Ingeborg Bachmann
Ein Monolog des Fürsten Myschkin zu der Ballettpantomime "Der Idiot"

Die Uraufführung der Ballettpantomime Der Idiot hatte mit einem Text von Tatjana Gsovsky und der Musik von Hans Werner Henze am 1. September 1952 im Hebbel-Theater an den Berliner Festwochen stattgefunden. Den Monolog des Fürsten Myschkin hatte Klaus Kisnki gesprochen. An einer Tagung im selben Jahr lernte die junge Schriftstellerin Ingeborg Bachmann den Komponisten Hans Werner Henze kennen. Aus der Bekanntschaft entstand eine langjährige Zusammenarbeit und Freundschaft.

Vermutlich auf Anregung Hans Werner Henzes schrieb Ingeborg Bachmann 1953 eine neue Fassung des Monologs des Fürsten Myschkin zu der Ballettpantomime "Der Idiot", die erstmals in ihrem Gedichtband Die gestundete Zeit (1953) veröffentlicht wurde. Seit der zweiten Auflage des Bandes von 1957 enthält dieser eine revidierte Fassung. Mit diesem Text kam die Ballettpantomime Der Idiot 1960 durch eine Tournee von Tajana Gsovskys Berliner Ballett erneut zur Aufführung. Die Premiere fand am 8. Januar 1960 im Titania-Palast in Berlin statt.

Quelle
Werke / Ingeborg Bachmann ; Herausgeber: Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster. - München ; Zürich : R. Piper & Co. Verlag, 1978
Band 1: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen
  • S. 62-80: Ein Monolog des Fürsten Myschkin zu der Ballettpantomime "Der Idiot"


    Ein Monolog des Fürsten Myschkin zu der Ballettpantomime "Der Idiot"

    Mit puppenhaften Schritten treten die Personen des Spiels - Parfion Rogoschin, Nastassia Filipowna, Totzki, Ganja Iwolgin, General Epantschin und Aglaja - auf. Die Pantomime endet mit dem Schlusstakt der Intrada, und Fürst Myschkin tritt in die Mitte der Szene. Er spricht den ganzen Monolog ohne Musik.

    Ich habe das Wort, ich nahm's
    aus der Hand der Trauer,
    unwürdig, denn wie sollte ich
    würdiger sein als einer der andern -
    selbst ein Gefäss für jene Wolke,
    die vom Himmel fiel und in uns tauchte,
    schrecklich und fremd
    und teilhaft der Schönheit
    und jeder Verächtlichkeit dieser Welt.

    (O Qual der Helle, Qual
    des Fiebers, nah an anderen Fiebern,
    unsrer gerechten Krankheit
    gemeinsamer Schmerz!)

    Lass den stummen Zug durch mein Herz gehen,
    bis es dunkel wird
    und, was mich erleuchtet,
    wieder zurückgegeben ist
    an das Dunkel.

    Wahrhaftig, weil dieser Schmerz
    in euch ist, tut ihr,
    was ihr für euer Leben tut,
    nicht für euer Leben,
    und was ihr zu eurer Ehre tut,
    geschieht nicht zu eurer Ehre.

    In der Dämonen Gelächter gebrannt,
    bodenlos, sind die Schalen
    dieses glücklosen Lebens,
    das bis zum Rand uns bedenkt.
    Trifft eine die andre, so klingen
    sie nicht, denn kein Einhalt
    ist den Tränen geboten, sprachlos
    stürzen sie ab, von Grund
    zu Grund, und es verweigert
    der letzte, in den sie vergehn,
    sich immer unsrem Gehör.
    O Stummheit der Liebe!

    Jetzt nimmt er jede Person, die er nennt an der Hand.

    Parfion Rogoschin, der Kaufmannssohn,
    weiss nichts von einer Million.
    In den Winternächten hält sein Gespann
    vor den käuflichen Strassen der Welt
    und kann sie nicht fahren.
    Er schüttet sein Geld in den Schnee,
    denn der Schnee ist das Mass

    deiner Wangen, Nastassia Filipowna,
    dein Name ist eine gefährliche Kurve
    in jedem Mund, sie sagen, am Schnee
    nähmst du das Mass für deine Wangen,
    in deinem Haar wohnten die Winde,
    (ich sage nicht: sie sind launisch),
    dein Aug sei ein Hohlweg,
    in dem ihre Wagen stürzen,
    es zählt sie der Schnee, und vom Schnee
    erhälst du das Mass
    für deine Wangen.

