Rotes Meer


Es gibt einige Stellen auf der Erde, wo das Festland und das Meer anscheinend ein getrenntes Leben führen. Dies ist auch beim Roten Meer der Fall, das sich über 2000 km erstreckt. Moses Befehl scheint hier noch in der Luft zu hängen, und so herrscht eine scharfe Trennung zwischen den Farben der Wüste und denen des Meeres. Auf Ockergelb folgt Hellblau, während das Auge noch wie geblendet ist von der gleißenden Sonne. Wer auf den Bodenblickt, sieht an vielen Stellen, daß hier alter Meeresboden ist. Man kann hier auf dem Festland Reste von Weichtieren, Stachelhäutern und Korallen sehen. Die Arten sind ähnlich jenen, die in wenigen Metern Entfernung imWasser leben.

Das Rote Meer verdankt seinen Namen der periodischen Blüte der Blaualge Oscillatoria erythraeum. Es nimmt einen Teil jenes Grabensystems ein, das im Norden des Jordantals beginnt, durch das Tote Meer geht und schließlich durch das Große Rifttal in Ostafrika führt. Hier entfernt sich die Afrikanische Platte von der Arabischen. In einigen zehn Millionen Jahren wird hier ein großer Ozean entstanden sein, wenn die Phänomene, die im Oligozän, vor rund 40 Millionen Jahren, zur Entstehung dieses Grabens führten, weiterhin mit derselben Intensität anhalten. In den größten Tiefen des Roten Meeres (Suakingraben 2850 m) herrschen besondere Bedingungen: stellenweise ein Salzgehalt von 250 Gramm pro Liter Wasser und eine Temperatur von knapp 60 OC. Im oberflächlichen Küstengebiet sind die Bedingungen ideal für das Wachstum der Steinkorallen, die stellenweise bis in 100 m Tiefe vorkommen: warmes, klares Wasser; konstanter Salzgehalt dank dem weitgehenden Fehlen von Regenfällen und somit Flüssen. Hier sind Saumriffe verbreitet, die parallel zur Küste verlaufen. Sie reichen bis zum Wasserspiegel und bilden zur freien Hochsee hin oft über 100 m tiefe Abstürze. Wo der Untergrund felsig ist, bilden Korallen vielfältige Landschaften. Die Korallengärten erkennt man schon von außen an ihrem klaren und besonders gefärbtem Wasser. Unter Wasser herrscht ein Kaleidoskop von Farben, und Tausende von Lebewesen sind in dauernder Bewegung.

An diesen wundervollen Anblick kann man sich kaum gewöhnen, und eine Beschreibung ist ebenso schwierig. Feuerkorallen mit weißen Punkten und Seeanemonen mit entsprechenden Clownfischen bilden den Hintergrund für Sergeantfische, Lippfische, Doktorfische und Falterfische. Große Tischkorallen sorgen für schattige Zonen, unter denen sich ganz andere Fischtypen aufhalten. Hier haben auch die Putzerfische ihre Station. Auf sandigem Meeresboden beobachten wir Stechrochen mit hellblauen Flecken oder vorzüglich getarnte Krokodilfische mit verästelten  Augenlidern. Wo das Riff in einer senkrechten Wand in die Tiefe stürzt, wachsen große fächerförmige  Gorgonien. Während des Abtauchens kann man die durchscheinenden Baumformen der Weichkorallen sowie inkrustierenden Wirbellose beobachten. Über ihnen schwimmen Schwärme von Juwelenbarschen. In den Höhlen halten sich Zackenbarsche auf, und aus Spalten lugen Muränen hervor. In den Höhlen beobachten wir Hunderte von Glas- oder Ahrenfischen, während sich in unserem Rücken ein Napoleonfisch nähert. Mit seinen beweglichen Augen überblickt er die gesamte Umgebung. Im freien Wasser schwimmen elegante Barrakudas und Haie vorbei, von denen - im Gegensatz zu den Tauchern - keinerlei Spur zurückbleibt.