Entkommen

Miss Parker blinzelte benommen, als sie langsam zu sich kam. Sie fühlte sich schrecklich schwach, und ihr Kopf fühlte sich merkwürdig schwer an. Die Welt um sie herum nahm nur langsam wieder vertraute Konturen an. Ein Geräusch drang an ihr Bewußtsein, ein leises Piepsen, das sich ständig wiederholte. Langsam kehrte die Erinnerung zurück, und mit ihr der Schmerz in ihrem Inneren.

Jemand hielt ihre Hand und sagte ihren Namen. Die Stimme kam ihr bekannt vor, aber es war nicht die, die sie hören wollte, die einzige, die ihr Trost spenden konnte.

Mühsam öffnete sie die Augen. Matt stand neben dem Bett und sah sie besorgt an. Sein Gesicht hellte sich auf, als sie ihn ansah. Ihr Blick glitt suchend durch das Zimmer, bis sie endlich fand, was sie suchte.

"Jarod", flüsterte sie heiser.

Seine Gestalt löste sich aus den Schatten, und er kam zu ihr. Auch in seinem Gesicht las sie Besorgnis, außerdem Unsicherheit. Er sah fast aus wie der kleine Junge, den sie damals im Centre zum ersten Mal gesehen hatte. Sie streckte ihre freie Hand nach ihm aus. Erleichterung und ein tiefes Gefühl der Wärme erfüllten sie, als er sie in seine nahm. Eine Barriere in ihr schien zu zerbrechen, und sie fühlte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Aus reiner Gewohnheit kämpfte sie dagegen an, bis sie das Verständnis in Jarods Augen sah.

Am Rande nahm sie wahr, daß Matt ihre Hand losließ. Unmittelbarere Dinge nahmen jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie dachte an ihren Vater, seine Lügen und seine Kälte, an Lyle, an Fenigore. Unweigerlich glitten ihre Gedanken weiter zu Sydney, dann zu ihrer Mutter.

"Es tut weh. Es tut so verdammt weh."

"Ich weiß."

Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

"Der Schmerz wird nachlassen. Es dauert, aber..."

"Du magst ein Genie sein, aber du bist ein schlechter Lügner, Jarod."

"Ich kann dir helfen. Wenn du mich läßt."

Sie fühlte die Wärme seiner Hand, hörte die Wärme in seiner Stimme und wollte nur zu gerne glauben, daß er ihr helfen konnte. Die Müdigkeit kehrte zurück. Noch war sie zu schwach, dagegen anzukämpfen.

"Jarod", wisperte sie und schloß die Augen.

"Ich bin hier. Ich bin immer für dich da."

***

Jarod saß neben dem Bett und beobachtete Parker. Er hielt noch immer ihre Hand, unfähig, den Kontakt zu unterbrechen. Während der letzten drei Jahre, obwohl er auf der Flucht gewesen war, hatte er immer Kontakt zu ihr gehalten. Weil sie ihn brauchte, und weil er sie brauchte.

Matt war gegangen. Jarod hatte kurz mit ihm gesprochen und versucht, ihm Parkers Reaktion zu erklären. Dieses eine Mal war er sicher, daß sie Matt nicht mit Absicht verletzt hatte, daß es ihr später vermutlich sogar leid tun würde. Die Erkenntnis überraschte ihn, weckte eine Spur von Eifersucht, aber vor allem war er froh darüber. Endlich war es soweit, endlich ließ sie ihn freiwillig an ihren Gefühlen teilhaben.

Er sah in ihr Gesicht. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sah er dort wieder das kleine Mädchen, das seine einzige Freundin auf der ganzen Welt gewesen war. Und er sah die Frau, die Parker wirklich war, die sie so sehr versteckt hatte, die ihm so unendlich viel bedeutete. Die er fast verloren hätte...

Der Gedanke war noch immer erschreckend und schmerzhaft. Sie hatte sehr viel Blut verloren, und wahrscheinlich war es nur ihrem starken Willen zu verdanken, daß sie noch lebte. Zum Tausendsten Mal fragte er sich, ob es sich um eine Warnung des Centres gehandelt oder ob sie einfach nur Glück gehabt hatte. Er würde es herausfinden, und er würde sie beschützen, selbst wenn sie sich wieder von ihm zurückziehen würde.

Sie begann, sich unruhig im Schlaf zu bewegen. Jarod wußte, daß die Alpträume zurückgekehrt waren. Ohne lange zu überlegen, legte er sich neben sie, dann schloß er sie vorsichtig in seine Arme und stützte dabei sanft ihre verletzte Schulter.

"Ist schon gut", murmelte er beruhigend.

Es dauerte nicht lange, bis sie sich in seinen Armen entspannte. Erleichtert zog er sie enger an sich. Wie lange war es her, seit er ihr so nahe gewesen war? Damals waren sie beide noch Kinder gewesen, kurz nach dem Tod ihrer Mutter. Sie hatte bei ihm Trost gesucht, und er hatte versucht, ihren Schmerz zu lindern. Danach war sie fortgegangen, und als sie wiedergekommen war, war es bereits zu spät gewesen. Außer ihrem Vater hatte sie niemanden mehr an sich heran gelassen, und er hatte es nur noch schlimmer gemacht, mit jedem Versprechen, das er gebrochen und jeder Verabredung, die er vergessen hatte.

Er hatte das Gefühl gehabt, sie verloren zu haben, aber gleichzeitig hatte er beschlossen, alles zu versuchen, um ihr zu helfen und sie wieder zurück zu bekommen. Im Laufe der Jahre hatten sie sich immer weiter voneinander entfernt und einander verletzt, aber die Verbindung zwischen ihnen bestand noch immer, und sie war jetzt stärker denn je.

Jarod schloß die Augen und legte sein Gesicht an ihren Nacken. Er schlief nicht ein, aber er entspannte sich, empfand eine Ruhe, die er schon seit Jahren nicht mehr gefunden hatte.

Die Zeit mit ihr war kostbar. Vielleicht hatten sie nur diese eine Nacht. Das Centre durfte nicht wissen, daß er hier bei ihr war, und wenn es ihr erst wieder besser ging, würde sie ihn wahrscheinlich nie wieder so nah an sich heran lassen.

Eine ganze Weile lagen sie einfach nur so da, bis er spürte, wie sie sich gegen seine Umarmung wehrte. Es überraschte ihn, wie sehr ihn ihre Ablehnung schmerzte, aber er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, als er sprach.

"Schon gut. Ich lasse dich wieder allein."

"Nein! Warte."

Sie drehte sich, bis sie mit dem Rücken zu ihm lag, dann schmiegte sie sich an ihn.

"Ich wollte nur etwas bequemer liegen, das ist alles. Ich möchte nicht, daß du gehst."

Verwirrt, aber voller Freude legte er seine Arme wieder um sie. Die kurze Bewegung hatte sie erschöpft, das konnte er spüren. Sie griff nach seiner Hand, legte ihre Finger in seine, bevor sie wieder einschlief. Die Zärtlichkeit dieser einfachen Geste erfüllte ihn mit ungekannter Wärme. Er liebte sie, daß war ihm jetzt klarer als je zuvor.

Seine Beziehungen zu anderen Frauen hatten ihm das schon früher bewußt gemacht, aber er hatte versucht, dieses Gefühl zu ignorieren. Dann hatte er sich eingeredet, daß seine Gefühle für Parker eher geschwisterlicher Natur waren, da sie zusammen aufgewachsen waren. In seinem Herzen hatte er immer gewußt, daß es nicht so war, daß er sie als die Frau liebte, die sie war. Er wollte sie als seine Partnerin, seine Freundin, seine Vertraute und seine Geliebte.

Auch Nia hatte er geliebt, aber auf eine andere Weise. Seine Gefühle waren nicht so umfassend und tiefgehend gewesen, wie das, was er für Parker empfand und das ihn für immer an sie band.

Zum ersten Mal sah er jetzt eine reelle Chance, daß sie seine Gefühle erwidern könnte. Für den Augenblick war er aber schon damit zufrieden, ihr Vertrauen gewonnen zu haben und nicht mehr auf eine Mauer aus Mißtrauen, Schmerz und Ablehnung zu stoßen. Das war mehr, als er sich von seinem Besuch hier erhofft hatte.