    Totzki - dies ist wohl zuviel,
    eh man zur Ruhe kommt: eines Kindes Augenblick
    in den Armen war die Vergangenheit, und jetzt
    ist die Zeit von Blicken, die Zeit
    von Lippen über euch beide gekommen.

    Ganja Iwolgin, wenn ein Band zwischen allen
    gesponnen ist,
    werden deine Hände die Knoten sein,
    die es spannen,
    denn du lächelst nicht gut.
    Du forderst zuviel für dich
    und verlangst zuwenig von dir.
    Dich gängelt nur ein Verlangen:
    die Wagen stürzen zu sehn,
    in denen die anderen fahren,
    eh du selbst unter Rädern verendest.

    General Epantschin - es sind nicht Zufälle,
    die uns in die Nähe derer führen, die wir meiden.
    Wie wir uns in den Kindern entgleiten,
    gleiten wir uneingestandenen Wünschen nach
    und halten vor fremden Türen als Hüter,
    die wir uns selbst so wenig zu hüten vermögen.

    Was aber entglitt? Der weisse,
    erkaltete Traum einer Jugend,
    die nicht Nachsicht verlangt?
    Vollkommenes also? Und Schönheit
    in solcher Gestalt, dass wir uns
    mit ihrem Rätsel begnügen? Aglaja,
    so werde ich in dir nichts sehen
    als die Botschaft einer Welt,
    in die ich nicht eintreten,
    ein Versprechen, das ich nicht halten,
    und einen Besitz, den ich nicht wahren kann.

    Er wendet sich um und steht mit dem Gesicht zum Publikum.

    Erwacht zum Leben im Schein,
    von Planeten verführt,
    die von uns Ausdruck verlangen,
    seh ich zur grenzenlosen Musik
    die Bewegung der Stummen.

    Hier münden seine Worte in einen marionettenhaft starren Tanz.

    Unsere Schritte sind nur die wenig
    genauen Anschläge weniger Töne,
    die uns erreichen.

    In den Tanz, der die Einsamkeit jedes einzelnen zum Ausdruck bringen soll, wird auch Myschkin hineingezogen.

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    Ein Interieur, das die Atmosphäre einer Zirkusarena schafft. Nastassia gängelt Totzki, Ganja und der General an weissen Bändern und spielt in einem tragischen, gewagten, gefährlichen Tanz ihre Macht über die drei Männer aus. Dann erscheint Rogoschin, und Nastassia dreht sich an den Männern vorbei. Ihr Kostüm fällt stückweise von ihr ab, so dass sie zuletzt, nur mit einem weissen Trikot bekleidet, unter einer goldenen Kugel steht. Sie hebt eine Hand zum Ball und reicht die andere Rogoschin, der abwartend abseits gestanden ist. In diesem Augenblick tritt Myschkin auf sie zu.

    Halt ein! Dich beschwör ich,
    Gesicht der einzigen Liebe,
    bleib hell und schlag mit den Wimpern
    das Auge zur Welt zu, bleib schön,
    Gesicht der einzigen Liebe,
    und heb deine Stirn
    aus dem Wetterleuchten der Zweifel.
    Deine Küsse werden sie teilen,
    dich entstellen im Schalf,
    wenn du nach Spiegeln blickst,
    in denen du jedem gehörst!

    Myschkin führt Nastassia zur Vorderbühne und steigt mit ihr in ein Trapez, das aus dem Schnürboden herabgelassen wurde. Während die beiden langsam in die Höhe schweben, erklingen nur wenige Takte einer sehr zarten Musik.

    Sei wahr und gib dem Schnee die Jahre zurück,
    nimm Mass an dir selbst und lass die Flocken
    dich nur von ungefähr streifen.

