"Familienidylle" wird zur privaten Hölle
Gewalt gegen Frauen und Kinder - die Familie zerfällt...
Flugblatt, Jänner 2004
Immer wieder schockieren uns die Massenmedien mit Berichten über brutale
Misshandlung von Kindern in ihren Familien. Das passiert in allen Klassen und
Schichten der österreichischen Gesellschaft, auch wenn die bürgerlichen
Massenmedien es so darstellen und rassistisch verdrehen, als gäbe es Gewalt
nur in proletarischen Familien und vor allem bei Immigrant/innen. Jährlich
werden hunderte Eltern wegen körperlicher Gewalt gegen ihre Kinder angeklagt
(nach bürgerlichen Statistiken im vorletzten Jahr gegen Kinder unter 6
Jahren: 2 Morde, 94 Körperverletzungen und 31 Quälen oder Vernachlässigen
eines Unmündigen; insgesamt 1417 Delikte "gegen Leib und Leben" von
Kindern unter 14 Jahren). Die Dunkelziffer bei Straftaten ohne sichtbare schwere
Folgen ist noch viel höher. Was sind die Ursachen?
In den letzten Jahrzehnten wurden zwar die Rechte der Kinder (Züchtigungsverbot,...)
und der Frauen (Familienrechtsreform, Fristenlösung,...)
in der Familie verbessert, doch gleichzeitig zersetzt
sich die Familie immer weiter. Diese Form der Gemeinschaft
hat keine Zukunft. Ursprünglich war die patriarchale Familie
die Grundlage für die Sicherung des Reichtums und der Nachkommenschaft
der Männer der besitzenden Klassen. Seit der bürgerlichen
Revolution wird diese Familien"ordnung" auch
für die Arbeiter/innenklasse als "ideale Lebensform" propagiert.
Doch die wirklichen kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse
nagen an der Familie als Grundeinheit für die Sicherung und
Wiederherstellung der bürgerlichen Gesellschaft. So
untergräbt die Bourgeoisie einerseits immer stärker die
Reproduktion derjenigen Klasse, von deren Arbeit sie lebt. Andererseits
gibt es immer neue Projekte für ein "gelungenes
Miteinander der Generationen", für eine "neue Partnerschaft",
für die "Förderung von Kindern und Familien" usw.,
um diesen Prozess zu verlangsamen. Wie groß das Interesse der Kapitalistenklasse
an der Familie als Ort der Sicherung der Arbeitskräfte
ist, zeigt sich an den ständigen Versuchen, die Fortsetzung
der bürgerlichen Familien"ordnung" auf
dem Rücken der Frauen zu retten und zu stabilisieren.
Aus Profitgründen ist die herrschende Kapitalistenklasse
aber nicht bereit, die vor Jahrzehnten kleinweise begonnene
Vergesellschaftung der Hausarbeit fortzuführen,
die seit über 150 Jahren von der Arbeiter/innenbewegung
gefordert wird und die eine Grundlage für neue Formen der Partnerschaft
sein könnte. Im Gegenteil: Immer weniger Steuergeld ist für
Kranken-, Behinderten- und Altenbetreuung da, für
Schulen, Kinderbetreuung, subventionierte Großküchen
usw. Alles wird wieder den Frauen aufgehalst, und zwar
zusätzlich zu ihrer inzwischen selbstverständlich gewordenen
Lohnarbeit. Statt Kindergärten, Krippen, Nachmittagsbetreuung
in der Schule usw. gibt's ... Teilzeitarbeit für die Frauen.
Statt öffentlichen Restaurants und Kantinen gibt's ...
Heimarbeitsplätze für die Frauen usw. So gut es ist,
dass immer mehr Frauen eigenes Geld verdienen, so schlecht ist es,
dass die Hausarbeit zwar individuell erleichtert wurde
(Staubsauger, Mikrowelle,...) aber nur in sehr geringem
Ausmaß von öffentlichen Diensten oder betrieblichen
Sozialeinrichtungen (Betriebskindergärten,...) übernommen
wurde. Kein Wunder, dass trotz groß bejubeltem Kindergeld
die Geburtenrate auch im vergangenen Jahr weiter gesunken ist!
Auch wenn die Idee einer netten bürgerlichen Familie (mit
trautem Heim, lieben Kindern usw.) immer noch in vielen Köpfen
herumspukt und von den Massenmedien, vor allem in TV-Serien,
als wünschenswertes Ideal propagiert wird, leben heute
vor allem in den Städten die meisten Menschen nicht mehr in traditionellen
Familienstrukturen. Aus der lebenslangen Ehe
("bis der Tod euch scheidet") wurden zeitweilige Partnerschaften,
oft Single-Haushalte. Ein großer Teil der Kinder wächst
nicht bei ihren leiblichen Vätern auf, die Zahl der Alleinerzieher/innen
hat in den letzten Jahren rapid zugenommen. Alles das sind
unaufhaltsame gesellschaftliche Entwicklungen
im Kapitalismus - und wir trauern der alten patriarchalen
Familie mit dem Mann als unumschränktem Familienoberhaupt
und Alleinherrscher innerhalb der 4 Wände keineswegs
nach!
