Roter Stern auf Nepals Bergen, Teil 2
Dieser Text ist ein Auschnitt aus einem
längeren Artikel über die Entwicklungen im Volkskrieg in Nepal.
Proletarische Rundschau Nr. 16, September 2004
Die Volksregierungen in den befreiten Gebieten
entwickeln sich stetig und rasch. Alle Versuche
des alten Regimes, den Aufbau der revolutionären
Volksmacht aufzuhalten,
scheitern; nicht nur am militärischen Widerstand
sondern auch an den neuen sozialen,
politischen und ökonomischen Strukturen,
die das Volk sich schafft. Im revolutionären
Volkskrieg wird nicht nur das Alte zerstört, es
wird auch das Neue aufgebaut.
Bei den Wahlen der Volkskomitees gibt es
eine Art Klassenwahlrecht. Es wird darauf geachtet,
dass alle Teile der Bevölkerung (insbesondere
Frauen, ethnische Minderheiten und
Kastenlose (Dalits)) repräsentiert sind. Nur die
Grundbesitzer, die Kompradoren und bürokratischen
Kapitalisten dürfen weder wählen
noch gewählt werden. Die Volksmacht wird
von unten nach oben aufgebaut, die lokalen
Volksräte schließen sich zu regionalen zusammen
und bilden schließlich den Vereinigten
Revolutionären Volksrat (URPC), die Keimzelle
einer landesweiten Volksregierung.
Die wichtigste Aufgabe der Volksmacht ist
es, die grundlegenden Rechte des Volkes
durchzusetzen, das schließt die Organisierung
der Produktion und der Verteilung, die Schaffung
und Erhaltung von Gesundheits- und Bildungseinrichtungen,
Kommunikations- und
Transportmöglichkeiten ein. Auch Volksgerichte
werden gebildet die über Streitigkeiten
richten - wie etwa Konflikte um Land, über
Schulden, Fälle von Männern, die Frauen
schlagen, Scheidungen etc.. Grundstücke, die
durch Großgrundbesitzer enteignet wurden,
sind mittels der Volksgerichte durch die Bauern
und Bäuerinnen die sie bewirtschaften
wieder in Besitz genommen worden. Früher
haben die Dorfeliten den Analphabetismus
der Massen ausgenutzt und falsche, überhöhte
Schuldscheine ausgestellt - die Volksgerichte
haben entschieden solche Schuldscheine
zu beschlagnahmen und die Schulden
zu annullieren. Die Verhandlungen finden öffentlich
statt, manchmal nehmen bis zu 500
Menschen daran teil.
Im Bezirk Humla, einer den ärmsten Regionen
des Landes wo Hungerskatastrophen auf
der Tagesordnung stehen und es so gut wie
keine medizinische Versorgung gibt, werden
Modell-Landwirtschaften und Modell-Industrien
entwickelt, Schulen für Kinder und Erwachsene
gebaut und Alphabetisierungskampagnen
durchgeführt. In Rukum, einem
der ersten befreiten Bezirke, wurden allein in
der ersten Jahreshälfte 2001 eine 26 km
Strasse, 16 Trinkwasserversorgungseinrichtungen,
vier hölzerne Brücken, zehn Dorfstrassen,
neun Nutzwasserbrunnen, vier Bewässerungskanäle,
fünf Trinkwassertanks, 13
öffentliche Parkanlagen, 89 Sportplätze und
sechs Märtyrer/innenstatuen gebaut. Das
Motto dieser Kampagne lautete: "Glaube
nicht an die Macht des Geldes, sondern in die
Macht deiner Arbeit, deiner zwei Arme und
der Einigkeit des Volkes".
Der Kampf für die Befreiung der Frauen
Wie in anderen halbfeudalen Ländern ist
auch in Nepal die Unterdrückung der Frauen
tief im gesellschaftlichen Leben verankert.
Feudale Traditionen, wie arrangierte Ehen,
Mitgift, Polygamie und das Verbot als Witwe
wieder zu heiraten, sind besonders in den
Dörfern (wo 85% der Nepales/innen leben)
weit verbreitet. Das tägliche Leben wird von
religiösen und kulturellen Praktiken bestimmt,
die die Vorherrschaft der Männer fördern
und zementieren.