    Auch dies ist die Welt:
    ein früher Stern, den wir als Kinder
    bewohnen; verteilt an die Brunnen
    alks Inhalt und Regen der Stunden,
    als Vorrat von heiterer Zeit.
    Auch dies ist schon Geist, eines armen
    fröhlichen Spiels Einerlei, die Schaukel
    im Wind und ein Lachen oben und unten;
    dies ist das Ziel, von uns selbst
    nicht besessen zu sein
    und jedes Ziel zu verfehlen;
    und auch dies ist Musik,
    mit einem törichten Ton,
    immer demselben
    einem Lied nachzugehen,
    das uns ein spätres verspricht.

    Fall nicht in den Tumult des Orchesters,
    in dem die Welt sich verspielt.
    Du stürzt, wenn du jetzt deinen Bogen
    vergibst, und redest mit deinem Fleisch
    eine vergängliche Sprache.

    Doch Nastassia gleitet vom Trapez in Rogoschins Arme.

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    Vor einer riesigen roten Ikone steht eine Leiter, auf der Myschkin sitzt. Rogoschin liegt rücklings auf einer Pritsche, hört mit zunehmender Spannung der Erzählung Myschkins zu und beobachtet erregt, wie Myschkin langsam von der Leiter heruntersteigt.

    Jedem meiner Augenblicke zähle ich einen fremden
    Augenblick zu, den Augenblick eines Menschen,
    den ich in mir verborgen trage zu jeder Zeit,
    und sein Gesicht in diesem Augenblick,
    das ich nie vergessen werde, mein Leben lang nicht.

    (Kein Gedicht, das abends von innen reift!)
    Bedeckt vom Reif einer Kerkernacht
    und frostgrün, weht es dem Morgen entgegen,
    mit dem Gitter über den Augen, die doch dem Himmel
    einmal aufgetan waren.

    Durch die kalten Gänge der Glieder verlässt die Gefangenen der Schlaf.
    Die Schritte des Wärters hallen in seiner Brust.
    Ein Schlüssel sperrt seinen Seufzern auf.

    Weil er keine Worte hat,
    weil keiner ihn versteht,
    bringt man ihm Fleisch und Wein
    und übt Nächstenliebe an ihm.

    Er aber, versunken
    in die Zeremonien des Ankleidens
    kann Wohltaten nicht begreifen,
    auch nichts von der Vermessenheit
    dessen, was befohlen ist.

    Es beginnt ja ein langes Leben,
    wenn die Tür aufgeht und offen bleibt,
    wenn die Strassen in Strassen
    münden und das Gefälle der Stimmen
    des ganzen Volkes ihn hinunterträgt
    an die Gestade des Blutmeers,
    das von den verbrecherischen
    Gerichten der ganzen Welt
    mit Todesurteilen
    gespeist wird.

    Nun aber ist eine Gemeinsamkeit zwischen uns
    und dem Urteil, das auch sagt, dass dieser Mann
    mit einem vollkommen wahren Gesicht zu der einen
    Wahrheit kommt, eh er den Kopf
    genau auf das Brett legt
    (obwohl sein Gesicht
    weiss ist und ohne Bewegung,
    und die Gedanken, die er denken mag,
    sind vielleicht ohne Bedeutung, er sieht
    nur den rostigen Knopf an der Jacke
    des Scharfrichters).

    Eine Gemeinsamkeit ist auch zwischen uns
    und dem Verurteilten, da er uns zu überzeugen vermag,
    dass dem Mord, den wir bereiten,
    und dem Mord, der für uns bereitet wird,
    die Wahrheit vorangeht.
    Und es liegt einer vor mir,
    und ich stehe vor einem
    mit allen Möglichkeiten zu dieser Wahrheit
    und mit dem Mut zu ihrem Leben
    und zu unserem Tode.

    Doch in meiner Sterblichkeit
    kann ich nichts lehren
    und könn' ich's, so selbst
    nur in dem Augenblick, von dem ich spreche,
    und ich hätte in diesem Augenblick
    nichts mehr zu sagen.

    Jetzt springt Rogoschin auf und wirft Myschkin, der gegen Ende der Erzählung die unterste Sprosse erreicht hat, zu Boden. Es erklingt wieder die sehr zarte Musik. Verwandelt geht Rogoschin auf Myschkin zu, hebt ihn auf und hält ihn in den Armen. Sie tauschen ihre Kreuze.

