Fett




13:00 Uhr. Endlich Feierabend, endlich Wochenende. Na das wurde auch Zeit. Verena hatte für heute echt genug und außerdem einen Mordshunger. Sie verabschiedete sich von den Kollegen, wünschte noch einen schönen Tag und verließ dann die Zahnarztpraxis, um sich auf die Suche nach ihrem Mittagessen zu machen. Nicht, dass sie nicht auch zuhause hätte essen können, aber da die Sonne zum ersten Mal in diesem Jahr so richtig schön schien und sie sowieso keine Lust hatte, allein zuhause vor dem Fernseher zu sitzen, beschloss sie, in der Stadt etwas zu essen und danach noch ein wenig shoppen zu gehen. Sie brauchte zwar eigentlich nichts und wusste schon jetzt, dass sie in den tollen Läden, die offensichtlich nur Klamotten für Magersüchtige verkauften sowieso nichts finden würde, aber gucken kostete ja nichts außer Zeit und die hatte sie ja heute.
Also machte sie sich erstmal auf den Weg zu Gunda, bestellte sich dort eine Portion Pommes, ein Zigeunerschnitzel, einen Salat mit Meeresfrüchten und eine Cola-Light, denn man musste ja ein wenig auf die Kalorien achten, und sezte sich dann nach ganz hinten in die Ecke, weil sie es nicht mochte, wenn sie so vielke Leute beim Essen beobachteten. Die Pommes waren zwar wie immer etwas zu fettig, aber das Zigeunerschnitzel dafür um so besser. Als sie fertig war, überlegte sie für einen kurzen Moment, ob sie nicht gleich noch eins nehmen sollte, entschied sich dann aber dagegen und aß stattdessen lieber noch ein Stück Kuchen zum Nachtisch.
Danach machte sie sich auf den Weg in die Innenstadt und war so richtig gut gelaunt. Kaum war sie in der Fußgängerzone angekommen, musste sie an der Eisdiele vorbei, was ihr eigentlich nie gelang, aber es war ja der erste sonnige Tag dieses Jahr und somit konnte sie sich wohl auch ein Eis genehmigen. Aber nicht übertreiben, also nur drei Kugeln, ach, was solls, ein bisschen Sahne darf auch noch drauf. So, nun reichts aber auch erstmal, dachte sie als sie das letzte Stück Waffel herunterschluckte. Fürs erste war sie gesättigt. Obwohl sie dieses Gefühl eigentlich gar nicht wirklich kannte, denn das letzte Mal, dass sie wirklich nur aus Hunger gegessen hatte lag wohl schon etwas zurück.
Bei Skywalker gab es sowieso nur überteuerte Skatermarken oder Klamotten, die sie nicht mal anziehen würde, wenn sie die Figur dazu hätte, da brauchte sie also gar nicht rein. Und ins Übergrößengeschäft wollte sie auch nicht, denn die Sachen da waren erstens zehnmal so teuer wie anderswo und noch dazu scheußlich altmodern. Stattdessen würde sie lieber mal im Kaufhaus Rust vorbeischauen, da gab es wenigsten vernünftige Sachen und auch noch in vernünftigen Größen. Gerade als sie das Kaufhaus betreten wollte, rempelte ein Typ in Skaterklamotten sie an, und Verena hatte nicht den Eindruck, das sei aus Versehen passiert.
"Hättest du das nächste mal vielleicht die Güte,  um mich herum zu gehen, statt durch mich durch?", fuhr sie ihn ärgerlich an.
Der Junge guckte sie spöttisch an und meinte dann: "Ja schon, aber ich wusste nicht, ob ich das vorm Dunkelwerden geschafft hätte..."
Bevor Verena allerdings kontern konnte, war er auch schon in der Menge der Passanten verschwunden.
Ärgerlich wünschte Verena ihm die Pest an den Hals, dachte dann aber nicht weiter über den Idioten nach und sah sich stattdessen in der Young-Fashion-Abteilung um. Also der grüne Strickpulli da gefiel ihr schon echt gut. Und runtergesetzt war er auch noch.
"Entschuldigung", fragte sie eine Verkäuferin, die sowieso nur nutzlos rumzustehen schien, "haben sie den Pullover hier auch in XXL?"
"Oh nein, das tut mir leid, den gibt es nur bis XL, aber die fallen groß aus, probieren sie ihn doch mal an."
Na ja, schaden konnte das ja nichts, dachte sie, nahm ihn mit in eine Umkleidekabine und kam nur eine Minute später wieder heraus, weil ihr das Ding vorne und hinten nicht passte und sie darin aussah wie eine Presswurst. Und sowas nennt sich dann XL! Die Verkäuferin warf ihr einen mitleidigen Blick zu, bot ihr dann aber an, ihr noch einen ähnlichen Pulli zu zeigen, den es dann aber vielleicht auch ein paar Nummern weiter gab. Ja, weiter war das Teil, was sie ihr dann zeigte auch, aber auch doppelt so teuer und mit einem Markenaufdruck auf der Brust, den ihre Oma ohne Brille hätte erkennen können, auch wenn sie am anderen Ende der stadt gestanden hätte.