In Verbindung mit kapitalistischen Einflüssen
reichen Besitz und Kontrolle über die
Frauen und ihre Körper von der Ehe bis zum
Frauenhandel. Unter solchen Bedingungen ist
es einer einzelnen Frau praktisch unmöglich,
Freiheit und Unabhängigkeit zu erlangen.
Um die Emanzipation der Frauen zu ermöglichen,
müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse
grundlegend verändert werden, sowohl
auf ökonomischer und sozialer, als auch
auf politischer und kultureller Ebene. Erste
Schritte in diese Richtung werden heute in
den befreiten Gebieten Nepals gemacht.
Durch die Aufteilung des Großgrundbesitzes
an arme Landarbeiterinnen besitzen Frauen
erstmals eigenes Land. Sie beteiligen sich auf
allen Ebenen an den revolutionären Volksregierungen,
bilden Milizen und kämpfen
gleichberechtigt in der Volksarmee - sowohl
in gemischten als auch in Frauenverbänden.
Selbst in der Landwirtschaft wird die Arbeitsteilung
aufgebrochen, so ist zum Beispiel das
Schlachten des Viehs keine "Männersache"
mehr. Auf Grundlage all dessen werden frauenverachtende
Gesetze abgeschafft und Tra-
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Nepal
In den befreiten Gebieten
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ditionen durchbrochen. Die Nepalesinnen haben
in den befreiten Gebieten ihr Recht auf
Landbesitz, Ehescheidung und Schulbesuch
durchgesetzt. Die Geburt von Töchtern wird
nun ebenso feierlich begangen wie die von
Söhnen. Gewalt gegen Frauen hingegen wird
von den Volksgerichten verurteilt - die Bestrafung
wird von Frauen vollzogen.
Die Mobilisierung der Frauen im Volkskrieg
ist so offensichtlich wie erfreulich. Die All Nepalese
Women's Association (Revolutionary)
(ANWA(R)) ist eine der aktivsten Massenorganisationen
Nepals, ihr ist es zu verdanken dass
am 8.März dieses Jahres ein weltweit einzigartiger
landesweiter politischer Generalstreik
durchgeführt wurde.
Aufgrund der besonderen Unterdrückung
der Frauen in der Gesellschaft sind Mobilisierung,
Organisierung und Förderung von
Frauen, die Herausbildung von weiblichen
Kadern in der Führungsebene der Partei und
in den Volksregierungen eine wichtige und
eigenständig Aufgabe der Kommunist/innen.
Seit dem Zweiten Nationalen Kongress (2001)
gibt es eine eigene Frauenabteilung in der
KPN(M), um das Potential der Frauen weiterzuentwickeln
und zu ermöglichen, dass mehr
und mehr Frauen die Entscheidungsgremien
erreichen können, an allen drei Fronten: Partei,
Armee und Einheitsfront. (vgl. den Artikel
von Genossin Parvati, Mitglied des ZK der
KPN(M), in dieser Nummer)
Aus einem Bericht der National Women's
Commission's in Nepal aus dem Jahr 2003
geht hervor, dass in einigen Bezirken der Anteil
der Frauen in den revolutionären Milizen
rund ein Drittel ausmacht, während es in den
"am stärksten mobilisierten maoistischen Distrikten"
sogar 50% sind. Der Report stellt außerdem
fest, dass die Hälfte der unteren Kader
sowie 10% des Zentralkomitees der Partei
Frauen sind.[1]
Der Kampf
gegen die nationale Unterdrückung
In Nepal leben Angehörige verschiedener Nationalitäten,
es ist ein vielsprachiges Land. Nur
knapp 50% der Einwohner/innen Nepals sprechen
Nepali (= die Sprache der Khas) als ihre
Muttersprache, 75-80% verstehen oder beherrschen
sie. Das hat seine Ursachen in der
Geschichte des Landes: 3000 Jahre lang sind
aus Indien und der tibetischen Hochebene
Gruppen von Menschen, Angehörige verschiedener
Nationalitäten, in das Gebiet des heutigen
Nepals gewandert und haben sich dort
niedergelassen. Erst in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts wurde Nepal gegründet,
durch gewaltsame Annexion von etwa 60 verschiedenen
unabhängigen Staaten und Fürstentümern,
die sich entlang dem Himalaja angesiedelten
hatten. Noch unter der
Panchayat-Zeit von 1960 bis 1990, als der König
absolut herrschte, galt der Slogan: "Eine
Nation, eine Tracht, eine Sprache". Die nationalen
Minderheiten waren völlig rechtlos.