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    Auf der leeren schwarzen Bühne ist in ganz dünnen, weissen Umrissen ein schlossartiges Haus aufgebaut. Durch das Haus ist eine gleichfalls weisse Ballettstange gezogen, an der Aglaja, in ein blendend weisses Tutu gekleidet, steht. Mysckin, der die Variation auf Puschkins Ballade vom armen Ritter auf der Vorderbühne mit dem Gesicht zum Publikum spricht, dreht sich zu Aglaja kein einziges Mal um, die jedes Mal, wenn der Text von der Musik - einem Ritornell - unterbrochen wird, an der Ballettstange ein kristallklares Ballettexercise vollbringt. Die Szene beginnt mit Musik.

    Bürgschaft übernehm ich für einen,
    der auf dieser Welt lebte vor langer Zeit
    und als sonderbar galt, einen Ritter,
    aber wie nenn ich ihn heute.
    da's kein Verdienst ist, in Armut
    und nicht auf Schlössern zu leben?

    Sorglos kleidete er sich in die Tage,
    bis einer um seine Schultern
    franste und ihm ein Licht
    auflud, in dessen Umkreis
    die Scham nicht geduldet war
    und der endliche Friede der Langmut.

    Die den Krieg verdammen, sind auserwählt,
    zu kämpfen in diesem Licht.
    Sie streuen das Korn
    auf die toten Äcker der Welt.
    sie liegen in den Feuerlinien
    einen Sommer lang,
    sie binden die Garben für uns
    und fallen im Wind.

    Aglaja wiederholt zu ersten teil des Ritornells ihre Variation.

    In der zeit der Vorbereitung mied ich die Städte
    und lebte gefährlich, wie man es aus Liebe tut.

    Später geriet ich in eine Abendgesellschaft
    und erzählte von einer Hinrichtung. So fehlte ich abermals.

    Meinen ersten Tod empfing ich aus der Hand eines Gewitters
    und ich dachte: so hell ist die Welt und so ausser sich,

    wo ich die Wiesen verdunkle, schaufelt der Wind Erde
    über ein Kreuz, lasst mich liegen mit dem Gesicht nach unten!

    Blaue Steine flogen nach mir und erweckten mich vom Tode.
    Sie rührten von einem Sternengesicht, das zerbrach.

    Aglaja wiederholt zu ersten teil des Ritornells ihre Variation.

    Und ausgestossen aus dem Orden der Ritter,
    verwiesen aus den Balladen,
    nehme ich einen Weg durch die Gegenwart,
    zu auf den Horizont, wo die zerrissenen
    Sonnen im Staub liegen,
    wo die Schattenspiele
    auf der unerhörten Wand des Himmels
    zu Verwandlungen greifen und ihr
    einen Stoff einbilden
    aus dem alten
    Glauben meines Kindergebets.

    Wenn auch die Kränze entzwei sind,
    abgesprungen die Perlen, wenn der Kuss
    in die blauen Falten der Madonnen
    abgeschmackt nach den Ekstasen
    so vieler Nächte, beim ersten Hauch
    das Licht in den Nischen löscht,
    trete ich aus dem schwarzen
    Blut der Ungläubigen in mein eignes
    und höre auf den Abgesang
    einer Geschichte,
    die unsre Opfer verachtet.

    Aglaja wiederholt zu ersten teil des Ritornells ihre Variation.

    Mir will eine Schwäche, der Wahnsinn
    willkommen ist, meinen Weg
    vertreten und mich der Freiheit entziehn.

    Hörig dem Sog, wich mein Fleisch
    früh den Messern aus, die ich hob,
    um es aufzureissen. Mit dem Hauch,
    den es umklammert, will es hinab,
    mit meinem Atem, den ich zurückgeben werde
    zum Beweis, dass mein Mund
    nicht gefragt hat nach meinem Leben
    und den Bedingungen, unter denen
    wir für die Schöpfung
    zu zeugen haben.

    Mit dem zweiten Teil des Ritornells endet die Szene, und Aglaja erstarrt auf der Spitze, in der letzten ihrer Attituden.

