Entkommen
Miss Parker blinzelte benommen, als sie langsam
zu sich kam. Sie fühlte sich schrecklich schwach, und ihr Kopf fühlte sich
merkwürdig schwer an. Die Welt um sie herum nahm nur langsam wieder vertraute
Konturen an. Ein Geräusch drang an ihr Bewußtsein, ein leises Piepsen, das
sich ständig wiederholte. Langsam kehrte die Erinnerung zurück, und mit ihr
der Schmerz in ihrem Inneren.
Jemand hielt ihre Hand und sagte ihren Namen. Die Stimme kam ihr bekannt vor,
aber es war nicht die, die sie hören wollte, die einzige, die ihr Trost spenden
konnte.
Mühsam öffnete sie die Augen. Matt stand neben dem Bett und sah sie besorgt
an. Sein Gesicht hellte sich auf, als sie ihn ansah. Ihr Blick glitt suchend
durch das Zimmer, bis sie endlich fand, was sie suchte.
"Jarod", flüsterte sie heiser.
Seine Gestalt löste sich aus den Schatten, und er kam zu ihr. Auch in seinem
Gesicht las sie Besorgnis, außerdem Unsicherheit. Er sah fast aus wie der
kleine Junge, den sie damals im Centre zum ersten Mal gesehen hatte. Sie
streckte ihre freie Hand nach ihm aus. Erleichterung und ein tiefes Gefühl der
Wärme erfüllten sie, als er sie in seine nahm. Eine Barriere in ihr schien zu
zerbrechen, und sie fühlte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Aus reiner
Gewohnheit kämpfte sie dagegen an, bis sie das Verständnis in Jarods Augen
sah.
Am Rande nahm sie wahr, daß Matt ihre Hand losließ. Unmittelbarere Dinge
nahmen jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie dachte an ihren Vater,
seine Lügen und seine Kälte, an Lyle, an Fenigore. Unweigerlich glitten ihre
Gedanken weiter zu Sydney, dann zu ihrer Mutter.
"Es tut weh. Es tut so verdammt weh."
"Ich weiß."
Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
"Der Schmerz wird nachlassen. Es dauert, aber..."
"Du magst ein Genie sein, aber du bist ein schlechter Lügner, Jarod."
"Ich kann dir helfen. Wenn du mich läßt."
Sie fühlte die Wärme seiner Hand, hörte die Wärme in seiner Stimme und
wollte nur zu gerne glauben, daß er ihr helfen konnte. Die Müdigkeit kehrte
zurück. Noch war sie zu schwach, dagegen anzukämpfen.
"Jarod", wisperte sie und schloß die Augen.
"Ich bin hier. Ich bin immer für dich da."
***
Jarod saß neben dem Bett und beobachtete Parker. Er hielt noch immer ihre Hand,
unfähig, den Kontakt zu unterbrechen. Während der letzten drei Jahre, obwohl
er auf der Flucht gewesen war, hatte er immer Kontakt zu ihr gehalten. Weil sie
ihn brauchte, und weil er sie brauchte.
Matt war gegangen. Jarod hatte kurz mit ihm gesprochen und versucht, ihm Parkers
Reaktion zu erklären. Dieses eine Mal war er sicher, daß sie Matt nicht mit
Absicht verletzt hatte, daß es ihr später vermutlich sogar leid tun würde.
Die Erkenntnis überraschte ihn, weckte eine Spur von Eifersucht, aber vor allem
war er froh darüber. Endlich war es soweit, endlich ließ sie ihn freiwillig an
ihren Gefühlen teilhaben.
Er sah in ihr Gesicht. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sah er dort wieder das
kleine Mädchen, das seine einzige Freundin auf der ganzen Welt gewesen war. Und
er sah die Frau, die Parker wirklich war, die sie so sehr versteckt hatte, die
ihm so unendlich viel bedeutete. Die er fast verloren hätte...
Der Gedanke war noch immer erschreckend und schmerzhaft. Sie hatte sehr viel
Blut verloren, und wahrscheinlich war es nur ihrem starken Willen zu verdanken,
daß sie noch lebte. Zum Tausendsten Mal fragte er sich, ob es sich um eine
Warnung des Centres gehandelt oder ob sie einfach nur Glück gehabt hatte. Er würde
es herausfinden, und er würde sie beschützen, selbst wenn sie sich wieder von
ihm zurückziehen würde.
Sie begann, sich unruhig im Schlaf zu bewegen. Jarod wußte, daß die Alpträume
zurückgekehrt waren. Ohne lange zu überlegen, legte er sich neben sie, dann
schloß er sie vorsichtig in seine Arme und stützte dabei sanft ihre verletzte
Schulter.
"Ist schon gut", murmelte er beruhigend.
Es dauerte nicht lange, bis sie sich in seinen Armen entspannte. Erleichtert zog
er sie enger an sich. Wie lange war es her, seit er ihr so nahe gewesen war?
Damals waren sie beide noch Kinder gewesen, kurz nach dem Tod ihrer Mutter. Sie
hatte bei ihm Trost gesucht, und er hatte versucht, ihren Schmerz zu lindern.
Danach war sie fortgegangen, und als sie wiedergekommen war, war es bereits zu
spät gewesen. Außer ihrem Vater hatte sie niemanden mehr an sich heran
gelassen, und er hatte es nur noch schlimmer gemacht, mit jedem Versprechen, das
er gebrochen und jeder Verabredung, die er vergessen hatte.
Er hatte das Gefühl gehabt, sie verloren zu haben, aber gleichzeitig hatte er
beschlossen, alles zu versuchen, um ihr zu helfen und sie wieder zurück zu
bekommen. Im Laufe der Jahre hatten sie sich immer weiter voneinander entfernt
und einander verletzt, aber die Verbindung zwischen ihnen bestand noch immer,
und sie war jetzt stärker denn je.
Jarod schloß die Augen und legte sein Gesicht an ihren Nacken. Er schlief nicht
ein, aber er entspannte sich, empfand eine Ruhe, die er schon seit Jahren nicht
mehr gefunden hatte.
Die Zeit mit ihr war kostbar. Vielleicht hatten sie nur diese eine Nacht. Das
Centre durfte nicht wissen, daß er hier bei ihr war, und wenn es ihr erst
wieder besser ging, würde sie ihn wahrscheinlich nie wieder so nah an sich
heran lassen.
Eine ganze Weile lagen sie einfach nur so da, bis er spürte, wie sie sich gegen
seine Umarmung wehrte. Es überraschte ihn, wie sehr ihn ihre Ablehnung
schmerzte, aber er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, als er sprach.
"Schon gut. Ich lasse dich wieder allein."
"Nein! Warte."
Sie drehte sich, bis sie mit dem Rücken zu ihm lag, dann schmiegte sie sich an
ihn.
"Ich wollte nur etwas bequemer liegen, das ist alles. Ich möchte nicht, daß
du gehst."
Verwirrt, aber voller Freude legte er seine Arme wieder um sie. Die kurze
Bewegung hatte sie erschöpft, das konnte er spüren. Sie griff nach seiner
Hand, legte ihre Finger in seine, bevor sie wieder einschlief. Die Zärtlichkeit
dieser einfachen Geste erfüllte ihn mit ungekannter Wärme. Er liebte sie, daß
war ihm jetzt klarer als je zuvor.
Seine Beziehungen zu anderen Frauen hatten ihm das schon früher bewußt
gemacht, aber er hatte versucht, dieses Gefühl zu ignorieren. Dann hatte er
sich eingeredet, daß seine Gefühle für Parker eher geschwisterlicher Natur
waren, da sie zusammen aufgewachsen waren. In seinem Herzen hatte er immer gewußt,
daß es nicht so war, daß er sie als die Frau liebte, die sie war. Er wollte
sie als seine Partnerin, seine Freundin, seine Vertraute und seine Geliebte.
Auch Nia hatte er geliebt, aber auf eine andere Weise. Seine Gefühle waren
nicht so umfassend und tiefgehend gewesen, wie das, was er für Parker empfand
und das ihn für immer an sie band.
Zum ersten Mal sah er jetzt eine reelle Chance, daß sie seine Gefühle erwidern
könnte. Für den Augenblick war er aber schon damit zufrieden, ihr Vertrauen
gewonnen zu haben und nicht mehr auf eine Mauer aus Mißtrauen, Schmerz und
Ablehnung zu stoßen. Das war mehr, als er sich von seinem Besuch hier erhofft
hatte.