Andererseits hat das seit damals in Nepal
herrschende Hindu-Königsgeschlecht schon
1816 seinen ersten Dämpfer bekommen, als
ihm von Britisch-Indien der "Sugauli"-Vertrag
diktiert wurde, der Nepal in eine Halbkolonie
des britischen Empires verwandelte. Das nepalesisch-
indische Handelsabkommen 1923
und das "Friedens und Freundschafts"- Abkommen
1950 mit dem "freien" Indien sowie
unzählige weitere Handels- und Transitverträge,
garantieren dem indischen Expansionismus
bis heute ein faktisches Handels-, Industrie-
und Finanzmonopol über Nepal. In
den 50er und 60er Jahren wurde diese Abhängigkeit
durch neokoloniale Beziehungen
mit Japan, Deutschland, den USA und anderen
imperialistischen Mächten ergänzt, die
häufig von ihren indischen Standorten aus in
Nepal agieren.
Die bürgerlich-demokratische Revolution
von 1990 löste auch unter den nationalen
Minderheiten Aufbruchstimmung aus. Die
neue Verfassung anerkannte neben der religiösen
die ethnische und sprachliche Vielfalt
und verbot formal jede Diskriminierung aufgrund
ethnischer Zugehörigkeit. In der Praxis
werden Staat, Wirtschaft und Kultur jedoch
weiterhin von den höheren Hindukasten dominiert.
Die Durchsetzung der Staatssprache
im ganzen Land (auch auf Distriktebene, sowie
in Medien und öffentlichen Schulen)
blieb Leitlinie der Politik und an der Diskriminierung
änderte sich wenig: jene Distrikte,
die vorwiegend von ethnischen Minderheiten
bewohnt werden, sind die ärmsten Regionen
Nepals, vielen Angehörigen von
Minderheiten im Tarai wird sogar die Staatsbürgerschaft
verweigert.
Die KPN(M) kennt zwei nationale Fragen
in Nepal, eine externe und eine interne: Einerseits
gilt es, die halbkoloniale Herrschaft
der Imperialisten und Expansionisten über
alle Nationalitäten Nepals zu beenden, andererseits
muss die ökonomische, politische, kulturelle
und sprachliche Hegemonie der regierenden
Khas über die unterdrückten Völker
Nepals bekämpft werden.
Sie hat daher seit ihrer Gründung die Position
vertreten, dass den unterdrückten Minderheiten
und Nationalitäten regionale und
nationale Autonomie, also das Recht auf
Selbstbestimmung bis hin zur Lostrennung
zusteht und betont, dass ein wirklicher Zusammenschluss
des Völker nur freiwillig erfolgen
kann, als Grundlage dafür müssen Unterdrückung,
Repression und Diskriminierung
beseitigt werden. Ihr "Programm für die Befreiung
der Nationalitäten" (1994) sieht die
Gründung eines Neuen Demokratischen Staates
mit Beteiligung aller Nationalitäten, die
Schaffung eines "Rates der Nationalitäten",
in dem alle autonomen Regionen proportional
repräsentiert sind sowie einen "Zentralen
Volksrat" vor, um Gleichbehandlung und -berechtigung
zu gewährleisten.
Die Fortschritte im Volkskrieg haben es ermöglicht,
diese Worte in die Tat umzusetzen.
Im Rahmen der All Nepal Nationalities Association
(ANNA) kämpfen unterschiedliche nationale
Befreiungsbewegungen und -fronten
gegen das herrschende Regime und für ein
Leben ohne Diskriminierung. Ein im Jänner
dieses Jahres beschlossenes Dokument nennt
zwei autonome Regionen (Seti-Mahakali und
Bheri-Karnali) sowie sieben autonome Nationen
(Magarat, Tharuwan, Tamuwan, Tamang,
Newar, Madheshi und Kirat) auf dem Territorium
Nepals.[2]
"Der entscheidende Faktor
sind die Menschen"
Überall in Nepal versetzt das Volk in Bewegung
dem Regime empfindliche Schläge.
