Studentenparty
„Tschuldigung, haste mal Feuer?“, fragte ein blasses Mädchen in grauem
Rollkragenpulli und grauer Hose.
Thomas
nickte, zündete ihr die Zigarette, natürlich keine ordinäre
Marlboro, sondern Davidoff Light, an und wartete auf ihre nächste Frage.
Das Mädchen nahm einen tiefen Zug, musterte ihn, dann fragte sie: „Und
was studierst du?“
„Gar nichts, ich bin selbständig.“
„Also hast du ne eigene Firma?“
Thomas nickte stumm.
„Das ist ja auch spannend.“
Zum Glück fragte sie nicht weiter, denn Thomas hatte keinen Bock ihr
zu sagen, dass es sich bei der ‘Firma’ bloß um den Hof seiner Großeltern
handelte und er den ganzen Tag eigentlich nur mit Pferden zu tun hatte.
Als er zum ersten Mal gefragt worden war, hatte er noch erzählt, dass
er sich dort um alles kümmerte und auch sowas wie ein Reitlehrer war,
worauf der schlaksige Typ, der ihn zuvor gefragt hatte, was er denn studiere,
ihn nur ungläubig gefragt hatte, ob er denn wenigstens das Abitur habe.
Als Thomas auch das verneint hatte, war das Gespräch kurz darauf beendet,
und jetzt zog er es vor, nicht mehr so ausführlich Auskunft zu geben.
Eigentlich wollte er ja auch gar nicht mit auf diese Studentenparty, wobei
das Wort Party in Bezug auf diese gepflegte Langeweile wie reiner Hohn klang,
aber Katie
hatte ihn überredet, denn Bettina, die Geburtstag hatte, war nun mal
eine Freundin von ihr und nach Katies Worten, obwohl sie Kognitionswissenschaften
studierte, was immer das auch sein mochte, ganz umgänglich.
Außerdem hatte Thomas durch Katie ja auch schon etliche wirklich tolle
Studentenparties miterlebt, aber das waren eben Parties gewesen und nicht
wie hier Begräbnisfeiern oder irgendetwas in der Art. Alle hier studierten
Jura oder Philosophie oder andere obskure Sachen, die ganze Zeit lief eine
undefinierbare Musik, die weder poppig noch rockig, aber wohl vor allem kein
Mainstream war, statt vernünftigem Bier gab es nur Sekt oder Weißwein,
zwar von Aldi, aber das war scheinbar egal, und die Gespräche handelten
fast immer von Dingen, von denen Thomas keine Ahnung hatte oder waren gleich
gänzlich inhaltslos.
Das schlimmste jedoch war dieser mitleidige Blick eines dieser Besserwisser-Studenten,
wenn der erfuhr, dass Thomas werder studierte, noch damals sein Abi gepackt
hatte. Am Anfang war er sich regelrecht dumm vorgekommen unter all diesen
Intelligenzbestien, doch dann hatte er festgestellt, dass Etikette und Spaß
leider auch hier Gegensätze zu sein schienen und langweilte sich nun
nur noch.
Wie sehr wünschte er sich, er könne jetzt mit Dennis oder so auf
dem Dancefloor einer Disco abfeiern, inmitten einer fröhlichen Masse,
die sich nur von den drönenden Bässen und dem Blitzgewitter der
Stroboskope treiben ließ. Stattdessen saß er aber hier, nippte
lustlos an seiner Cola und fragte sich, was diese Affen wohl denken würden,
wenn sie ihn auf der Tanzfläche zappeln sehen würden. Er hoffte
nur, dass Katie niemals so werden würde wie diese Leute hier, aber so
überkandidelt und abgehoben war man entweder von Geburt an oder gar
nicht.
Es hatte Zeiten gegeben, in denen hatte Thomas sich gefragt, ob sein Leben
zu langweilig und spießig war, wenn er tagein tagaus auf dem Hof schuftete
und an den Wochenenden die Discos der Umgebung unsicher machte, aber wenn
er sich hier umsah und all die arroganten Idioten sah in Klamotten, die die
Eltern oder das Bafögamt an den Rand des Ruins brachten, auf Designerschuhen
mit Absätzen, die normalen Menschen die Beine brachen und immer mit
zwei oder drei Fingern an einem Sektglas, um überhaupt etwas zu tun
zu haben, dann war er plötzlich stolz darauf, dass er morgen früh
den Stall ausmisten durfte.
