Simons Geständnis



Endlich wurdees Abend. Simon hatte den ganzen Tag nur herumgehangen, Musik gehört, geschlafen und eigentlich nichts weiter getan. Er hatte einfach keinen Bock auf die Leute aus seiner Clique gehabt, denn eigentlich hatten die alle ganz andere Interessen als er und so richtig auf einer Wellenlänge war er mit niemandem. Er kam zwar gerne mit in die Disco und so, aber bei vielem, was er mit seinen Freunden so machte, kam er halt einfach nur mit und langweilte sich eigentlich, weil die ständigen Gespräche über Autos, Mädchen, Musik und Fußball ihm auf Dauer einfach zu oberflächlich waren. Und die anderen merkten das natürlich auch, und Matthias hatte ihn neulich direkt ins Gesicht gesagt, dass er ihn für arrogant hielte.  Manchmal glaubte er, der einzige Grund, warum er sozusagen dazugehörte, war der, dass er der Cousin von Patrick Hesse war, denn Patrick war ja wirklichüberall beliebt. Und mal davon abgesehen war Patrick auch einer derwenigen Menschen, mit denen er sich so richtiggut verstand und mit denener über alles reden konnte. Bei allen anderensagte er meist nicht soviel, sondern hörte nur zu und beobachtete. Ja,er würde sogarbehaupten, dass das Beobachten anderer Leute inzwischeneines seiner liebstenHobbies war. Simon fand es einfach unheimlich spannend,in der Schule, inder Stadt oder Freitags- und Samstagsabends in der Discoden verschiedenstenLeute beim Tanzen, Trinken oder Knutschen zuzusehen. Daswar seine Welt,und mittlerweile hielt er sich für einen ziemlich gutenBeobachter.Inzwischen brauchte er einen Menschen nur noch wenige Minutenzu beobachten,bis er glaubte, ihn einigermaßen einschätzen zukönnen. Zumindesthatte er festgestellt, dass er mit seiner Einschätzungoftmals ziemlichrichtig lag.
Aber auf heute Abend freute er sich noch aus einem anderen Grunde. Patrickhatte ihm nämlich erzählt, dass er sich heute Abend mit Katie und Thomas im 2001 treffen wollte. Es war zwar schade, dass Katie und Thomas ein Paar waren, aber wenn er die beiden so beobachtete, glaubte er auch, dass das nicht mehr lange der Fall sein würde. Außerdem wusste er von Patrick, dass die beiden oft Streitereien hatten und man erzählte sich auch, Thomas würde Katie ab und zu betrügen.
Voller Vorfreude auf seinen großen Schwarm stand Simon kurz daraufunterder heißen Dusche und konnte an nichts anderes mehr denken. Ja,er warzum ersten Mal in seinem Leben so richtig verliebt, und wenn allesgut lief,würde er heute auch endlich den Mut haben, das zuzugeben.Schon alleinder Gedanke an seinen großen Schwarm ließ ihn ganzkribbelig undheiß werden. Doch dann reduzierte er die Temperatur desWassers aufein Minimum, stellte es nach einer halben Minute ganz aus undtrocknete sichab. Nachdem er seine Haare ausgiebig gestylt hatte, überlegteer, waser anziehen sollte. Da er sich nicht sicher war, was heute Nachtnoch allespassieren würde, musste er selbst die Unterwäsche gründlichauswählen. Ja, eine gute Planung ist durch nichts zu ersetzen. Als erdiese lebenswichtigen und heute vielleicht ausschlaggebenden Entscheidungengetroffen hatte, besah er sich im Spiegel. Ja, er konnte äußerstzufrieden mit sich sein. Nein, mehr noch, er sah echt verdammt gut aus.
Um kurz nach zehn verließ er gutgelaunt das Haus und raste  mitdem Auto seiner Mutter in Richtung 2001. Als er dort eintraf, wartete Patrickschon am Eingang und begrüßte ihn mit den liebevollen Worten:"Warum brauchst du eigentlich immer so lange? Außerdem siehst du auswie 'n Schwuler..."