Doch ein noch so grausames Vorgehen gegen
das Volk und seine gewählten Führer scheinen
der Revolution bisher nichts anhaben zu
können. Es greift den Staat und seine Verfassung
an, verflucht die neokoloniale Ökonomie
der bürokratischen Kapitalisten und jagt
die Großgrundbesitzer zum Teufel, rüttelt an
den patriarchalen und chauvinistischen Traditionen
einer längst überholten Epoche. Arbeiter/
innen und Student/innen setzen die
Massendemonstrationen in Katmandu, die
Bandhs und Blockaden fort. Die Volksarmee
lässt die königlichen Terroristen nicht zur
Ruhe kommen. Der Aufbau des Neuen Demokratischen
Staates in den befreiten Gebieten
schreitet voran.
Es ist abzusehen, dass die Kämpfe in Nepal
sich in der nächsten Zeit weiter zuspitzen
werden. Wenn die Revolutionär/innen dem
Regime weiterhin so schwere Schläge versetzen
- und das hoffen wir - und die Herrschenden
nicht einlenken, wird es wahrscheinlich
zu einer konterrevolutionäre
militärischen Intervention Indiens kommen.
Auch der US-Botschafter in Nepal hat kürzlich
erklärt, dass "Chaos und Anarchie in Nepal
eine Bedrohung für die Region und für
die vitalen Interessen der USA wäre" weswegen
seine Regierung bereit sei "alles" zu unternehmen
um das zu verhindern.[3]
Die nepalesischen Revolutionär/innen begreifen
ihre Revolution als revolutionären
Funken für die Unterdrückten überall auf
der Welt. Es hat sich gezeigt und zeigt sich
täglich aufs Neue, dass schon dieser Funke
für das verrottete System von Imperialismus
und Reaktion eine Herausforderung darstellt.
Die nepalesische Revolution hat auf
verschiedenen Ebenen direkten Einfluss auf
die Weltpolitik: Einerseits gibt es in vielen
Ländern Solidaritätsbewegungen und -aktionen
der fort- schrittlichen Kräfte, andererseits
bemühen sich Imperialismus und Reaktion
ihre Widersprüche zurückzustellen
um die Revolution niederzuschlagen. "Alle
müssen ihre Rolle spielen, gemäß ihren jeweiligen
Klasseninteressen. Deswegen wäre
es blanke Ignoranz, die nepalesische Revolution
als im Weltmaßstab irrelevant darzustellen."
[4]
Sangrami ist 23 Jahre alt, war als Studentin
politisch aktiv und wurde im Jahr 2000
bei einem Überfall der RNA auf ihr Dorf von
Soldaten geschlagen und vergewaltigt.
Sie trat daraufhin der PLA bei und ist heute
Vizekommandantin einer Kompanie. Die
Antwort auf die Frage, ob der Volkskrieg gewinnbar
sei, überlassen wir dieser Genossin
der Nepalesischen Volksbefreiungsarmee,
die im Mai dieses Jahres von der Zeitschrift
Janadesh interviewt wurde: "Wir können siegen; es ist nicht notwendig,
das in Frage zu stellen. Gestern haben wir unseren
Krieg mit Steinen und Stöcken geführt. Jetzt
sind wir stark genug, die Königliche Amerikanische
Armee zu besiegen (wie die nepalesischen
Genoss/innen die RNA nennen weil sie für die Interessen
der USA und gegen die nepalesischen
kämpft), die mit Bunkern und amerikanischen
Waffen ausgestattet ist und deren Pläne und Training
vom amerikanischen Imperialismus bereitgestellt
werden. Der alte Staat ist eingeschlossen in
den Bezirkshauptquartieren, den Städten und der
Hauptstadt.
Wir haben uns in den letzten acht Jahren eine
neue Ideologie angeeignet, den Prachanda Pfad;
das ist unsere stärkste Waffe die die Revolution
vorwärts ins 21. Jahrhundert treiben kann. Unser
kommender Kampf ist der letzte und entscheidende.
Unsere Offensive wird, wenn der Feind am
Rande des Zusammenbruchs steht, bis zum
Schluss fortgesetzt werden und die Proletarier/innen
werden das Banner des Sieges hissen.
Als eine Kämpferin der Volksbefreiungsarmee
rufe ich die Volksmassen, alle Frauen eingeschlossen,
auf, an diesem letzten Krieg teilzunehmen." [5]