Morgane und Ogier

Es war vor langer Zeit, damals, als es noch Gegenden gab, die niemals eines Menschen Fuß betreten hatte, als zwischen den Ansiedlungen der Menschen noch undurchdringliche Wälder wuchsen, in denen geheimnisvolle Wesen lebten. Damals wurde dem König von Dänemark ein Sohn geboren. Zur Taufe des Knaben erschienen auch sechs Feen. Eine davon hieß Morgane, sie war sehr schön und sehr klug, und man sagte ihr nach, dass sie es liebte, sterbliche Männer zu verführen.

Jede der Feen machte dem Jungen ein Geschenk. Die erste Fee schenkte dem Kind eine schöne Gestalt. Die zweite legte ihm in die Wiege, dass es später ein angenehmes Wesen haben und von allen geliebt werden sollte. Die dritte sagte: "Stark sollst du werden, so stark wie ein Ochse, und niemals sollst du eine Schlacht verlieren!" Die vierte Fee schenkte ihm Tapferkeit.Original Art: Sir Edward Burne-Jones: Morgan le Fey Die fünfte schenkte ihm noch ein liebenswertes Wesen. Und Morgane schließlich war von dem Knaben derartig entzückt, dass sie ihm sich selber schenkte. " Du sollst ein langes Leben haben! Aber zu gegebener Zeit", so sprach sie, "wirst du zu mir auf meine Insel kommen und dort für immer als mein Geliebter leben!" Und nachdem sie alle einen Becher Met geleert hatten, verließen die Feen das Fest. Noch lange redeten die Menschen über die Geschenke der Feen.

Die Zeit verging. Der Knabe wurde langsam erwachsen. Gut sah er aus, war von angenehmem Wesen, und es gab weit und breit niemanden, der ihm nicht wohlgesonnen war. Breit waren seine Schultern, und keiner war ihm im Kampf gewachsen. Als er zum Manne herangewachsen war, ging er nach Frankreich und wurde dort zu einem berühmten Ritter. Wegen seiner Herkunft nannte man ihn Ogier, den Dänen. In seinem langen Leben tat er sich immer wieder hervor durch seine Tapferkeit und seinen Wagemut. Während dieser ganzen Zeit ließ Morgane nichts von sich hören, und er hatte sie eigentlich schon fast vergessen.

Ogier wurde schließlich ein alter Mann. Als er nun einmal zu Schiff unterwegs war, rief Morgane einen Sturm herbei. Er trieb das Schiff in die Nähe der Insel, auf der die Fee lebte. Hoch gingen die Wellen, und eine spülte ihn schließlich über Bord. Ogier wurde rasch abgetrieben, seine Männer konnten ihn nicht wieder an Bord ziehen. Bald darauf ließ der Sturm nach. Lange noch suchten die Männer nach ihm, aber sie fanden nichts. Schließlich glaubten sie, er sei ertrunken und kehrten traurig nach Hause zurück.

Aber Ogier hatte überlebt. Die Wellen trugen ihn zur Insel der Morgane und warfen ihn dort ans Ufer. Er traute zuerst seinen Sinnen nicht, denn auf den Seekarten war an dieser Stelle keine Insel verzeichnet. Und doch stand er nun an einem Strand, der von feinem weißen Sand bedeckt war. Die Wellen, die eben noch so hoch gegangen waren, plätscherten jetzt ganz sanft an den Strand.

Als Ogier sich langsam wieder erholt hatte, erkundete er die Insel, und gelangte schließlich in einen wunderbaren Obstgarten, an dessen Bäumen gleichzeitig Blüten und Früchte zu sehen waren. Dort an erwartete ihn Morgane, so schön wie die Morgenröte, in einem Gewand aus bestickter Seide. Ogier verliebte sich auf der Stelle in sie und sank vor ihr auf die Knie. Sie hob ihn auf und steckte ihm einen silbernen Ring an den Finger, woraufhin all die Jahre von ihm abfielen. Sein gebeugter Rücken straffte sich, die alten Augen wurden wieder klar, die Haare wellten sich kraftvoll und golden wie in seiner Jugend. Morgane küsste ihn, und er vergaß auf der Stelle alle Erinnerungen an sein sterbliches Leben. Zusammen sollen die beiden immer noch auf dieser geheimnisvollen Insel leben.

Original Art: Sir Edward Burne-Jones

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