Simon lächelte ihn an, weil er wusste, dass Patrick sowas nicht bösemeinte sagte aber nichts und dann wurden sie von den Türstehern auchschon reingewunken ins dunkle und von lauter Musik und krachenden Beats erfüllteInnere der Disco. Patrick traf natürlich gleich Freunde, gab allen etwaszu trinken aus und verschwand dann irgendwann auf der Tanzfläche. Soschnell ging das bei Simon nicht, er sah sich erstmal gründlich um,hieltAusschau nach bekannten und unbekannten Gesichtern, denn irgendetwasgab esimmer zu beobachten. Er traf viele von Patricks Freunden, viele Leute,dieer nur vom Sehen kannte, aber sogar ein paar Leute aus seiner Klasse,dieeigentlich gesagt hatten, sie wollten die Disco boykottieren, entdeckteer.Nur Katie und ihren Thomas hatte er noch nicht gesehen. Er versuchtesicherst mal auf andere Dinge zu konzentrieren, aber das gelang ihm nicht.Dauerndmusste er sich vorstellen, was heute Abend noch alles passieren könnte.So rutschte er nervös auf einem Hocker hin und her und konnte sich kaumauf irgendetwas anderes konzentrieren.
Es war kurz nach eins als er die beiden endlich zur Tür herankommensah.Na endlich. Eigentlich hatte er schon gar nicht mehr mit dem Auftauchenseinesgroßen Schwarms gerechnet. Aber jetzt waren sie ja da und steuertenauch sofort auf die Tanzfläche zu. Katie trug einen ziemlich engen schwarzenRock und ein eben solches Top, was ihre perfekte Figur optimal betonte, undauch Thomas hatte sich für ein sehr modernes, recht körperbetontesOutfit entschieden, so dass die beiden, sehr zu Simons Leidwesen, ein wirklichschönes Paar abgaben. Und tanzen konnten sie auch noch, das musste manihnen wirklich lassen. Allerdings glaubte er auch sehen zu können, dasses zwischen den beiden lange nicht mehr so gut lief wie noch vor einigerZeit.Oder war das vielleicht nur sein Wunschdenken.
Simon beobachtete die beiden jedenfalls neidisch, nur zu gern hätteerdie Plätze getauscht. Nach einer Weile traute er sich dann auch malaufdie Tanzfläche und beobachtete die beiden jetzt aus der Nähe.OhMann, wie sexy, dachte er, und musste sich dabei fast wie automatischzwischendie Beine greifen. Dieses Gesicht, diese Haare, diese Figur, dieserArsch,perfekter konnte ein Mensch wirklich nicht aussehen!
Eine Viertelstunde später wurde die Musik dann schlechter, und Simonsteuerte direkt auf die Theke zu, an der auch Katie und Thomas jetzt saßen.Als er näher kam vor ihm heiß und heißer. Und er wussteauchnicht, was er eigentlich sagen sollte. Noch war es Zeit für einenRückzug.Aber nein, nein, er würde jetzt nicht kneifen. So schwerkonnte es schließlichnicht sein, einem Menschen zu sagen, dass manihn liebte, und außerdemwürde ihm wohl niemand den Kopf abreißen.
"Hi, Simon", begrüßte ihn Katie als er sich zwischen die beidenstellte. Thomas klopfte ihm nur auf die Schulter und musterte ihn von obenbis unten. Ob er etwas ahnte, fragte sich Simon, aber nein, das konnte ereigentlich nicht. Bevor eine bedrückende Stille entstand, in der niemandwusste, was er sagen sollte, lud Simon die beiden auf ein Bier ein. Als erdas Glas entgegen nahm, sah er, dass seine Hand zitterte und merkte erstjetztwie aufgeregt und erregt er überhaupt war. Er fing ein belangloses,abernicht total oberflächliches Gespräch über Menschen, Beziehungenund Liebe an und merkte, dass Katie in vielem seiner Meinung war und sogaroft eher ihm zustimmte als Thomas. Na, das war doch schon mal ein Zeichendafür, dass die Beziehung der beiden nicht mehr lange halten würde,oder? Immerhin. Vielleicht konnte er dann jetzt doch ganz offen sagen, waser empfand. Aber er war sich halt nicht sicher. Irgendwie hatte er panischeAngst davor, einen Korb zu bekommen oder sogar ausgelacht zu werden. Aberegal. Jetzt oder nie. Und irgendwann musste er ja mal seinen Mut zusammennehmen und es sagen. Nervös legte er also seinen Arm um den Körper,von dem er sich seit Wochen selig wünschte, in berühren zu dürfen,und erklärte mit Zittern der Stimme:" Weißt du, ich bin totaldichverknallt, Thomas..."




Christian Dolle, 01/2001
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