***

Der Morgen graute bereits, als Jarod aufwachte. Mit dem ersten Licht des Tages kam auch die unangenehme Erkenntnis, daß er bald gehen mußte. Nur sehr widerstrebend verließ er das Bett und setzte sich wieder auf den Stuhl.

Parker schlief noch immer. Sie war furchtbar blaß, und Jarods Sorge kehrte mit aller Wucht zurück. Es würde eine Weile dauern, bis sie wieder gesund sein würde. Solange sie hier im Krankenhaus war, würde es nicht einfach sein, sie zu besuchen, aber er war schließlich ein Pretender und würde einen Weg finden.

Er überlegte gerade, ob er sie wecken sollte, als eine Krankenschwester das Zimmer betrat. Sie schien ein wenig überrascht zu sein, so früh schon einen Besucher zu treffen, lächelte aber freundlich.

"Guten Morgen, Sir."

"Guten Morgen, Schwester."

Jarod erwiderte das Lächeln, dann warf er einen letzten Blick auf Miss Parker. Voller Bedauern stand er auf und ging zur Tür.

"Sie können gleich wieder hereinkommen", bot die Schwester an.

"Danke, aber ich muß jetzt leider gehen. Auf Wiedersehen."

"Auf Wiedersehen, Sir."

Im Herausgehen hörte er noch, wie die Krankenschwester Miss Parker aufweckte.

***

Erst zwei Tage später ergab sich eine Gelegenheit für Jarod, sie wiederzusehen. Mittlerweile hatte er mit Sydney gesprochen, allerdings ohne seinen Besuch im Krankenhaus zu erwähnen. Sydney hatte ihm in bezug auf die Motivation des Centres in dieser Sache nicht weiterhelfen können, aber Jarod wurde das Gefühl nicht los, daß Syd ihm irgend etwas verschwieg, und zwar etwas, das ihn belastete.

Als Jarod Parkers Zimmer betrat, erwartete ihn eine Überraschung. Sie war nicht da. Ihr Bett war leer. Verwirrt runzelte er die Stirn, während Angst in ihm hochstieg. Was, wenn sie...

"Hallo, Jarod."

Er fuhr herum und sah Matt, der in der Tür stand.

"Ich hab' Sie hier herein gehen sehen und dachte, daß ich Ihnen Bescheid sagen sollte."

"Hallo, Matt. Wo ist sie?"

Matt seufzte.

"Es scheint, daß wir sie nur um ein paar Minuten verpaßt haben. Sie wurde entlassen. Die Schwester hat es mir gerade gesagt."

Eine Ahnung manifestierte sich in Jarod, zusammen mit einem unguten Gefühl.

"Bitte entschuldigen Sie mich, Matt, und vielen Dank für die Informationen", sagte er hastig und ging eilig zum Schwesternzimmer. Auf dem Gang begegnete ihm die Krankenschwester, die sich vor zwei Tagen um Parker gekümmert hatte. Offenbar erkannte sie ihn auch wieder.

"Oh, Hallo, Sir, da sind Sie ja wieder. Es tut mir leid, aber Sie haben Miss Parker um eine Viertelstunde verpaßt. Sie wurde entlassen."

Sie runzelte die Stirn, als sei sie damit nicht einverstanden.

"Das weiß ich bereits. Wurde sie auf eigenen Wunsch entlassen?"

"Nein, ihre Familie hat sie mitgenommen."

Eine eisige Kälte erfaßte Jarod.

"Ihre Familie? Ihr Vater und ihr Bruder?"

"Ja, außerdem ein älterer Mann. Ich glaube, er ist auch Arzt. Er hat ihr irgendein Medikament gegeben, aber ich konnte nicht erkennen, was.

Sydney, schoß es Jarod durch den Kopf. Das hast du mir also verheimlicht. Was hast du vor?

"Miss Parker war nicht bei Bewußtsein, habe ich recht?"

"Das stimmt. Ihr Vater sagte, zu Hause könnten sie sich besser um seine Tochter kümmern. Er war mir irgendwie unheimlich, genauso wie die beiden Bodyguards, die sie bei sich hatten."

Jarod schluckte. Sie mußten zwei Sweeper mitgebracht haben. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, daß Mr. Parker seine Tochter zurück ins Centre geholt hatte. Er mußte sie so schnell wie möglich da raus holen, bevor sie ihre Gefühle endgültig aufgab - oder bevor Raines sie ihr wegnahm.

***

Miss Parker öffnete die Augen und wußte sofort, daß etwas nicht stimmte. Das hier war nicht das Krankenhaus - aber wo war sie dann? Die Umgebung war vertraut. Der Schock der Erkenntnis raubte ihr für einen Moment den Atem. Sie war im Centre.

Mühsam kämpfte sie gegen Angst und beginnende Panik. Immerhin war sie noch am Leben. Allerdings hieß das im Centre nicht sehr viel, besonders dann nicht, wenn Raines seine Finger im Spiel hatte, und das hatte er bestimmt. Sie schluckte und überlegte krampfhaft.

Es gab nur zwei Personen, denen sie im Centre trauen konnte, Angelo und Broots. Angelo stellte die unsicherere Variante dar, also mußte sie irgendwie versuchen, mit Broots zu sprechen. Er mußte unter allen Umständen verhindern, daß jemand anderes ihr Handy in die Finger bekam. Jarod würde mit Sicherheit versuchen, sie zu erreichen. Konnte es sein, daß jemand das alles geplant hatte? Sie war durchaus bereit, Lyle so etwas zuzutrauen. Er war ein gefährlicher Irrer, ein Soziopath, dem nur ein Verrückter trauen konnte.

Ein Geräusch weckte ihre Aufmerksamkeit. Jemand leistete ihr Gesellschaft. Mit einiger Mühe richtete sie sich etwas auf und entdeckte ihren Besucher schließlich in der Nähe der Tür, von wo er sie unschlüssig beobachtete. Es war Sydney. Die Bewegung ließ den Schmerz in ihrer Schulter wieder aufflammen. Sie stöhnte leise. Sydney kam zu ihr.

"Miss Parker, Sie dürfen sich noch nicht soviel bewegen. Haben Sie Schmerzen?"

Er griff nach einer Spritze, die auf dem Tisch neben dem Bett lag. Parker ließ sich wieder zurücksinken.

"Nein", log sie.

In Syds Gesicht kämpften widerstreitende Emotionen, aber schließlich nickte er.

"Na gut. Hier drin ist ein Schmerzmittel. Sie müssen nur Bescheid sagen, wenn..."

"Ich will mit Broots sprechen."

Sydney verzog das Gesicht.

"Das geht nicht, Miss Parker."

"So ist das. Ich bin hier eine Gefangene."

"Nein! Sie sind nur zu schwach, um Besuch zu haben. Es wäre nicht ratsam."

Sie wußten beide, daß er log.

"Wann kann ich ihn sehen?"

"Miss Parker, gefährden Sie ihn doch nicht auch noch..."

"Ich gefährde niemanden außer mir selbst! Ich falle niemandem in den Rücken, und ich habe auch keine Informationen zurückgehalten!"

Sie schloß die Augen. Ihr Wutausbruch hatte sie sehr angestrengt. Sydney legte ihr eine Hand auf den Arm.

"Miss Parker", sagte er sanft.

"Verschwinden Sie, Syd. Ich lege keinen Wert auf Ihre Anwesenheit."

Er seufzte leise.

"In Ordnung. Ich sehe später noch einmal nach Ihnen."

Parker schwieg und wartete, bis sie hörte, wie sich die Tür hinter ihm schloß, bevor sie die Augen wieder öffnete. Tränen schimmerten darin.

Hinter dem Gitter des Lüftungsschachts saß Angelo und sah traurig hinunter zu Miss Parker. Der Name Broots hallte in seinem Gedächtnis wider, zusammen mit Miss Parkers Wunsch, ihn zu sehen. Angelo wußte, was er zu tun hatte.

***

Broots schlich mit einem unguten Gefühl durch den Korridor. Angelo, der vor ihm ging, wirkte völlig unbeschwert, aber das war häufig der Fall. Zum hundertsten Mal sagte sich Broots, daß Angelo der Letzte wäre, der ihn in eine Falle lenken würde. Trotzdem fühlte er sich hier nicht wohl.