***
Der Morgen graute bereits, als Jarod aufwachte. Mit dem ersten Licht des Tages
kam auch die unangenehme Erkenntnis, daß er bald gehen mußte. Nur sehr
widerstrebend verließ er das Bett und setzte sich wieder auf den Stuhl.
Parker schlief noch immer. Sie war furchtbar blaß, und Jarods Sorge kehrte mit
aller Wucht zurück. Es würde eine Weile dauern, bis sie wieder gesund sein würde.
Solange sie hier im Krankenhaus war, würde es nicht einfach sein, sie zu
besuchen, aber er war schließlich ein Pretender und würde einen Weg finden.
Er überlegte gerade, ob er sie wecken sollte, als eine Krankenschwester das
Zimmer betrat. Sie schien ein wenig überrascht zu sein, so früh schon einen
Besucher zu treffen, lächelte aber freundlich.
"Guten Morgen, Sir."
"Guten Morgen, Schwester."
Jarod erwiderte das Lächeln, dann warf er einen letzten Blick auf Miss Parker.
Voller Bedauern stand er auf und ging zur Tür.
"Sie können gleich wieder hereinkommen", bot die Schwester an.
"Danke, aber ich muß jetzt leider gehen. Auf Wiedersehen."
"Auf Wiedersehen, Sir."
Im Herausgehen hörte er noch, wie die Krankenschwester Miss Parker aufweckte.
***
Erst zwei Tage später ergab sich eine Gelegenheit für Jarod, sie
wiederzusehen. Mittlerweile hatte er mit Sydney gesprochen, allerdings ohne
seinen Besuch im Krankenhaus zu erwähnen. Sydney hatte ihm in bezug auf die
Motivation des Centres in dieser Sache nicht weiterhelfen können, aber Jarod
wurde das Gefühl nicht los, daß Syd ihm irgend etwas verschwieg, und zwar
etwas, das ihn belastete.
Als Jarod Parkers Zimmer betrat, erwartete ihn eine Überraschung. Sie war nicht
da. Ihr Bett war leer. Verwirrt runzelte er die Stirn, während Angst in ihm
hochstieg. Was, wenn sie...
"Hallo, Jarod."
Er fuhr herum und sah Matt, der in der Tür stand.
"Ich hab' Sie hier herein gehen sehen und dachte, daß ich Ihnen Bescheid
sagen sollte."
"Hallo, Matt. Wo ist sie?"
Matt seufzte.
"Es scheint, daß wir sie nur um ein paar Minuten verpaßt haben. Sie wurde
entlassen. Die Schwester hat es mir gerade gesagt."
Eine Ahnung manifestierte sich in Jarod, zusammen mit einem unguten Gefühl.
"Bitte entschuldigen Sie mich, Matt, und vielen Dank für die
Informationen", sagte er hastig und ging eilig zum Schwesternzimmer. Auf
dem Gang begegnete ihm die Krankenschwester, die sich vor zwei Tagen um Parker
gekümmert hatte. Offenbar erkannte sie ihn auch wieder.
"Oh, Hallo, Sir, da sind Sie ja wieder. Es tut mir leid, aber Sie haben
Miss Parker um eine Viertelstunde verpaßt. Sie wurde entlassen."
Sie runzelte die Stirn, als sei sie damit nicht einverstanden.
"Das weiß ich bereits. Wurde sie auf eigenen Wunsch entlassen?"
"Nein, ihre Familie hat sie mitgenommen."
Eine eisige Kälte erfaßte Jarod.
"Ihre Familie? Ihr Vater und ihr Bruder?"
"Ja, außerdem ein älterer Mann. Ich glaube, er ist auch Arzt. Er hat ihr
irgendein Medikament gegeben, aber ich konnte nicht erkennen, was.
Sydney, schoß es Jarod durch den Kopf. Das hast du mir also verheimlicht. Was
hast du vor?
"Miss Parker war nicht bei Bewußtsein, habe ich recht?"
"Das stimmt. Ihr Vater sagte, zu Hause könnten sie sich besser um seine
Tochter kümmern. Er war mir irgendwie unheimlich, genauso wie die beiden
Bodyguards, die sie bei sich hatten."
Jarod schluckte. Sie mußten zwei Sweeper mitgebracht haben. Es konnte kein
Zweifel daran bestehen, daß Mr. Parker seine Tochter zurück ins Centre geholt
hatte. Er mußte sie so schnell wie möglich da raus holen, bevor sie ihre Gefühle
endgültig aufgab - oder bevor Raines sie ihr wegnahm.
***
Miss Parker öffnete die Augen und wußte sofort, daß etwas nicht stimmte. Das
hier war nicht das Krankenhaus - aber wo war sie dann? Die Umgebung war
vertraut. Der Schock der Erkenntnis raubte ihr für einen Moment den Atem. Sie
war im Centre.
Mühsam kämpfte sie gegen Angst und beginnende Panik. Immerhin war sie noch am
Leben. Allerdings hieß das im Centre nicht sehr viel, besonders dann nicht,
wenn Raines seine Finger im Spiel hatte, und das hatte er bestimmt. Sie
schluckte und überlegte krampfhaft.
Es gab nur zwei Personen, denen sie im Centre trauen konnte, Angelo und Broots.
Angelo stellte die unsicherere Variante dar, also mußte sie irgendwie
versuchen, mit Broots zu sprechen. Er mußte unter allen Umständen verhindern,
daß jemand anderes ihr Handy in die Finger bekam. Jarod würde mit Sicherheit
versuchen, sie zu erreichen. Konnte es sein, daß jemand das alles geplant
hatte? Sie war durchaus bereit, Lyle so etwas zuzutrauen. Er war ein gefährlicher
Irrer, ein Soziopath, dem nur ein Verrückter trauen konnte.
Ein Geräusch weckte ihre Aufmerksamkeit. Jemand leistete ihr Gesellschaft. Mit
einiger Mühe richtete sie sich etwas auf und entdeckte ihren Besucher schließlich
in der Nähe der Tür, von wo er sie unschlüssig beobachtete. Es war Sydney.
Die Bewegung ließ den Schmerz in ihrer Schulter wieder aufflammen. Sie stöhnte
leise. Sydney kam zu ihr.
"Miss Parker, Sie dürfen sich noch nicht soviel bewegen. Haben Sie
Schmerzen?"
Er griff nach einer Spritze, die auf dem Tisch neben dem Bett lag. Parker ließ
sich wieder zurücksinken.
"Nein", log sie.
In Syds Gesicht kämpften widerstreitende Emotionen, aber schließlich nickte
er.
"Na gut. Hier drin ist ein Schmerzmittel. Sie müssen nur Bescheid sagen,
wenn..."
"Ich will mit Broots sprechen."
Sydney verzog das Gesicht.
"Das geht nicht, Miss Parker."
"So ist das. Ich bin hier eine Gefangene."
"Nein! Sie sind nur zu schwach, um Besuch zu haben. Es wäre nicht
ratsam."
Sie wußten beide, daß er log.
"Wann kann ich ihn sehen?"
"Miss Parker, gefährden Sie ihn doch nicht auch noch..."
"Ich gefährde niemanden außer mir selbst! Ich falle niemandem in den Rücken,
und ich habe auch keine Informationen zurückgehalten!"
Sie schloß die Augen. Ihr Wutausbruch hatte sie sehr angestrengt. Sydney legte
ihr eine Hand auf den Arm.
"Miss Parker", sagte er sanft.
"Verschwinden Sie, Syd. Ich lege keinen Wert auf Ihre Anwesenheit."
Er seufzte leise.
"In Ordnung. Ich sehe später noch einmal nach Ihnen."
Parker schwieg und wartete, bis sie hörte, wie sich die Tür hinter ihm schloß,
bevor sie die Augen wieder öffnete. Tränen schimmerten darin.
Hinter dem Gitter des Lüftungsschachts saß Angelo und sah traurig hinunter zu
Miss Parker. Der Name Broots hallte in seinem Gedächtnis wider, zusammen mit
Miss Parkers Wunsch, ihn zu sehen. Angelo wußte, was er zu tun hatte.
***
Broots schlich mit einem unguten Gefühl durch den Korridor. Angelo, der vor ihm
ging, wirkte völlig unbeschwert, aber das war häufig der Fall. Zum hundertsten
Mal sagte sich Broots, daß Angelo der Letzte wäre, der ihn in eine Falle
lenken würde. Trotzdem fühlte er sich hier nicht wohl.
