Viborg ) gerieten die schwedischen Seestreitkräfte jedoch plötzlich in die Defensive, denn nach dem befürchteten Wetterwechsel und konstanten südwestlichen Wind lagen die schwedischen Flotten in Viborg nun im Lee der verfolgenden Feinde und wurden am 8. Juni von russischen Geschwadern unter Schichagow eingeschlossen. Gustavs Marine war in einer metereologischen Mausefalle konzentriert, die der Gegner mit dem mächtigen Verbündeten Wind und wenig Aufwand leicht kontrollieren konnte - damit war Schweden am Rand der Niederlage.
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A Thirst for Glory: Life of Admiral Sir Sidney Smith
Admiral Sir Sidney Smith hielt sich für einen zweiten Nelson und tatsächlich gibt es in der Biographie und den Persönlichkeiten beider Männer einige Konvergenzen. Smith´ größte militärische Leistung war zwar die erfolgreiche Verteidigung von Akko 1798 gegen General Napoleon Bonaparte, berühmt war er jedoch seinerzeit vor allem durch seine Anmaßung, Prahlerei und Lebensart, aber auch durch seinen Mut, seine "verrückten" Ideen und seine Abenteuer. Heute ist der James Bond der napoleonischen Zeit fast vergessen. Ein Grund mehr, dieses Buch zu lesen... |
Gustav III und sein Bruder Karl saßen mit rund 60000 Soldaten und Seeleuten auf rund 400 Ruderschiffen, 21 Linienschiffen, einem Dutzend Fregatten und vielen kleineren Segelschiffen in der Bucht von Wyborg fest, die zu Land von den Russen beherrscht wurde und zu Wasser nun von den in Luv stehenden Geschwadern des Admirals Schichagow abgeriegelt wurde. 27 Linienschiffe und ein halbes Dutzend Fregatten hatten, unterstützt von rund 80 großen Galeeren und vielen kleineren Schiffen, in mehreren Riegeln vor der Bucht Position bezogen. Die schwedische Galeerenflotte hatte sich in den engen Kanal zwischen der Insel Björko und dem Festland zurückgezogen, die großen schwedischen Linienschiffe deckten querab der Insel Biskopsö die Einfahrt in die Bucht von Vyborg.
Doch auch direkt vor Vyborg, also im Rücken der Schweden, stand ein russisches Galeeren- und Kanonenbootgeschwader, daß Gustav Mitte Juni vergeblich angreifen ließ, um eventuell nach Vyborg selbst vorzustoßen. Dafür wurde seine Galeerenflotte im Sund der Insel Björko am 2. Juli durch die Ende Juni zu Schichagow gestoßenen Kanonen- und Ruderbooteinheiten des Vizeadmirals Prinz Nassau-Siegen belästigt und mußte sich immer weiter zurückziehen.
Trinkwasser und Verpflegung wurden bei den Schweden knapp, doch
in der Nacht zum 3.Juli 1790 drehte endlich der Wind und blies
nun aus Nordost - damit standen die russischen Sperriegel nun
im Wind.
Die Pläne für den schwedische Ausbruch waren längst
geschmiedet: Zunächst sollte ein massiver Scheinangriff gegen
den östlichen Riegel der Russen, der vor der Insel Biskopsö
lag, geführt werden, um dann aber den eigentlichen Ausbruch
auf der westlichen, der längeren Seite, zu inszenieren. Die
Ruderflotte mußte dafür den Weg am Ufer entlang nehmen
und sollte dann zur See von den Linienschiffen und ihren Breitseiten
gedeckt werden. Bereits in der Nacht startete der Scheinangriff
gegen die Schiffe vor Biskopsö und gegen russische Landbatterien,
am Morgen um 7:00 begann dann der eigentliche Ausbruch, an der
Spitze das Linienschiff DRISTIGHETEN (64) unter dem Kommando von
Kapitän Johann Puke, der seine Funktion als Kundschafter
und Speerspitze glänzend erfüllte. Der König selbst
schiffte sich auf der SERAPHIMERORDEN ein, die in der Mitte der
Linie fuhr. Der konzentrierte Stoß richtete sich gegen ein
Geschwader unter Konteradmiral Powalischin, der sich mit nur 5
Linienschiffen unerwartet der gesamten schwedischen Flotte und
tausenden von Kanonen gegenüber sah. Puke segelte frontal
in die Linie der Schlachtschiffe hinein und sprengte sie. Der
Riegel unter Konteradmiral Crown eine Meile hinter ihm konnte
Powalischin so schnell nicht zur Hilfe kommen und das schwedische
Unternehmen schien ein voller Erfolg zu werden.