Nach einer Weile blieb Angelo vor einer Tür stehen und sah Broots ungeduldig an. Schuldbewußt beeilte sich Broots und zuckte zusammen, als er keine zweihundert Meter weiter zwei Sweeper vor einer Tür stehen sah. Offenbar hielten sie dort Wache. Broots schnappte erschrocken nach Luft, als Angelo ihn in den Raum zog und dann lautlos die Tür hinter ihm schloß.

Als nächstes griff Angelo nach einem Stuhl und trug ihn zur Wand, wo er ihn direkt unter das Lüftungsgitter stellte. Er brauchte nur ein paar Sekunden, um das Gitter zu lösen. Broots ahnte Schlimmes.

"Angelo, warte. Sollen wie etwa durch die Lüftung klettern? Das kann ich nicht!"

Angelo drehte sich zu ihm um und sah ihn intensiv an.

"Sehr wichtig. Freiheit. Leben", sagte er langsam.

"Oh Gott. Wieso lasse ich mich immer wieder auf so etwas ein?"

Mit einem Seufzen folgte er Angelo in den Lüftungsschacht. Während sie langsam durch die Dunkelheit krochen, wurde Broots bewußt, wie gut Angelo sich hier auskennen mußte. Durch das Lüftungssystem konnte er praktisch jeden Ort im Centre erreichen - ohne bemerkt zu werden. Dazu war nur eine einfache Manipulation des Überwachungssystems nötig...

Broots erkannte, daß er Angelo immens unterschätzt hatte. Der Mann mochte in mancher Hinsicht kindlich wirken, aber er war auf seine Art bemerkenswert intelligent. Vielleicht hatte er doch mehr von einem Pretender, als Raines ahnte, als sie alle ahnten.

Angelo hielt an, und Broots wartete nervös. Nach ein paar Minuten bedeutete Angelo ihm, an ihm vorbei zu kriechen. Broots gehorchte und sah vorsichtig durch die Öffnung am Ende des Schachts. Er hatte keine Ahnung, wo sie waren. Der Raum vor ihm war leer, zumindest auf den ersten Blick. Erst als er genauer hinsah, entdeckte er die Gestalt, die regungslos in einem Bett lag.

"Miss Parker!"

Vor Überraschung fiel er beinahe aus dem Schacht, so daß Angelo ihn festhalten mußte.

"Danke, Angelo."

Mit Angelos Hilfe kletterte Broots zu Boden und ging dann zu Miss Parker. Sie war blaß, und ihre linke Schulter war bandagiert. Verwirrt sah Broots auf sie hinab. Er hatte sie schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen, aber seine Nachforschungen waren weitgehend erfolglos geblieben. Zuviel Neugier konnte im Centre sehr leicht tödlich sein.

"Miss Parker?" fragte er leise.

Sie blinzelte ein paar Mal, bevor sie die Augen öffnete und ihn ansah. Der Hauch eines Lächelns umspielte ihre Lippen - aber vielleicht bildete sich Broots das auch nur ein.

"Broots. Hat Sydney Sie geschickt?"

"Nein, Angelo hat mich hergebracht. Ich hatte keine Ahnung, was los war. Was ist passiert?"

"Das hat Zeit. Kommen Sie her."

Broots machte zwei Schritte auf das Bett zu und blieb dann stehen. Miss Parker verzog das Gesicht.

"Näher, Broots."

"Uh..."

"Kommen Sie schon, ich werde Sie nicht beißen. Dazu bin ich heute nicht in der Stimmung. Ich will nur kein Risiko eingehen."

Zögernd trat Broots noch etwas näher, bis er direkt neben dem Bett stand. Mit ihrer gesunden Hand griff Miss Parker nach seinem Kragen und zog ihn zu sich herunter. Ihr Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. Broots' Wangen brannten.

"So, Broots", flüsterte sie, und ihr Atem kitzelte ihn im Ohr, "jetzt hören Sie mir gut zu. Ich brauche Ihre Hilfe, aber ich kann Sie nicht dazu zwingen. Es könnte gefährlich werden, aber ich kann mich an niemanden sonst wenden. Wollen Sie mir helfen? Nicken Sie einfach."

Broots überlegte nur Sekundenbruchteile. Er konnte hören, wie angestrengt ihre Stimme klang, aber ihre sonstige Unnahbarkeit fehlte völlig. Natürlich würde er ihr helfen - schon weil sie ihn diesmal darum gebeten, und es ihm nicht befohlen hatte. Vorsichtig nickte er.

"Gut. Sie müssen sich um mein Handy kümmern, das ist äußerst wichtig. Kennen Sie sich in meinem Haus aus?"

"Uh... ja."

"Es befindet sich im Wohnzimmer, unter dem Couchtisch. Sie müssen es unter allen Umständen vor dem Centre bekommen. Wenn Sie es haben, warten Sie, und wenn es klingelt, gehen Sie ran. Der Rest wird sich dann ergeben. Alles klar?"

"Ja, Miss Parker."

Sie ließ ihn los, und er richtete sich benommen auf.

"Dann müssen Sie jetzt gehen, Broots. Beeilen Sie sich... und seien Sie vorsichtig."

Broots starrte sie verwirrt an, bis sie die Brauen hochzog.

"Na los, Broots, worauf warten Sie noch? Die dürfen Sie hier nicht finden. Gehen Sie!"

"Und was ist mit Ihnen?"

"Ich werde in nächster Zeit nirgendwo hingehen, keine Sorge. Nun gehen Sie endlich. Ach, und wenn Sie nächstes Mal kommen, bringen Sie etwas zum Schreiben und ein Feuerzeug mit."

"Aber..."

"Broots. Ich verlasse mich auf Sie. Und noch etwas - lassen Sie Sydney da raus."

In ihrer Stimme schwang keinerlei Schärfe mit, nur leichte Ungeduld. Broots sah zum Lüftungsschacht, wo Angelo auf ihn wartete, und wieder zu Miss Parker, die erschöpft die Augen geschlossen hatte. Entschlossenheit erfüllte Broots, und er beeilte sich, zurück in den Schacht zu kriechen. Angelo verschloß das Gitter hinter ihm und führte ihn den Weg zurück. Er war der einzige, der Miss Parkers tiefe Dankbarkeit spürte, und auch der einzige, der ihre leisen Worte hörte.

"Danke, Angelo. Vielen Dank, mein Freund."

***

Broots saß in seinem Büro und starrte das Telefon an, das vor ihm auf dem Tisch lag. Er hatte sich lange überlegt, ob er es ins Centre bringen sollte, aber so war es vermutlich am sichersten. Keiner würde es hier vermuten.

Gleich nachdem Angelo ihn zurückgeführt hatte, war er zu Miss Parkers Haus gefahren und hatte dort zu seiner großen Erleichterung ihr Handy gefunden. Offenbar war er dem Centre zuvorgekommen.

Es war Miss Parkers persönliches Handy, das sie in unregelmäßigen Abständen immer wieder von ihm prüfen ließ. Auch diesmal hatte er es untersucht und nichts gefunden. Wer auch immer anrief, das Centre würde nichts davon mitbekommen.

Broots begann, sich wieder auf seine eigentliche Arbeit zu konzentrieren. Als das Telefon klingelte, erstarrte er, dann nahm er es in die Hand und aktivierte die Verbindung. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Was passieren würde, wenn jemand herausfand, was er machte; was das Centre mit ihm machen würde... Er ahnte bereits, wessen Anruf Miss Parker erwartete, obwohl er es sich kaum erklären konnte. Sein Mund fühlte sich trocken an, als er sprach.

"Hallo?"

Am anderen Ende der Leitung herrschte für einen Moment angespanntes Schweigen.

"Broots, sind Sie das?"

Tatsächlich. Jarods Stimme, er hatte also richtig vermutet.

"Ja. Uh, Jarod?"

"Mhm. Hören Sie mir zu, Mr. Broots, ich brauche Ihre Hilfe."

Broots schluckte ein paar Mal. Miss Parker zu helfen bedeutete großen Ärger, aber mit Jarod zusammenzuarbeiten, kam einem Todesurteil gleich.

"Was soll ich tun?"

***

"Broots, da sind Sie ja endlich wieder. Was hat er gesagt? Nein, warten Sie. Haben Sie an etwas zum Schreiben gedacht?"

"Ähm, ja, aber..."

"Gut. Schreiben Sie's auf."

