Fast wie sein Sohn

Hier ist eine kleine Szene, die mir eingefallen ist, nachdem ich die Vorschau zu den letzten drei Pretender-Folgen der dritten Staffel gelesen habe. In einer Antarktisstation (okay, okay, war gar nicht die Antarktis - jetzt weiß ich das auch...;-) findet Jarod einen jungen Klon von sich selbst...



"Verschwinde von hier, Jarod."

"Nein! Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, daß ich jetzt einfach so weggehe."

Miss Parkers Gedanken rasten. Wie konnte sie ihn bloß überzeugen? Bewußt vermied sie es, in den Raum hinter dem kleinen Fenster zu schauen. Damit mußte sie später fertig werden.

"Sie werden gleich hier sein. Dir dürfte klar sein, daß sie dich jetzt nicht mehr brauchen."

"Verdammt noch mal, wie kannst du sie immer noch unterstützen, nachdem du das hier gesehen hast?"

Jarod war mehr als wütend. Sie konnte ihn gut verstehen. Eine solche Entdeckung war ein Schock. Trotzdem blieb ihr keine Zeit, darauf Rücksicht zu nehmen.

"Gott, Jarod, hör mir doch zu! Du bist in Gefahr. Aus tot oder lebendig dürfte gerade nur tot geworden sein."

Der Gedanke schien endlich zu ihm durchgedrungen zu sein. Für einen Augenblick zeichnete sich Panik in seinen Zügen ab, wich dann aber Entschlossenheit.

"Ich nehme ihn mit."

"Das kannst du nicht. Willst du ihm zumuten, wie du auf der Flucht zu sein? Gejagt vom Centre?"

"Gejagt von dir, meinst du wohl?" erwiderte er scharf. Sie ignorierte den Seitenhieb.

"Er ist noch ein Kind. Das ist zuviel für ihn!"

"Alles ist besser als dieses Labor hier! Ich weiß, wovon ich rede. Glaub mir, ich hätte alles dafür gegeben, wenn mich jemand aus dem Centre befreit hätte - ganz egal, was danach passiert wäre."

Miss Parker warf einen nervösen Blich über ihre Schulter. Dann sicherte sie ihre Waffe und schob sie zurück unter den Bund ihres Rockes.

"Niemand hat gesagt, daß er hierbleiben soll. Ich werde mich um ihn kümmern. Geh jetzt."

Jarod starrte sie an.

"Du? Parker, was soll das?"

"Erinnerst du dich noch, wie du mir gesagt hast, daß du mir vertrauen möchtest? Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür. Ich erkläre es dir später. Bitte, Jarod, verschwinde jetzt! Ich schwöre dir, daß dem Jungen nichts passieren wird."

Er sah aus, als wollte er ihr wirklich glauben. Aber er war noch nicht ganz überzeugt.

"Du hast mein Wort. Ich schwöre es dir beim Grab meiner Mutter."

Sein Blick bohrte sich in ihren, dann, nach einem langen Moment, drehte er sich um und betrachtete den Jungen im Labor. Schließlich schien er sich zu einer Entscheidung durchzuringen. Mit langen Schritten ging er zur Tür, drehte sich aber noch einmal zu ihr um. "Enttäusch mich nicht." Wenige Sekunden später war er verschwunden. Miss Parker seufzte erleichtert, gönnte sich aber keine Pause. Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihr, daß ihnen nicht mehr viel Zeit blieb. Ohne weiter darüber nachzudenken, öffnete sie die Tür, die ins Labor führte. Denn wenn sie darüber nachdachte, verlor sie vielleicht den Mut.

Der Junge sah auf, sobald er sie hörte. Sie schluckte. Verdammt, er sah genauso aus wie er. Sogar die Art, wie er sie ansah - mit einer Mischung aus Neugier und Faszination.

"Hi", sagte sie. Zu mehr war sie im Moment einfach nicht in der Lage. Ich kann einfach nicht glauben, daß sie das wirklich getan haben, dachte sie. Andererseits ist Raines ein Teil dieses Puzzles...

