Besuch bei Mama




Er kam nach Hause und war so richtig gut drauf. Gerade hatte er seine Englischklausur zurückbekommen und als einziger im Kurs fünfzehn Punkte erreicht. Besser konnte eine Woche kaum beginnen. Und gerade gestern hatten sie im Basketball den Tabellenzweiten haushoch geschlagen. Vielleicht hatte er ja im Moment sowas wie eine Glückssträhne? Wie auch immer, auf jeden Fall drehte er erstmal seine Stereoanlage laut auf und ließ sich von seiner Lieblingsmusik berieseln. Dabei tigerte er unruhig im Haus hin und her, denn so richtig konnte er sich auf nichts konzentrieren. Er machte sich etwas zu essen, aber eigentlich hatte er gar keinen Hunger. Er setzte sich an den PC und wollte ein paar Mails beantworten, aber dazu fehlte ihm auch die Ruhe. Schade, dass sein Vater noch nicht da war, so dass er ihm von der Klausur erzählen konnte. Aber er hatte so gute Laune, irgendwem musste er jetzt einfach davon erzählen. Hier alleine rumsitzen, das ging jetzt einfach nicht. Er musste raus und mit jemandem sein Glück teilen. Aber eine E-Mail war irgendwie auch nicht der richtige weg dazu, und außerdem wusste er eh nicht, wem er schreiben sollte, seine Freunde waren alle selbst in der Schule gewesen und wussten, was er in der Klausur bekommen hatte und seine Mail-Bekanntschaften würden nicht so richtig verstehen, warum ihn das alles so in Hochstimmung versetzte. Nein, das war jetzt irgendwie nicht das Richtige. Nach kurzem Überlegen beschloss er, seine Mutter zu besuchen. Bei ihr war er sowieso seit über drei Wochen nicht gewesen und sie war ja auch eine der wichtigsten Personen in seinem Leben. Er setzte sich also ins Auto und fuhr los.
Bei seiner Mutter angekommen, sprudelte auch gleich alles aus ihm heraus, er erzählte von dem Spiel gestern, wie er einige richtig gute Körbe geworfen hatte und sie die andere Mannschaft völlig überrumpelt hatten, von der Klausur, bei der er eigentlich das Gefühl gehabt hatte, gar nicht alles richtig verstanden zu haben, davon, dass er am Freitag seinen großen Schwarm Marie im Keller getroffen hatte und sie sich sogar von ihm hatte einladen lassen, kurz gesagt, er erzählte ihr alles, was ihn beschäftigte und es machte ihn sogar noch glücklicher, seine Stimmung mit jemandem teilen zu können. Er erzählte seiner Mutter auch, dass er sein Zimmer umgeräumt hatte, dass er dieses Wochenende Marie vielleicht einfach mal ins Kino einladen würde und all solche Kleinigkeiten. Ob Mama ihm zuhörte, das wusste er zwar nicht, aber er hoffte es zumindest. Dann erzählte er auch, dass er im Sommer mit seinem Vater Urlaub in Südfrankreich machen wollte, dort, wo sie auch zu dritt immer gewesen waren als sie noch bei ihnen war. Ja, die letzten Jahre waren sie ja nicht nach Südfrankreich gefahren, weil seinen Vater dort zu viel an früher, an gemeinsame Zeiten erinnerte, wie er sagte, aber jetzt wollte er nicht weiter um vergangene Zeiten trauern, sondern sie einfach in guter Erinnerung behalten. Schade nur, dass sie nicht mehr mitkommen würde, denn so toll der Urlaub auch werden würde, mit ihr zusammen war es einfach schöner. Aber wie sein Vater gesagt hatte, er wollte nicht der Vergangenheit hinterhertrauern, sondern versuchte, sie in guter Erinnerung zu behalten. Trotzdem war das oft nicht so leicht, aber das sagte er seinem Vater nie, sowas besprach er immer nur mit Mama. Sie gab ihm zwar keine Antwort, aber er war sich sicher, dass sie ihn verstand. Sie hatte ihn immer verstanden und war immer für ihn da gewesen. Und das würde sie auch weiterhin immer sein. Zumindest konnte er immer zu ihr kommen und ihr wirklich alles erzählen, egal, ob er nun wie heute überglücklich oder auch mal tieftraurig war. Immer wenn er seiner Mutter davon erzählte, gab ihm das Kraft, tröstete ihn oder tat einfach nur gut. Manchmal saß er über zwei Stunden bei ihr und redete sich alles von der Seele. Sie antwortete zwar nicht, aber das brauchte sie auch nicht. Es war einfach nur gut, dass sie da war. Einmal hatte er seiner Oma, Mamas Mutter, davon erzählt und sie hatte nur genickt und dann gesagt, dass sie es mit Opa genauso mache. Seit Jahren schon. Und er antwortete auch nicht, aber sie wusste doch, dass er ihr zuhörte. Ja, und Mama hörte ihm mit Sicherheit auch zu. Wo immer sie auch sein mochte.
Dann erhob sich Tobias, verabschiedete sich von seiner Mutter, legte noch frische Blumen auf das Grab und fuhr wieder nach Hause. 





Christian Dolle, 02/2001
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