"Was?"

"Soll ich's Ihnen erklären? Schreiben Sie Ihre Antwort auf den Zettel. Wir sind hier im Centre, schon vergessen?"

Broots seufzte resigniert und setzte sich an den Tisch. Er starrte auf den Zettel vor sich. Wo sollte er beginnen? Jarod hatte ihn ausdrücklich gebeten, Miss Parker nur das Nötigste zu verraten, so daß sie kooperieren würde. Also sollte er sich wahrscheinlich auf die Fakten des Plans beschränken, von dem er selbst nicht alle Einzelheiten kannte.

"Worauf warten Sie, Broots? Eine Inspiration?"

Mittlerweile schien es Miss Parker schon besser zu gehen, während ihre Laune sich verschlechtert hatte. Doch noch immer fehlten die schneidende Kälte und die Herablassung in ihrer Stimme, obwohl Broots beides schon seit einer Weile nicht mehr gehört hatte.

Broots erinnerte sich noch gut an das Gespräch mit Jarod, an die Anspannung und Sorge in seiner Stimme, als er nach Miss Parker gefragt hatte. Irgendwie hatte Broots das Gefühl, daß er ihr davon erzählen sollte, aber er wußte nicht, wie. Schließlich schrieb er nur die wichtigsten Informationen auf und beschloß, den Rest Jarod zu überlassen.

Er gab Miss Parker den Zettel, die ihn aufmerksam las. Sie runzelte die Stirn.

"Geben Sie mir das Feuerzeug, Broots."

Broots reichte es ihr zusammen mit einem Päckchen Zigaretten. Parker sah belustigt zu ihm auf.

"Das habe ich aufgegeben", erklärte sie, während sie den Zettel anzündete und in den Papierkorb fallen ließ. Überrascht sah Broots in die Flammen, dann grinste er.

"Mein Fehler", meinte er dann.

"Sehr richtig, Broots."

Sie lächelte ebenfalls, doch sie wurde schnell wieder ernst.

"Das war nicht alles", sagte sie und nickte in Richtung der Asche.

"Uh... nein", gab er zu, hob aber gleich abwehrend die Hände. "Er hat mir nicht mehr verraten, weil er wußte, daß ich es Ihnen früher oder später erzählen würde." Das war zwar nicht die ganze Wahrheit, aber Broots hoffte, daß es nah genug dran war. Parker musterte ihn lange.

"Na schön", sagte sie schließlich, und Broots verspürte beginnende Erleichterung, "aber ich werde da nicht mitmachen, solange ich nicht mehr weiß. Ich habe eigene Pläne."

"Aber... Wenn Sie seine Hilfe nicht wollen, warum sollte ich dann..."

"Ganz einfach, weil er sich nicht einmischen soll, und deswegen werden Sie für Ablenkung sorgen. Er darf auf gar keinen Fall hierher kommen, haben Sie verstanden?"

Broots überlegte fieberhaft. Ihm gefiel die Wendung, die die Ereignisse urplötzlich genommen hatten, gar nicht. Jarod war ein Pretender. Die Chancen, daß sein Plan zum Erfolg führen würde, standen gut. Natürlich nur, wenn Miss Parker kooperierte. Was sollte er tun?

"Broots?"

"Äh, ja. Alles klar. Ich werde mich darum kümmern. Miss Parker, was haben Sie vor?"

Sie schüttelte energisch den Kopf.

"Ich lasse es Sie wissen, wenn es soweit ist."

Na toll, dachte Broots. Wieso war sie bloß so unvernünftig? Es war doch wirklich nicht schwer, Jarod zu vertrauen. Schließlich hatte er sie bisher noch nie in Schwierigkeiten gebracht. Nun, zumindest nicht absichtlich.

"Na gut. Ich muß jetzt gehen, aber ich komme wieder, sobald ich etwas Neues weiß."

Parker nickte zum Abschied, und Broots machte sich auf den Rückweg.

***

Jarod saß auf dem Bett und wartete. Es war noch zu früh, um Broots wieder anzurufen. Aber es gab jemand anderen, mit dem er sprechen konnte. Jemand, der vielleicht etwas über die Hintergründe wußte und der sie ihm verraten würde, weil er ein schlechtes Gewissen hatte. Es klingelte nur zweimal, dann erklang Sydneys Stimme am anderen Ende der Leitung.

"Hallo?"

"Hallo, Sydney. Wie geht's?"

"Jarod!"

In Sydneys Stimme schwangen Überraschung und Freude mit.

"Hör mal, Sydney, ich habe ein paar Fragen, und ich hoffe, daß du sie mir beantworten kannst."

"Ich werde es versuchen, Jarod."

"Gut. Warum wurde Miss Parker angeschossen und von wem?"

Jarod hörte, wie Sydney tief durchatmete.

"Sydney, ich will diese Informationen."

Er haßte es, das zu tun, aber wenn es sein mußte, würde er Sydneys Schuldgefühle gegen ihn verwenden.

"Ich kann dir den Bericht des Centres..."

"Den habe ich bereits gelesen. Und jetzt will ich die Wahrheit wissen. Syd, wir wissen doch beide, daß in diesem Bericht alles steht, nur nicht das, was wirklich passiert ist. Erzähl mir, was du weißt."

Sydney zögerte nur kurz.

"Na schön, Jarod. Ich war dabei, als es passiert ist, und Miss Parker hätte überhaupt nicht da sein sollen. Raines hatte wieder ein Kind isoliert, einen potentiellen Pretender."

Jarod schloß kurz die Augen. Erinnerungen an seine eigene Entführung und die des kleinen Davy schossen ihm durch den Kopf.

"Wie Miss Parker davon erfahren hat, weiß ich nicht, obwohl ich zuerst dachte, daß du dahinter steckst. Mittlerweile glaube ich, daß Angelo ihr geholfen hat. Wie auch immer, vor zwei Wochen ließ Raines den Jungen ins Centre bringen und isolierte ihn dann auf SL 24. Ich stieß mehr oder weniger zufällig auf ihn, als ich herausfinden wollte, warum Mr. Parker und Mr. Lyle soviel Zeit dort unten verbracht haben. Als ich es herausfand, war ich entsetzt darüber, daß Raines es so schnell wieder versuchte. Diesmal konnte und wollte ich nicht wieder tatenlos zusehen, also beschloß ich, den Jungen zu befreien, doch... Miss Parker ist mir zuvorgekommen."

Sydney machte eine Pause, und Jarod blinzelte überrascht. Dann lächelte er. Damit hatte er nicht gerechnet, obwohl er immer gehofft hatte, daß so etwas früher oder später passieren würde. Unter ihrer Unnahbarkeit ähnelte Miss Parker ihrer Mutter mehr, als sie wahrscheinlich selbst ahnte.

"Du scheinst nicht sehr überrascht zu sein, Jarod."

"Nicht wirklich. Du etwa?"

"Nun, in dem Moment war ich es jedenfalls. Im ersten Augenblick konnte ich mir überhaupt nicht erklären, was sie dort wollte, aber dann wurde mir klar, was der Grund war. Offenbar hatte sie auch nicht damit gerechnet, mich dort zu sehen. Ich sagte ihr, sie solle mir den Jungen überlassen, aber davon wollte sie nichts wissen. Also gingen wir schließlich gemeinsam. Wir schafften es bis in die Eingangshalle, bevor Raines uns aufhielt. Er verlangte die Herausgabe des Jungen, und Miss Parker... Gott, Jarod, du hättest sie sehen sollen! Es war fast, als stünde Catherine plötzlich wieder vor mir."

Jarods Lächeln vertiefte sich, als er den Stolz und die Wärme in Sydneys Stimme hörte, die seine Zuneigung zu Miss Parker verrieten. Wirklich schade, daß sie es nicht auch hören konnte, aber vielleicht würde er es ihr irgendwann erzählen.

