Winners and Losers




Als Björn aus dem Hotel kam dämmerte es bereits,die Vögel fingen an zu zwitscherten und die Stadt erwachte langsam wiederzum Leben. Der neue Tag hatte gerade erst begonnen,versprach, schönzuwerden, doch er war jetzt müdevon der Nachtschicht und würdeihneinfach verschlafen. Während erlangsam durch die Straßenin RichtungHeimat schlenderte, freute er sichbereits auf eine sehr heißeDusche,freute sich auf das Wasser, das gleichauf seine Haut prasseln würde,vor allem aber freute er sich darauf,endlich die unbequemen Schuhe und dasHemd ausziehen zu dürfen. Nachdem Duschen würde er sich vermutlichein Glas Wein einschränken,die Rollos in seinem Zimmer herunterlassen,zwei oder drei Kerzen anzündenund sich in aller Ruhe die neue SvenVäthCD anhören oder einen altenFilm mit seiner LieblingsschauspielerinKatherineHepburn in den Videorecorderschieben. Ja, das war dann die totale Entspannungund ein perfekter Ausklangdieses anstrengenden Arbeitstages.
Wenige Minuten später hatte er seine Wohnung erreicht, kramte aus seiner Tasche den Schlüssel hervor und wollte gerade die Tür aufschließen, als er plötzlich ein Geräusch hinter sich auf dem Flur hörte. Ein kurzer Schreck fuhr durch seine müden Glieder und er drehte sich ruckartig um. Dann atmete er erleichtert auf, denn hinter ihm stand keinEinbrecher oder Mörder, sondern nur sein Bruder Flo .
"Mann, hast du mich erschreckt!", begrüßteBjörn ihn, etwas verärgert über sein lautloses Anschleichen,aber doch irgendwieerleichtert, "Aber... sag mal, was machst du überhauptso früh hier?"
Flo sagte nur, er müsse mit ihm reden, aber an der Art wie er das sagte, erkannte Björn, dass es nichts Erfreuliches sein konnte. Also schloss er erstmal die Tür auf, bat Flo herein und ihm etwas zu trinken an und wartete dann darauf, dass sein kleiner Bruder ihm sein Herz ausschüttete.
"Ich hab vorhin mit Papa gesprochen. Er will wieder heiraten."
Mehr sagte Flo nicht, er beobachtete nur schweigend das Glas in seiner Hand, war aber offensichtlich den Tränen nahe. Auch wenn die Scheidung ihrer Eltern jetzt schon fünf Jahre zurücklag und ihr Vater auch schon seit zwei Jahren mit seiner Freundin Sylvie zusammen war, so brach für Flo doch scheinbar irgendwie eine Welt zusammen.
Tröstend legte Björn den Arm um ihn und zog ihn ein wenig näher zu sich heran. Sie schwiegen beide und hingen ihren Gedanken nach. Für Flo war das jetzt das letzte endgültige Zeichen dafür, dass ihr Vater und ihre Mutter im wahrsten Sinne des Wortes geschiedene Leute waren, Björn hingegen schockte die Neuigkeit nicht wirklich. Er hatte sichschon früh mit der Trennung abgefunden und auch damit, dass sein Vatereine neue Freundin hatte. Und außerdem führte er sein eigenesLeben. Aber Flo wohnte immer noch bei seinem Vater, hatte eigentlich nieviel darüber gesprochen, dennoch wusste Björn, wie weh es ihm getanhatte als ihre Mutter damals ihrem Vater gesagt hatte, sie halte es nichtlänger mit ihm aus und könne nicht länger mit ihm zusammenleben.Für Flo war eine Welt zusammengebrochen, er hatte seiner Mutter übelgenommen, dass sie ging und seinem Vater, dass er nichts dagegen unternahm. Björn hingegen hatte Verständnis für seine Mutter gezeigt, er wusste, dass sie mehr vom Leben haben wollte als das Kleinbürgerleben, dassihr Gatte führte. Merkwürdigerweise hatte er das recht schnellakzeptiert und nie wirklich die Hoffnung gehabt, das alles wäre nurvorübergehend. Selbsverständlich tat ihm sein Vater leid, weiler seine Frau wirklich geliebt hatte, aber so schwer wie Flo hatte er dasnie genommen. Aber damals war ihm auch gar nicht bewusst gewesen, wie sehrFlo unter der Situation litt, denn der hatte ja seine Gefühle immerfür sich behalten. Erst als Flo dann angefangen hatte, sich zum Sportstarder Schule zu mausern, gleichermaßen zum Mädchenschwarm zu werdenund überhaupt sehr eifrig darauf bedacht war, für alles, was ertat, bewundert und beneidet zu werden, kurz gesagt, den obercoolen Überfliegerheraushängen zu lassen, war Björn ein Lich aufgegangen. Immerhinwaren die Kritikpunkte seiner Mutter oder ihre Gründe, die sie zur Trennungbewogen haben, die gewesen, dass sein Vater zu spießig, zu durchschnittlich,zu langweilig, ein Weichei war. Und  auch wenn Flo die Schuld an dergescheiterten Ehe seiner Mutter gab, so wollte er offensichtlich auf keinenFall so werden wie sein Vater. Irgendwann hatte Flo ihm dann auch mal erzählt,dass er auf  gar keinen Fall alsWeichei, Warmduscher, Cola-Light-Trinkergelten wollte und alles tat um diesenRuf nicht zu bekommen, nur fand Björnimmer noch, dass sein kleiner Brudereigentlich viel zu sensibel fürdie Rolle des gefühlskalten, unverwundbaren Superstars war. Oder warumsonst saß er jetzt hier neben ihm auf dem Sofa und kämpfte mitden Tränen?
"Björn... ", Flos Stimme war nur ein Flüstern, "Ich will nicht, dass Papa diese Sylvie heiratet."
Björn streichelte seinem Bruder, der ihm im Moment wie ein kleiner verletzter Hund vorkam, über den Kopf und antwortete dann: "Ja, ich weiß, aber mit Mama hat er sich wirklich nichts mehr zu sagen und seine Sylvieliebt er nun mal. Ob du willst oder nicht, das musst du schon ihm überlassen."
Flo nickte. Dann räusperte er sich, schien den Kampf gegen die Tränen nun endgültig gewonnen zu haben und erklärte: "Das ist mir auch klar, ich bin kein Baby mehr, aber ich mag sie einfach nicht."
Da konnte Björn ihm nur zustimmen. Übermäßig sympathisch war ihm die Freundin seines Vaters auch nicht gerade, und irgendwie wurde er auch den Gedanken nicht los, der Hauptgrund für die Heirat war für beide nicht die gegenseitige Liebe, sonder zu großem Teil eine finanzielle und moralische Sicherheit. Aber wenn sein Vater diese geordneten Verhältnisse brauchte um glücklich zu werden und Sylvie für die richtige Frau an seiner Seite hielt, würde er ihn ganz bestimmt nicht davon abbringen können oder wollen.
"Och Mann", setzte Flo wieder an, "ich will einfach nicht, dass diese blöde Kuh bei uns wohnt und mir ihre Zicken auch noch jeden Tag anhören müssen."
"Ist sie denn wirklich so schlimm?"
"Ja, nein, ach ich weiß auch nicht, aber... aber sie tut ja schon jetzt wenn sie da ist immer so als wären wir die besten Freunde und versucht um jeden Preis sich mit mir gut zu stellen und außerdem ist sie zwanzig Jahre jünger als Papa."
Es waren gerade mal neun Jahre, aber Björn verkniff sich, Flo darauf hinzuweisen. Er konnte ihn ja nur zu gut verstehen und würde wahrscheinlich genauso empfinden. Nur helfen konnte er seinem Bruder leider nicht. Und außerdem war er tierisch müde und wollte eigentlich nur noch schlafen.
"Flo, ich kann dich ja auch wirklich gut verstehen", setzte Björn deshalb an, "aber ich bin echt hundemüde und schlaf gleich im Stehen ein. Wenn du willst mach ich dir noch nen Tee und du kannst hier schlafen, aber ich muss echt ins Bett."
Flo nahm dankend an. Björn machte ihm einen Fencheltee, da er ja wusste, dass seinem Bruder sowas immer auf den Magen schlug, machte ihm dann dasSofa als Bett zurecht, dann legten sie sich schlafen. Vielleicht würdeja auch alles halb so schlimm werden, und Flo würde Sylvie irgendwanndoch noch akzeptieren. Trotzdem tat er ihm leid und es war ein wirklich elendes Gefühl, wenn man nicht helfen konnte.
Trotz seiner Müdigkeit lag Björn noch lange wach, wälzte sich von einer seite auf die andere und grübelte. Aber es war halt so wie es war und Flo musste sich wohl oder übel damit abfinden. Und irgendwann würde er das wahrscheinlich auch. Und würde die Situation wirklich besser sein, wenn ihre Eltern sich nie getrennt hätten?