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Zwar lief die schwedische FINLAND (56) in den tückischen Gewässern vor Vyborg auf Grund und wurde später Beute der Russen. Doch zunächst sah es so aus, als würden die Schweden Powalischins Schiffe in Stücke schießen, schwere Treffer auf den Schiffen SELZAW (74) und SWIATNOJ PJOTR (74) erzwangen die freie Fahrt.
Ein betrunkener Fähnrich war es dann, der fast das Schicksal der schwedischen Flotte besiegelt hätte. Um die russischen Riegel zu knacken, führten die Schweden Brander in´s Treffen, kleine brennende Schiffe, die die russischen Linienschiffe wie Torpedos rammen und verbrennen sollten. Eine dieser zweischneidigen Waffen, der POSTILJONEN unter dem Kommando von Fähnrich Sandels, wurde von dem Linienschiff ENIGHETEN gedeckt. Der schwer angetrunkene Sandels setzte das Schiff jedoch zu früh in Brand. Während er das eigene Linienschiff passierte, setzte der feurige "Postbote" die ENIGHETEN in Brand. Es folgte eine Kettenreaktion: Das brennende, todgeweihte Linienschiff rammte eine Fregatte, die wiederum zwei weitere Schiffe entflammte und am Ende flogen die Pulverkammern der Schiffe in die Luft. Die gewaltige Rauchentwicklung und der Funkenflug der brennenden Schiffe machte die ohnehin schon schwierige Navigation für die anderen Schiffe zum Glücksspiel. Nach und nach strandete ein schwedisches Schiff nach dem anderen, am Ende verlor Gustav 6 Linienschiffe, 3 Fregatten, rund 40 weitere Schiffe und ca. 4000 Männer, während die russischen Verluste eher marginal blieben. Doch dem Gros der schwedischen Gesamtflotte war der Ausbruch geglückt.
Ohne größeren Zusammenhang erscheint diese Schlacht sicherlich als ein glänzender russischer Erfolg - doch tatsächlich vergab Schichagow zuvor die große Chance, den ganzen Krieg mit einem großen russischen Sieg zu beenden. Zu passiv hatte er sich in den Wochen zuvor verhalten, zu lange mit eigenen Angriffen gezögert - möglicherweise der Erfahrung folgend, daß in diesem Seekrieg die Verteidiger immer im Vorteil gewesen waren. Am Ende gelang den Schweden der Ausbruch, Gustav rettete einen Großteil seiner Flotte - vor allem die modernen Schiffe seiner Galeerenflotte waren davongekommen - und blieb militärisch auf der Ostsee handlungsfähig.
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Seeschlacht vor Kap Ortegal |
Pellew´s Coup |
Zunächst steuerte die schwedische Hochseeflotte Helsinki an, um die erlittenen Schäden auszubessern, die Verwundeten zu versorgen und Vorräte zu ergänzen. Die langsamere Galeerenflotte folgte dicht unter Land, bedacht auf geringe Wassertiefen, um von den russischen Linienschiffen nicht vernichtet zu werden. Die Russen folgten jedoch mit einiger Verzögerung, sammelten sozusagen links und rechts des Weges schwedische Havaristen auf, wobei sie sogar ein weiteres Linienschiff erbeuten konnten. Die schwedische Flotte sammelte sich schließlich am 5. Juli im Svensksund vor der Insel Kotka, Gustav hoffte auf eine erneute Schlacht, diesmal allerdings ohne die großen Segler. Der kampflustige schwedische König wußte um die Vorteile seiner Küstenfregatten und Kanonenboote, wenn sie die russischen Linienschiffe und schnellen Segelfregatten nicht fürchten mußten. Der mit den russischen Ruderkriegsschiffen anlaufende Prinz Nassau-Siegen dagegen war aus anderen Gründen bemüht, so schnell wie möglich die schwedische Flotte zu erreichen. Am 9. Juli liefen seine Schiffe in den Svensksund. Der Prinz gönnte seinen von der Verfolgung erschöpften Männern keine Pause und griff umgehend an. Warum diese Mühe, warum die Eile ? Die Antwort ist aus heutiger Sicht überraschend: Der 9. Juli war der Krönungstag der Zarin Katharina und der deutsche Prinz wollte seiner Arbeitgeberin einen Sieg zum Geschenk machen. Er "schenkte" jedoch der Geschichte eine der größten Seeschlachten, die jemals auf der Ostsee stattfanden und jedenfalls Schweden den größten Seesieg seiner Geschichte.
Bei der Schlacht im flachen und engen Svensksund waren wegen der geringen Wassertiefen natürlich die großen Schlachtschiffe und Fregatten ausgesperrt, die Strategie der jeweils über 200 Ruderschiffe auf beiden Seiten ähnelte der Strategie von Landheeren. Anders jedoch als bei der berühmten Schlacht von Lepanto 1588, als durch die Entertaktiken praktisch eine Landschlacht auf dem Wasser stattfand, spielten im Svensksund einerseits die Artillerie, andererseits die Schnelligkeit der kämpfenden Schiffe die dominante Rolle.