Nach einer Weile blieb Angelo vor einer Tür stehen und sah Broots ungeduldig
an. Schuldbewußt beeilte sich Broots und zuckte zusammen, als er keine
zweihundert Meter weiter zwei Sweeper vor einer Tür stehen sah. Offenbar
hielten sie dort Wache. Broots schnappte erschrocken nach Luft, als Angelo ihn
in den Raum zog und dann lautlos die Tür hinter ihm schloß.
Als nächstes griff Angelo nach einem Stuhl und trug ihn zur Wand, wo er ihn
direkt unter das Lüftungsgitter stellte. Er brauchte nur ein paar Sekunden, um
das Gitter zu lösen. Broots ahnte Schlimmes.
"Angelo, warte. Sollen wie etwa durch die Lüftung klettern? Das kann ich
nicht!"
Angelo drehte sich zu ihm um und sah ihn intensiv an.
"Sehr wichtig. Freiheit. Leben", sagte er langsam.
"Oh Gott. Wieso lasse ich mich immer wieder auf so etwas ein?"
Mit einem Seufzen folgte er Angelo in den Lüftungsschacht. Während sie langsam
durch die Dunkelheit krochen, wurde Broots bewußt, wie gut Angelo sich hier
auskennen mußte. Durch das Lüftungssystem konnte er praktisch jeden Ort im
Centre erreichen - ohne bemerkt zu werden. Dazu war nur eine einfache
Manipulation des Überwachungssystems nötig...
Broots erkannte, daß er Angelo immens unterschätzt hatte. Der Mann mochte in
mancher Hinsicht kindlich wirken, aber er war auf seine Art bemerkenswert
intelligent. Vielleicht hatte er doch mehr von einem Pretender, als Raines
ahnte, als sie alle ahnten.
Angelo hielt an, und Broots wartete nervös. Nach ein paar Minuten bedeutete
Angelo ihm, an ihm vorbei zu kriechen. Broots gehorchte und sah vorsichtig durch
die Öffnung am Ende des Schachts. Er hatte keine Ahnung, wo sie waren. Der Raum
vor ihm war leer, zumindest auf den ersten Blick. Erst als er genauer hinsah,
entdeckte er die Gestalt, die regungslos in einem Bett lag.
"Miss Parker!"
Vor Überraschung fiel er beinahe aus dem Schacht, so daß Angelo ihn festhalten
mußte.
"Danke, Angelo."
Mit Angelos Hilfe kletterte Broots zu Boden und ging dann zu Miss Parker. Sie
war blaß, und ihre linke Schulter war bandagiert. Verwirrt sah Broots auf sie
hinab. Er hatte sie schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen, aber seine
Nachforschungen waren weitgehend erfolglos geblieben. Zuviel Neugier konnte im
Centre sehr leicht tödlich sein.
"Miss Parker?" fragte er leise.
Sie blinzelte ein paar Mal, bevor sie die Augen öffnete und ihn ansah. Der
Hauch eines Lächelns umspielte ihre Lippen - aber vielleicht bildete sich
Broots das auch nur ein.
"Broots. Hat Sydney Sie geschickt?"
"Nein, Angelo hat mich hergebracht. Ich hatte keine Ahnung, was los war.
Was ist passiert?"
"Das hat Zeit. Kommen Sie her."
Broots machte zwei Schritte auf das Bett zu und blieb dann stehen. Miss Parker
verzog das Gesicht.
"Näher, Broots."
"Uh..."
"Kommen Sie schon, ich werde Sie nicht beißen. Dazu bin ich heute nicht in
der Stimmung. Ich will nur kein Risiko eingehen."
Zögernd trat Broots noch etwas näher, bis er direkt neben dem Bett stand. Mit
ihrer gesunden Hand griff Miss Parker nach seinem Kragen und zog ihn zu sich
herunter. Ihr Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. Broots'
Wangen brannten.
"So, Broots", flüsterte sie, und ihr Atem kitzelte ihn im Ohr,
"jetzt hören Sie mir gut zu. Ich brauche Ihre Hilfe, aber ich kann Sie
nicht dazu zwingen. Es könnte gefährlich werden, aber ich kann mich an
niemanden sonst wenden. Wollen Sie mir helfen? Nicken Sie einfach."
Broots überlegte nur Sekundenbruchteile. Er konnte hören, wie angestrengt ihre
Stimme klang, aber ihre sonstige Unnahbarkeit fehlte völlig. Natürlich würde
er ihr helfen - schon weil sie ihn diesmal darum gebeten, und es ihm nicht
befohlen hatte. Vorsichtig nickte er.
"Gut. Sie müssen sich um mein Handy kümmern, das ist äußerst wichtig.
Kennen Sie sich in meinem Haus aus?"
"Uh... ja."
"Es befindet sich im Wohnzimmer, unter dem Couchtisch. Sie müssen es unter
allen Umständen vor dem Centre bekommen. Wenn Sie es haben, warten Sie, und
wenn es klingelt, gehen Sie ran. Der Rest wird sich dann ergeben. Alles
klar?"
"Ja, Miss Parker."
Sie ließ ihn los, und er richtete sich benommen auf.
"Dann müssen Sie jetzt gehen, Broots. Beeilen Sie sich... und seien Sie
vorsichtig."
Broots starrte sie verwirrt an, bis sie die Brauen hochzog.
"Na los, Broots, worauf warten Sie noch? Die dürfen Sie hier nicht finden.
Gehen Sie!"
"Und was ist mit Ihnen?"
"Ich werde in nächster Zeit nirgendwo hingehen, keine Sorge. Nun gehen Sie
endlich. Ach, und wenn Sie nächstes Mal kommen, bringen Sie etwas zum Schreiben
und ein Feuerzeug mit."
"Aber..."
"Broots. Ich verlasse mich auf Sie. Und noch etwas - lassen Sie Sydney da
raus."
In ihrer Stimme schwang keinerlei Schärfe mit, nur leichte Ungeduld. Broots sah
zum Lüftungsschacht, wo Angelo auf ihn wartete, und wieder zu Miss Parker, die
erschöpft die Augen geschlossen hatte. Entschlossenheit erfüllte Broots, und
er beeilte sich, zurück in den Schacht zu kriechen. Angelo verschloß das
Gitter hinter ihm und führte ihn den Weg zurück. Er war der einzige, der Miss
Parkers tiefe Dankbarkeit spürte, und auch der einzige, der ihre leisen Worte hörte.
"Danke, Angelo. Vielen Dank, mein Freund."
***
Broots saß in seinem Büro und starrte das Telefon an, das vor ihm auf dem
Tisch lag. Er hatte sich lange überlegt, ob er es ins Centre bringen sollte,
aber so war es vermutlich am sichersten. Keiner würde es hier vermuten.
Gleich nachdem Angelo ihn zurückgeführt hatte, war er zu Miss Parkers Haus
gefahren und hatte dort zu seiner großen Erleichterung ihr Handy gefunden.
Offenbar war er dem Centre zuvorgekommen.
Es war Miss Parkers persönliches Handy, das sie in unregelmäßigen Abständen
immer wieder von ihm prüfen ließ. Auch diesmal hatte er es untersucht und
nichts gefunden. Wer auch immer anrief, das Centre würde nichts davon
mitbekommen.
Broots begann, sich wieder auf seine eigentliche Arbeit zu konzentrieren. Als
das Telefon klingelte, erstarrte er, dann nahm er es in die Hand und aktivierte
die Verbindung. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Was passieren würde,
wenn jemand herausfand, was er machte; was das Centre mit ihm machen würde...
Er ahnte bereits, wessen Anruf Miss Parker erwartete, obwohl er es sich kaum
erklären konnte. Sein Mund fühlte sich trocken an, als er sprach.
"Hallo?"
Am anderen Ende der Leitung herrschte für einen Moment angespanntes Schweigen.
"Broots, sind Sie das?"
Tatsächlich. Jarods Stimme, er hatte also richtig vermutet.
"Ja. Uh, Jarod?"
"Mhm. Hören Sie mir zu, Mr. Broots, ich brauche Ihre Hilfe."
Broots schluckte ein paar Mal. Miss Parker zu helfen bedeutete großen Ärger,
aber mit Jarod zusammenzuarbeiten, kam einem Todesurteil gleich.
"Was soll ich tun?"
***
"Broots, da sind Sie ja endlich wieder. Was hat er gesagt? Nein, warten
Sie. Haben Sie an etwas zum Schreiben gedacht?"
"Ähm, ja, aber..."
"Gut. Schreiben Sie's auf."
