Dunkle Vergangenheit

"And I can feel the clock unwind
The parts of me I tied are runnin
And all the birds are in my head
The laughter that was dead is coming"

Heather Nova, What A Feeling



Das Wetter war einfach herrlich. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages wärmten ihr Gesicht, als sie langsam dem gewundenen Weg folgte, der zum See hinunter führte. Hier und dort zeigten sich bereits erste Anzeichen des Frühlings. Schon bald würde sattes Grün die vorherrschende Farbe sein, nicht mehr die Grau- und Brauntöne des Winters. Ihr waren die gedeckten Farben lieber, sie paßten viel besser zu dem, was in ihr vorging.

Dieser Ort konnte zu ihrer Zuflucht werden, wie er es für ihre Mutter gewesen war. Zwei Wochen im Jahr. Das war niemals genug Zeit, um alles andere zu vergessen. Sie wußte ganz genau, daß das Centre sie nicht loslassen würde. Dieses Wissen erdrückte sie beinahe, und sie dachte verzweifelt über einen Ausweg nach.

Als sie den See erreicht hatte, setzte sie sich auf eine Bank, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Wie oft hatte wohl ihre Mutter hier gesessen, mit ganz ähnlichen Sorgen beschäftigt? Sie schüttelte den Kopf. Nein, nicht ähnliche Sorgen. Ihre Mutter hatte sich nicht um ihr eigenes Leben gesorgt, jedenfalls nicht so sehr wie um das der Kinder, die sie retten wollte. Und jetzt war sie tot.

Sie betrachtete die Oberfläche des Sees, die stellenweise noch immer von einer dünnen Eisschicht überzogen war. Doch es zeigten sich bereits überall Löcher, und Scherben aus Eis trieben im kalten Wasser. Das Eis war genauso zersplittert wie ihr Leben, und das Centre war der Stein, der die glatte Oberfläche zerstört hatte. Jetzt gab es nur noch Splitter, und so sehr sie sich auch bemühte, es fiel ihr immer schwerer, sie zusammenzusetzen. Alles glitt ihr aus den Händen. Deshalb war sie hier, um wenigstens einige der Splitter festzuhalten und zu ordnen.

Ihre Vergangenheit hatte sie hierher geführt, und der Wunsch, allem für eine Weile zu entfliehen. Hier konnte sie ungestört nachdenken, vielleicht Pläne schmieden.

Der Wind blies ihr eine dunkle Haarsträhne ins Gesicht. Geistesabwesend strich sie sie zurück, dann stand sie auf und ging zurück zum Haus.

***

"Ah, Miss Parker. Das Abendessen ist gerade fertig. Setzen Sie sich."

"Danke, Ben."

In ihrer Stimme lag eine Wärme, die ihn kurz vom Herd aufsehen ließ. Sie erwiderte seinen Blick und lächelte. Gott, sie war ihrer Mutter so ähnlich. Es machte ihn froh, das zu sehen. Auf diese Weise hatte er das Gefühl, daß etwas von Catherine weiter lebte.

Sie aßen schweigend. Ben spürte, daß sie etwas belastete, über das sie nicht reden wollte. Er wußte, daß es keinen Sinn haben würde, ihr ein Gespräch aufzudrängen. Deshalb gab er sich damit zufrieden, sie anzusehen und über die alten Zeiten nachzudenken. Als sie aufstand, brauchte er einen Augenblick, um wieder in die Gegenwart zurückzufinden.

"Es war eine lange Fahrt. Ich sollte etwas Schlaf nachholen."

"Schlafen Sie gut. Und angenehme Träume, Miss Parker."

"Gute Nacht, Ben."

***

Miss Parker ging die Treppe nach oben und runzelte die Stirn. Es kam ihr nicht richtig vor, daß Ben sie noch immer Miss Parker nannte. Er und ihre Mutter hatten sich so nah gestanden, und es bestand noch immer die Möglichkeit, daß er ihr Vater war. Sie hatte nie mit ihm darüber gesprochen, aber sie war fast sicher, daß er es zumindest ahnte. Vielleicht sollte sie ihm endlich ihren Namen verraten. Der Grund für ihr Zögern hieß Angst, dachte sie verbittert. Namen besaßen Macht, und sie schufen persönliche Nähe. Für sie war es mittlerweile völlig natürlich, daß kaum jemand ihren Namen kannte. Die Distanz, die sie dadurch aufrecht erhielt, war überlebenswichtig geworden.