Von den Küstenfregatten wie dem Hemmema-Typ war bereits die Rede. Neben diesen hochspezialisierten Schiffen tummelten sich im Svensksund eine große Anzahl verschiedenster Kriegsschiffe, viele von ihnen Bastarde zwischen Galeere und Segelschiff. Die Russen verfügten noch über die großen, klassischen Galeeren mit bis zu 50 langen Rudern, mit bis zu 4 schweren Kanonen, jedoch nur schwer zu manövrieren. Im Svensksund sollten sich jedoch die kleineren wendigen Schiffe besser bewähren. Neben schwimmenden Batterien, Kanonenjollen, Mörserschiffen, Kanonenbarkassen und Kanonenbooten kamen auch kleine segelnde Kutter und Sloops zum Einsatz. Einen kleinen Überblick bietet diese Seite oder auch diese.

Die schwedischen Linien hatten sich in Hufeisenform zwischen den drei größeren Inseln Musalö (rechter Flügel) , Kotka (Zentrum) und Kutsalö (linker Flügel) eingebettet. In Erwartung eines Angriffs hatte Gustav auch für gute Deckung durch auf den Inseln aufgestellte Geschützbatterien gesorgt. Der russische Angriff mußte sich zunächst gegen die Flügel richten, weil der Weg in das schwedische Zentrum weiter und durch das Feuer von den Flügeln und Landbatterien gut gedeckt war. Einmal mehr in diesem Seekrieg gelang es jedoch den verteidigenden Schiffen, einen Angriff zurückzuschlagen. Dabei wurde durch den schwedischen Gegenangriff bei Kutsalö der rechte russische Flügel eingedrückt und der Weg für ein Umgehungsmanöver zwischen Kutsalö und einer kleinen vorgelagerten Insel frei. Als die schwedischen Kanonenboote diesen Kanal passiert hatten, drohten sie dem rechten Flügel der russischen Flotte in den Rücken zu fallen. Dies veranlaßte Prinz Nassau-Siegen zu dem Befehl, den Flügel zu verkürzen und zurückzunehmen . Dieses Manöver aber wurde von anderen russischen Kommandanten als beginnender Rückzug mißdeutet. Die russischen Linien gerieten zuerst in Unordnung, lösten sich dann in kleine Blöcke auf und schließlich wandten sich die Schiffe an den Flügeln zur kopflosen Flucht. Das russische Zentrum geriet dabei in die tödliche Umklammerung der schnellen schwedischen Küstenfregatten und Kanonenboote, die viele Schiffe einkesseln konnten. Auch unter der flüchtenden Einheiten gab es große Verluste an Schiffen und Männern, denn schwedische Kriegschiffe verfolgten die Russen bis tief in die Nacht. Viele der flüchtenden russischen Schiffen wurden erst am 10. Juli eingeholt und dann entweder vernichtet oder erobert. Am Morgen des 10. Juli 1790 war der schwedische Sieg vollkommen, die russische Küstenflotte verlor mehr als 40% ihrer Schiffe. Am Ende einer langen Niederlagenserie konnte Gustav endlich den erhofften großen Sieg verbuchen.
Der Erfolg kam jedoch für Schweden zu spät, um noch einen Gewinn aus dem Angriffskrieg zu ziehen. Tatsächlich bedurfte es schon eines gewissen Einflusses durch England und Preußen - man könnte es auch als Druck bezeichnen - um die Russen zum Frieden zu bewegen. Immerhin war die russische Hochseeflotte intakt geblieben und ungeschlagen. Am 14. August 1790 kam es dann aber doch zum Friedenvertrag von Värälä, mit dem beide Nationen zum Status Quo vor dem Krieg zurückkehrten. Auch am innenpolitischen Machtgewinn konnte sich Gustav III nicht lange erfreuen: 1792 fiel er einem Attentat zum Opfer, unzufriedene Adelige hatten ihm den Krieg und die Unterdrückung der Meuterei 1788 nicht vergessen können.
Die Seeschlachten in der Ostsee wurden von den Marinestrategen
anderer Nationen sorgfältig unter die Lupe genommen, die
Vorteile der Verteidiger waren offensichtlich. Dabei wurde jedoch
die Verteidigungskraft der Breitseiten ankernder Kriegsschiffe
überschätzt, was später vielleicht zu falschen
strategischen Schlüssen führte. Was in der Ostsee zwischen
1788 und 1790 erfolgreich war, stellte sich später, z.B.
1798 vor Abukir als grundlegend falsch heraus.
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