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    Wir sehen eine Kurpromenade mit einem Orchestertempelchen im Hintergrund. Eine Gesellschaft von Vögeln hat sich hier versammelt - gemeint ist die Petersburger Hautevolee. Wenn der Vorhang sich öffnet, hält der Dirigent der kleinen Kapelle den Taktstock hoch. Die Vogelgesellschaft steht regungslos. Jeder ist in seiner Pose erstarrt, so dass die Szene den Eindruck eines kolorierten Druckes macht. Im Vordergrund steht Myschkin, der sich sehr fremd in dieser Umgebung fühlt.

    Die leicht fliegen, werde ich nicht
    beneiden, die Gesellschaft der Vögel,
    die viele Orte berührt
    und noch im raschesten Flug
    vol Überdruss ist.

    Myschkin geht ab. Der Dirigent des kleinen Orchesters bewegt seinen Taktstock zur Musik, und die erstarrte Vogelgesellschaft löst sich in einen "Kurpromenade" auf. Wenn die Musik endet, wenden sich alle dem Kapellmeister zu und applaudieren. Etwas vor Schluss des Tanzes treten Myschkin und Aglaja auf. Sie nehmen an dem Treiben teil und gehen dann zur Vorderbühne. Und Myschkin erklärt sich Aglaja.

    Wo ich hinkam, fand ich mich unter Steinen,
    wie sie ergraut und von Vertrauen befangen.

    Mir ist gewiss, dass auch dein Gesicht
    so alt herabfiel und sich neben mich legte
    unter den eisweissen Wasserfall,
    unter dem ich zuerst mein Bett aufschlug
    und unter dem ich in meinem Tode
    liegen werde, den Absturz
    der Reinheit vor Augen.

    Myschkin und Aglaja gehen ab. Es wird Abend. Einige Lampions leuchten auf, die Kapelle hört ui spielen auf, die Gesellschaft findet sich paarweise zusammen und verlässt die Bühne. Blaue Versatzstücke kommen von oben, und die Bühne wird von einem klaren Blau überströmt. Dann fliegt Aglaja herein, von weissen Tänzern gefolgt, und Myschkin erscheint ihr als Wunschbild in einem weissen Kostüm. Doch Nastassias Erscheinung tritt zwischen die Liebenden und trennt sie. Die blauen Versatzstücke werden weggehoben. Allein im nächtlichen Garten sieht Aglaja sich ernüchtert um und wirft sich weinend auf eine Bank. Mysckin, in realer Gestalt, kommt und kniet vor ihr nieder.

    Ich habe Zutrauen gefasst zum Verzicht.
    Du weinst, weil ich dich meinen Wünschen vorziehe?
    Du wählst ein kurzes Los: meine Zeit, und ich will
    die Verheerungen aller Träume, mit denen
    du schläfst und herausreichst aus der Welt.

    Für dich habe ich keinen Trost.
    Wir werden beisammen liegen,
    wenn die Bewegung der Berge geschieht,
    mit einem Steingefühl, alterslos,
    auf dem Boden der Nachtfurcht
    und im Anfang einer grossen Verstörung.

    Einmal nur hatte der Mond das Nachsehn.
    Ins Geäst unsres Herzens
    fiel das einsamere
    Licht der Liebe.
    Wie kalt die Welt ist
    und wie rasch die Schatten
    sich auf unsre Wurzeln niederlegen.

    Aglaja hört Myschkin vertsändnislos zu; ihre Erwartungen sind enttäuscht worden, sie springt auf und lässt Myschkin betroffen stehen. Die Vögel kehren in den nächtlichen Garten zurück, diesmal um Nastassia Filipownaversammelt, die durch ihre faszinierende Schönheit in einem herausfordernden Tanz alles in Atem hält. Dann stehen die beiden Frauen voreinander. Nastassia beleidigt Aglaja und wird von einem der Begleiter Aglajas wieder beleidigt. Myschkin geht ab, und die aufgescheuchte Vogelgesellschaft flieht. Das Licht ist auf den Vordergrund gerichtet, während die Kulissen fortgetragen werden; nur ein schwarzumkleidetes Podium mit zwei Seitenleitern bleibt auf der Bühne, und Aglaja und Nastassia tanzen mit schwarzgekleideten Partnern ihre Variationen, als kämpften sie mit unsichtbaren Floretten auf Leben und Tod. Wenn Myschkin zurückkommt, steigen die beiden Frauen auf je eine der Leitern und bedeuten ihm, dass sie seine Erklärung erwarten. Aglaja sieht Myschkins Zögern, wirft sich vom Podium herunter und wird von ihrem Partner weggetragen. Ehe Myschkin ihr folgen kann, bricht Nastassia wie leblos vor ihm zusammen. Er hebt sie auf und hält sie in den Armen.