Durch die zunehmende Vereinzelung wird das Leben in der kapitalistischen
Gesellschaft immer unerträglicher, aber es gibt keine
Grundlage für wirklich alternative Lebensformen.
Erst in einer Gesellschaft ohne Ausbeutung kann es Beziehungen
ohne Abhängigkeiten geben.
Aber wir kämpfen nicht nur für eine bessere Gesellschaft,
sondern schon heute gegen das Elend in den kaputten Kleinfamilien.
Wir können nicht akzeptieren, dass ein Arbeiter aus Wut über
die tatsächlich oft unerträglichen Zustände
seine Frau oder Kinder schlägt oder sie psychisch oder sexuell
terrorisiert! Auch gegen das Zurückdrängen
der Frauen an Heim und Herd müssen wir Widerstand leisten. Durch
die Organisierung in gewerkschaftlichen
und revolutionären Bewegungen
kann die berechtigte Wut über die herrschenden
Verhältnisse in produktive verändernde
Kraft umgesetzt werden.
-
Nein zur bürgerlichen Familienpropaganda!
-
Vergesellschaftung aller Bereiche der Hausarbeit
durch öffentliche Dienstleistungen!
-
Schluss mit der Förderung der bürgerlich-kapitalistischen
Familienstruktur!
-
Für soziale Beziehungen jenseits von Abhängigkeiten
- für ein selbstbestimmtes Leben in einer klassenlosen
Gesellschaft!
-
Nieder mit dem Kapital - für die sozialistische Revolution!
Krise der klein-bürgerlichen Familienform im Proletariat
Mit dem Übergang des Kapitalismus in sein monopolkapitalistisch-imperialistisches
Stadium wurde die Kleinfamilie auch im Proletariat zu einer
relativ stabilen Form des Zusammenlebens. Zwar gab es - anders als beim Bürgertum
und Kleinbürgertum - keine unmittelbare ökonomische Notwendigkeit,
weil es keinen Besitz zu sichern und zu vererben gab. Aber die Bourgeoisie
setzte z.B. nach dem 1. und 2. imperialistischen Weltkrieg alles daran,
die Frauen wieder aus der Produktion wegzubekommen und
politisch-ideologisch den Mann (wieder) zum formalen "Alleinverdiener" und
rechtlichen "Oberhaupt" auch der proletarischen Familie zu
machen. Bis Ende der 1950er Jahre war dieser Prozess der Stabilisierung
der patriarchalen Kleinfamilie im Proletariat weitgehend abgeschlossen.
Doch in den 1960er Jahren kam es in ganz Westeuropa zu großen wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Umbrüchen.
So gab es ab 1970 auch in Österreich einen "Modernisierungsschub" auf
zwei Ebenen. Einerseits eine sprunghafte Modernisierung der Produktion
durch Rationalisierung und weitere Konzentration des Kapitals.
Andererseits eine Welle von Reformen im Familienrecht, die
vor allem die Stellung der Frauen und Kinder deutlich verbesserten.
Gleichzeitig begann am Arbeitsmarkt eine zunehmende Vernichtung von
traditionellen Industriearbeitsplätzen und eine rasche Ausdehnung von
sogenannten "Dienstleistungs"-Arbeitsplätzen, die
zwar volkswirtschaftlich zur Produktion gehören, von den bürgerlichen
Statistiken (und vielen Beschäftigten selbst) aber als
nicht zur Produktion gehörende Tätigkeiten verstanden
werden. Auf einen großen Teil dieser neuen Arbeitsplätze
in Büro, Handel usw. kamen Frauen. Dementsprechend stieg die
Zahl der erwerbstätigen Frauen in den 1970er und 80er Jahren drastisch
an (z.B. bei den 25-30jährigen von 56% auf 66%, bei den 35-40jährigen
von 50% auf 63%, während sie bei den Männern leicht zurückging
- von 94% auf 89% wegen Weiterbildung usw.).
Immer mehr dieser Arbeitsplätze betrafen Teilzeit-Arbeit mit extremer
Flexibilisierung, niedrigen Löhnen usw. (20,3% der Frauen sind teilzeitbeschäftigt,
aber nur 1,6% der Männer). Die Frauen wurden dabei als Vorreiterinnen
bei der immer weiteren Durchlöcherung von Arbeitsschutzgesetzen
eingesetzt (heute machen die "atypischen" Arbeitsverhältnisse
schon über 10% aus - 60% der Betroffenen sind Frauen). Der "Normalarbeitstag" wurde
immer weniger normal (ca. 75% der Beschäftigten
arbeiten zumindest gelegentlich außerhalb
der Normalarbeitszeit!) .