Sie seufzte und ging in ihr Zimmer. Die Reisetasche stand noch dort, wo sie sie zurückgelassen hatte. Das Auspacken konnte auch noch bis morgen warten. Jetzt wollte sie nur noch der Müdigkeit nachgeben und schlafen.

***

Ben zog überrascht die Brauen hoch, als es an der Tür klopfte. Er saß im Wohnzimmer vor dem Kamin, und eigentlich hatte er nicht mehr mit Gästen gerechnet. Seine Überraschung verstärkte sich noch, als er die Tür öffnete.

"Jarod! Was machen Sie denn hier?"

"Hallo, Ben. Ich war in der Nähe und dachte, ich sehe mal nach, wie's Ihnen geht. Darf ich rein kommen?"

"Natürlich. Also, das ist vielleicht eine Überraschung... Noch vor ein paar Tagen dachte ich, ich würde die nächsten Wochen hier niemanden zu Gesicht kriegen. Kommen Sie ins Wohnzimmer, im Kamin brennt ein schönes Feuer. Wie wär's mit einer heißen Schokolade?"

"Das wäre großartig. Danke, Ben."

Ein paar Minuten später hatten sie es sich beide im Wohnzimmer gemütlich gemacht, jeder mit einer dampfenden Tasse in der Hand.

"Was haben Sie denn so gemacht, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, Jarod?"

"Oh, ich bin ziemlich viel herumgekommen und habe eine Menge Leute kennengelernt."

"Das kann ich mir vorstellen."

Ben nippte an seinem Kakao, und musterte Jarod, als er weiter sprach. Er war gespannt, wie Jarod auf seine Worte reagieren würde.

"Heute nachmittag ist Miss Parker hier angekommen. Sie möchte ein paar Tage hierbleiben. Aber das wußten Sie schon, nicht wahr?"

Jarod sah plötzlich aus wie ein Schuljunge, den man bei einem Streich erwischt hatte. Ben schmunzelte. Jarod gab ihm eine ehrliche Antwort, so, wie er es von ihm gewohnt war.

"Ja. Ich war ein wenig neugierig, warum sie hier ist. Aber ich bin auch hier, um Sie zu sehen, Ben", fügte er mit Nachdruck hinzu.

"Ich weiß, Jarod. So, wie die Dinge liegen, wundert es mich trotzdem, daß Sie hergekommen sind. Ich dachte, Sie müßten es vermeiden, Miss Parker zu treffen?"

Jarod lachte leise.

"Nun, das stimmt schon. Aber in letzter Zeit ist es... leichter geworden, sie zu sehen."

Ben schüttelte leicht den Kopf.

"Ich fürchte, ich werde das nie verstehen. Aber ich möchte es auch gar nicht. Ich habe Catherines Geheimnisse respektiert, und das Gleiche gilt auch für die ihrer Tochter."

"Ben, ich würde gerne ein paar Tage hierbleiben, wenn Sie nichts dagegen haben."

"Wieso sollte ich etwas dagegen haben? Sie sind hier immer herzlich willkommen, Jarod. Ich dachte, das wüßten Sie."

"Vielen Dank, Ben. Übrigens, haben sie genug Vorräte für ein paar Tage? Es liegt Schnee in der Luft."

"Wenn Sie das sagen, wird es wohl stimmen. Keine Sorge, wir werden gut versorgt sein."

Eine Weile saßen sie noch schweigend vor dem Kamin, dann fiel Ben auf, daß Jarod kaum noch die Augen offenhalten konnte.

"Es ist spät. Ich werde ins Bett gehen. Sie können Ihr altes Zimmer haben, Jarod. Gute Nacht."

"Gute Nacht, Ben."

***

Am nächsten Morgen verließ Jarod sein Zimmer ausgeruht und erholt. Wie üblich hatte er nur wenig geschlafen. Er war der erste, der wach war. Leise ging er nach unten in die Küche und frühstückte, dann bereitete er ein Tablett vor.

Draußen ging gerade die Sonne auf, und Jarod lächelte, als er zum Fenster hinaus sah. Es mußte die ganze Nacht geschneit haben. Der Schnee bedeckte alles, und so, wie es aussah, lag er fast einen Meter hoch. Für die Jahreszeit war das zwar ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Jarods Lächeln vertiefte sich. Die nächsten Tage saßen sie alle hier fest.