"Sie hielt den Jungen an der Schulter fest", erzählte Sydney weiter, "und natürlich hatte er Angst. Ein halbes Dutzend Sweeper stand mit gezogenen Waffen um uns herum. Miss Parker kniete sich neben den Jungen und sagte etwas zu ihm, das ich nicht verstehen konnte, dann stand sie wieder auf und zog ihre Waffe. Raines sagte ihr, sie solle keine Dummheiten machen, und daß ihre Position im Centre ohnehin schon genug gefährdet sei. Der Blick, den sie ihm daraufhin zuwarf, ging sogar an ihm nicht spurlos vorüber. Er wollte noch etwas sagen, aber dazu kam er nicht mehr. Bevor irgend jemand wußte, was los war, hatte Miss Parker bereits zwei der Sweeper angeschossen, und der Junge rannte zur Eingangstür. Raines befahl seinen Leuten, auf keinen Fall den Jungen zu erschießen. Zwei von ihnen rannten also hinter dem Kleinen her, und die anderen beiden Sweeper blieben bei Raines. Einen Moment lang sah es fast so aus, als sei alles vorüber, denn am Eingang tauchten plötzlich noch zwei Sweeper auf. Aber anstatt den Jungen aufzuhalten, schossen sie auf seine Verfolger. Die beiden gehörten zu Miss Parkers Team. Sie schien an alles gedacht zu haben - bis Lyle auftauchte. Er hatte keine Skrupel, auf den Jungen zu schießen, denn wenn das Centre ihn nicht haben konnte... Miss Parker sah, was er vorhatte und warf sich in die Schußbahn. Sie wurde getroffen und hat dem Kind wahrscheinlich das Leben gerettet - in zweierlei Hinsicht. Der Junge konnte entkommen, und den Rest kennst du ja."

"Lyle hat sie also angeschossen..."

"Ja, aber ich glaube nicht, daß es Absicht war, schließlich konnte er nicht wissen, daß Miss Parker so etwas tun würde."

"Seit wann verteidigst du ihn?"

Sydney seufzte.

"Das tue ich gar nicht. Ich verweise nur auf die Fakten."

"Wie du meinst."

Jarod starrte einen Moment lang auf den Boden. Jetzt kam der unangenehme Teil.

"Sydney, ich weiß, daß du dabei warst, als Mr. Parker sie zurück ins Centre gebracht hat."

"Ja, das war ich, und ich hatte meine Gründe. Nach dem, was passiert ist, ist Miss Parkers Position im Centre mehr als unsicher. Ihr Vater könnte sich dafür entscheiden, auf Raines zu hören, und dann sollte jemand auf sie aufpassen."

"Ich verstehe, Sydney."

Erleichterung erfüllte Jarod. Er glaubte Sydney und war froh darüber, daß er nicht versucht hatte, ihn zu belügen.

"Ich wünschte, sie würde das auch tun. Sie vertraut mir nicht mehr."

Die Müdigkeit und die Sorge in Syds Stimme waren deutlich zu hören. Jarod runzelte besorgt die Stirn.

"Gib ihr etwas Zeit. Sie macht im Moment eine schwierige Zeit durch."

"Du meinst schwieriger als gewöhnlich?"

Jarod lachte leise, dann wurde er wieder ernst.

"Es stehen einige Veränderungen bevor, Sydney, und Miss Parker ist ein wichtiger Teil davon."

Ein Alarmsignal lenkte Jarod kurz ab, und er sah auf die Uhr.

"Ich muß jetzt aufhören, aber ich melde mich bald wieder. Danke für deine Hilfe, Sydney. Bis bald."

"Bis bald, Jarod, und pass auf dich auf."

Jarod beendete das Gespräch und wählte kurz darauf schon eine neue Nummer, die ihm ebenso vertraut war wie Sydneys. Es war Zeit, mit Broots zu sprechen und die letzten Vorbereitungen zu treffen.

***

Miss Parker lag wach und starrte an die Decke. Die ständige Warterei zehrte an ihren Nerven. Sie mußte endlich etwas unternehmen. Bisher hatte sie sich in Geduld geübt, da sie für alles andere noch zu schwach gewesen war, aber mittlerweile fühlte sie sich besser.

Die Zeit drängte. Raines konnte es nicht erwarten, sie endlich loszuwerden, und auf den Schutz ihres Vaters konnte sie nicht länger vertrauen, nicht nach dem, was sie getan hatte. Aber sie empfand keine Reue und würde es wieder tun. Jarod würde bald damit beginnen, seinen Plan in die Tat umzusetzen, da er ebenfalls um die Gefahren im Centre wußte. Sie wollte ihn nicht in diese Sache hineinziehen, solange sie die Chance sah, es aus eigener Kraft zu schaffen. Angelo und Broots waren alle Hilfe, auf die sie sich verlassen konnte.

Ein Geräusch in der Dunkelheit lenkte sie ab. Zuerst dachte sie, Angelo wäre zurückgekehrt, aber dann wurde ihr klar, daß jemand die Tür öffnete. Aus dem Flur fiel Licht ins dunkle Zimmer, und sie sah den Umriß eines Mannes. Er trat ein, und als hinter ihm die Tür zufiel, ging das Licht an. Parker blinzelte ein paar Mal in der plötzlichen Helligkeit, dann erkannte sie Lyle. Wut und Abscheu durchfuhren sie, als sie sein widerwärtiges Grinsen sah.

"Hallo, Schwesterchen. Wie geht's? Ich dachte, ich sehe mal nach dir."

"Das war ziemlich schlampige Arbeit. Du hast nur die Schulter erwischt. Ich wette, Raines war nicht sehr zufrieden", entgegnete sie kühl.

Lyle hob die Brauen.

"Du mißverstehst das. Das Ganze war ein bedauerlicher Unfall. Allerdings hast du in einem Punkt recht. Mr. Raines ist ziemlich ungehalten. Ist ja auch verständlich, schließlich konnte der Junge entkommen. Aber früher oder später werden wir ihn wiederfinden, ebenso wie Jarod. Du könntest die Sache erheblich abkürzen, wenn du uns sagst, wo der Junge ist. Vielleicht ist der Tower dann bereit, über deinen kleinen Fehltritt hinwegzusehen."

Miss Parker lachte trocken.

"Deine brüderliche Sorge ist wirklich rührend. Ich muß dich leider enttäuschen, denn ich weiß nicht, wo der Junge ist. Er wurde fortgebracht - wohin, weiß ich nicht. Und selbst wenn ich es wüßte, würde ich für diese Information weit mehr verlangen."

Sie war überhaupt nicht bereit, die Informationen herauszugeben, aber es wäre mehr als unklug gewesen, das zuzugeben. Sollte Lyle ruhig glauben, daß sie noch immer bereit war zusammenzuarbeiten.

"Du würdest mehr verlangen als dein Leben? Ich fürchte, du mißverstehst deine Position. Das hier ist die letzte Chance, dein Leben zu retten. Dachtest du, das Centre sieht ruhig dabei zu, wie du es auf dieselbe Weise hintergehst wie Mom? Das Centre duldet keinen Verrat. Von niemandem."

"Dann gibt es nichts mehr zu sagen."

Parker wollte nur noch, daß er ging, bevor sie sich vergaß und damit ihre Pläne gefährdete.

"Wirklich schade."

Er kam näher und musterte sie.

"Ohne dich dürfte es schwer werden, Jarods Interesse am Centre auch weiterhin wachzuhalten", fuhr er fort. "Dabei fällt mir ein... Etwas würde mich interessieren. Ist er gut im Bett? Immerhin ist er ein Pretender..."

Heiße Wut durchzuckte Parker. Wie konnte er es wagen, so etwas zu behaupten? Sie hatte nie...

"Bastard!" zischte sie haßerfüllt.

"Aber, aber. Ich habe die DSA's von euch beiden gesehen. Wirklich, sehr niedlich. Es gab mehr als genug Gelegenheiten, und ich kenne dich gut genug, um zu wissen, daß du dir das nicht entgehen lassen würdest."

Mühsam beherrschte sich Miss Parker. Lyle versuchte, sie zu provozieren, aber sie hatte nicht vor, mit ihm über Jarod zu sprechen.

"Wieso verschwindest du nicht einfach, Bobby?"

Seine Wangenmuskeln zuckten, als sie ihn mit dem verhaßten Namen seiner Jugend ansprach. Der Triumph, ihn aus der Fassung gebracht zu haben, verschaffte ihr wenigstens eine kleine Befriedigung. Dadurch verebbte der Wunsch, ihn mit aller Kraft ins Gesicht zu schlagen.

Lyle musterte sie einen Moment lang mit einem Ausdruck in den Augen, der sie zutiefst erschreckte. Dann drehte er sich um und ging. Vor der Tür blieb er noch einmal stehen.

