Nur eine Absprache?
Das Feuer im Kamin knisterte leise vor sich hin.
Miss Parker legte einen Scheit nach, kehrte danach zur Couch zurück. Nach einem
Blick auf die Uhr seufzte sie leise, dann schloß sie die Augen.
"Hey." Jarods Stimme durchdrang mühelos ihre Grübeleien. Sie öffnete
die Augen wieder, um ihn anzusehen.
"Hey", erwiderte sie leise, und an seinem Gesichtsausdruck erkannte
sie, daß auch er sich an die Treffen in ihrer Kindheit erinnert fühlte. Er kam
zu ihr und setzte sich neben sie auf die Couch. Sie lehnte sich an ihn, ließ
sich von ihm in die Arme schließen. Erst nach einer ganzen Weile brach er das
Schweigen.
"Können wir reden?"
"Mhm", murmelte Miss Parker, ohne sich von der Stelle zu rühren.
"Gut. Dann laß uns über uns sprechen."
Miss Parker stöhnte leise und zog sich von ihm zurück. Schon seit einer ganzen
Weile wartete sie darauf, daß Jarod dieses Thema zur Sprache brachte. Bisher
hatte er ihre Abmachung respektiert - sie spendeten einander Trost, ohne
irgendwelche Versuche, das Ganze zu zerreden.
Aber je mehr Zeit verging, desto größer schien sein Bedürfnis zu sein, über
alles zu sprechen.
Miss Parker war sich nicht sicher, ob sie dazu bereit. Schon fast ein halbes
Jahr war es her, seit Tommy gestorben war. Jarod hatte sie es zu verdanken, daß
sie mit dem Verlust fertig geworden war - auch wenn Tommy ihr noch immer fehlte
- und sich entgegen ihrer Absicht nicht wieder in sich selbst zurückgezogen
hatte. Damit war sie auch schon beim Kern ihres Problems angelangt. Die wenigen
Menschen, die ihr noch etwas bedeuteten, hatte sie nicht weiter an sich
herangelassen - einfach, weil sie es nicht konnte. Ihr fehlten der Mut und
besonders das Vertrauen dazu. Jarod bildete die einzige Ausnahme - und das war
eigentlich ziemlich seltsam. Von allen Menschen, die ihr nahestanden, war er
derjenige, von dem sie am ehesten befürchten mußte, daß das Centre ihn aus
dem Verkehr ziehen - töten - würde. Andererseits war es ihm drei Jahre lang
gelungen, das Centre an der Nase herumzuführen. Aber bisher hatte das Centre
ihn lebend haben wollen...
"Parker?"
Jarod sah sie fragend an, mit deutlicher Besorgnis in seinem Blick.
"Können wir das nicht auf morgen verschieben?"
Er schüttelte den Kopf, freundlich, aber bestimmt. "Ich weiß ja, daß dir
das schwerfällt, aber wir schieben das schon viel zu lange vor uns her. Wie
lange soll das noch so weitergehen?"
Da war sie, die Frage, vor der sie sich gefürchtet hatte. Die Frage, die sich
nicht beantworten konnte. Nein, nicht beantworten wollte. War sie überhaupt
noch in der Lage, ohne ihr Arrangement zurechtzukommen?
'Oh verdammt, was soll das, Parker? Seit wann bist du von anderen abhängig? Wo
ist dein Kampfgeist geblieben? Du brauchst niemanden außer dir selbst.'
Sie wußte, daß das nicht stimmte, und das machte alles nur noch schlimmer.
"Ich weiß es nicht, Jarod. Ich weiß es wirklich nicht."
Die Situation wirkte fast schon bizarr - und fühlte sich gleichzeitig absolut
natürlich an. Jarod sah sie lange an. Sie konnte sehen, wie er eine
Entscheidung traf.
"Na schön", sagte er mit einem leisen Seufzen", warten wir bis
morgen. Bist du müde?"
Es erstaunte sie, daß er so leicht nachgegeben hatte, aber für den Moment nahm
sie es einfach hin.
"Ja. Es ist spät. Zeit, zu schlafen."
***
Regen prasselte gegen das Schlafzimmerfenster. Jarod lag wach, dachte
angestrengt nach. Sie mußten endlich über alles reden.
Parker bewegte sich im Schlaf, und Jarod strich ihr beruhigend übers Haar. Seit
fast zwei Monaten hatten sie nun fast jede Nacht miteinander verbracht - ohne
dabei jemals etwas anderes zu tun als einander zu halten oder einfach nur zu
schlafen.
Es hatte sich langsam entwickelt. Nach Toms Tod hatte er sie zunächst hin und
wieder besucht, um ihr Trost zu spenden - und hatte dabei auch selbst Trost
gefunden. Dann war er immer öfter zu ihr gekommen, um schließlich auch nachts
bei ihr zu bleiben. Stets hatte ein wortloses Einverständnis zwischen ihnen
geherrscht, daß sie zu Freunden, mittlerweile sogar zu Vertrauten machte. Nach
einiger Zeit hatten sich ihre Alpträume gelegt, und noch etwas später hatten
sie beide begonnen, ruhig durchzuschlafen.
Am Morgen war Jarod immer aufgebrochen, bevor Parker aufgewacht war. Es war ihm
einfach als die beste Lösung erschienen. Doch in letzter Zeit - in den letzten
Wochen - hatte sich die Situation verändert. Er war sich noch nicht ganz schlüssig,
ob das auch für sie galt, aber er hielt es für ziemlich wahrscheinlich.
Jarod seufzte lautlos. Wieso mußte es so schwierig sein? Thomas war vor beinahe
sechs Monaten getötet worden, und Jarod wußte, daß Parker noch immer um ihn
trauerte. Trotzdem konnte er nicht ändern, daß er auf eine ganz bestimmte
Weise für sie empfand - er wollte es auch gar nicht ändern. Seine Gefühle für
sie waren das Kostbarste, was er hatte, doch im Moment fühlte er sich deswegen
schuldig.
Wieder bewegte sich Parker im Schlaf, unruhiger als zuvor. Sie murmelte etwas,
das er nicht verstehen konnte. Vorsichtig zog er sie näher an sich, brachte
ihre Lippen dichter an sein Ohr.
"Geh nicht weg... laß mich nicht allein... bitte... ich brauche
dich..."
Ihre Worte versetzten ihm einen Stich. In Gedanken schalt er sich für seine
kindische Eifersucht, doch dann hörte er, wie sie fortfuhr.
"Jarod", wisperte sie, unendlich leise, beinahe ängstlich. "Laß
mich nicht allein... Jarod..."
Für einen Moment wagte er es nicht einmal zu atmen. Sie hatte gar nicht Thomas
gemeint. Erleichterung durchströmte ihn, zusammen mit einer Flut anderer
Emotionen. Im Schlaf sagte sie endlich, was er schon so lange hören wollte.
"Ist schon gut, Baby", flüsterte er beruhigend. "Ich bin bei
dir. Mach dir keine Sorgen, mein Herz. Ich werde immer für dich da sein, das
schwöre ich dir. Shht, Baby, ganz ruhig..."
...
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