"Was?"
"Soll ich's Ihnen erklären? Schreiben Sie Ihre Antwort auf den Zettel. Wir
sind hier im Centre, schon vergessen?"
Broots seufzte resigniert und setzte sich an den Tisch. Er starrte auf den
Zettel vor sich. Wo sollte er beginnen? Jarod hatte ihn ausdrücklich gebeten,
Miss Parker nur das Nötigste zu verraten, so daß sie kooperieren würde. Also
sollte er sich wahrscheinlich auf die Fakten des Plans beschränken, von dem er
selbst nicht alle Einzelheiten kannte.
"Worauf warten Sie, Broots? Eine Inspiration?"
Mittlerweile schien es Miss Parker schon besser zu gehen, während ihre Laune
sich verschlechtert hatte. Doch noch immer fehlten die schneidende Kälte und
die Herablassung in ihrer Stimme, obwohl Broots beides schon seit einer Weile
nicht mehr gehört hatte.
Broots erinnerte sich noch gut an das Gespräch mit Jarod, an die Anspannung und
Sorge in seiner Stimme, als er nach Miss Parker gefragt hatte. Irgendwie hatte
Broots das Gefühl, daß er ihr davon erzählen sollte, aber er wußte nicht,
wie. Schließlich schrieb er nur die wichtigsten Informationen auf und beschloß,
den Rest Jarod zu überlassen.
Er gab Miss Parker den Zettel, die ihn aufmerksam las. Sie runzelte die Stirn.
"Geben Sie mir das Feuerzeug, Broots."
Broots reichte es ihr zusammen mit einem Päckchen Zigaretten. Parker sah
belustigt zu ihm auf.
"Das habe ich aufgegeben", erklärte sie, während sie den Zettel anzündete
und in den Papierkorb fallen ließ. Überrascht sah Broots in die Flammen, dann
grinste er.
"Mein Fehler", meinte er dann.
"Sehr richtig, Broots."
Sie lächelte ebenfalls, doch sie wurde schnell wieder ernst.
"Das war nicht alles", sagte sie und nickte in Richtung der Asche.
"Uh... nein", gab er zu, hob aber gleich abwehrend die Hände.
"Er hat mir nicht mehr verraten, weil er wußte, daß ich es Ihnen früher
oder später erzählen würde." Das war zwar nicht die ganze Wahrheit, aber
Broots hoffte, daß es nah genug dran war. Parker musterte ihn lange.
"Na schön", sagte sie schließlich, und Broots verspürte beginnende
Erleichterung, "aber ich werde da nicht mitmachen, solange ich nicht mehr
weiß. Ich habe eigene Pläne."
"Aber... Wenn Sie seine Hilfe nicht wollen, warum sollte ich dann..."
"Ganz einfach, weil er sich nicht einmischen soll, und deswegen werden Sie
für Ablenkung sorgen. Er darf auf gar keinen Fall hierher kommen, haben Sie
verstanden?"
Broots überlegte fieberhaft. Ihm gefiel die Wendung, die die Ereignisse urplötzlich
genommen hatten, gar nicht. Jarod war ein Pretender. Die Chancen, daß sein Plan
zum Erfolg führen würde, standen gut. Natürlich nur, wenn Miss Parker
kooperierte. Was sollte er tun?
"Broots?"
"Äh, ja. Alles klar. Ich werde mich darum kümmern. Miss Parker, was haben
Sie vor?"
Sie schüttelte energisch den Kopf.
"Ich lasse es Sie wissen, wenn es soweit ist."
Na toll, dachte Broots. Wieso war sie bloß so unvernünftig? Es war doch
wirklich nicht schwer, Jarod zu vertrauen. Schließlich hatte er sie bisher noch
nie in Schwierigkeiten gebracht. Nun, zumindest nicht absichtlich.
"Na gut. Ich muß jetzt gehen, aber ich komme wieder, sobald ich etwas
Neues weiß."
Parker nickte zum Abschied, und Broots machte sich auf den Rückweg.
***
Jarod saß auf dem Bett und wartete. Es war noch zu früh, um Broots wieder
anzurufen. Aber es gab jemand anderen, mit dem er sprechen konnte. Jemand, der
vielleicht etwas über die Hintergründe wußte und der sie ihm verraten würde,
weil er ein schlechtes Gewissen hatte. Es klingelte nur zweimal, dann erklang
Sydneys Stimme am anderen Ende der Leitung.
"Hallo?"
"Hallo, Sydney. Wie geht's?"
"Jarod!"
In Sydneys Stimme schwangen Überraschung und Freude mit.
"Hör mal, Sydney, ich habe ein paar Fragen, und ich hoffe, daß du sie mir
beantworten kannst."
"Ich werde es versuchen, Jarod."
"Gut. Warum wurde Miss Parker angeschossen und von wem?"
Jarod hörte, wie Sydney tief durchatmete.
"Sydney, ich will diese Informationen."
Er haßte es, das zu tun, aber wenn es sein mußte, würde er Sydneys Schuldgefühle
gegen ihn verwenden.
"Ich kann dir den Bericht des Centres..."
"Den habe ich bereits gelesen. Und jetzt will ich die Wahrheit wissen. Syd,
wir wissen doch beide, daß in diesem Bericht alles steht, nur nicht das, was
wirklich passiert ist. Erzähl mir, was du weißt."
Sydney zögerte nur kurz.
"Na schön, Jarod. Ich war dabei, als es passiert ist, und Miss Parker hätte
überhaupt nicht da sein sollen. Raines hatte wieder ein Kind isoliert, einen
potentiellen Pretender."
Jarod schloß kurz die Augen. Erinnerungen an seine eigene Entführung und die
des kleinen Davy schossen ihm durch den Kopf.
"Wie Miss Parker davon erfahren hat, weiß ich nicht, obwohl ich zuerst
dachte, daß du dahinter steckst. Mittlerweile glaube ich, daß Angelo ihr
geholfen hat. Wie auch immer, vor zwei Wochen ließ Raines den Jungen ins Centre
bringen und isolierte ihn dann auf SL 24. Ich stieß mehr oder weniger zufällig
auf ihn, als ich herausfinden wollte, warum Mr. Parker und Mr. Lyle soviel Zeit
dort unten verbracht haben. Als ich es herausfand, war ich entsetzt darüber, daß
Raines es so schnell wieder versuchte. Diesmal konnte und wollte ich nicht
wieder tatenlos zusehen, also beschloß ich, den Jungen zu befreien, doch...
Miss Parker ist mir zuvorgekommen."
Sydney machte eine Pause, und Jarod blinzelte überrascht. Dann lächelte er.
Damit hatte er nicht gerechnet, obwohl er immer gehofft hatte, daß so etwas früher
oder später passieren würde. Unter ihrer Unnahbarkeit ähnelte Miss Parker
ihrer Mutter mehr, als sie wahrscheinlich selbst ahnte.
"Du scheinst nicht sehr überrascht zu sein, Jarod."
"Nicht wirklich. Du etwa?"
"Nun, in dem Moment war ich es jedenfalls. Im ersten Augenblick konnte ich
mir überhaupt nicht erklären, was sie dort wollte, aber dann wurde mir klar,
was der Grund war. Offenbar hatte sie auch nicht damit gerechnet, mich dort zu
sehen. Ich sagte ihr, sie solle mir den Jungen überlassen, aber davon wollte
sie nichts wissen. Also gingen wir schließlich gemeinsam. Wir schafften es bis
in die Eingangshalle, bevor Raines uns aufhielt. Er verlangte die Herausgabe des
Jungen, und Miss Parker... Gott, Jarod, du hättest sie sehen sollen! Es war
fast, als stünde Catherine plötzlich wieder vor mir."
Jarods Lächeln vertiefte sich, als er den Stolz und die Wärme in Sydneys
Stimme hörte, die seine Zuneigung zu Miss Parker verrieten. Wirklich schade, daß
sie es nicht auch hören konnte, aber vielleicht würde er es ihr irgendwann erzählen.
