Thomas the Rhymer

Thomas, den man den Reimer nannte, lebte vor langer Zeit in Schottland. Er war ein Träumer und Dichter, und er konnte wunderbare Lieder auf seiner Laute spielen. Als er sich einmal in einem Wald in der Nähe von Erciloune aufhielt und auf seiner Laute spielte, kam auf einmal eine wunderschöne Frau heran geritten. Sie hatte langes rotes Haar und war ganz in grün gewandet. Thomas erkannte sofort, dass es sich bei ihr um eine Feenkönigin handelte. Unmittelbar vor ihm hielt sie ihr Pferd an, ließ sich beim Absteigen helfen und zu einem bemosten Stein im Schatten führen. Dann bat sie Thomas, ihr auf seiner Laute ein paar Lieder vorzuspielen. Gerne erfüllte Thomas ihren Wunsch, und am Ende fragte sie ihn, was er als Belohnung dafür haben wollte. Thomas war ganz bezaubert von ihrem Liebreiz und wünschte sich nichts mehr als einen Kuss von ihr. Sie warnte ihn, dass er dann gezwungen sein würde, ihr sieben volle Jahre zu dienen, aber Thomas ließ sich nicht von seinem Wunsch abbringen. Sie lächelte und ließ sich von Thomas küssen, und dann musste er hinter ihr auf das Pferd steigen und mitkommen in ihr Feenreich.

Kate Bunce: The MinistrelAuf der Reise sah Thomas neugierig um sich, denn sie führte durch Gegenden, die noch nie ein Mensch gesehen hatte. Schließlich kamen sie an eine Kreuzung, wo sich der Weg, auf dem sie gekommen waren, in drei Wege aufspaltete. Die Feenkönigin erklärte dem Thomas, dass der breite, gepflegte Weg ins Verderben führte, während der enge, steile Weg voll von Dornbüschen der Weg zur Rechtschaffenheit war.

Sie fügte hinzu: "Aber für uns, die wir die Schönheit lieben und Lieder darüber singen, gibt es den dritten Weg!" und sie führte ihn über den gewundenen, von Moos und Farn bewachsenen Pfad, der der direkte Weg ins Feenland war. Dort blieb Thomas sieben Jahre, und dann schickte die Fee ihn zurück nach Ercildoune, damit er den Rest seiner Tage unter seinesgleichen verbringen konnte. Zum Abschied schenkte sie ihm einen Apfel, der ihm die Gabe der Wahrsagung gewährte. Dann versprach sie ihm, sie werde ihm irgendwann zwei Boten schicken, die ihn ins Feenland zurück holen sollten. Thomas, der immer noch von Liebe zu ihr ergriffen war, war gerne damit einverstanden.

In Ercildoune hatte man ihn schon lange für tot erklärt, und alle waren sehr erstaunt, als er plötzlich wieder auftauchte. Schon bald sprach sich herum, dass er in die Zukunft sehen konnte, und viele Menschen kamen, um sich beraten zu lassen und seinen Liedern zu lauschen, die nach den Jahren im Feenland an Schönheit und Tiefe gewonnen hatten. Thomas wurde nach und nach sehr reich, doch die Menschen, die ihn gut kannten, sagten, in seinen Augen sei stets eine Traurigkeit zu erkennen, die ihn niemals ganz verließ. 78 Jahre lebte er so, aber dann geschah folgendes:

Als einmal alle Bürger des Dorfes zu einem Fest bei Thomas dem Reimer geladen waren, sahen sie plötzlich ein Paar weißer Hirsche, die den Weg zum Hause herauf kamen. Thomas, der schon sehr alt geworden war, erkannte sofort, dass die beiden Boten aus dem Feenreich waren. Mühsam erhob er sich und ging ihnen entgegen. Die beiden Hirsche drehten sich um, als Thomas bei ihnen angekommen war, und gingen langsam zurück zum Wald, und Thomas, der sich nicht ein einziges Mal umsah, ging mit ihnen. Im Dorf hat man ihn danach niemals wieder gesehen.

Die Dorfbewohner glaubten, er sei ins Reich der Feen zurückgerufen worden. Angeblich soll er sich immer noch dort aufhalten, die Feen mit seinen Liedern unterhalten und die Königin beraten.

Original Art: Kate Bunce

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