Die Wespe
Es war ein sonniger Sonntagnachmittag
und dieDamen hatten bei ihrem Kaffeeklatsch schon fast alle Themen, von Jenny
Elversbis zu der Überfallserie in der Hasselner Innenstadt, abgehandelt.
Jetztberichtete Frau Brockert, die Gastgeberin gerade über ihre letzte
Lebensmittelvergiftung,während die anderen Damen genüsslich den
von Heidemarie Boelter gebackenen Kuchen aßen.
Uschi Bronn, die plötzlich keinen Appetit
mehr hatte, erspähteeine Wespe auf Heide Boelters Schulter, griff zur
Zeitung und schlug kurzerhandbeherzt zu, worauf Frau Boelter erschrocken
aufschrie.
"Wespe!", erklärte Frau Bronn kurz und
knapp.
"Und wo isse nu?", fragte Frau Boelter.
Doch Elfriede Brockert, die ihre Lebensmittelvergiftung
wohl überstandenhatte, nahm auch schon eine Untertasse und stülpte
sie über denKuchen.
"Wespe", meinte auch sie. Die Wespe aber war
rechtzeitig vor der "fliegenden"Untertasse geflohen und hatte es sich stattdessen
auf Frau Bronns Nase bequemgemacht. Diese war dadurch jedoch etwas erbost,
sprang erschrocken von ihremStuhl auf und kippte dabei ungeschickterweise
ihren Kaffee quer überdas Tischtuch. Frau Brockert nahm ihr dies jedoch
nicht wirklich übel,sondern schleunigst die Verfolgung des Untieres
auf, über dessen MordlustUschi Bronn nun einen Vortrag zum besten gab.
Ihre Schwester war frühernämlich mal von einer Biene gestochen
worden, und das war dann so sehrangeschwollen, dass... Na es hörte sowieso
niemand zu, da Elfriede Brockertund Heide Boelter nun beide mit einer Zeitung
bewaffnet, es war wohl die"Frau im Spiegel", das Wohnzimmer nach dem Tierchen
absuchten.
"Mach die Tür zu, bevor es in den Flur
entkommt..." Frau Bronn tat wiegeheißen und erspähte dann die
Wespe auf der Lampe über demWohnzimmertisch. Beherzt schlug sie zu,
leider daneben, aber dafür stolpertesie fast, hielt sich im letzten
Moment an irgendetwas fest, na ja und daswar dann leider nur die Kaffeekanne,
die dadurch auf dem Boden landete.
"Ach, Schwund is immer", kommentierte die Gastgeberin
das Mißgeschickund schlich sich auch schon wieder an die Wespe heran,
die sie an der Gardineentdeckt hatte. Wie eine Raubkatze pirschte sie sich
heran, Schritt fürSchritt, und als sie schließlich nur noch einen
Meter entfernt war,wurde es dem Tier wohl zu lächerlich und es flog
einfach weg. Die Jägeringuckte ihr enttäuscht hinterher, verlor
sie dann aber aus den Augenund fragte nur: "Und wo isse nu?"
Statt einer Antwort zuckte Uschi Bronn nur mit
den Schultern und nahm stattder Verfolgung nun erstmal ihren unterbrochenen
Vortrag über den Bienenstichihrer Schwester wieder auf. Frau Boelter
nutze diesen Waffenstillstand allerdingsfür eine Aufrüstung und
holte das Insektenspray aus der Küche.Als sie wiederkam, schlugen Elfriede
Brockert und Uschi Bronn eifrig aufdie Kaffeetafel ein, trafen dabei nacheinander
eine Tasse, die Zuckerdoseund schließlich die Sahnetorte. Den Feind
allerdings trafen sie nicht,der hatte sich nämlich schon vorher wieder
feige aus dem Staub gemachtund saß nun auf der Topfpflanze in der Fensterbank
als wolle er diedrei mordgierigen Damen verhöhnen. Doch die Wespe hatte
dabei wohl HeideBoelter aus den Augen gelassen, denn die richtete jetzt blitzschnell
denStrahl des angeblich todbringenden Sprays sie. Leider hatte auch in diesem
Fall die Werbung mal wieder zu viel versprochen, denn das Tierchen hattedie
Attacke scheinbar unbeschadet überstanden. Dafür hatte diechemische
Keule aber der Blume den Rest gegeben, denn die ließ augenblicklich
alle Blätter fallen und sah gar nicht so gesund aus.
Frau Brockert, wohl inzwischen erbost über
das Chaos in ihrem Wohnzimmerund über das ungeahnte Durchhaltevermögen
des Feindes, verfolgtedas Untier nun mit den Augen, sah zu, wie es auf der
Glasvitrine Platz nahmund warf dann erbost ihren Hausschuh in dessen Richtung,
was natürlichziemlich unüberlegt war, da sie nicht gerade eine
geübte Werferinwar. Zumindest traf sie eine Scheibe in der Tür
der Vitrine, aber Scherbenbringen ja bekanntlich Glück. Dieses Sprichwort
war wohl auch der Wespenicht unbekannt, denn der wurde es jetzt zu bunt und
sie verschwand aus demgeöffneten Fenster.
Schweigend sahen die drei Damen ihr nach und
schienen zu überlegen,ob sie die Schlacht als Sieg oder doch eher als
Niederlage verbuchen sollten.Wie auch immer, zumindest wussten sie jetzt
alle drei, beim nächstenKaffeeklatsch etwas spannenderes zu erzählen
als Neuigkeiten aus europäischenKönigshäusern oder nervende
Krankengeschichten.
Christian Dolle, 01/2001