"Hallo", erwiderte er und stand auf. Seine Haltung wirkte irgendwie... erwartungsvoll. "Arbeiten Sie auch hier?"

"Nein! Nein, ich... bin nur vorübergehend hier. Mein Name ist Miss Parker. Wie heißt du?"

"Julian."

Oh, Gott sei Dank. Wenigstens hatten sie ihm einen anderen Namen gegeben.

"Julian, o.k. Was würdest du von einem kleinen Ausflug halten?"

Seine Miene hellte sich sichtlich auf. "Nach draußen?"

"Ja, fort von hier." 'Und zwar so schnell wie möglich.'

Julians Begeisterung erlosch so schnell, wie sie gekommen war. "Aber das geht nicht. Ich darf nicht nach draußen. Es wäre zu gefährlich."

Miss Parker schloß kurz die Augen. Der arme Junge. Sie hatten ihm genau dasselbe angetan wie Jarod. Entschlossen griff sie nach seiner Hand.

"Heute ist es das. Gibt es irgend etwas, das du mitnehmen möchtest?"

Er sah sie verwirrt an, doch dann breitete sich Verständnis auf seinem Gesicht aus. Nun, er ist ein Pretender, erinnerte sich Miss Parker.

"Ich werde nicht wieder herkommen, nicht wahr?"

"Nein." Es gab keinen Grund, ihn anzulügen. "Du willst doch von hier fort, oder?"

Julian sah unentschlossen aus, doch dann nickte er zögerlich.

"Gut. Hör mal, wir müssen uns beeilen."

Wie sich herausstellte, hatte Julian kaum persönlichen Besitz. Diese Entdeckung überraschte Miss Parker nicht besonders. Sie machte sie wütend. Diese Bastarde!

"Miss Parker?"

"Was? Oh, ja. Komm, Julian. Es ist Zeit zu gehen."

***

Zwei Tage später saß Miss Parker auf ihrer Terrasse, starrte hinaus auf die stürmische See. Natürlich war es ein enormes Risiko gewesen, Julian hierher zu bringen. Andererseits erwartete bestimmte niemand im Centre, daß sie sich so... dumm verhielt. Niemand würde ihn hier vermuten. Und wenn doch, gab es immer noch das Geheimversteck ihrer Mutter. Der einzige andere Mensch, der noch davon wußte, war tot. Sie schloß die Augen, kämpfte gegen die Trauer und die Verzweiflung, die dieser Gedanke in ihr weckte. Sie mußte jetzt an den Jungen denken.

Julian war in ihrem Schlafzimmer. Bei ihrer Ankunft war er so erschöpft gewesen, daß er sofort eingeschlafen war. Es war unglaublich, wie ähnlich er Jarod war. Seltsame Emotionen regten sich in Miss Parker. Sobald sie ihn ansah, fühlte sie sich an die Vergangenheit erinnert. Immer wieder mußte sie an den Jungen denken, der ihr bester Freund gewesen war. Ihr einziger Freund. Jarod.

Sie versuchte sich vorzustellen, wie er sich jetzt fühlte. Wie würde sie sich fühlen, wenn sie ihr das angetan hätten? Panik erfüllte sie für einen Moment. Was, wenn sie es wirklich getan hatten? Nein, dafür gab es absolut keinen Grund. Auch wenn es eine rote Akte über sie gab - sie hatte kein besonderes Talent. Jedenfalls keines, das es wert gewesen wäre, ausgebeutet zu werden. Zumindest hoffte sie das.

Ihre Überlegungen kehrten zu Jarod zurück. Sie stand auf, ging zu ihrem Schlafzimmer und warf einen Blick auf den schlafenden Jungen. Julian sah absolut zufrieden aus. Vielleicht war es noch nicht zu spät für ihn. Seine Isolation war weitaus kürzer als die von Jarod gewesen. Mit Sicherheit würde es ihm leichter fallen, sich in die 'richtige' Welt einzugliedern. Und mit etwas Glück gelang es ihm sogar, seine Zeit in den Fängen des Centres zu vergessen.

