Tam Lin

Es war einmal eine junge Frau, die lebte in Schottland und war die Tochter des Earl of March. Sie hieß Janet und war ein mutiges und schönes Mädchen. Das Schloss ihres Vaters stand in der Nähe eines Feenwaldes, der unter dem Schutz eines Feenritters stehen sollte. Es hieß, keine Frau, die den Fuß hineinsetzte, kehrte jemals unversehrt zurück. Aber Janet hatte keine Angst und begab sich in den Wald, um wilde Rosen zu pflücken. Aber kaum hatte sie einen Zweig mit zwei Rosenknospen abgeschnitten, da stand plötzlich der Ritter vor ihr. "Du hast den Rosenstrauch meiner Herrin geplündert!" sprach er...

Erst am Abend machte sich Janet, nicht länger eine Jungfrau, auf den Heimweg. Bald zeigte sich, dass die Begegnung mit Tam Lin nicht ohne Folgen geblieben war: Janet war schwanger, zum großen Entsetzen ihrer Eltern. Schließlich enthüllte Janet ihnen, dass sie einen Feenliebhaber hatte, und sie ging in den Wald, um ihn wiederzusehen.

Er erzählte ihr, er sei ein Mensch wie sie. Tam Lin war John Waterhouse: Lamiasein Name, und er war der Enkel des Earl of Roxburgh. Vor langen Jahren geriet er in die Gefangenschaft der Feen und bewachte seitdem tagsüber den Wald im Dienste der Feenkönigin. Nachts musste er mit ihrem Gefolge ausreiten. Janet erfuhr auch, was sie tun musste, um Tam Lin von den Feen zu erretten und die Macht, die die Feenkönigin über ihn hatte, zu brechen.

Und so machte sie sich am Abend vor Allerheiligen durch den mondhellen Wald auf zu einer Wegkreuzung, wo die Feen vorbei reiten würden, und versteckte sich hinter einem Dornbusch.

Und wirklich, um Mitternacht vernahm sie eine Musik, ein Licht erstrahlte, und mit klirrenden Zügeln und dem Klingeln unzähliger Silberglöckchen nahte der Zug der Feen. An der Spitze ritt die Königin auf einem schwarzen Pferd, danach folgten ihre Untertanen. Erst ganz zuletzt erkannte Janet Tam Lin an dem Merkmal, was er ihr beschrieben hatte: Er trug nur einen Handschuh, und auf seiner Stirn lag ein goldener Reif. Als er vorüber ritt, kam Janet aus ihrem Versteck und zog ihn vom Pferd herunter. Sein Verschwinden wurde sogleich bemerkt, der Zug hielt an, und die Königin drehte sich um und starrte mit eisigem Blick auf Tam Lin.

Sogleich schien sich sein Körper in Janets Armen aufzulösen, und sie glaubte schon, sie hätte ihn verloren. Aber dann merkte sie, dass ein Salamander in ihren Händen zappelte und verzweifelt versuchte, zu entkommen. Beherzt hielt sie ihn mit beiden Händen fest. Die Feenkönigin verwandelte Tam Lin noch in eine hässliche Schlange und dann in einen gewaltigen Bären, und schließlich in einen wild kämpfenden Schwan, aber Janet hielt tapfer fest.

Plötzlich hielt sie dann einen schweren Eisenstab in den Händen, und dieser Stab war glühend heiß und brannte sich in ihr Fleisch. Janet wusste aber, dass dieses das Ende des Kampfes war. In Windeseile lief sie zu einer Quelle und warf das Eisen hinein. Es zischte und brodelte, und schließlich trat ein nackter Jüngling heraus: Tam Lin, in seiner wahren Gestalt. Janet musste nun nur noch ihren grünen Mantel über ihn werfen. So verlor die Feenkönigin die Macht über ihn, und er gehörte wieder der Welt der Menschen an!

Die Feenkönigin grollte, aber sie hatte keine Macht mehr über den jungen Ritter, der seine Augen nicht von Janet abwenden konnte und ihre misshandelten Hände küsste. "Tam Lin!" schrie die Feenkönigin, "wenn ich gewusst hätte, dass die schöne Janet in den Wald kommt, hätte ich dir die Augen heraus gerissen und sie durch hölzerne ersetzt. Und wenn ich gewusst hätte, dass sie mit ihrer Liebe dich mir abspenstig machen würde, hätte ich dir dein Herz genommen und durch einen Stein ersetzt!" Aber sie konnte nichts mehr ausrichten. Und als die Feen schließlich verschwanden, nahmen die beiden Liebenden das der Überlieferung nach kaum wahr ...

Original Art: John Waterhouse

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