"Sie hielt den Jungen an der Schulter fest", erzählte Sydney weiter,
"und natürlich hatte er Angst. Ein halbes Dutzend Sweeper stand mit
gezogenen Waffen um uns herum. Miss Parker kniete sich neben den Jungen und
sagte etwas zu ihm, das ich nicht verstehen konnte, dann stand sie wieder auf
und zog ihre Waffe. Raines sagte ihr, sie solle keine Dummheiten machen, und daß
ihre Position im Centre ohnehin schon genug gefährdet sei. Der Blick, den sie
ihm daraufhin zuwarf, ging sogar an ihm nicht spurlos vorüber. Er wollte noch
etwas sagen, aber dazu kam er nicht mehr. Bevor irgend jemand wußte, was los
war, hatte Miss Parker bereits zwei der Sweeper angeschossen, und der Junge
rannte zur Eingangstür. Raines befahl seinen Leuten, auf keinen Fall den Jungen
zu erschießen. Zwei von ihnen rannten also hinter dem Kleinen her, und die
anderen beiden Sweeper blieben bei Raines. Einen Moment lang sah es fast so aus,
als sei alles vorüber, denn am Eingang tauchten plötzlich noch zwei Sweeper
auf. Aber anstatt den Jungen aufzuhalten, schossen sie auf seine Verfolger. Die
beiden gehörten zu Miss Parkers Team. Sie schien an alles gedacht zu haben -
bis Lyle auftauchte. Er hatte keine Skrupel, auf den Jungen zu schießen, denn
wenn das Centre ihn nicht haben konnte... Miss Parker sah, was er vorhatte und
warf sich in die Schußbahn. Sie wurde getroffen und hat dem Kind wahrscheinlich
das Leben gerettet - in zweierlei Hinsicht. Der Junge konnte entkommen, und den
Rest kennst du ja."
"Lyle hat sie also angeschossen..."
"Ja, aber ich glaube nicht, daß es Absicht war, schließlich konnte er
nicht wissen, daß Miss Parker so etwas tun würde."
"Seit wann verteidigst du ihn?"
Sydney seufzte.
"Das tue ich gar nicht. Ich verweise nur auf die Fakten."
"Wie du meinst."
Jarod starrte einen Moment lang auf den Boden. Jetzt kam der unangenehme Teil.
"Sydney, ich weiß, daß du dabei warst, als Mr. Parker sie zurück ins
Centre gebracht hat."
"Ja, das war ich, und ich hatte meine Gründe. Nach dem, was passiert ist,
ist Miss Parkers Position im Centre mehr als unsicher. Ihr Vater könnte sich
dafür entscheiden, auf Raines zu hören, und dann sollte jemand auf sie
aufpassen."
"Ich verstehe, Sydney."
Erleichterung erfüllte Jarod. Er glaubte Sydney und war froh darüber, daß er
nicht versucht hatte, ihn zu belügen.
"Ich wünschte, sie würde das auch tun. Sie vertraut mir nicht mehr."
Die Müdigkeit und die Sorge in Syds Stimme waren deutlich zu hören. Jarod
runzelte besorgt die Stirn.
"Gib ihr etwas Zeit. Sie macht im Moment eine schwierige Zeit durch."
"Du meinst schwieriger als gewöhnlich?"
Jarod lachte leise, dann wurde er wieder ernst.
"Es stehen einige Veränderungen bevor, Sydney, und Miss Parker ist ein
wichtiger Teil davon."
Ein Alarmsignal lenkte Jarod kurz ab, und er sah auf die Uhr.
"Ich muß jetzt aufhören, aber ich melde mich bald wieder. Danke für
deine Hilfe, Sydney. Bis bald."
"Bis bald, Jarod, und pass auf dich auf."
Jarod beendete das Gespräch und wählte kurz darauf schon eine neue Nummer, die
ihm ebenso vertraut war wie Sydneys. Es war Zeit, mit Broots zu sprechen und die
letzten Vorbereitungen zu treffen.
***
Miss Parker lag wach und starrte an die Decke. Die ständige Warterei zehrte an
ihren Nerven. Sie mußte endlich etwas unternehmen. Bisher hatte sie sich in
Geduld geübt, da sie für alles andere noch zu schwach gewesen war, aber
mittlerweile fühlte sie sich besser.
Die Zeit drängte. Raines konnte es nicht erwarten, sie endlich loszuwerden, und
auf den Schutz ihres Vaters konnte sie nicht länger vertrauen, nicht nach dem,
was sie getan hatte. Aber sie empfand keine Reue und würde es wieder tun. Jarod
würde bald damit beginnen, seinen Plan in die Tat umzusetzen, da er ebenfalls
um die Gefahren im Centre wußte. Sie wollte ihn nicht in diese Sache
hineinziehen, solange sie die Chance sah, es aus eigener Kraft zu schaffen.
Angelo und Broots waren alle Hilfe, auf die sie sich verlassen konnte.
Ein Geräusch in der Dunkelheit lenkte sie ab. Zuerst dachte sie, Angelo wäre
zurückgekehrt, aber dann wurde ihr klar, daß jemand die Tür öffnete. Aus dem
Flur fiel Licht ins dunkle Zimmer, und sie sah den Umriß eines Mannes. Er trat
ein, und als hinter ihm die Tür zufiel, ging das Licht an. Parker blinzelte ein
paar Mal in der plötzlichen Helligkeit, dann erkannte sie Lyle. Wut und Abscheu
durchfuhren sie, als sie sein widerwärtiges Grinsen sah.
"Hallo, Schwesterchen. Wie geht's? Ich dachte, ich sehe mal nach dir."
"Das war ziemlich schlampige Arbeit. Du hast nur die Schulter erwischt. Ich
wette, Raines war nicht sehr zufrieden", entgegnete sie kühl.
Lyle hob die Brauen.
"Du mißverstehst das. Das Ganze war ein bedauerlicher Unfall. Allerdings
hast du in einem Punkt recht. Mr. Raines ist ziemlich ungehalten. Ist ja auch
verständlich, schließlich konnte der Junge entkommen. Aber früher oder später
werden wir ihn wiederfinden, ebenso wie Jarod. Du könntest die Sache erheblich
abkürzen, wenn du uns sagst, wo der Junge ist. Vielleicht ist der Tower dann
bereit, über deinen kleinen Fehltritt hinwegzusehen."
Miss Parker lachte trocken.
"Deine brüderliche Sorge ist wirklich rührend. Ich muß dich leider enttäuschen,
denn ich weiß nicht, wo der Junge ist. Er wurde fortgebracht - wohin, weiß ich
nicht. Und selbst wenn ich es wüßte, würde ich für diese Information weit
mehr verlangen."
Sie war überhaupt nicht bereit, die Informationen herauszugeben, aber es wäre
mehr als unklug gewesen, das zuzugeben. Sollte Lyle ruhig glauben, daß sie noch
immer bereit war zusammenzuarbeiten.
"Du würdest mehr verlangen als dein Leben? Ich fürchte, du mißverstehst
deine Position. Das hier ist die letzte Chance, dein Leben zu retten. Dachtest
du, das Centre sieht ruhig dabei zu, wie du es auf dieselbe Weise hintergehst
wie Mom? Das Centre duldet keinen Verrat. Von niemandem."
"Dann gibt es nichts mehr zu sagen."
Parker wollte nur noch, daß er ging, bevor sie sich vergaß und damit ihre Pläne
gefährdete.
"Wirklich schade."
Er kam näher und musterte sie.
"Ohne dich dürfte es schwer werden, Jarods Interesse am Centre auch
weiterhin wachzuhalten", fuhr er fort. "Dabei fällt mir ein... Etwas
würde mich interessieren. Ist er gut im Bett? Immerhin ist er ein
Pretender..."
Heiße Wut durchzuckte Parker. Wie konnte er es wagen, so etwas zu behaupten?
Sie hatte nie...
"Bastard!" zischte sie haßerfüllt.
"Aber, aber. Ich habe die DSA's von euch beiden gesehen. Wirklich, sehr
niedlich. Es gab mehr als genug Gelegenheiten, und ich kenne dich gut genug, um
zu wissen, daß du dir das nicht entgehen lassen würdest."
Mühsam beherrschte sich Miss Parker. Lyle versuchte, sie zu provozieren, aber
sie hatte nicht vor, mit ihm über Jarod zu sprechen.
"Wieso verschwindest du nicht einfach, Bobby?"
Seine Wangenmuskeln zuckten, als sie ihn mit dem verhaßten Namen seiner Jugend
ansprach. Der Triumph, ihn aus der Fassung gebracht zu haben, verschaffte ihr
wenigstens eine kleine Befriedigung. Dadurch verebbte der Wunsch, ihn mit aller
Kraft ins Gesicht zu schlagen.
Lyle musterte sie einen Moment lang mit einem Ausdruck in den Augen, der sie
zutiefst erschreckte. Dann drehte er sich um und ging. Vor der Tür blieb er
noch einmal stehen.