"Noch einen letzten Wunsch?", fragte er mit ausdrucksloser Stimme.

"Ja. Fall tot um."

Er zuckte mit den Schultern, klopfte an die Tür und verließ Miss Parkers Gefängnis.

Es kostete sie all ihre Willenskraft, nicht laut zu schreien. Stattdessen schloß sie die Augen und zwang sich, ruhig zu atmen. Sie wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als sie plötzlich Angelos traurige Stimme hörte.

"Miss Parker geht fort?"

Parker schreckte hoch und sah ihn an. Wieso hatte er nicht ihr Bruder sein können? Aber dieser Gedanke war sinnlos. Die Vergangenheit ließ sich nicht ändern, und sie mußte jetzt an die Zukunft denken. Wenn sie eine haben wollte, in der sie nicht tot war. Langsam setzte sie sich auf.

"Ja, Angelo, bald", antwortete sie leise und musterte sein Gesicht. "Angelo, bist du gerne hier, im Centre? Wärst du nicht lieber draußen, da, wo Jarod ist?"

Angelo dachte über ihre Frage nach.

"Draußen. Sonne, Freiheit. Angelo mag Sonne."

"Ja, ich auch", sagte Parker sanft und griff nach seiner Hand. Sie beobachtete, wie er ihre Gefühle durchlebte, bis sich Verständnis in seinen Augen zeigte.

"Möchtest du mit mir kommen?"

"Angelo auch frei."

Er nickte, und Miss Parker lächelte.

***

Zwei Stunden nach Jarods Anruf kletterte Broots wieder durch das Lüftungssystem des Centres. Sein Magen fühlte sich an wie ein Eisklumpen, als er zum wiederholten Male an die breite Palette von Bestrafungsmethoden dachte, die das Centre mit Sicherheit für abtrünnige Angestellte bereithielt. Einige davon hatte ihm Miss Parker früher angedroht, wenn sie in einer ihrer besonders ungeduldigen Stimmungen gewesen war.

Broots schüttelte den Kopf, um diese Gedanken abzuschütteln. Wahrscheinlich sollte er sich lieber Sorgen darüber machen, wie er Miss Parker am besten helfen konnte. Allerdings war das eine schwierige Aufgabe, solange sie Jarods Hilfe ablehnte und versuchte, ihn in die Irre zu führen, um ihrem eigenen Plan zu folgen, den Broots nicht einmal ansatzweise kannte. Als Jarod angerufen hatte, hatte Broots ihm erzählt, was er wußte, damit Jarod sich darauf einstellen konnte. Ohne Jarods Hilfe würde Miss Parker es schwer haben, aus dem Centre zu fliehen, ganz egal, ob ihr das nun gefiel oder nicht.

Vor dem Gitter am Ende des Schachtes hielt Broots kurz an, um es zu öffnen. Er kam nicht dazu, in den Raum hinunter zu klettern, denn dort erwartete ihn eine Überraschung. Miss Parker stand unter der Öffnung und sah zu ihm herauf.

"Helfen Sie mir hoch, Broots, und machen Sie schnell. Ich weiß nicht, wieviel Zeit wir haben."

Broots war viel zu überrascht, um zu widersprechen. Er griff nach ihrer ausgestreckten Hand und zog sie nach oben. Sie kroch an ihm vorbei und zog ihn mit sich.

"Vergessen Sie das verdammte Gitter. Wenn die merken, daß ich weg bin, werden sie ohnehin wissen, daß es nur diesen einen Weg gibt."

Broots kroch hinter Miss Parker her. Seine Gedanken rasten. Was sollte er jetzt tun? Keine seiner Vorbereitungen war abgeschlossen, und auch Jarod konnte unmöglich ahnen, daß sie so früh aufbrechen würden.

"Miss Parker, wir können nicht einfach so abhauen! Die erwischen uns, bevor wir auch nur..."

"Keine Sorge, Broots, ich sagte doch, daß ich einen Plan habe. Was ich nicht mehr habe, ist Zeit. Jetzt oder nie heißt die Devise. Außerdem haben wir Hilfe. Angelo kennt sich mit der Flucht aus dem Centre gut aus."

Überrascht blinzelte Broots. Dann stimmte es also? Angelo hatte Jarod damals bei seiner Flucht aus dem Centre geholfen? Vielleicht hatten sie ja doch eine Chance, wenn auch eine sehr geringe.

Vor ihm kletterte Miss Parker aus dem Lüftungsschacht in Angelos Zimmer, und Broots folgte ihr.

"Angelo, ist alles vorbereitet?"

Angelo nickte, griff nach einer Tasche, die auf seinem Schreibtisch stand und ging zur Tür.

"Dann los." Miss Parker seufzte. "Ich wünschte wirklich, ich hätte wenigstens meine Waffe."

Sie folgte Angelo, und Broots hastete hinter den beiden her.

Während sie durch die Korridore schlichen, bewunderte Broots einmal mehr Angelos Geschick im Umgang mit dem Sicherheitssystem des Centres. Mittlerweile war er sicher, daß er Jarod damals geholfen hatte zu entkommen. Angelo hatte für sie 
einen Fluchtweg geschaffen, indem er die Kameras und das Alarmsystem geschickt manipuliert hatte.

Sie kamen gut voran. Nur zweimal mußten sie sich verstecken, um nicht Raines' Leuten in die Arme zu laufen. Broots' Herz schlug bis zum Hals. Wenn er das hier überlebte, mußte er endlich das Centre verlassen. Die ganze Aufregung, die sein Job mit sich brachte, war die Bezahlung nicht wert. Außerdem wußte er mittlerweile genug über die Machenschaften des Centres, um nachts nicht mehr ruhig schlafen zu können.

"Broots! Hören Sie endlich auf zu träumen und kommen Sie."

Miss Parker zog an seinem Ärmel und spurtete dann hinter Angelo her, der eine Tür weiter vorn öffnete. Broots mußte sich beeilen, um die beiden einzuholen. Er stellte fest, daß die Tür zu den Katakomben/Wartungstunneln führte, die direkt unterhalb des Centres verliefen. Wie hatten sie es bloß bis hierher geschafft? Zum ersten Mal verspürte Broots so etwas wie vage Hoffnung. Gott sei Dank hatte man Miss Parker nicht in einem der Sublevel gefangen gehalten. Aber sie hatte recht, er mußte aufhören, sich selbst abzulenken, sonst gefährdete er sie alle.

Weiter vorn sah er das Licht einer Taschenlampe, wo Angelo wartete. Er schloß zu Miss Parker auf und blieb dicht bei ihr, um nicht wieder den Anschluß zu verlieren. Eine Weile liefen sie schweigend weiter, dann stolperte Miss Parker auf einmal. Broots stützte sie. Als er sie am Arm berührte, fühlte er feuchten Stoff.

"Miss Parker, sind Sie in Ordnung?" fragte Broots erschrocken.

Sie antwortete nicht und lehnte sich an die Wand.

"Angelo!"

Broots Ruf sorgte dafür, daß Angelo zurückkehrte. Im Licht von Angelos Taschenlampe sah Broots seine Befürchtung bestätigt. Miss Parkers Wunde war wieder aufgebrochen. Sie verlor eine Menge Blut und war sehr blaß. Er fragte sich, wie sie so lange durchgehalten hatte.

"Verdammt!" fluchte sie leise. "Sie müssen die Blutung stoppen, Broots. Oh Gott, die müssen bloß den Blutspuren folgen, verdammt!"

Broots riß mehrere Stoffstreifen von seinem T-Shirt und tat sein Bestes, um die Wunde zu versorgen.

"Das wird nicht lange gutgehen", meinte er besorgt, als er sein Werk kritisch betrachtete.

"Was sollen wir tun? Umkehren? Los, weiter. Es kann nicht mehr weit sein. Ich werde nicht aufgeben!"

Sie schwankte leicht, als sie sich von der Wand abstieß, so daß Broots sie wieder stützen mußte. Angelo sah sie ebenfalls besorgt an, doch dann drehte er sich um und ging weiter in Richtung Freiheit. Miss Parker stützte sich auf Broots, doch sie kamen trotzdem erstaunlich schnell voran.