Etwa eine Woche später, Björn war eigentlich auf dem Weg zur Arbeit, er musste erst nachmittags im Hotel sein, hatte Flo seit seinem letzten Besuch bei ihm nicht mehr gesprochen und wusste aber, dass er heute jobbte, machte er einen Abstecher zu Skywalker, um Flo dort abzufangen. Der Laden war wie immer überfüllt von Girlies, die zwar noch nicht mal die Pubertät erreicht hatten, sich aber schon vollkommen erwachsen fühlten und Jungs, die glaubten, sie würden nicht nach ihrem Charakter, sondern nach den Markennamen aufihren Klamotten beurteilt werden und damit ja sogar leider nicht ganz unrechthatten, und Flo war gerade dabei, sündhaft teure T-Shirts mit unübersehbarem Markennamen auf der Brust in ein Regal eizuordnen. Björn schlich sich von hinten an ihn ran, piekste ihm in die Seite und fing den Stapel T-Shirts auf, den Flo deshalb beinahe fallen gelassen hätte.
"Hi Süßer, wie gehts?"
"Nenn mich noch einmal Süßer und dir gehts gar nicht mehr gut!", drohte Flo ihm, aber grinste dabei. Und dann erahnte er wohl, weshalb Björn hier war und erzählte freudestrahlend, dass Sylvie Schluss gemacht und einen anderen kennengelernt hatte.
"Wie bitte?", Björn konnte es kaum glauben, "Wieso das denn auf einmal?"
"Na ja sie hat Papa gesagt, er wäre ihr zu langweilig zu spießig und zu wenig spontan, sie wäre noch zu jung um einem langweiligen Alltagstrott zu verfallen, und das wars dann."
Björn schluckte. Klar, für Flo war das eine Erleichterung, aber er konnte sich leider nur zu gut vorstellen, wie sein Vater die Kritik aufgefasst hatte und wie der sich jetzt fühlen musste. Warum lösten sich eigentlich alle Probleme im Leben auf so sonderbare Weise? Und warum gab es bei solchen Problemlösungen immer jemanden, der darunter zu leiden hatte? Und warum gab es zu jeder Lösung auch immer gleich wieder ein neues Problem?



Christian Dolle, 02/2001
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