"Noch einen letzten Wunsch?", fragte er mit ausdrucksloser Stimme.
"Ja. Fall tot um."
Er zuckte mit den Schultern, klopfte an die Tür und verließ Miss Parkers Gefängnis.
Es kostete sie all ihre Willenskraft, nicht laut zu schreien. Stattdessen schloß
sie die Augen und zwang sich, ruhig zu atmen. Sie wußte nicht, wieviel Zeit
vergangen war, als sie plötzlich Angelos traurige Stimme hörte.
"Miss Parker geht fort?"
Parker schreckte hoch und sah ihn an. Wieso hatte er nicht ihr Bruder sein können?
Aber dieser Gedanke war sinnlos. Die Vergangenheit ließ sich nicht ändern, und
sie mußte jetzt an die Zukunft denken. Wenn sie eine haben wollte, in der sie
nicht tot war. Langsam setzte sie sich auf.
"Ja, Angelo, bald", antwortete sie leise und musterte sein Gesicht.
"Angelo, bist du gerne hier, im Centre? Wärst du nicht lieber draußen,
da, wo Jarod ist?"
Angelo dachte über ihre Frage nach.
"Draußen. Sonne, Freiheit. Angelo mag Sonne."
"Ja, ich auch", sagte Parker sanft und griff nach seiner Hand. Sie
beobachtete, wie er ihre Gefühle durchlebte, bis sich Verständnis in seinen
Augen zeigte.
"Möchtest du mit mir kommen?"
"Angelo auch frei."
Er nickte, und Miss Parker lächelte.
***
Zwei Stunden nach Jarods Anruf kletterte Broots wieder durch das Lüftungssystem
des Centres. Sein Magen fühlte sich an wie ein Eisklumpen, als er zum
wiederholten Male an die breite Palette von Bestrafungsmethoden dachte, die das
Centre mit Sicherheit für abtrünnige Angestellte bereithielt. Einige davon
hatte ihm Miss Parker früher angedroht, wenn sie in einer ihrer besonders
ungeduldigen Stimmungen gewesen war.
Broots schüttelte den Kopf, um diese Gedanken abzuschütteln. Wahrscheinlich
sollte er sich lieber Sorgen darüber machen, wie er Miss Parker am besten
helfen konnte. Allerdings war das eine schwierige Aufgabe, solange sie Jarods
Hilfe ablehnte und versuchte, ihn in die Irre zu führen, um ihrem eigenen Plan
zu folgen, den Broots nicht einmal ansatzweise kannte. Als Jarod angerufen
hatte, hatte Broots ihm erzählt, was er wußte, damit Jarod sich darauf
einstellen konnte. Ohne Jarods Hilfe würde Miss Parker es schwer haben, aus dem
Centre zu fliehen, ganz egal, ob ihr das nun gefiel oder nicht.
Vor dem Gitter am Ende des Schachtes hielt Broots kurz an, um es zu öffnen. Er
kam nicht dazu, in den Raum hinunter zu klettern, denn dort erwartete ihn eine
Überraschung. Miss Parker stand unter der Öffnung und sah zu ihm herauf.
"Helfen Sie mir hoch, Broots, und machen Sie schnell. Ich weiß nicht,
wieviel Zeit wir haben."
Broots war viel zu überrascht, um zu widersprechen. Er griff nach ihrer
ausgestreckten Hand und zog sie nach oben. Sie kroch an ihm vorbei und zog ihn
mit sich.
"Vergessen Sie das verdammte Gitter. Wenn die merken, daß ich weg bin,
werden sie ohnehin wissen, daß es nur diesen einen Weg gibt."
Broots kroch hinter Miss Parker her. Seine Gedanken rasten. Was sollte er jetzt
tun? Keine seiner Vorbereitungen war abgeschlossen, und auch Jarod konnte unmöglich
ahnen, daß sie so früh aufbrechen würden.
"Miss Parker, wir können nicht einfach so abhauen! Die erwischen uns,
bevor wir auch nur..."
"Keine Sorge, Broots, ich sagte doch, daß ich einen Plan habe. Was ich
nicht mehr habe, ist Zeit. Jetzt oder nie heißt die Devise. Außerdem haben wir
Hilfe. Angelo kennt sich mit der Flucht aus dem Centre gut aus."
Überrascht blinzelte Broots. Dann stimmte es also? Angelo hatte Jarod damals
bei seiner Flucht aus dem Centre geholfen? Vielleicht hatten sie ja doch eine
Chance, wenn auch eine sehr geringe.
Vor ihm kletterte Miss Parker aus dem Lüftungsschacht in Angelos Zimmer, und
Broots folgte ihr.
"Angelo, ist alles vorbereitet?"
Angelo nickte, griff nach einer Tasche, die auf seinem Schreibtisch stand und
ging zur Tür.
"Dann los." Miss Parker seufzte. "Ich wünschte wirklich, ich hätte
wenigstens meine Waffe."
Sie folgte Angelo, und Broots hastete hinter den beiden her.
Während sie durch die Korridore schlichen, bewunderte Broots einmal mehr
Angelos Geschick im Umgang mit dem Sicherheitssystem des Centres. Mittlerweile
war er sicher, daß er Jarod damals geholfen hatte zu entkommen. Angelo hatte für
sie
einen Fluchtweg geschaffen, indem er die Kameras und das Alarmsystem geschickt
manipuliert hatte.
Sie kamen gut voran. Nur zweimal mußten sie sich verstecken, um nicht Raines'
Leuten in die Arme zu laufen. Broots' Herz schlug bis zum Hals. Wenn er das hier
überlebte, mußte er endlich das Centre verlassen. Die ganze Aufregung, die
sein Job mit sich brachte, war die Bezahlung nicht wert. Außerdem wußte er
mittlerweile genug über die Machenschaften des Centres, um nachts nicht mehr
ruhig schlafen zu können.
"Broots! Hören Sie endlich auf zu träumen und kommen Sie."
Miss Parker zog an seinem Ärmel und spurtete dann hinter Angelo her, der eine Tür
weiter vorn öffnete. Broots mußte sich beeilen, um die beiden einzuholen. Er
stellte fest, daß die Tür zu den Katakomben/Wartungstunneln führte, die
direkt unterhalb des Centres verliefen. Wie hatten sie es bloß bis hierher
geschafft? Zum ersten Mal verspürte Broots so etwas wie vage Hoffnung. Gott sei
Dank hatte man Miss Parker nicht in einem der Sublevel gefangen gehalten. Aber
sie hatte recht, er mußte aufhören, sich selbst abzulenken, sonst gefährdete
er sie alle.
Weiter vorn sah er das Licht einer Taschenlampe, wo Angelo wartete. Er schloß
zu Miss Parker auf und blieb dicht bei ihr, um nicht wieder den Anschluß zu
verlieren. Eine Weile liefen sie schweigend weiter, dann stolperte Miss Parker
auf einmal. Broots stützte sie. Als er sie am Arm berührte, fühlte er
feuchten Stoff.
"Miss Parker, sind Sie in Ordnung?" fragte Broots erschrocken.
Sie antwortete nicht und lehnte sich an die Wand.
"Angelo!"
Broots Ruf sorgte dafür, daß Angelo zurückkehrte. Im Licht von Angelos
Taschenlampe sah Broots seine Befürchtung bestätigt. Miss Parkers Wunde war
wieder aufgebrochen. Sie verlor eine Menge Blut und war sehr blaß. Er fragte
sich, wie sie so lange durchgehalten hatte.
"Verdammt!" fluchte sie leise. "Sie müssen die Blutung stoppen,
Broots. Oh Gott, die müssen bloß den Blutspuren folgen, verdammt!"
Broots riß mehrere Stoffstreifen von seinem T-Shirt und tat sein Bestes, um die
Wunde zu versorgen.
"Das wird nicht lange gutgehen", meinte er besorgt, als er sein Werk
kritisch betrachtete.
"Was sollen wir tun? Umkehren? Los, weiter. Es kann nicht mehr weit sein.
Ich werde nicht aufgeben!"
Sie schwankte leicht, als sie sich von der Wand abstieß, so daß Broots sie
wieder stützen mußte. Angelo sah sie ebenfalls besorgt an, doch dann drehte er
sich um und ging weiter in Richtung Freiheit. Miss Parker stützte sich auf
Broots, doch sie kamen trotzdem erstaunlich schnell voran.
Nach einer halben Ewigkeit, wie es Broots schien, erreichten sie eine Sackgasse.