Merkwürdig. Man konnte ihn beinahe für Jarods Sohn halten. Miss Parker schüttelte den Kopf bei diesem Gedanken. Bisher hatte sie noch nie darüber nachgedacht, ob einer von ihnen je Kinder haben würde. Ihr Leben schien diese Möglichkeit einfach nicht bereitzuhalten. Jarod war ständig auf der Flucht, und sie war ihm ständig auf den Fersen. Keiner von ihnen hatte genug Zeit, um eine funktionierende Beziehung aufzubauen. Und wenn doch, dann machte das Centre alles kaputt. Wieder verdrängte sie diesen Gedanken. Der Schmerz war noch viel zu frisch.

Miss Parker kehrte auf die Terrasse zurück, lehnte sich gegen das Geländer. Heute beruhigte sie das Meer nicht so sehr wie sonst. Wie würde es jetzt weitergehen? Früher oder später würde sie jemand mit Julian in Verbindung bringen. Und was sollte aus Julian werden? Sie seufzte.

"Glaubst du es war klug, ihn ausgerechnet hierher zu bringen?" Jarods Stimme klang nicht wirklich vorwurfsvoll. Erschöpft traf es schon eher. Langsam drehte sie sich zu ihm um. Er war unrasiert, hatte dunkle Ringe unter den Augen und wirkte auch sonst sehr müde. Seine Augen hingegen wirkten wacher denn je.

"Bisher hat ihn hier noch niemand gesucht", erwiderte sie mit einem Schulterzucken.

"Wie geht es ihm?"

"Besser als dir, würde ich sagen." Sie musterte ihn von oben bis unten. Jarod ließ ihre Musterung kommentarlos über sich ergehen.

"Du siehst auch nicht so aus, als hättest du in letzter Zeit geschlafen", bemerkte er. Miss Parker zuckte erneut mit den Schultern.

"Das hatte ich für heute geplant", meinte sie trocken. Im Mondlicht fiel es ihr schwer, Jarods Gesichtszüge genau zu erkennen, aber seine Lippen verzogen sich zu einem knappen Grinsen. Als es an der Tür klingelte, wurde er sofort wieder ernst. Sie ignorierte den stummen Vorwurf in seinem Blick.

"Ich weiß auch nicht, wer das ist. Du hast nichts zu befürchten. Im Centre ist zwar jeder auf den Beinen, aber die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf das Labor. Beziehungsweise die Reste davon", erklärte sie mit einem feinen Lächeln. Bevor Jarod etwas sagen konnte, fuhr sie fort. "Du kannst im Schlafzimmer warten. Ich nehme an, du kennst den Weg."

Er schien einen Moment zu überlegen, dann nickte er. Sie wartete einen Augenblick, dann ging sie ebenfalls zurück ins Haus. Der Besucher machte ihr mehr Sorgen, als sie sich selbst eingestehen wollte. Was, wenn Raines ihr auf die Schliche gekommen war? Würde sie auch weiterhin für Jarod lügen? Es blieb ihr fürs erste erspart, diese Frage zu beantworten. Als sie die Tür öffnete, fiel ihr Blick auf Broots - und seine Tochter Debbie.

"Hallo, Miss Parker, ich weiß, es ist spät, aber..."

"Broots, was machen Sie hier mitten in der Nacht?" Sie runzelte verwirrt die Stirn. Broots verlagerte nervös sein Gewicht.

"Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten, Miss Parker."

Miss Parker starrte auf die große Reisetasche, die neben Debbie auf dem Boden stand. Ihr war alles klar.

"Vergessen Sie's, Broots", sagte sie fest. Debbie sah zu ihr auf und lächelte scheu. "Es geht nicht."

"Bitte, Miss Parker! Es ist nur für ein paar Tage, höchstens eine Woche."

