Abschied

Sydney ging mit eiligen Schritten durch die Krankenabteilung des Centres und versuchte dabei, so wenig wie möglich von seiner Umgebung zu sehen. Er war auch so schon deprimiert genug. Als er das Zimmer erreichte, in dem Miss Parker untergebracht war, sah er, wie ihr Vater gerade auf den Flur hinaustrat. Ein gequälter Ausdruck lag auf seinem Gesicht, aber sobald er Sydney sah, glättete sich sein Gesicht, zeigte nur noch eine ruhige Maske.

"Mr. Parker. Ich hätte nicht gedacht, Sie hier zu treffen", sagte Sydney kühl.

"Sie ist meine Tochter, verdammt!" entgegnete Parker heftig. Sydney hatte den Eindruck, daß er noch mehr sagen wollte, aber dann drehte sich Mr. Parker einfach um und ließ ihn stehen. Einen kurzen Moment lang sah Sydney ihm nach, dann entsann er sich wieder an den Grund, warum er eigentlich hergekommen war.

Nachdem er leise an die Tür geklopft hatte, betrat er vorsichtig Miss Parkers Krankenzimmer. Neben Jarod war sie sein zweites Sorgenkind, und im Moment fiel es ihm schwer zu sagen, wer von beiden ihm mehr Sorgen bereitete. Miss Parker war wach und sah ihm entgegen. Sydney sog überrascht die Luft ein, als er sie sah.

Bis gestern hatte sie gute Fortschritte gemacht. Ihre Schußwunde war schon fast verheilt, und sie schien bereits wieder zu Kräften gekommen zu sein. Doch jetzt sah sie fast noch schlimmer aus als zu Beginn ihrer Behandlung. Sie war blaß, und ihre Atmung war flach und viel zu schnell. Miss Parker wirkte auf einmal viel zu zerbrechlich. Ihr Anblick erinnerte Sydney an ihre Mutter. Catherine hatte fast genauso aufgelöst gewirkt, als er zum letzten Mal mit ihr gesprochen hatte - an ihrem Todestag. Sydney schloß kurz die Augen. Beinahe hätten sie auch noch Miss Parker verloren. Der Gedanke war unerträglich für ihn; er wußte nicht, was er tun würde, wenn...

Alarmiert ging Sydney zu ihr. Irgend etwas hatte sie furchtbar aufgeregt. Nachdem er ihren Vater gerade auf dem Flur getroffen hatte, viel es Sydney nicht schwer zu erraten, was - oder besser wer - für die Verschlechterung ihres Zustandes verantwortlich war.

"Miss Parker, beruhigen Sie sich", wies er sie besorgt an. Er griff nach ihrer Hand, nahm sie in seine und drückte sie leicht. Ihre Haut fühlte sich zu heiß an. Als er seine andere Hand kurz auf ihre Stirn legte, bestätigte sich sein Verdacht. Sie hatte wieder Fieber.

"Versuchen Sie, sich zu entspannen. Bitte, Miss Parker."

Schmerz flackerte in ihren Augen, als sie ihn ansah, aber sie lehnte sich zurück und bemühte sich, die Kontrolle wiederzuerlangen. Es dauerte eine Weile, aber schließlich gelang es ihr. Sie atmete wieder ruhiger, schien nicht mehr ganz so aufgeregt.

"So ist es gut", murmelte Sydney erleichtert. "Vielleicht sollte ich die Ärzte verständigen..."

"Nein!" Miss Parker unterstrich ihre Ablehnung, indem sie kurz seine Hand drückte. "Ich habe mehr als genug von Raines Spießgesellen."

Als sie Raines erwähnte, verzog sie angewidert das Gesicht.

"In Ordnung", lenkte Sydney ein, um sie nicht wieder aufzuregen. Aber wenn er ging, würde er trotzdem dafür sorgen, daß jemand nach ihr sah. Die Frage, wie es ihr ging, erschien ihm absolut überflüssig. Deswegen beschloß er, dem Anlaß ihrer Aufregung auf den Grund zu gehen.

"Was ist passiert?" erkundigte er sich sanft. Sie schloß kurz die Augen.

"Es ist Dad", wisperte sie, dann kehrte ihre Wut zurück. "Er hat Raines in Schutz genommen! Nach allem, was passiert ist, vertraut er diesem Bastard immer noch." Miss Parker warf einen trotzigen Blick in Richtung der Überwachungskamera. Es war ihr offensichtlich völlig egal, ob Raines ihre Worte hören konnte. Tiefempfundene Wut ließ ihre Augen funkeln. Ihr Blick bohrte sich in seinen. "Er hat mit Raines gesprochen. Angeblich", sie spuckte das Wort geradezu aus, "wollte er, daß Willie Jarod erschießt. Ich habe ihm gesagt, daß der Anschlag ihm galt, aber er hat mir überhaupt nicht zugehört!"

Sydney sah, wie sich ihre Aufregung immer weiter steigerte. Innerlich verfluchte er sich für seine gedankenlose Frage, während er versuchte, sie wieder zu beruhigen.