Er ging wieder nach oben und brachte Ben sein Frühstück, dann machte er sich auf den Weg zu Miss Parkers Zimmer. Sie wohnte im Zimmer ihrer Mutter, das gegenüber von Jarods Zimmer lag. Mit einer schwungvollen Bewegung klopfte er an die Tür. Ohne die Antwort abzuwarten, öffnete er die Tür und trat ein.

Miss Parker schlief noch. Sie hatte sich in mehrere Decken eingewickelt und wirkte friedlich wie ein Kind. Jarod stellte das Tablett auf dem Tisch ab, dann blieb er eine Weile neben dem Bett stehen, um sie einfach nur zu betrachten. Er versuchte die Frau zu sehen, die Miss Parker so sehr zu verstecken versuchte. Nach einiger Zeit lächelte er und ging zum Fenster, um die Vorhänge aufzuziehen. Von hier oben war die Aussicht einfach atemberaubend. Viel zu schön, um sie zu verschlafen, fand er.

"Aufwachen, Schlafmütze! Das Frühstück ist fertig."

Gespannt wartete er auf ihre Reaktion. Zunächst passierte gar nichts, dann bewegte sich und murmelte etwas in ihr Kissen. Schließlich, beinahe widerwillig, öffnete sie die Augen und blinzelte im Licht der Morgensonne. Als sie ihn erkannte, weiteten sich ihre Augen überrascht, dann stieß sie einen resigniert klingenden Seufzer aus.

"Mhm, der Alptraum ist neu", brummte sie.

Jarod hob die Brauen.

"Begrüßt man so einen alten Bekannten? Noch dazu, wenn er einem das Frühstück ans Bett bringt?"

"Frühstück? So wie in Kaffee?"

"Uh huh."

"Das klingt doch gar nicht so... Moment mal, wie spät ist es eigentlich?"

"Fast halb sieben. Du hättest fast den ganzen Tag verschlafen."

"Halb sieben? Verschwinde! Ich mache hier Urlaub. Das bedeutet, daß ich ausschlafen kann. Was, zur Hölle, machst du eigentlich hier? Meine Idee war es, hierher zu kommen, um eine Weile nichts von dir zu hören."

"Und nicht vielleicht, um eine Zeitlang dem Centre zu entkommen? Du wirst feststellen, daß das sehr schwierig ist."

Miss Parker schnitt eine Grimasse, und er wußte, daß er einen wunden Punkt berührt hatte. Sehr interessant. Er hatte sich also wirklich nicht getäuscht, was ihre Gefühlslage anging.

"Wenn du es so eilig hast, ins Centre zurückzukehren, das kannst du haben. Es wird mir ein Vergnügen sein, dich persönlich dort abzuliefern", stellte sie fest, und die Kälte war in ihre Stimme zurückgekehrt. Jarod seufzte lautlos. Niemand hatte behauptet, daß es einfach werden würde.

"Und wie möchtest du mich ohne Waffe dazu bringen, mit dir zu kommen?"

Ihre Augen verengten sich.

"Woher willst du wissen, daß ich keine Waffe habe?"

"Das hier ist Ben Millers Haus. Die Zuflucht deiner Mutter. Es gibt keinen Grund, hier eine Waffe zu haben."

"Ich brauche keine Waffe, um dich ins Centre zurückzubringen."

Er lächelte.

"Nein? Nun, wie auch immer, während der nächsten Tage wird niemand von uns ins Centre zurückfahren. Hast du schon aus dem Fenster geguckt?"

Sie richtete sich im Bett auf und sah an ihm vorbei auf die schneebedeckte Landschaft.

"Wir sind hier eingeschneit? Um diese Jahreszeit?"

Jarod hörte einen fast panischen Unterton in ihrer Stimme und musterte sie verwundert. Wieso sollte sie diese Vorstellung so sehr beunruhigen?

Miss Parker schlug die Decken zurück und griff nach ihrem Morgenmantel, der am Fußende des Bettes lag. Sie zog ihn an und ging dann zum Tisch, um sich eine Tasse Kaffee einzugießen.

"Ich würde gerne in Ruhe frühstücken, wenn du nichts dagegen hast", erklärte sie.

Jarod beschloß, ihr ihren Willen zu lassen. Sie konnte ihm nicht ewig ausweichen. Früher oder später würde sich die Gelegenheit bieten, auf die er wartete. Er ging zur Tür.

