Der langwierige Kampf gegen die "deutsche Delle"
HANS-MARTIN BARTHOLD
Deutsche Mitarbeiter sind in internationalen Organisationen unterrepräsentiert, viele Jungakademiker ziehen eine Karriere in der Wirtschaft vor. Personalexperten und die Bundesregierung versuchen jetzt, die "deutsche Delle" nicht noch größer werden zu lassen. Doch sie brauchen einen langen Atem.
HANDELSBLATT, 17.1.2001 DÜSSELDORF. Seit elf Jahren steht Hans Willmann auf der Gehaltsliste des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Nach mehreren Stationen in Malaysia und Thailand arbeitet er nun im Genfer Hauptquartier. Wie viele andere Uno-Bedienstete wohnt der Deutsche mit seiner fünfköpfigen Familie jenseits der nahen Grenze im französischen Divonne. Dort leben etwa 6 000 Einwohner, die aus mehr als 90 verschiedenen Ländern kommen. Das tägliche Pendeln ist unbequem, aber Willmann nimmt es trotzdem in Kauf. Denn würde er plötzlich an einen anderen Ort irgendwo in der Welt versetzt, ließen die Schweizer Behörden seiner Familie nur ein Vierteljahr Zeit, um Genf zu verlassen. Und das möchte er seiner Frau und den Kindern nicht zumuten.
Das strenge Aufenthaltsrecht in einigen Ländern ist nur ein Hindernis, mit dem deutsche Beschäftigte bei internationalen Organisationen zu kämpfen haben. So überrascht es kaum, dass sich hier zu Lande nur wenige Kandidaten für einen Job bei der Uno, der europäischen Union oder der Weltbank interessieren. Die Bundesregierung muss noch einiges leisten, wenn sie ihr Ziel, die Präsenz der Bundesrepublik in internationalen Organisationen zu stärken, erreichen will. Von den gut 5 000 UNHCR-Mitarbeitern haben heute nur 59 einen deutschen Pass. Insgesamt ist Deutschland in knapp 200 internationalen Organisationen Mitglied. Aber nur im Uno-Sekretariat sind deutsche Mitarbeiter stärker vertreten. Hier unterliegen drei von vier regulären Stellen des höheren Dienstes der so genannten "geographischen Verteilung". Trotzdem besetzt die Bundesrepublik im Sekretariat zwei Stellen weniger als ihr nach Bevölkerungszahl und Beitragsleistungen mindestens zustünden.
"Besonders krass ist die personelle Schieflage beim Internationalen Währungsfonds, der Welthandelsorganisation und bei der Weltbank", erklärt der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Bediensteter in Internationalen Organisationen, Klaus Haftendorn. Deutschland steuere zwar die drittgrößte Summe zum Haushalt der Vereinten Nationen bei, stelle aber nur vier Prozent des Personals. Kaum besser ist das Bild bei der Europäischen Kommission in Brüssel. Zwar ist jeder fünfte EU-Bürger Deutscher, im höheren Dienst der Kommission sind aber nur dreizehn Prozent Deutsche beschäftigt.
Die mangelnde Präsenz ist jedoch nicht allein ein quantitatives Problem. Beinahe schwerer noch wiegen die qualitativen Handicaps - oft bezeichnet als "deutsche Delle". Weil sich in den achtziger Jahren nur wenige Bewerber für eine Karriere bei der EU-Kommission gewinnen ließen, sind die Deutschen heute vor allem im Mittelbau unterdurchschnittlich vertreten. Gerade hier würden aber wichtige Entscheidungen ausgearbeitet, sagt Petra Sigmund, die in der Deutschen Ständigen Vertretung bei der Europäischen Union für die Personalpolitik zuständig ist.