"Nicht ausgerechnet jetzt."

"Es gibt sonst niemanden, der sie so lange zu sich nehmen könnte. Und Sydney ist noch nicht wieder zurück. Außerdem kennt Debbie Sie. Ich möchte sie nicht bei jemand anderem lassen."

Broots Worte und der offene Blick seiner Tochter drohten, sie zu überzeugen. "Tut mir leid, ich kann nicht."

Der Techniker seufzte enttäuscht. Er startete einen letzten Versuch. "Sie wissen doch, was mit dem geheimen Labor passiert ist. Raines hat mich persönlich dorthin beordert." Entsetzen vibrierte in seiner Stimme. "Bitte, Miss Parker. Für Debbie."

Fehlte nur noch, daß er ihre Mutter erwähnte.

"Hören Sie, ich weiß ja, daß es eine Belastung für Sie ist, Debbie um sich zu haben, aber..."

"Unsinn, Mann. Ich habe nichts gegen Debbie, daß sollten Sie mittlerweile wissen. Das ist nur kein guter Zeitpunkt. Es geht nicht."

Es war erstaunlich, wie schwer es ihr fiel, ihm seine Bitte abzuschlagen. Er ließ die Schultern hängen, preßte die Lippen zusammen und nickte.

"Okay", sagte er leise. "Wir finden eine andere Lösung." Die beiden wandten sich zum Gehen. Miss Parker schloß kurz die Augen. Verdammt.

"Warten Sie, Broots."

Die Erleichterung in Broots Miene war überwältigend. "Danke, Miss Parker. Vielen Dank. Ich hole sie so schnell wie möglich wieder ab, das verspreche ich Ihnen. Mach's gut, Debbie. Ich liebe dich."

"Ich liebe dich auch, Dad." Er beugte sich zu ihr hinunter und zog sie kurz in seine Arme. Debbie drückte ihn fest an sich, dann ließ sie ihn wieder los und 
ging an Miss Parker vorbei ins Haus. Broots sah ihr unglücklich nach.

"Debbie ist bei mir in guten Händen", versicherte ihm Miss Parker, auch ein wenig zu ihrer eigenen Überraschung.

"Ich weiß", erwiderte er mit einer Überzeugung, die sie nicht ganz teilte. Aber sie hoffte, daß sein Vertrauen in sie gerechtfertigt war.

"Passen Sie auf sich auf, Broots. Und achten Sie darauf, daß Sie nichts finden, was Sie in Schwierigkeiten bringt." Er sah sie groß an, dann nickte er und verschwand in der Dunkelheit. Miss Parker ging zurück ins Haus.

Debbie stand im Flur und versuchte, nicht nervös zu wirken.

"Du weißt, daß ich dich mag, oder?" erkundigte sich Miss Parker. Es war ihr wichtig, diesen Punkt zwischen ihnen zu klären. Das Mädchen nickte ernst.

"Gut. Ich habe nichts dagegen, daß du hier bist", versicherte sie Debbie. "Solange du dich an die Regeln hältst", fügte sie mit einem leichten Lächeln hinzu. Debbie erwiderte das Lächeln und wirkte gleich weniger verlassen. "Weißt du noch, wo das Gästezimmer ist?"

"Ja, Miss Parker."

"Hervorragend. Dann ab ins Bett. Morgen früh unterhalten wir uns dann über ein paar Dinge." Die Kleine griff nach ihrer Tasche, blieb neben Miss Parker stehen und schloß sie in die Arme. Sie erwiderte die Umarmung, dann schickte sie das Mädchen mit einem sanften Schubs in Richtung Gästezimmer.

"Gute Nacht, Miss Parker."

"Gute Nacht, Debbie. Schlaf gut."

Als nächstes ging sie zu ihrem eigenen Schlafzimmer. Jarod stand ein paar Meter neben ihrem Bett. Sein Blick ruhte auf Julians schlafender Gestalt. Leise trat sie an ihn heran, legte ihm kurz eine Hand auf den Arm.