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    Auf der leeren Bühne stehen, in schwarzen Kostümen, mit dem Rücken zum Publikum, Menschen mit Kandelabern, während Myschkin, zum Publikum gewendet, spricht.

    Mit einem geliehenen Wort bin ich,
    und nicht mit dem Feuer, gekommen
    und schuld an allem, o Gott!
    Es sind die Kreuze getauscht,
    und das eine wird nicht getragen.
    Schwach lob ich die Strenge
    Deines Gerichts und ich denke
    schon an Vergebung, ehe Du sie gewährst.

    Wo die Angst in mir aufspringt
    und Helle vor mir herwirft, entdeck ich
    Schreckliches und meine Schuld
    an allem, an dem Verbrechen,
    mit dem ich noch diese Nacht
    in Deine Nacht kommen muss,
    und mein heilloses Wissen will ich
    nicht preisgeben an mein Gewissen.

    Sei Du die Liebe, ich bin nur in leisem
    Fieber aus Dir hervorgegangen
    und unter Fiebernden hinfällig
    geworden. Deine Blindheit erkennend,
    vor der wir eins sind im Dunkel,
    bekenn ich, dass ich schuld bin
    an allem, denn Du, seit Du uns nicht
    mehr siehst, zählst auf ein Wort.

    Ein roter Teppich wird herausgerollt. Myschkin dreht sich um und steht jetzt auch mit dem Rücken zum Publikum. Nastassia erscheint und versucht, auf die Vorderbühne zu Myschkin zu gelangen, doch Rogoschin springt einige Male, mit einem Messer in der Hand, dazwischen. Die schwarzen Gestalten führen an Ort und Stelle entsprechende Schritte zu einem Bolero aus. Schliesslich ergreift Rogoschin Nastassia und trägt sie, mit dem Rücken zum Publikum, von der Bühne. Auch die schwarzen Gestalten gehen ab. Die Ikone senkt sich aus dem Schnürboden herunter. Myschkin steht ohnmächtig davor.

    Öffne mir!
    Alle Tore sind zugefallen, es ist Nacht.
    und was zu sagen ist, ist noch nicht gesagt.
    Öffne mir!
    Die Luft ist voll von Verwesung, und mein Mund
    hat den blauen Mantel noch nicht geküsst.
    Öffne mir!
    Ich lese schon in den Linien deiner Hand, mein Geist,
    der meine Stirne berührt und mich heimholen will.
    Öffne mir!

    Endlich tritt Rogoschin heraus, und Myschkin geht ihm entgegen.

    Geheim ist der Mund, mit dem ich morgen rede, Ich will
    diese Nacht mit dir wachen und werde dich nicht verraten.
    Behutsam führt Rogoschin Myschkin hinter die Ikone. Die Bühne wird ganz dunkel, und im Dunkeln spricht Myschkin die beiden Terzinen.

    In den Strängen der Stille hängen die Glocken
    und läuten den Schlaf ein,
    so schlafe, sie läuten den Schlaf ein.

    In den Strängen der Stille kommen die Glocken
    zur Ruhe, es könnte der Tod sein,
    so komm, es muss Ruhe sein.

    Es wird etwas hell. Aus dem Schnürboden kommen weisse Stricke zu den Klängen der Apotheose herab. Myschkin bleibt unbeweglich stehen, und während immer mehr Stricke herabsinken, erscheinen Tänzer, die in verhaltenen, feierlichen Bewegungen den Ausbruch des Wahnsinns darstellen.


    Klaus Kinski 1926-1991 | E-Mail (c) Michael 1998-1999