An dem mangelnden Interesse hat sich bis heute wenig geändert. Noch immer gelten die EU oder die Uno bei deutschen Schulabgängern und Hochschulabsolventen nicht gerade als Top-Adressen. Was die Nachwuchskräfte in den internationalen Organisationen erwartet, gibt wenig Anlass zu Euphorie: Oft erhalten sie nur Zeitverträge, die Gehälter werden für bis zu zehn Jahre eingefroren, die Karriere lässt sich kaum planen und das soziale Netz hat sehr weite Maschen. Hinzu kommen fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten für die Ehepartner oder Probleme bei der Schul- und Berufsausbildung der Kinder. Außerdem sind bei einer Rückkehr nach Deutschland die international erworbenen Kompetenzen oft wenig anerkannt. Wenigstens hier will die Bundesregierung jetzt Abhilfe schaffen. Bei der Entscheidung über die Beförderung eines Beamten soll die erfolgreiche Arbeit für internationale Organisationen stärker als bisher berücksichtigt werden (Handelsblatt vom 20.11.2000).
Trotzdem klagen Personalexperten weiter über das mangelnde Interesse deutscher Jungakademiker. "An den National Recruitment Examinations der Uno beteiligten sich in den letzten zehn Jahren insgesamt nur rund 500 Deutsche", berichtet Gregor Schulz vom Büro Führungskräfte zu Internationalen Organisationen in Bonn. 63 Kandidaten hätten das anspruchsvolle Auswahlverfahren überstanden, doch 11 von ihnen seien noch vor der Einstellung abgesprungen.
Diejenigen, die bei der Stange bleiben oder einen anderen lukrativen Job für eine Karriere bei internationalen Organisationen aufgeben, bereuen ihre Entscheidung oft bereits nach kurzer Zeit. "Finanziell hat sich der Wechsel zur Europäischen Kommission nach Brüssel nicht ausgezahlt", erklärt der promovierte Agraringenieur Willi Schulz-Greve. "Meine Frau kann ihren Beruf als Lehrerin hier nicht ausüben, und dadurch fehlt das bisherige zweite Gehalt."
Der Personalchef der Internationalen Atom Energie Agentur, Dieter Göthel, sieht die deutsche Politik in der Verantwortung. "Deutschland braucht eine internationale Personalpolitik aus einem Guss", sagt er. Derzeit sei die Zuständigkeit auf 28 Institutionen verteilt, die einzelnen Behörden entschieden oft nach Gutdünken und zum eigenen Vorteil. Verdiente Mitarbeiter würden nicht selten mit Auslandsposten belohnt - unabhängig davon, ob sie auch tatsächlich qualifiziert für diesen Job seien. Auch in Ungnade gefallene Angestellte würden zuweilen ins Ausland "weggelobt".
Die Zeit für Änderungen in der Personalpolitik drängt, denn der Uno steht eine Pensionierungswelle bevor, von der auch zahlreiche Deutsche betroffen sind. Außerdem entstehen im Zuge der EU-Erweiterung viele neue Stellen. Erste Schritte sind bereits getan. Das Auswärtige Amt finanziert deutschen Bewerbern Vorbereitungskurse für die schwierigen Auswahlverfahren bei internationalen Organisationen. Mehrere Bundesministerien beschäftigen darüber hinaus erfolgreiche Bewerber übergangsweise bis zum vereinbarten Einstellungstermin. Die Deutsche Ständige Vertretung in der EU hat inzwischen ein Netzwerk von Kontaktleuten aufgebaut, bei denen sich Interessenten informieren können. Doch das Personalwesen braucht noch einen langem Atem, bis die "deutsche Delle" wirklich ausgebügelt ist.
Auch wenn die Bundesrepublik in vielen Organisationen unterrepräsentiert ist, dürfen hiesige Bewerber allerdings nicht auf eine Extrawurst hoffen. Bei den Auswahlwettbewerben für die Beamtenlaufbahn dürfe niemand wegen seiner Nationalität bevorzugt werden, erklärt Fritz Brüchert aus der Personalabteilung der EU-Kommission. "Es zählt allein die Leistung."