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Pharma-Forscher stechen in See
AUF DER SUCHE NACH WIRKSTOFFEN BLIEBEN DIE MEERESBIOTOPE LANGE VERNACHLÄSSIGT. DOCH MIT MODERNER TECHNIK LASSEN SICH HIER WAHRE SCHÄTZE HEBEN
Von Thomas Worm
„Der Aktienkurs des Madrider Unternehmens PharmaMar machte im vergangenen Jahr einen erstaunlichen Satz. ... Dabei hatte PharmaMar bisher nur das Versprechen auf einen geschäftlichen Erfolg vorzuweisen, das Versprechen auf ein Medikament, das aus dem Meer stammt. Es enthält einen Wirkstoff namens Ecteinascidin 743, kurz ET 743...“ Dieses Stoffwechselprodukt mariner Manteltierchen geht in die Endphase seiner klinischen Erprobung. E 743 ist ein Antitumormittel, das den schwer behandelbaren Sarkomen von Patienten mit Bindegewebsgeschwüren zu Leibe rückt. Ein wahrer Wunderstoff: Er soll 200-mal stärker wirken als der bisherige Verkaufsrenner Taxol. Das Potenzial der ozeanischen Flora und Fauna für Medikamente scheint unermesslich. Biologen vermuten, dass mindestens 10 000 Algenarten, mehr als 200 000 Tierarten sowie eine unbekannte Zahl von Bakterien und Pilzen darin verborgen sind. Doch bislang vernachlässigten Mediziner die artenreichen Biotope der Ozeane. Eine Ursache für die zurückhaltende Entwicklung mariner Arzneien, ist das Mengenproblem. „Für klinische Versuche benötigt man Gramm-Mengen, die normalerweise aus etlichen Tonnen Biomasse hergestellt werden müssen.“, sagt Peter Proksch vom Institut für pharmazeutische Biologie der Universität Düsseldorf. Angesichts des gewaltigen Bedarfs besteht die Gefahr, ganze Arten bei der Gewinnung des experimentellen Rohstoffs auszurotten. Eine maritime Plantagenwirtschaft um ausreichend Biomasse zu gewinnen, ist jedoch nicht in Sicht. Die Ozeane sind geradezu prädestiniert dafür, die Nachfrage nach neuen Rezepten zu decken. Sowohl im Polarmeer als auch auf tropischen Riffen existieren zahllose „Musterbögen“ - unter Umständen die Vorlagen für neue Medikamente. So enthält der tropische Schwamm Cymbastela hooperi Verbindungen, die Malaria-Erreger hemmen. In vielleicht zehn Jahren dürfte sich das „molekurlare Modelling“ durchgesetzt haben. Die Deutsche Forschungsgesellschaft misst dabei Tieren, Pflanzen und Einzellern der Ozeane eine „Funktion als Leitstrukturen“ für neue Medikamente zu.
Quelle: Zeitschrift Mare, Textzusammenfassung: wbo Thomas Worm, Jahrgang 1957, lebt als freier Autor in Berlin. Für mare schrieb er zuletzt im Heft 16 über die legendäre Hafenstadt Havanna |
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