Nee, das dann eher doch nicht oder sowas erklärte Verena entschuldigend und steuerte dann auf den Ausgang zu. Bevor sie diesen erreichte, kreutzte aber der Bäckerstand ihren Weg, und die Puddingschnecken lächelten sie geradezu verführerisch an. Ach, warum den eigentlich nicht, eine zum Sofortverzehr und eine bitte eingepackt, für später zuhause.
Die Schnecke hatte nicht nur verführerisch gelächelt, sie schmeckte auch noch verführerisch, so verführerisch, dass Verena die zweite auch gleich noch verdrückte. Heute Abend konnte sie ja auch was anderes essen, Puddingschnecken waren zum Abendbrot eh nicht so geeignet.
Bevor sie sich aber auf den Nachhauseweg machte, schaute sie doch noch mal in der Boutique 7 Stars vorbei, vielleicht würde sie ja doch noch was Passendes finden. Als sie gerade zwischen den Regalen herumsuchte und sich jedes Teil, was ihr gefiel, kurz vor den Körper hielt und sich im Spiegel betrachtete, bevor sie es genervt zurückhängte, kam plötzlich Vivienne auf sie zu. Eigentlich kannten sie sich kaum, nur über Patrick, und sie hatten auch nie viel miteinander zu tun gehabt.
"Ach, hallo Verena", flötete Vivienne und Verena ahnte sofort, dass sie irgendwas von ihr wollte, "du sag mal, hast du Patrick in letzter Zeit mal gesehen? Ich hab gehört, er hat jetzt ne neue Freundin, und da wollt ich doch mal hören ob das stimmt..."
Ach daher wehte der Wind. Patrick und Viv waren vor ein paar Jahren für kurze Zeit zusammengewesen, und es war noch gar nicht so lange her, da hatte Patrick ihr erzählt, er habe das Gefühl, dass Vivienne wieder was von ihm wollte.
"Ja, hat er", bestätigte sie Viviennes Frage, "sie heißt Dana und ist wirklich ziemlich in Ordnung, soweit ich sie kennengelernt habe. Und nicht so oberflächlich wie so manche ihrer Vorgängerinnen..."
"Ah ja, freut mich für ihn. Kannst ihn ja mal grüßen wenn du ihn triffst... Und? Haste schon was gefunden?"
"Nein noch nicht, aber ich guck auch eigentlich nur so rum."
"Na ja, ich glaube wenn ich deine Figur hätte, würde es mir auch schwerfallen was zum anziehen zu finden. Aber viel Glück noch."
Mit einer hollywoodreifen Drehung wandte Vivienne sich ab und ließ Verena vor Wut kochend zurück. Eigentlich prallten dumme Sprüche ja an ihr ab, aber da die blöde Ziege ja leider Recht hatte, war das heute irgendwie anders.
Etwa eine halbe Stunde später und nach einem Zwischenstop bei McDonalds war Verena zuhause, ärgerte sich noch immer über Vivienne, den Skater und am meisten darüber, dass sie nichts passendes gefunden hatte, dafür aber ein Heidengeld für Essen ausgegeben hatte und machte sich zum abendbrot etwas in der Mikrowelle warm. Danach schaltete sie den Fernseher an und zappte sich gelangweilt durch die Programme. Hier eine Kochsendung, da eine Arztserie, in der es um ein bulimiekrankes Mädchen ging, dort eine Talkshow zum Thema 'Ich bin fett aber verstecke mich nicht - Übergewichtige Stripperinnen' und auf jedem dritten Sender Werbung für Süßigkeiten, Tiekühlspinat, Fertigsuppen oder andere Dinge, die den Konsumenten garantiert glücklicher, aber keinesfalls dicker werden lassen. Doch dann entdeckte sie doch noch eine dieser Quizshows, holte sich eine Tüte Chips und ne Dose Cola-Light und zog sich die Sendung rein.
"Wieviel Prozent Fett hat normale Vollmilch?", wollte der Moderator von seinem Kandidaten wissen.
"3,5 Prozent", murmelte Verena und überlegte, ob sie sich nicht auch mal bei so einer Sendung bewerben sollte.
"Ist es A: 2%, B: 2,5%, C: 3,5 % oder D: 4,5%?"
Der Kandidat überlegte. "Ich schwanke noch zwischen C und D..."
Verena gähnte, griff erneut in die Chipstüte, aber die war inzwischen leer. Hm, dachte sie, die füllen da auch immer weniger rein. Aber da musste doch noch irgendwo eine Tafel Schokolade sein. Sie ging nochmals in die Küche, fand auch tatsächlich noch eine Tafel und verdrückte sie noch vor der nächsten Werbepause. Danach war ihr ziemlich schlecht, sie ärgerte sich darüber, dass sie so viel gegessen hatte und ihre gute Laune vom Nachmittag war jetzt vollends verflogen.
Da konnte sie auch genausogut ins Bett gehen, dachte sie, betrachtete sich im Bad noch mal im Spiegel und war ziemlich unzufrieden mit sich selbst. So, und ab morgen wird nur noch zu den Mahlzeiten gegessen, nahm sie sich fest vor, doch wenn sie ehrlich war, hatte sie sich das gestern und vorgestern und letzte Woche schon genauso fest vorgenommen.


Christian Dolle, 03/2001
Logo