Am Ende des Tunnels führte eine Leiter nach oben. Angelo kletterte hoch und
machte sich am Verschluß der Öffnung zu schaffen. Während Broots wartete,
stellte plötzlich entsetzt fest, daß er aus der Ferne Schritte und Stimmen hörte.
Er sah zu Miss Parker, die seinen Blick ruhig erwiderte.
"Ja, Broots, ich höre sie auch. Angelo, du mußt dich beeilen."
***
Miss Parker biß die Zähne zusammen. Heißer Schmerz pulsierte in ihrer
Schulter und schien mit jedem Herzschlag heftiger zu werden. Immer öfter wurde
ihr schwarz vor Augen, und ihre Beine gewährten ihr auch keinen sicheren Halt
mehr. Mit ganzer Willenskraft konzentrierte sie sich darauf, bei Bewußtsein zu
bleiben. Sie hatten es fast geschafft, nur noch ein bißchen durchhalten.
Die Stimmen kamen immer näher. Komm schon, Angelo. Bitte beeil dich...
"Miss Parker, Angelo hat es geschafft!"
Die erwartete Erleichterung blieb aus. Die Leiter stellte plötzlich ein schier
unüberwindliches Hindernis dar. Broots führte sie zu den Sprossen. Irgendwo über
ihr schwebte Angelos Gesicht im Mondlicht.
Trotz der Hilfe der beiden kam Miss Parker nur quälend langsam voran. Es schien
Stunden zu dauern, bis sie endlich das obere Ende der Leiter erreichte. Plötzlich
verschwand Angelo, und ein anderes Gesicht tauchte über dem Rand des Ausstiegs
auf.
"Jarod!" flüsterte Miss Parker ungläubig. Gleichzeitig durchflutete
sie eine ungeheure Welle der Erleichterung. Sie war froh, ihn zu sehen.
"Ich dachte, Broots..."
"Broots war vernünftig genug, mir Bescheid zu sagen. Komm."
Er half ihr sanft nach oben, wo sie entkräftet zu Boden sank. Jarod hielt sie
überrascht fest und musterte sie dann voller Besorgnis.
"Die Wunde ist wieder aufgebrochen", stellte er fest. "Keine
Angst, das wird schon wieder."
Miss Parker fragte sich unwillkürlich, ob er damit ihr oder eher sich selbst
Mut zusprechen wollte. Hinter ihr kletterte Broots aus der Öffnung, und
zusammen mit Angelo verschloß er den Ausstieg. Das würde ihnen etwas Zeit
verschaffen.
Ein paar Meter entfernt entdeckte Miss Parker einen dunklen Van, und trotz ihrer
Situation mußte sie lächeln.
"Du hast es gewußt...", murmelte sie, versucht, der verführerischen
Schwärze nachzugeben, aber auch erfüllt von dem Wunsch, wachzubleiben, in
Jarods Nähe.
"Ja. Bei dir bin ich mittlerweile auf alles gefaßt, Parker. Du warst schon
immer ungeduldig."
Sie lachte leise und atmete dann zischend ein, als der Schmerz stärker wurde.
"Ist schon gut. Entspann dich einfach", sagte Jarod sanft. "Aber
versprich mir, daß du bald wieder aufwachst."
"Okay..."
Das letzte, was Miss Parker fühlte, bevor sie das Bewußtsein verlor, war, wie
Jarod sie vorsichtig hochhob und zum Wagen brachte.
***
Jarod saß neben dem Bett und versuchte, wach zu bleiben. Schon seit einer
halben Stunde fielen ihm immer wieder die Augen zu. Eigentlich sollte ihn das
nicht sehr überraschen, da er während der letzten Tage kaum geschlafen hatte,
aber normalerweise kam er mit sehr wenig Schlaf aus.
Es war jetzt zwei Tage her, seit Miss Parker, Angelo und Broots aus dem Centre
geflohen waren. Miss Parkers Zustand war stabil, aber sie hatte seitdem das Bewußtsein
noch nicht wiedererlangt. Langsam machte er sich Sorgen, und er wollte unbedingt
wach sein, wenn sie zu sich kam.
Neben Jarod, auf dem anderen Bett, lag Angelo und schlief. Er hielt noch immer
die Tasche in den Armen, die er aus dem Centre mitgebracht hatte. Jarod fragte
sich, was darin war, aber er zögerte, Angelo danach zu fragen. Im Centre hatte
niemand eine Privatsphäre, abgesehen von den Leuten auf der höchsten
Machtebene vielleicht, also sollte Angelo wenigstens jetzt eine haben.
"Jarod?"
Er fuhr herum, als er Miss Parkers heisere Stimme hörte. Sie war endlich
aufgewacht und sah ihn an.
"Ich dachte schon, du hättest dein Versprechen vergessen", sagte
Jarod sanft und lächelte. Parker erwiderte das Lächeln, obwohl Jarod sehen
konnte, daß sie sehr schwach war. Jarod legte seine Hand auf ihre Stirn und
stellte fest, daß sie noch immer Fieber hatte.
"Wie fühlst du dich?" wollte er wissen.
"Erstaunlich gut", sagte sie nach einer kurzen Pause.
"Ich habe dir ein paar Schmerzmittel gegeben", erklärte er,
zufrieden, daß sie offenbar keine Schmerzen hatte. Parker hob den Kopf und sah
sich um.
"Wo sind wir?"
"Weit genug weg vom Centre fürs erste."
"Gut."
Sie gab sich mit seiner Antwort zufrieden und schloß erschöpft die Augen. Es
dauerte nur Sekunden, bis sie wieder eingeschlafen war. Der erneute Blutverlust
hatte ihrem Kreislauf sehr zugesetzt, und Jarod würde dafür sorgen, daß sie
diesmal genug Ruhe bekam.
Er griff nach ihrer Hand, nahm ihre Finger in seine. Trotz des Fiebers fühlte
sich ihre Hand kühl an. Sein Daumen strich zärtlich über ihren Handrücken, während
er über ihren Schlaf wachte.
***
Zwei Tage später fühlte sich Miss Parker bereits viel besser. Ihre Kraft
kehrte langsam zurück, seit sie kein Fieber mehr hatte. Jarod versorgte ihre
Wunde, die langsam zu heilen begann und ihr kaum noch Schmerzen bereitete,
obwohl sie noch sehr in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt war.
An diesem Morgen hatte Jarod ihr zum ersten Mal erlaubt, sich aufzusetzen, und
jetzt saß sie im Bett und frühstückte. Angelo saß auf dem anderen Bett, und
Jarod hatte es sich am Tisch bequem gemacht. Parkers Appetit war noch nicht zurückgekehrt,
deshalb begnügte sie sich mit Orangensaft und Kaffee.
"Was ist eigentlich mit Broots?"
Jarod sah sie an und grinste.
"Ich schätze, im Moment arbeitet er daran, herauszufinden, wer dir bei
deiner Flucht geholfen hat."
"Er ist zurück im Centre?" fragte sie ungläubig.
"Mhm. Nachdem ich euch aufgelesen habe, habe ich ihn bei sich zu Hause
abgesetzt, und dann haben wir gemeinsam dafür gesorgt, daß das Centre glauben
mußte, er sei während deiner Flucht die ganze Zeit zu Hause gewesen. Auf diese
Weise ist es am besten für ihn. In ein paar Monaten, wenn sich alles wieder
beruhigt hat, kann er gefahrlos kündigen, ohne je in Verdacht zu geraten. Ein
Leben auf der Flucht wäre nichts für ihn und Debbie."
Parker nickte nachdenklich und nippte an ihrem Saft.
"Klingt vernünftig. Wie lange bleiben wir noch hier?"
"Ein paar Tage. Du bist noch nicht transportfähig. Die Wunde könnte
wieder aufbrechen, und noch so einen Blutverlust würdest du höchstwahrscheinlich
nicht überleben."
Seine Stimme klang ausdruckslos, aber auf seinem Gesicht lag ein entschlossener
Ausdruck. Eine Diskussion über diesen Punkt wäre sinnlos gewesen.
"Wie viele Tage?"
"Ich weiß es nicht genau." Er seufzte. "Gib deinem Körper ein
paar Tage Zeit, Parker."
"Wir werden sehen."
Für den Augenblick gab sie nach. Sie hätte es nie zugegeben, aber allein der
Gedanke daran, sich zu bewegen, war abschreckend. Auch der Gedanke an eine lange
Autofahrt war nicht sehr verlockend. Solange sie in Sicherheit und außerhalb
des Centres war, war es ihr eigentlich egal, wo sie sich befand. Allerdings wußte
sie, daß sich das schon bald ändern würde.