"Miss Parker, ich bin sicher, daß Ihr Vater vernünftige Gründe für sein Handeln hat. Nicht einmal er kann es sich leisten, Mr. Raines zum Feind zu haben." Hatte er wirklich gerade Mr. Parker verteidigt?

Sie lachte bitter auf. "Raines hat versucht, ihn umzubringen. Macht ihn das nicht schon zu einem Feind? Ich denke schon."

Erschöpft lehnte sie sich gegen ihr Kissen. "Ich will hier raus, Sydney. Ich halte es nicht mehr aus."

"Sie bekommen hier die bestmögliche medizinische Versorgung", begann er, aber sie unterbrach ihn.

"Das ist mir egal!" fuhr sie heftig auf, beruhigte sich aber gleich darauf etwas. "Sie verstehen das nicht. Es ist wie ein Käfig. Ich fühle mich hier so... gefangen." Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.

Sydney erwiderte ihren Blick. Oh, er verstand sie nur zu gut.

"Dann wissen Sie ja jetzt, wie Jarod sich fühlt. Mit dem Unterschied, daß er den Rest seines Lebens im Centre verbringen wird." Sobald er sie ausgesprochen hatte, bereute er seine Worte auch schon. "Entschuldigung", sagte er leise. "Das hier ist weder die Zeit, noch der Ort für Anschuldigungen."

Überrascht spürte er, wie ihre Finger beruhigend über seine Hand strichen.

"Schon gut", erwiderte sie müde. "Sie haben ja recht."

"Miss Parker, es ist nicht Ihre Schuld. Ich weiß, daß Sie das alles so nicht gewollt haben."

Sie sah ihn lange an. "Ich wünschte, ich wäre da so sicher wie Sie. Mit Jarods Rückkehr sollte ich eigentlich frei sein", fuhr sie nachdenklich fort. "Aber irgend etwas sagt mir, daß er nicht mehr lange hier sein wird. Er würde lieber sterben als noch einmal im Centre eingesperrt zu sein."

Sydney schluckte. Raines hatte bisher verhindert, daß er Jarod auch nur zu Gesicht bekam, aber er hatte keinen Zweifel, daß es ihm nicht besonders gut ging.

"Kopf hoch, Syd", murmelte Miss Parker, und er sah, daß sie kurz davor war, erschöpft einzuschlafen.

"Ich glaube, ich lasse Sie jetzt lieber ein bißchen schlafen", sagte er, während er sie besorgt musterte. Sie nickte leicht, hielt ihn aber fest, bevor er sich zum Gehen wenden konnte.

"Bitte sprechen Sie mit Dad. Ich möchte nach Hause - aber auf mich hört er nicht."

Sydney lächelte. "Ich verspreche es Ihnen. Schlafen Sie jetzt. Heute abend komme ich noch mal vorbei."

"In Ordnung. Und bringen Sie Broots mit - bestimmt fehle ich ihm schon." Miss Parker grinste schwach, und auch Sydney konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

"Ist gut. Schlafen Sie gut, Miss Parker."

Sie ließ seine Hand los, und er ging zur Tür. Als er sich noch einmal zu ihr umdrehte, war sie bereits eingeschlafen. Leise verließ er das Zimmer.

***

"Hoffentlich weiß dein Vater auch zu schätzen, was du für ihn getan hast."

Die körperlose Stimme schien irgendwo über ihr in der Dunkelheit zu schweben. Sie kannte diese Stimme - in den letzten Jahren war sie ein fester Bestandteil ihres Lebens gewesen. Miss Parker zwang sich, die Augen zu öffnen. Erst nach ein paar Sekunden sah sie den dunklen Schemen direkt neben ihrem Bett. Noch etwas später hatten sich ihre Augen soweit an das spärliche Licht gewöhnt, daß sie Jarods Gesicht erkennen konnte.

"Kommst du, um dich zu verabschieden?" fragte sie schläfrig. Die verdammten Medikamente hüllten sie in einen warmen Kokon aus Zufriedenheit, der sie daran hinderte, alles klar wahrzunehmen.

"Mhm", murmelte Jarod, beugte sich ein wenig zu ihr herunter. "Wie fühlst du dich?"

"Frag mich noch mal, wenn ich wieder klar denken kann."

Er lachte leise, aber nur kurz, dann wurde er wieder ernst.

"Wirst du mich weiter jagen?"

"Jetzt ist erst mal Raines dran", erklärte sie mit einem grimmigen Lächeln. "Danach sehen wir weiter."

"Ist ein Anfang", meinte er nachdenklich. "Du solltest besser auf dich aufpassen", fuhr er dann ernst fort. "Sydney und ich können vielleicht nicht immer für dich da sein." Seine Stimme war weich geworden. Er legte ihr eine Hand auf die Stirn.

"Schlaf jetzt", wisperte er. "Wir werden uns schon bald wiedersehen - und mit etwas Glück stehen wir dann auf derselben Seite."

Sie war zu müde, um noch weiter gegen die Medikamente und seine sanfte Stimme anzukämpfen. Ihre Augen fielen fast von selbst zu, und sie spürte noch, wie er sie leicht auf die Stirn küßte, bevor sie wieder einschlief.

...

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