Die heutige staatliche Frauen- und Familienpolitik verkündet
Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und tatsächlich
wurden schrittweise Maßnahmen zur Entlastung der Frauen als wichtigstem
Reproduktionsfaktor in der bürgerlichen Gesellschaft
unternommen: Die Versorgung mit Kinderkrippen, Kindergärten,
Horte, Altenheime, Krankenanstalten usw. wurden ausgebaut,
die Zahl der Sozialberatungsstellen, Sozialarbeiter/innen,
psychologischen Beratungsstellen usw. boomte.
Damit wurde aber der private Charakter der Haushaltsführung,
der Kindererziehung, der psychologischen Betreuung usw. nicht grundsätzlich
angetastet. Es handelte sich immer nur um "ergänzende Maßnahmen",
um die Frauen zu entlasten und dauerhaft in die Produktion einzubeziehen.
Die technische Revolution im Haushalt und die beschleunigte
Ausstattung mit immer neuen Haushaltsgeräten führte
zu einer erhöhten Arbeitsproduktivität, bewirkte aber
gleichzeitig eine Verteuerung der allgemeinen Lebenshaltungskosten
der Arbeiter/innenfamilie. Heute ist - anders als vor einem halben Jahrhundert
- die Erwerbstätigkeit der Frauen für die Produktion
und Reproduktion der Ware Arbeitskraft unerlässlich. Seit
den 1980er Jahren ist für die Arbeiter/innenklasse die Lohnarbeit
von 2 Personen notwendig, um einen 4-Personenhaushalt
(d.h. Paar mit 2 Kindern) führen zu können.
Der ökonomische Zwang zur Lohnarbeit traf zusammen mit dem Wunsch der
Frauen nach eigenem Einkommen, selbstständiger Existenzsicherung,
verändertem Selbstbewusstsein (auch im Zusammenhang mit Forderung
nach selbstbestimmter Sexualität, durch neue Verhütungsmethoden
und Einschränkung des Abtreibungsverbots). Das Bildungsniveau
von Frauen ist seit den 1970er Jahren gestiegen, aber die Löhne
und Gehälter blieben deutlich hinter dieser Entwicklung zurück.
Heute führen Sparprogramme mit Kürzungen bei den Sozial-
und Bildungsausgaben zu einer Rückverlagerung der zeitweise
vom bürgerlichen Staat übernommenen Funktionen wieder
an die Familien, die aber so nicht mehr existieren... Ausbildung,
Krankenpflege, Kinder-, Behinderten- und Altenbetreuung -
wer soll das in der "Familie" machen?? ( Selbst
bürgerliche Statistiken geben an, dass z.B. etwa 100.000 Kinderbetreuungseinrichtungen
fehlen.) Soweit die Partner/innen noch zusammen wohnen,
arbeiten sie zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen
Orten, werden ständig versetzt, müssen auf Abruf für
die Firma bereit sein - so nehmen die körperliche und
psychische Überlastung und die Suchterkrankungen
(Alkohol, Medikamente, ...) immer mehr zu. Stress wird zum Dauerzustand
nicht nur in der Arbeit sondern auch in den "Familienresten" (Alleinerzieher/innen,
die noch dazu ihre alten Eltern betreuen, dem Kind Nachhilfe geben
sollen usw.) Gleichzeitig redet das Kapital wieder von verstärkter "Eigenverantwortlichkeit
des Einzelnen" (d.h. der Familien und damit vor allem der Frauen
als Reproduktionszentrale), obwohl gerade Österreich
bei Kinderbetreuungsplätzen für Kinder bis 3 Jahren
und über 6 Jahren EU-weit ziemlich am untersten Level liegt (3%
bzw. 6% - in Belgien oder Dänemark 30% bzw. 48%) .
In der sinkenden Kinderzahl, der steigenden Rate von Ehe-Auflösungen
und der Tendenz zur Familienlosigkeit zeigt sich die zunehmende Unfähigkeit
des kapitalistischen Systems, seine Reproduktion
zu gewährleisten. Diese Krise der klein-bürgerlichen Familienordnung
ist Ausdruck der Rebellion der Produktivkräfte gegen die Produktionsverhältnisse,
die zu einer Fessel für den Fortschritt geworden sind.
Die vollständige Vergesellschaftung der Hausarbeit, insbesondere
der Kinderbetreuung und Kindererziehung, stellt einen gewaltigen, befreienden
Fortschritt dar. Dies ist aber nur möglich durch die Überwindung
der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung in einer
proletarischen Revolution.