Nach einer halben Ewigkeit, wie es Broots schien, erreichten sie eine Sackgasse. Am Ende des Tunnels führte eine Leiter nach oben. Angelo kletterte hoch und machte sich am Verschluß der Öffnung zu schaffen. Während Broots wartete, stellte plötzlich entsetzt fest, daß er aus der Ferne Schritte und Stimmen hörte. Er sah zu Miss Parker, die seinen Blick ruhig erwiderte.

"Ja, Broots, ich höre sie auch. Angelo, du mußt dich beeilen."

***

Miss Parker biß die Zähne zusammen. Heißer Schmerz pulsierte in ihrer Schulter und schien mit jedem Herzschlag heftiger zu werden. Immer öfter wurde ihr schwarz vor Augen, und ihre Beine gewährten ihr auch keinen sicheren Halt mehr. Mit ganzer Willenskraft konzentrierte sie sich darauf, bei Bewußtsein zu bleiben. Sie hatten es fast geschafft, nur noch ein bißchen durchhalten.

Die Stimmen kamen immer näher. Komm schon, Angelo. Bitte beeil dich...

"Miss Parker, Angelo hat es geschafft!"

Die erwartete Erleichterung blieb aus. Die Leiter stellte plötzlich ein schier unüberwindliches Hindernis dar. Broots führte sie zu den Sprossen. Irgendwo über ihr schwebte Angelos Gesicht im Mondlicht.

Trotz der Hilfe der beiden kam Miss Parker nur quälend langsam voran. Es schien Stunden zu dauern, bis sie endlich das obere Ende der Leiter erreichte. Plötzlich verschwand Angelo, und ein anderes Gesicht tauchte über dem Rand des Ausstiegs auf.

"Jarod!" flüsterte Miss Parker ungläubig. Gleichzeitig durchflutete sie eine ungeheure Welle der Erleichterung. Sie war froh, ihn zu sehen.

"Ich dachte, Broots..."

"Broots war vernünftig genug, mir Bescheid zu sagen. Komm."

Er half ihr sanft nach oben, wo sie entkräftet zu Boden sank. Jarod hielt sie überrascht fest und musterte sie dann voller Besorgnis.

"Die Wunde ist wieder aufgebrochen", stellte er fest. "Keine Angst, das wird schon wieder."

Miss Parker fragte sich unwillkürlich, ob er damit ihr oder eher sich selbst Mut zusprechen wollte. Hinter ihr kletterte Broots aus der Öffnung, und zusammen mit Angelo verschloß er den Ausstieg. Das würde ihnen etwas Zeit verschaffen.

Ein paar Meter entfernt entdeckte Miss Parker einen dunklen Van, und trotz ihrer Situation mußte sie lächeln.

"Du hast es gewußt...", murmelte sie, versucht, der verführerischen Schwärze nachzugeben, aber auch erfüllt von dem Wunsch, wachzubleiben, in Jarods Nähe.

"Ja. Bei dir bin ich mittlerweile auf alles gefaßt, Parker. Du warst schon immer ungeduldig."

Sie lachte leise und atmete dann zischend ein, als der Schmerz stärker wurde.

"Ist schon gut. Entspann dich einfach", sagte Jarod sanft. "Aber versprich mir, daß du bald wieder aufwachst."

"Okay..."

Das letzte, was Miss Parker fühlte, bevor sie das Bewußtsein verlor, war, wie Jarod sie vorsichtig hochhob und zum Wagen brachte.

***

Jarod saß neben dem Bett und versuchte, wach zu bleiben. Schon seit einer halben Stunde fielen ihm immer wieder die Augen zu. Eigentlich sollte ihn das nicht sehr überraschen, da er während der letzten Tage kaum geschlafen hatte, aber normalerweise kam er mit sehr wenig Schlaf aus.

Es war jetzt zwei Tage her, seit Miss Parker, Angelo und Broots aus dem Centre geflohen waren. Miss Parkers Zustand war stabil, aber sie hatte seitdem das Bewußtsein noch nicht wiedererlangt. Langsam machte er sich Sorgen, und er wollte unbedingt wach sein, wenn sie zu sich kam.

Neben Jarod, auf dem anderen Bett, lag Angelo und schlief. Er hielt noch immer die Tasche in den Armen, die er aus dem Centre mitgebracht hatte. Jarod fragte sich, was darin war, aber er zögerte, Angelo danach zu fragen. Im Centre hatte niemand eine Privatsphäre, abgesehen von den Leuten auf der höchsten Machtebene vielleicht, also sollte Angelo wenigstens jetzt eine haben.

"Jarod?"

Er fuhr herum, als er Miss Parkers heisere Stimme hörte. Sie war endlich aufgewacht und sah ihn an.

"Ich dachte schon, du hättest dein Versprechen vergessen", sagte Jarod sanft und lächelte. Parker erwiderte das Lächeln, obwohl Jarod sehen konnte, daß sie sehr schwach war. Jarod legte seine Hand auf ihre Stirn und stellte fest, daß sie noch immer Fieber hatte.

"Wie fühlst du dich?" wollte er wissen.

"Erstaunlich gut", sagte sie nach einer kurzen Pause.

"Ich habe dir ein paar Schmerzmittel gegeben", erklärte er, zufrieden, daß sie offenbar keine Schmerzen hatte. Parker hob den Kopf und sah sich um.

"Wo sind wir?"

"Weit genug weg vom Centre fürs erste."

"Gut."

Sie gab sich mit seiner Antwort zufrieden und schloß erschöpft die Augen. Es dauerte nur Sekunden, bis sie wieder eingeschlafen war. Der erneute Blutverlust hatte ihrem Kreislauf sehr zugesetzt, und Jarod würde dafür sorgen, daß sie diesmal genug Ruhe bekam.

Er griff nach ihrer Hand, nahm ihre Finger in seine. Trotz des Fiebers fühlte sich ihre Hand kühl an. Sein Daumen strich zärtlich über ihren Handrücken, während er über ihren Schlaf wachte.

***

Zwei Tage später fühlte sich Miss Parker bereits viel besser. Ihre Kraft kehrte langsam zurück, seit sie kein Fieber mehr hatte. Jarod versorgte ihre Wunde, die langsam zu heilen begann und ihr kaum noch Schmerzen bereitete, obwohl sie noch sehr in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt war.

An diesem Morgen hatte Jarod ihr zum ersten Mal erlaubt, sich aufzusetzen, und jetzt saß sie im Bett und frühstückte. Angelo saß auf dem anderen Bett, und Jarod hatte es sich am Tisch bequem gemacht. Parkers Appetit war noch nicht zurückgekehrt, deshalb begnügte sie sich mit Orangensaft und Kaffee.

"Was ist eigentlich mit Broots?"

Jarod sah sie an und grinste.

"Ich schätze, im Moment arbeitet er daran, herauszufinden, wer dir bei deiner Flucht geholfen hat."

"Er ist zurück im Centre?" fragte sie ungläubig.

"Mhm. Nachdem ich euch aufgelesen habe, habe ich ihn bei sich zu Hause abgesetzt, und dann haben wir gemeinsam dafür gesorgt, daß das Centre glauben mußte, er sei während deiner Flucht die ganze Zeit zu Hause gewesen. Auf diese Weise ist es am besten für ihn. In ein paar Monaten, wenn sich alles wieder beruhigt hat, kann er gefahrlos kündigen, ohne je in Verdacht zu geraten. Ein Leben auf der Flucht wäre nichts für ihn und Debbie."

Parker nickte nachdenklich und nippte an ihrem Saft.

"Klingt vernünftig. Wie lange bleiben wir noch hier?"

"Ein paar Tage. Du bist noch nicht transportfähig. Die Wunde könnte wieder aufbrechen, und noch so einen Blutverlust würdest du höchstwahrscheinlich nicht überleben."

Seine Stimme klang ausdruckslos, aber auf seinem Gesicht lag ein entschlossener Ausdruck. Eine Diskussion über diesen Punkt wäre sinnlos gewesen.

"Wie viele Tage?"

"Ich weiß es nicht genau." Er seufzte. "Gib deinem Körper ein paar Tage Zeit, Parker."

"Wir werden sehen."

Für den Augenblick gab sie nach. Sie hätte es nie zugegeben, aber allein der Gedanke daran, sich zu bewegen, war abschreckend. Auch der Gedanke an eine lange Autofahrt war nicht sehr verlockend. Solange sie in Sicherheit und außerhalb des Centres war, war es ihr eigentlich egal, wo sie sich befand. Allerdings wußte sie, daß sich das schon bald ändern würde.