Jetzt stand er auf, um sich wenigstens in Bettinas WG etwas umzusehen, aber
er glaubte nicht, dass er hier etwas Interessantes entdecken würde.
Von den Cds, die neben der Anlage herumlagen kannte er nicht eine einzige,
bei den Büchern in ihrem Schrank handeklte es sich fast ausschließlich
um Fachliteratur oder solche Bücher, die man, wie es so schön hieß,
gelesen haben musste, an den Wänden hingen Schwarz-Weiß-Plakate
alter französischer und bestimmt kulturell ansprechender Filme, ansonsten
herrschte eine penible Ordnung in dem Zimmer, um es nicht Phantasielosigkeit
zu nennen.
Auf dem Flur und in der Küche standen Grüppchen von Leuten, die
sich angeregt über unterhielten, von denen Thomas nichts verstand und
von denen er auch dachte, sie würden ihn, selbst wenn er es verstünde,
nicht mehr interessieren als die Bildunterschriften von Katja Kessler auf
der Bild am Sonntag.
Die Tür zum Zimmer von Bettinas Mitbewohner war einen Spalt breit offen,
und da ihn niemand daran hinderte, trat Thomas ein. Eine dichte Nebelwolke
empfing ihn, und auf den ledernen Cocktailsesseln, die so gar nicht nach
Ikea aussahen, hockten einige entspannt aussehende Typen, die einen Joint
kreisen ließen und zu Nirvanas Smells like Teen Spirit bedächtig
mit dem Oberkörper wippten. Für die war das wahrscheinlich der
Inbegriff eines rebellischen aus-der-Masse-herausstechen, aber Thomas sagte
sich nur, dass sie vielleicht besser hätten Lachgas nehmen sollen.
Zurück in Bettinas Zimmer, dort grassierte noch immer die überhebliche
Totenfeierstimmung, wurde er von einem sehr schlanken, sehr perfekt gestyltem,
sehr ausstrahlungslosen Mädchen, das ein Sektglas zwischen Daumen und
Zeigefinger hielt und dabei tatsächlich den kleinen Finger abspreizte,
gefragt, ob er bei der nächsten StuPa-Wahl seine Stimme denn auch der
MFG, der Minderheiten-Förderungs-Gemeinschaft, geben würde.
„Nee, danke“, antwortete er, „ich wähl meist die JBF, Judäische-Befreiungs-Front.“
Mit verständnislosem Blick ließ er seine Gesprächspartnerin
stehen, wandte sich ab und schwor sich, niemals in diesem Leben eine Veranstaltung
dieser Förderungsgemeinschaft zu besuchen, deren Treffen er sich als
die Steigerung zu dieser Party und somit lieber gleich gar nicht vorstellte.
Bevor er sich Thmas nun jedoch ein neues Glas Cola holen kann, stolpert er
fast über Katie, die mit hängenden Schultern auf Bettinas unter
einer bunten Wolldecke verborgenen Sofas sitzt.
Er setzt sich zu ihr, gibt ihr einen flüchtigen Kuss, fragt, was los
ist.
„Ach, nichts ist los, ich amüsiere mich prächtig und genieße
die wirklich tiefschürfenden Gespräche dieser überhaupt nicht
oberflächlichen Musterstudenten-Klone!“
Thomas musste lachen, vor allem deshalb, weil es ihr hier offensichtlich
ebensogut gefiel wie ihm, und sie nicht, wie er befürchtet hatte, auch
noch Gefallen an der ‘besseren Gesellschaft’ gefunden hatte. Er gab ihr noch
einen Kuss, diesmal länger, doch Katie schob ihn weg, und sah ihn an.
„Thomas, sag mal, wollte Dennis heute nicht ins 2001 fahren?“
„Ja wollte er, wieso?“
„Na wenn wir uns beeilen, erwischen wir ihn da noch, können wenigsten
noch ein bisschen Spaß haben und bekommen vielleicht sogar noch n vernünftiges
Bier.“
„Und was sagst du Bettina?“
Katie überlegte einen Moment, dann zuckte sie mit den Schultern und
meinte ironisch: „Der werde ich morgen erklären dass du mich ganz dringend
nach Hause fahren musstest, weil mir ein Fingernagel abgebrochen ist.“
Christian Dolle , 03/2002