***
Jarod saß im Innenhof des kleinen Motels und starrte in die untergehende Sonne.
Seit Miss Parkers Flucht aus dem Centre waren jetzt schon fast vier Wochen
vergangen. Er spürte, daß sie sich immer unwohler fühlte, trotz ihrer körperlichen
Genesung. Immer öfter kehrte der kämpferische Funke in ihre Augen zurück,
obwohl sie sich bisher bemüht hatte, nicht mit ihm zu streiten.
Es war Zeit, über einige Dinge zu reden. Entschlossen stand Jarod auf und ging
zu Miss Parkers Zimmer. Die Spannung zwischen ihnen war immer weiter
angewachsen, und sie mußten endlich einen Weg finden, sie abzubauen. Vielleicht
genügte ein offenes Gespräch. Allerdings machte sich Jarod in diesem Punkt
keine großen Hoffnungen, zumal er genau wußte, was bei ihm der Grund für
diese Spannung war.
Er klopfte an die Tür.
"Komm rein, Jarod."
Leicht überrascht folgte er ihrer Aufforderung, bis er sah, daß sie am Fenster
stand, von wo sie ihn gesehen hatte. Ebenso wie er eben betrachtete sie den
Sonnenuntergang.
"Parker, wir müssen uns unterhalten."
Sie drehte sich langsam zu ihm um und hob die Brauen.
"Schon wieder?"
"Ich meine es ernst."
"Ich auch. Ich habe diese ständigen Psychoanalysen gründlich satt. Erst
Syd und jetzt du."
Jarod musterte sie lange. Er verstand, wie sie sich fühlte, und er kannte auch
die Konsequenzen, die sich daraus ergaben. Diese Konsequenzen waren
unvermeidlich, aber vielleicht gelang es ihm, sie ein wenig hinauszuzögern.
Langsam ging er zu ihr, bis er dicht vor ihr stand. Vielleicht konnte er mit ihr
reden, ohne Worte zu benutzen.
***
Miss Parker starrte Jarod an und versuchte, Ordnung in das Chaos ihrer Gefühle
zu bringen. Sie verlor die Kontrolle, wenn er in ihrer Nähe war, und das machte
ihr angst. Gleichzeitig fühlte sie sich befreit.
In seinen Augen konnte sie deutlich erkennen, was er wollte. Obwohl sie tief in
ihrem Inneren denselben Wunsch verspürte, zögerte sie. Er hatte ihr die
Initiative überlassen, weil er wußte, daß das der einzige Weg war. 'Na los,
Parker, bring es endlich hinter dich. Euch beide verbindet nichts. Beweise es
ihm. Und, vor allem, beweise es dir selbst.'
Sie trat noch einen weiteren Schritt auf ihn zu. Die Spannung zwischen ihnen war
beinahe unerträglich stark. Aufreizend langsam legte sie ihre Arme um seinen
Hals und verschränkte die Hände in seinem Nacken. Dann zog sie ihn zu sich
heran.
Als sich ihre Lippen berührten, wußte Parker, daß sie sich etwas vorgemacht
hatte. Es existierte sehr wohl etwas zwischen ihnen, und es traf sie wie ein
elektrischer Schlag. Jarod erwiderte ihren Kuß, verursachte intensive Gefühle
in ihr. Seit dem letzten Mal hatten sie beide eine Menge dazugelernt.
Aber dieser Kuß war nicht mit ihrem ersten vergleichbar. Hier gab es nichts
Unschuldiges oder Kindliches mehr. Beide verspürten eine brennende Neugier und
den Wunsch nach mehr.
Parker spürte, daß sie sich selbst zu verlieren drohte. Plötzlich war nichts
mehr wichtig, es zählten nur noch Jarods Lippen auf ihren und das Gefühl, in
seinen starken Armen sicher zu sein.
Auf einmal klingelte Jarods Handy. Mit diesem Geräusch kehrte Parkers Kontrolle
zurück, und sie machte sich von Jarod los. Genauso wie sie war er völlig außer
Atem, und seine braunen Augen waren dunkel vor Erregung.
"Willst du nicht rangehen?" fragte sie ihn.
Er brauchte einen Augenblick, um sich wieder zu fangen, dann nickte er.
***
Innerlich fluchte Jarod. Wieso mußte das verdammte Telefon ausgerechnet jetzt
klingeln? Endlich gab Parker ihm die Gelegenheit, ihr ihre Gefühle klarzumachen
und nun das.
Noch immer außer Atem aktivierte er die Verbindung.
"Ja?"
"Jarod? Ist alles in Ordnung mit dir?"
"Ja. Alles bestens. Was gibt's, Syd?"
Er drehte Parker den Rücken zu und hoffte, daß sie bleiben würde.
"Ich wollte mit dir über Miss Parker reden."
Jarod bemühte sich, die Kontrolle wiederzuerlangen. Plötzlich spürte er, wie
Miss Parker von hinten an ihn herantrat. Sie legte die Arme um ihn und ließ
ihre Hände über seine Brust gleiten. Überrascht unterdrückte er ein Stöhnen
und schloß kurz die Augen.
"Das ist jetzt kein sehr guter Zeitpunkt, Syd. Ich rufe dich später zurück,
ja?"
"Ist wirklich alles in Ordnung?"
"Ja. Mach's gut, Sydney."
Das Telefon fiel unbeachtet zu Boden, als Jarod sich umdrehte und Parkers Zärtlichkeiten
erwiderte.
***
Der Morgen dämmerte bereits, als Jarod aus einem kurzen Schlaf erwachte. Er
hielt Parker in einer engen Umarmung, als könnte er sie auf diese Weise für
immer halten. Aber er wußte, daß das nicht möglich war. Noch nicht.
Sie öffnete die Augen und sah ihn an.
***
Jarod sah schweigend dabei zu, wie Miss Parker ihre Sachen packte. Er hatte gewußt,
daß sie früher oder später gehen würde, trotzdem fiel ihm der Abschied alles
andere als leicht. Besonders nach der letzten Nacht.
"Bist du wirklich sicher?" fragte er.
Sie hielt einen Moment inne, dann legte sie die Bluse in die Reisetasche. Schließlich
drehte sie sich zu ihm um.
"Das hatten wir doch schon. Ich brauche etwas Zeit für mich. Zuerst hat
das Centre mein Leben kontrolliert, und dann hast du dich auch noch
eingemischt."
Ihr Tonfall enthielt keinen Vorwurf, und er nickte langsam. Es fiel ihm nicht
schwer, sie zu verstehen, aber er wollte sie nicht einfach so gehen lassen.
"Du kannst Angelo bei mir lassen", schlug er vor.
"Danke."
Parker wandte sich wieder ihrer Tasche zu. Erst als sie fertig gepackt hatte,
drehte sie sich wieder zu Jarod um.
"Jarod, ich möchte dich noch um etwas bitten."
"Ja?"
"Während ich weg bin, sollten wir keinen Kontakt zueinander haben. Keine
emails, keine Anrufe, nichts. Ich lasse es dich wissen, wenn ich bereit bin, zurückzukehren."
Jarod schloß die Augen. So etwas hatte er befürchtet.
"Jarod?"
Er sah sie an, versuchte dabei, seinen Schmerz zu verstecken.
"In Ordnung", antwortete er leise.
"Versprich es", verlangte sie.
"Ich... verspreche es."
"Gut. Bevor ich gehe...", sie zog etwas aus ihrer Tasche, "möchte
ich dir das hier geben. Ich hätte es schon früher tun sollen, aber..."
Parker brach ab und schüttelte den Kopf.
"Ich erkläre es dir später. Hier."
Jarod starrte auf die Akte, die sie ihm gegeben hatte. Die Akte stammte aus dem
Tower und unterlag der allerhöchsten Geheimhaltungsstufe.
"Was ist das?"
"Ein Stück deiner Vergangenheit. Jarod, ich muß jetzt gehen. Von Angelo
habe ich mich bereits verabschiedet..."
Er stand auf und ging zu ihr. Sie küßten sich zum Abschied, leidenschaftlich,
fast verzweifelt. Dann löste sie sich von ihm, griff nach ihrer Tasche und
ging. Jarod starrte ihr noch lange hinterher, bevor er zum Bett zurückkehrte
und die Akte in die Hand nahm.
...
© 2001 Miss Bit