"Komm", wisperte sie. "Laß ihn in Ruhe schlafen."

Er nickte, dann folgte er ihr ins Wohnzimmer. Dort ließ er sich aufs Sofa sinken. Sie fand, daß er noch um einiges erschöpfter aussah.

"Wer war an der Tür?" erkundigte er sich.

"Nun, für die Zeugen Jehovas war es etwas spät", erwiderte sie in einem Anflug von Humor. Die Müdigkeit machte ihr langsam zu schaffen. Jarod sah sie verständnislos an. "Ich erkläre es dir später. Es war Broots. Er hat Debbie vorbeigebracht."

"Oh."

"Ich sollte erwägen, ein Hotel zu eröffnen. Die Mundpropaganda scheint jedenfalls hervorragend zu funktionieren."

Auch diese Bemerkung rang ihm kein Lächeln ab.

"Ich werde ihn mitnehmen", sagte er leise.

"Julian."

"Wie bitte?"

"Sein Name ist Julian."

"Bist du sicher?" Die Bitterkeit in seiner Stimme überraschte sie nicht.

"Es ist der Name, den er kennt. Das ist alles, was zählt."

Jarod sah sie lange an, dann nickte er langsam. "Er kann nicht hierbleiben."

"Fürs erste schon. Jarod, er ist sehr erschöpft. Gib ihm ein paar Tage, um sich zu erholen. Die Welt da draußen macht ihm angst."

"Ich schätze, für ein paar Tage kann er bleiben. Bist du sicher, daß es keine Probleme mit Debbie geben wird?"

"Sie sind Kinder. Was für Probleme sollte es da geben? Außerdem ist Debbie sehr vernünftig für ihr Alter." Sie machte eine kurze Pause, bevor sie weiter sprach. "Für Julian ist es in mancher Hinsicht schlimmer als für dich. Gott, er ist in seinem ganzen Leben nie draußen gewesen. Nicht ein einziges Mal! Sie haben ihm nichts von der Welt erzählt - außer dem, was er für seine Simulationen gebraucht hat."

"Und er hatte nicht dich", sagte Jarod sehr sanft. Erstaunt sah sie ihn an.

"Was wirst du ihm sagen, wenn er dich nach seinen Eltern fragt?" wollte sie nach einer Weile wissen. Schmerz blitzte in seinen Augen auf.

"Ich weiß es nicht", wisperte er. Miss Parker hatte lange über diese Frage nachgedacht. Es gab etwas bei der ganzen Angelegenheit, das sie erheblich beunruhigte. Wie alt war Julian? Elf? Zwölf? Auf alle Fälle zu alt. Jarod war erst vor drei Jahren aus dem Centre geflohen, und das bedeutete, daß Raines Julian schon lange vorher... erschaffen hatte. Sicher, Jarod hatte auch schon früher versucht, aus dem Centre zu fliehen, aber das rechtfertigte Raines Handeln nicht. Nichts konnte die Taten dieses Monsters rechtfertigen.

"Jarod, ich glaube nicht, daß sie ihm das Konzept der Familie erklärt haben", begann sie vorsichtig. "Aber wenn er trotzdem danach fragt... Vielleicht solltest du ihn anlügen. Damit es einfacher für ihn ist. Jeder braucht Eltern, aber Julian hat keine. Früher oder später wird er bemerken, wie ähnlich ihr euch seid. Du könntest ihm sagen, daß du..."

"Daß ich sein Vater bin?" Sein Tonfall klang neutral. Er schien die Möglichkeit in Betracht zu ziehen.

"Warum nicht? Es wäre bestimmt besser für ihn als die Wahrheit. Ich würde es jedenfalls so wollen."

Sie schwiegen beide für eine Weile, dann machte Jarod Anstalten, aufzustehen.

"Du kannst hierbleiben, bis ihr aufbrechen wollt", bot sie ihm an. "Allerdings ist kein Bett mehr frei. Für ein Hotel reicht es wohl doch noch nicht ganz."