***

Jarod saß im Innenhof des kleinen Motels und starrte in die untergehende Sonne. Seit Miss Parkers Flucht aus dem Centre waren jetzt schon fast vier Wochen vergangen. Er spürte, daß sie sich immer unwohler fühlte, trotz ihrer körperlichen Genesung. Immer öfter kehrte der kämpferische Funke in ihre Augen zurück, obwohl sie sich bisher bemüht hatte, nicht mit ihm zu streiten.

Es war Zeit, über einige Dinge zu reden. Entschlossen stand Jarod auf und ging zu Miss Parkers Zimmer. Die Spannung zwischen ihnen war immer weiter angewachsen, und sie mußten endlich einen Weg finden, sie abzubauen. Vielleicht genügte ein offenes Gespräch. Allerdings machte sich Jarod in diesem Punkt keine großen Hoffnungen, zumal er genau wußte, was bei ihm der Grund für diese Spannung war.

Er klopfte an die Tür.

"Komm rein, Jarod."

Leicht überrascht folgte er ihrer Aufforderung, bis er sah, daß sie am Fenster stand, von wo sie ihn gesehen hatte. Ebenso wie er eben betrachtete sie den Sonnenuntergang.

"Parker, wir müssen uns unterhalten."

Sie drehte sich langsam zu ihm um und hob die Brauen.

"Schon wieder?"

"Ich meine es ernst."

"Ich auch. Ich habe diese ständigen Psychoanalysen gründlich satt. Erst Syd und jetzt du."

Jarod musterte sie lange. Er verstand, wie sie sich fühlte, und er kannte auch die Konsequenzen, die sich daraus ergaben. Diese Konsequenzen waren unvermeidlich, aber vielleicht gelang es ihm, sie ein wenig hinauszuzögern. Langsam ging er zu ihr, bis er dicht vor ihr stand. Vielleicht konnte er mit ihr reden, ohne Worte zu benutzen.

***

Miss Parker starrte Jarod an und versuchte, Ordnung in das Chaos ihrer Gefühle zu bringen. Sie verlor die Kontrolle, wenn er in ihrer Nähe war, und das machte ihr angst. Gleichzeitig fühlte sie sich befreit.

In seinen Augen konnte sie deutlich erkennen, was er wollte. Obwohl sie tief in ihrem Inneren denselben Wunsch verspürte, zögerte sie. Er hatte ihr die Initiative überlassen, weil er wußte, daß das der einzige Weg war. 'Na los, Parker, bring es endlich hinter dich. Euch beide verbindet nichts. Beweise es ihm. Und, vor allem, beweise es dir selbst.'

Sie trat noch einen weiteren Schritt auf ihn zu. Die Spannung zwischen ihnen war beinahe unerträglich stark. Aufreizend langsam legte sie ihre Arme um seinen Hals und verschränkte die Hände in seinem Nacken. Dann zog sie ihn zu sich heran.

Als sich ihre Lippen berührten, wußte Parker, daß sie sich etwas vorgemacht hatte. Es existierte sehr wohl etwas zwischen ihnen, und es traf sie wie ein elektrischer Schlag. Jarod erwiderte ihren Kuß, verursachte intensive Gefühle in ihr. Seit dem letzten Mal hatten sie beide eine Menge dazugelernt.

Aber dieser Kuß war nicht mit ihrem ersten vergleichbar. Hier gab es nichts Unschuldiges oder Kindliches mehr. Beide verspürten eine brennende Neugier und den Wunsch nach mehr.

Parker spürte, daß sie sich selbst zu verlieren drohte. Plötzlich war nichts mehr wichtig, es zählten nur noch Jarods Lippen auf ihren und das Gefühl, in seinen starken Armen sicher zu sein.

Auf einmal klingelte Jarods Handy. Mit diesem Geräusch kehrte Parkers Kontrolle zurück, und sie machte sich von Jarod los. Genauso wie sie war er völlig außer Atem, und seine braunen Augen waren dunkel vor Erregung.

"Willst du nicht rangehen?" fragte sie ihn.

Er brauchte einen Augenblick, um sich wieder zu fangen, dann nickte er.

***

Innerlich fluchte Jarod. Wieso mußte das verdammte Telefon ausgerechnet jetzt klingeln? Endlich gab Parker ihm die Gelegenheit, ihr ihre Gefühle klarzumachen und nun das.

Noch immer außer Atem aktivierte er die Verbindung.

"Ja?"

"Jarod? Ist alles in Ordnung mit dir?"

"Ja. Alles bestens. Was gibt's, Syd?"

Er drehte Parker den Rücken zu und hoffte, daß sie bleiben würde.

"Ich wollte mit dir über Miss Parker reden."

Jarod bemühte sich, die Kontrolle wiederzuerlangen. Plötzlich spürte er, wie Miss Parker von hinten an ihn herantrat. Sie legte die Arme um ihn und ließ ihre Hände über seine Brust gleiten. Überrascht unterdrückte er ein Stöhnen und schloß kurz die Augen.

"Das ist jetzt kein sehr guter Zeitpunkt, Syd. Ich rufe dich später zurück, ja?"

"Ist wirklich alles in Ordnung?"

"Ja. Mach's gut, Sydney."

Das Telefon fiel unbeachtet zu Boden, als Jarod sich umdrehte und Parkers Zärtlichkeiten erwiderte.

***

Der Morgen dämmerte bereits, als Jarod aus einem kurzen Schlaf erwachte. Er hielt Parker in einer engen Umarmung, als könnte er sie auf diese Weise für immer halten. Aber er wußte, daß das nicht möglich war. Noch nicht.

Sie öffnete die Augen und sah ihn an.

***

Jarod sah schweigend dabei zu, wie Miss Parker ihre Sachen packte. Er hatte gewußt, daß sie früher oder später gehen würde, trotzdem fiel ihm der Abschied alles andere als leicht. Besonders nach der letzten Nacht.

"Bist du wirklich sicher?" fragte er.

Sie hielt einen Moment inne, dann legte sie die Bluse in die Reisetasche. Schließlich drehte sie sich zu ihm um.

"Das hatten wir doch schon. Ich brauche etwas Zeit für mich. Zuerst hat das Centre mein Leben kontrolliert, und dann hast du dich auch noch eingemischt."

Ihr Tonfall enthielt keinen Vorwurf, und er nickte langsam. Es fiel ihm nicht schwer, sie zu verstehen, aber er wollte sie nicht einfach so gehen lassen.

"Du kannst Angelo bei mir lassen", schlug er vor.

"Danke."

Parker wandte sich wieder ihrer Tasche zu. Erst als sie fertig gepackt hatte, drehte sie sich wieder zu Jarod um.

"Jarod, ich möchte dich noch um etwas bitten."

"Ja?"

"Während ich weg bin, sollten wir keinen Kontakt zueinander haben. Keine emails, keine Anrufe, nichts. Ich lasse es dich wissen, wenn ich bereit bin, zurückzukehren."

Jarod schloß die Augen. So etwas hatte er befürchtet.

"Jarod?"

Er sah sie an, versuchte dabei, seinen Schmerz zu verstecken.

"In Ordnung", antwortete er leise.

"Versprich es", verlangte sie.

"Ich... verspreche es."

"Gut. Bevor ich gehe...", sie zog etwas aus ihrer Tasche, "möchte ich dir das hier geben. Ich hätte es schon früher tun sollen, aber..."

Parker brach ab und schüttelte den Kopf.

"Ich erkläre es dir später. Hier."

Jarod starrte auf die Akte, die sie ihm gegeben hatte. Die Akte stammte aus dem Tower und unterlag der allerhöchsten Geheimhaltungsstufe.

"Was ist das?"

"Ein Stück deiner Vergangenheit. Jarod, ich muß jetzt gehen. Von Angelo habe ich mich bereits verabschiedet..."

Er stand auf und ging zu ihr. Sie küßten sich zum Abschied, leidenschaftlich, fast verzweifelt. Dann löste sie sich von ihm, griff nach ihrer Tasche und ging. Jarod starrte ihr noch lange hinterher, bevor er zum Bett zurückkehrte und die Akte in die Hand nahm.

...

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