"Wir sehen uns", sagte er zum Abschied.

"Darauf würde ich nicht wetten."

***

Miss Parker saß am Tisch und trank den Kaffee in kleinen Schlucken. Die heiße Flüssigkeit beruhigte ihre Nerven und vertrieb die Kälte, die sie in sich fühlte. Geistesabwesend starrte sie aus dem Fenster.

Die Situation konnte kaum noch schlimmer sein. Sie saß hier fest, jeglicher Kontrolle beraubt, und nahezu schutzlos ihrer Vergangenheit ausgesetzt. Stärker als je zuvor empfand sie Jarod als Bedrohung. Sie hatte Angst vor dem, was er herausgefunden haben könnte, Angst vor der Wendung, die ihr Leben vielleicht nehmen würde.

Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie sich mühsam ein neues Leben aufgebaut, aus den Scherben, die das Centre hinterlassen hatte. Jarod hatte dieses Leben Stück für Stück demontiert, indem er ihr die Erinnerung an die Vergangenheit wiedergegeben hatte und durch die Informationen, die er gesammelt hatte. Das hier war nicht das Leben, das sie führen wollte, aber ein Neuanfang kostete so viel Kraft. Vielleicht mehr als sie hatte. Und wer würde sie davor bewahren, dieselben Fehler wieder zu machen, um am Ende wieder in der falschen Welt des Centres zu leben?

Es war einfach, dem Centre die Schuld zu geben. An ihrem zerbrochenen Vertrauen, ihrem zersplitterten Leben, an dem, was aus ihr geworden war. Aber sie hatte es zugelassen, hatte die Lügen geglaubt, um die Wahrheit nicht sehen zu müssen. Und was war, wenn es bereits zu spät war? Sie konnte niemandem trauen, nicht einmal ihrem eigenen Vater. Besonders nicht ihm, dachte sie verbittert. Sicher, es gab Sydney und Broots, aber die beiden gehörten zum Centre, wenn auch nicht auf dieselbe Weise wie sie selbst.

Sie versuchte sich zu erinnern, wie es früher gewesen war, bevor ihre Mutter gestorben war. Bevor das Centre sie ermordet hatte. Damals war sie glücklich gewesen. Doch jetzt wußte sie, daß ihre Mutter es nicht gewesen war, es nicht hatte sein können. Nicht im Centre und auch nicht mit ihrem Vater. Vielleicht war sie es hier gewesen. Miss Parker hoffte es.

Wann war es passiert, wann war ihr ihr Leben aus den Händen geglitten? Am Todestag ihrer Mutter, als ihre Welt zusammengebrochen war. Seitdem war nichts mehr so gewesen wie zuvor. Sie hatte sich von allen abgewandt, außer ihrem Vater. Und er hatte sich von ihr abgewandt. Nein, das stimmte nicht. Er hatte sich ihr nie zugewandt, nicht wirklich. All die Jahre hatte sie sich vergeblich nach seiner Zuneigung gesehnt und um seine Anerkennung gekämpft. Selbst jetzt schmerzte sie der Gedanke daran noch.

Parker schüttelte den Kopf und verdrängte mit jahrelanger Erfahrung ihre Tränen. Gott, sie mußte wirklich mit diesen depressiven Gedanken aufhören. Das führte nirgendwo hin.

Sie stand auf und zog sich warm an. Die kalte Luft würde ihr helfen, einen klaren Kopf zu bekommen und die wichtigen Entscheidungen zu treffen, die sie nicht länger aufschieben konnte. Es war Zeit, sich ihr Leben zurückzuholen. Ihr wirkliches Leben, nicht das, was das Centre oder Jarod dafür halten mochten.

Niemand begegnete ihr auf dem Weg nach draußen, und sie war froh darüber. Der eisige Wind brannte in ihren Lungen und in ihrem Gesicht. Sie zog sich den Schal eng um die Schultern und schob ihn schützend vor den Mund, bevor sie in die weiße Einsamkeit hinaus stapfte.

Ihre Schritte führten sie fast automatisch zum See hinunter. Dort gelang es ihr am besten, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Heute setzte sie sich nicht auf die Bank, sondern blieb am Ufer stehen. Das Eis überzog wieder den gesamten See, und darüber lag eine dicke Schneeschicht. Nirgends war eine Spur von Leben zu sehen, alles schien erstarrt zu sein. Und doch gab es unter dem Eis Leben.

...

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