Diesmal lächelte er schwach. "Danke."

"Schon gut."

"Hast du was dagegen, wenn ich dein Bad benutze?"

Miss Parker verzog die Lippen zu einem leichten Lächeln.

"Nicht das Geringste."

Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis er ins Wohnzimmer zurückkam. Sie hatte schon vermutet, daß er noch einmal nach Julian gesehen hatte. Seine feuchten Haare ließen sie aber schließen, daß er geduscht hatte. Nun, sie konnte es ihm nicht verdenken. Das war auch das erste, was sie getan hatte, nachdem sie sich um Julian gekümmert hatte. Er setzte sich wieder neben sie auf die Couch. In seinem Blick war eine Tiefe, die sie berührte.

"Kann ich hier bei dir bleiben? Auf der Couch, meine ich."

"Sicher. Ist ohnehin die einzige halbwegs bequeme Schlafmöglichkeit im Haus."

Es fiel ihr immer schwerer dem Drang zu widerstehen, einfach ihre Augen zu schließen. Jetzt, wo sie Jarod so nah neben sich spürte, gab sie nach. Ihre Augen fielen zu, und es dauerte nur Sekunden, bis sie eingeschlafen war.

***

Debbie lag wach im Bett. Sie machte sich Sorgen. Das tat sie immer, wenn Dad für eine längere Zeit fort war. Wenigstens konnte sie diesmal bei Miss Parker bleiben. Das Haus gefiel ihr sehr. Fast ebenso sehr wie Miss Parker.

Nach einem kurzen Zögern schlug Debbie die Decke zurück. Vielleicht durfte sie heute nacht bei ihr bleiben...

Im ganzen Haus war es dunkel. Auf Zehenspitzen schlich Debbie zu Miss Parkers Schlafzimmer. Als sie die Tür öffnete, erwartete sie eine Überraschung. Ein Junge lag in ihrem Bett. Er mußte etwa so alt sein wie sie. Aber wo war Miss Parker?

Leise ging sie wieder zurück auf den Flur. Die nächste logische Wahl war das Wohnzimmer. Dort fand sie Miss Parker - und eine weitere Überraschung. Ein Mann war bei ihr. Beide schliefen. Debbie betrachtete sie fasziniert.

Miss Parker hatte die Beine auf die Couch gezogen. Ihr Kopf ruhte an der Schulter des Mannes, und sein Kopf war an ihren gelehnt. Er hatte einen Arm um ihre Schultern gelegt und hielt sie sogar im Schlaf noch umschlungen. Broots Tochter unterdrückte ein Seufzen. Die ganze Szene wirkte so romantisch.

Seltsam, der Mann kam ihr irgendwie bekannt vor, aber sie hatte keine Ahnung, woher. Jedenfalls schien er Miss Parker sehr nahe zu stehen.

Sie verließ das Wohnzimmer wieder. Sicher gehörte das zu den Dingen, über die Miss Parker morgen früh mit ihr reden wollte. Debbie ging noch einmal zum Schlafzimmer. Der Junge weckte ihre Neugier. In der Tür blieb sie stehen. Nach ein paar Sekunden wollte sie zurück ins Bett gehen, aber eine leise Stimme hielt sie auf.

"Warte. Wer bist du?"

Erschrocken drehte sie sich um. Er war wach und sah sie an.

"Ähm, mein Name ist Debbie. Und deiner?"

"Julian."

"Hi."

"Hi."

Sie lächelte. Irgend etwas sagte ihr, daß er nicht sehr viele Freunde hatte. Vorsichtig machte sie ein paar Schritte auf das Bett zu. Ihre Neugier war weit größer als jede Vorsicht. Außerdem sah er nicht älter aus als sie selbst. Was sollte er ihr schon tun? Julian setzte sich auf.

"Gehörst du zu Miss Parker?" fragte sie neugierig. Er zuckte mit den Schultern.

"Ich glaube schon."

...

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