In alten Zeiten lebte am Hofe des Königs in Caerlon einmal ein junger Ritter namens Launfal. Die Königin fand Gefallen an ihm und begann, ihm nachzustellen, denn sie war keine treue Gattin für den König. Launfal aber widerstand ihren Bemühungen. Denn sein Herz war nicht mehr frei. Und das kam so: Eines Tages, als er allein und trüben Sinnes an einem Mittsommertag in den Wald ritt, wurde er plötzlich müde. Auf einer sonnigen Lichtung stieg er vom Pferd, setzte sich ins Gras und lehnte sich an einen knorrigen Baum, um auszuruhen. Bald fielen ihm die Augen zu. Aber plötzlich wurde er von süßen Stimmen geweckt. Er öffnete die Augen und sah zwei wunderschöne Jungfrauen mit goldenen Haaren, die ihm winkten, ihnen zu folgen. Sie führten ihn durch die Bäume zu einer anderen Lichtung voller wilder blühender Blumen. Inmitten der Blüten stand ein prächtiges Zelt aus bestickter Seide, verziert mit vergoldeten Rosen, und auf der Spitze glänzte ein goldener Adler in der Sonne. In dem Zelt saß eine junge Frau, die so strahlend schön war, das Launfal vor ihr auf die Knie sinken musste. Die Jungfrau lächelte und reichte ihm die Hand zum Kuss, und beide entbrannten in Liebe für einander und verbrachten den ganzen Nachmittag mit zärtlichen Spielen. Launfal bat seine Geliebte, für immer bei ihm zu bleiben, aber sie antwortete: "Oh, mein Liebster, das ist nicht möglich! Denn siehe, ich bin eine Fee und du ein sterblicher Mann!" Launfal wurde von tiefer Traurigkeit befallen, aber die Fee tröstete ihn und versprach, sie könne zu ihm kommen, wann immer er das wünsche. Allerdings müsse er bereit sein, einige Bedingungen zu erfüllen.
Erst in der Nacht kehrte Launfal zurück nach Caerlon, und er hatte sich sehr verändert. Der Trübsinn war von ihm abgefallen, und in Gesprächen sprühte er vor Witz und guter Laune. Nur die Nächte verbrachte er stets allein auf seinen Gemächern. Wer liebt, wird auch für andere schön, und so erweckte Launfal schließlich das Begehren der ungetreuen Königin. Immer wieder gab sie ihm zu verstehen, dass sie ihn als Liebhaber wollte, und endlich trieb sie ihn im Burggarten so weit in die Enge, dass er sagte: "Königin, ich werde geliebt von einer Frau, deren niedrigste Dienerin Eure Schönheit bei weitem übertrifft!" Sofot biss er sich auf die Lippen, aber er konnte seine Worte nicht mehr zurück holen. Die Augen der Königin wurden schmal. Unter Drohungen schritt sie hoch erhobenden Hauptes aus dem Garten. Aber viel schlimmer kam es Launfal an, dass er seine Geliebte verraten und somit das Band zwischen ihnen für immer zerschnitten hatte. Gebrochen schlich er in sein Gemach und gab sich seiner Trauer hin. Bald darauf hämmerten Fäuste gegen seine Tür, die Wachen des Königs stürzten herein, und Launfal wurde gefesselt und vor den König geführt. Die beleidigte Königin hatte ihm erzählt, Launfal habe sie mit Liebesschwüren verfolgt und versucht, sie zu vergewaltigen. Sie habe sich ihm entziehen können, aber daraufhin habe er sie beleidigt, indem er vorgab, er habe eine Geliebte, die viel schöner sei als sie. Das bedeutete natürlich die Todesstrafe für den jungen Mann. Die anwesenden Ritter waren aber skeptisch, denn sie wussten um die ständige Untreue der Königin. Sie sprachen für Launfal, und schließlich wurde das Todesurteil zu Bewährung ausgesetzt: Launfal sollte seine Geliebte vor den König bringen, so dass sich alle von ihrer Schönheit überzeugen könnten. Dieses war dem armen Launfal natürlich nicht möglich, denn die Bande zwischen ihm und seiner Feengeliebten waren ja zerissen und er konnte sie nicht mehr zu sich rufen. So fand er sich schließlich ein Jahr später traurig auf dem Burghof ein, wo der Scheiterhaufen schon errichtet war. Er wehrte sich nicht, als man ihn hinauf führte, aber ehe der Henker die Scheite entzünden konnte, erhob sich plötzlich ein angenehmer Wind, der nach Blumen duftete. Das Burgtor sprang auf, und herein trat Tryamour. Wie ein Heiligenschein lag ihr Haar um ihr Haupt, rosig schimmerten ihre Wangen, und ihr Körper war schlank und geschmeidig wie ein Sonnenstrahl. Sie lächelte Launfal an und wandte sich dann dem König und seinem Gefolge zu. Wie gebannt schaute der gesamte Hofstaat auf die junge Frau. Schließlich ergriff der König das Wort: "Seid ihr die geheimnisvolle Geliebte des Launfal?" Die Schöne nickte nur, und der König musste zugeben, dass in diesem Falle niemand von dem jungen Ritter sagen könne, er habe die Unwahrheit gesagt. "Er soll frei sein!" Die Wachen nahmen Launfal die Fesseln ab, und wie im Traum schritt dieser herab vom Scheiterhaufen und über den Hof zu Tryamour. Sie ergriff seine Hand, und zusammen gingen sie hinaus durch das Tor. Niemand, so sagt man, habe den jungen Ritter danach jemals wieder in der Menschenwelt gesehen. Aber ab und zu könne man in dem Wald, der die Burg Caerlon umgibt, auch heute noch das glückliche Lachen einer Frau und eines Mannes hören. Original Art: Mary Raphael |